Die Dämmerung über dem Land der Dichter und Denker

Eine Klage vom Verstummen des Geistes, von der Herrschaft der Gaukler und von der freiwilligen Knechtschaft

Es war einmal ein Land, über dessen Städten der Klang großer Namen lag wie Glockenton über einem weiten Tal. Ein Land, das sich rühmte, die Heimat der Dichter und Denker zu sein; ein Land der Bücher, der Fragen und der langen, rastlosen Nächte, in denen Menschen beim flackernden Licht einer Kerze über Freiheit, Vernunft, Schönheit und Wahrheit stritten. Aus seinen Schreibstuben kamen Verse, die Könige überdauerten. Aus seinen Universitäten drangen Gedanken, die Grenzen und Jahrhunderte überschritten. Seine Gelehrten vermaßen den Himmel, seine Philosophen die Vernunft, seine Dichter die Abgründe der menschlichen Seele.

Gewiss war auch dieses alte Land niemals so edel, wie es sich später in goldenen Bildern malte. Neben jedem Dichter stand ein Gaukler, neben jedem Denker ein Schwätzer, neben jeder hohen Schule ein Wirtshaus, in dem bei dünnem Bier und dickem Rauch über Dinge geurteilt wurde, die niemand recht verstand. Auch damals liebten die Menschen das Gerücht mehr als die Wahrheit und den Lärm oft mehr als die Weisheit.

Doch über allem stand wenigstens noch die Ahnung, dass der Geist etwas Kostbares sei. Dass Wissen Mühe verlange, Bildung Zeit brauche und ein Urteil erst dann Gewicht besitze, wenn sein Träger gezweifelt, geprüft und gelernt habe. Man konnte dieser Vorstellung untreu werden, aber man musste sich vor ihr rechtfertigen. Der Unwissende durfte reden, doch er verlangte noch nicht, dass seine Unwissenheit als besondere Form der Erkenntnis geehrt werde. Heute aber ist die alte Ordnung umgestürzt.

Die Sänger sind verstummt, und die Marktschreier haben ihre Plätze eingenommen. Die Gelehrten sitzen in ihren Kammern und wägen jedes Wort, während vor den Toren die Gaukler auf leuchtenden Bühnen tanzen und dem Volk erklären, was wahr, gut und schön zu sein habe. Nicht das Werk verleiht einem Menschen nun Bedeutung, sondern seine Sichtbarkeit. Nicht Erkenntnis begründet Ansehen, sondern Reichweite. Nicht die Tiefe des Gedankens wird gewogen, sondern die Zahl jener, die mit dem Daumen über einen gläsernen Schirm fahren.

So ward aus dem Land der Dichter und Denker das Land der Influencer und Semiprominenten.

Der Semiprominente ist der Herold dieser neuen Zeit. Man kennt sein Antlitz, doch niemand vermag zu sagen, was er geschaffen habe. Man weiß, wen er liebte, wen er verließ, wo er speiste und an welchem fernen Strand er sich im Abendlicht fotografieren ließ. Seine Sorgen werden verkündet wie einst die Siege der Könige, seine Einkäufe bestaunt wie die Schätze aus Drachenhorten. Er ist bekannt, weil er bekannt ist, und bedeutend, weil seine Bedeutung täglich behauptet wird.

Einst zog der Barde von Halle zu Halle und sang von Helden, Treue und Verrat. Der neue Barde steht vor einem Ring aus künstlichem Licht und besingt Gesichtscreme, Nahrungspulver und die Weisheit des eigenen Alltags. Seine Minne gilt der Marke, sein Lehnsherr ist der Algorithmus, sein Heldenlohn ein Rabattcode.

Der alte Gaukler wusste immerhin, dass er ein Gaukler war. Er führte seine Kunststücke vor, ließ die Bälle kreisen, schlug das Rad und bat danach um einen Heller. Der neue Gaukler aber hält sich für einen Weisen. Er besitzt nicht nur die Gabe, Aufmerksamkeit zu erregen; er beansprucht auch die Macht, das Volk über Politik, Wissenschaft, Geschichte und Moral zu belehren. Zwischen der Werbung für ein Getränk und dem Bericht aus dem Urlaub verkündet er seine Urteile über Krieg und Frieden, Mann und Frau, Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht. Und das Volk lauscht.

Vom Reich der gläsernen Spiegel

Überall im Land tragen die Menschen kleine schwarze Spiegel bei sich. Sie blicken hinein, wenn sie erwachen, und sie blicken hinein, ehe sie schlafen. Sie tragen sie zu Tisch, zur Arbeit, in die Wälder und an die Gräber ihrer Toten. In diesen Spiegeln suchen sie nicht ihr wahres Antlitz, sondern jenes Bild, das andere von ihnen sehen sollen. So wurde das Leben selbst zur Bühne und jeder Mensch zum Darsteller seiner eigenen Legende.

Nichts scheint mehr wirklich zu sein, ehe es nicht gezeigt wurde. Kein Mahl ist genossen, solange es nicht abgebildet ward. Keine Reise ist geschehen, solange nicht Fremde sie beneidet haben. Keine Freude gilt als vollkommen, wenn sie nicht öffentlich verkündet, keine Trauer als tief, wenn sie nicht vor den Augen des Schwarms ausgebreitet wurde. Der Mensch lebt nicht mehr nur. Er betrachtet sich beim Leben.

Über diesem Reich herrscht der Algorithmus, ein unsichtbarer Fürst ohne Antlitz und Erbarmen. Niemand hat ihn gekrönt, und doch gehorchen ihm Millionen. Er liebt nicht das Wahre, sondern das Reizende; nicht das Abgewogene, sondern das Erregende; nicht das leise Wort, sondern den Schrei. Er hebt empor, was Zorn entfacht, und wirft ins Dunkel, was Geduld verlangt. Ein weiser Gedanke, der zehn Minuten der Sammlung bedarf, wird von ihm begraben. Eine Torheit, die in zehn Sekunden Empörung weckt, trägt er über das ganze Land.

Diesem Fürsten opfern die Menschen ihre Zeit, ihre Aufmerksamkeit und nicht selten ihre Würde. Sie legen vor ihm ihr Innerstes nieder und hoffen, dass er sie dafür mit Sichtbarkeit belohne. Manche tanzen, manche zürnen, manche weinen vor den Augen der Welt. Andere ziehen gegen fremde Menschen zu Felde, deren Namen sie gestern noch nicht kannten. Sie tun es für ein Zeichen der Anerkennung, für einen flüchtigen Strom der Zustimmung, der sie für einen Augenblick aus der Bedeutungslosigkeit hebt.

So entstand eine neue Ritterschaft, deren Schlachtfeld der Kommentarbereich ist. Ihre Waffen sind Spott, Verdacht und öffentliche Beschämung. Ihre Heldenlieder dauern wenige Atemzüge, ihre Fehden aber können Jahre währen. Wer heute bejubelt wird, kann morgen dem digitalen Schafott zugeführt werden. Denn die Menge, die einen Menschen emporhebt, sehnt sich bald nach seinem Sturz. Das Reich der gläsernen Spiegel kennt keine Treue. Es kennt nur Aufmerksamkeit.

Wie die Sprache unter die Knute geriet

Auch über die Sprache kam eine dunkle Wandlung. Einst war das Wort ein Werkzeug, mit dem der Mensch die Welt benannte. Es konnte trösten und verletzen, versöhnen und entzweien, erhellen und verdunkeln. Wer Worte führte, trug Verantwortung, denn Sprache ist niemals ohne Macht. Ein einziges Wort vermag einen Menschen zu erheben, ein anderes ihn für lange Zeit zu verwunden. Darum gebietet die Menschlichkeit, mit Sprache nicht mutwillig zu quälen.

Doch aus der freiwilligen Rücksicht erwuchs nach und nach ein Gesetzbuch der Gesinnung. Neue Sprachhüter traten auf den Plan. Sie standen nicht mit Schwert und Schild an den Stadttoren, sondern saßen in Verwaltungen, Redaktionen, Hochschulen, Unternehmen und den zahllosen Gerichtshöfen des Netzes. Sie verfassten Leitfäden, zeichneten verbotene Pfade in die Sprache und verkündeten, welche Worte fortan rein und welche befleckt seien.

Die Frage nach Pronomen, die zwischen Menschen ein schlichtes Mittel der Verständigung sein könnte, wurde mancherorts zum Glaubensbekenntnis. Nicht mehr allein der Wunsch eines konkreten Gegenübers sollte geachtet werden. Der Mensch sollte vielmehr durch die richtige Formel bezeugen, dass er zur Gemeinschaft der Erleuchteten gehöre.

Wer das Bekenntnis sprach, galt als geläutert. Wer nach seinem Sinn fragte, geriet in Verdacht. Wer zögerte, wurde gemustert. Wer widersprach, musste damit rechnen, dass nicht sein Argument geprüft, sondern sein Charakter verurteilt wurde.

So kehrte der Katechismus zurück, doch er trug kein Kreuz mehr. Er besaß heilige Worte, verbotene Worte und Worte, die gestern noch erlaubt gewesen waren, heute aber bereits als Zeichen sittlicher Verderbnis galten. Seine Priester wechselten die Gebote rascher, als das Volk sie erlernen konnte. Wer über eine veraltete Formel stolperte, fand nicht immer eine hilfreiche Hand, sondern zu oft den Ankläger.

Dabei ist es leicht, die Worte der Tugend zu lernen. Auch der Hartherzige vermag die richtige Anrede zu gebrauchen. Auch der Heuchler kennt bald jedes Zeichen, jeden Doppelpunkt und jede gebotene Formel. Und ein guter Mensch kann dennoch in einer fremden Sprachregel irren. Der sittliche Wert eines Menschen steht nicht zwischen seinen Satzzeichen.

Wo die Sprache jedoch zum Maßstab der Reinheit erhoben wird, wächst die Furcht vor dem freien Wort. Die Menschen sprechen dann nicht mehr, wie sie denken, sondern wie sie glauben, sprechen zu müssen. Sie umgeben jeden Satz mit Schutzmauern. Sie beteuern ihre guten Absichten, bevor sie ihre Ansicht äußern. Sie beugen das Knie vor den anerkannten Formeln, auf dass niemand sie eines verborgenen Frevels bezichtige.

Die Rede wird länger, doch der Gedanke wird kleiner. Die Worte werden reiner, doch die Menschen werden unehrlicher. Denn wo das falsche Wort den Verlust von Ansehen, Freundschaft oder Arbeit bedeuten kann, wird das Schweigen zur Rüstung des Vorsichtigen.

Vom fürsorglichen Herrn und seinen unmündigen Untertanen

Über das Land kam zugleich eine neue Art der Herrschaft. Sie trat nicht in Eisen und Purpur auf. Sie ritt nicht an der Spitze bewaffneter Männer und ließ keine Trommeln schlagen. Sie kam mit freundlichem Antlitz, sanfter Stimme und einem Bündel guter Absichten.

Sie sprach: Fürchte dich nicht. Ich will nur dein Bestes.

Der neue Herr befiehlt selten. Er berät, lenkt, fördert, sensibilisiert und schafft Anreize. Er verkündet keine Verbote, solange eine Vorschrift denselben Zweck erfüllt. Er verlangt keinen Gehorsam, sondern verantwortungsbewusstes Verhalten, wobei er selbst bestimmt, welches Verhalten verantwortungsbewusst genannt werden darf.

So erklärt man dem Bürger, wie er sprechen, wohnen, reisen und essen solle. Man weist ihm, welche Speise sittlich, welches Getränk verwerflich, welche Heizung tugendhaft und welche Art der Fortbewegung sündhaft sei. Man belehrt ihn über den rechten Gebrauch seiner Freiheit, bis von dieser Freiheit kaum mehr übrig bleibt als die Wahl zwischen mehreren bereits vorgezeichneten Wegen.

Nicht jede Mahnung ist töricht. Das Klima wandelt sich, Tiere leiden, und ein Gemeinwesen darf den Menschen vor Gefahren warnen. Die Fürsorge ist nicht an sich ein Übel. Ein Staat, der Schwache schützt, Kranke heilt, Hungernde speist und jenen beisteht, die ohne Hilfe untergingen, erfüllt eine seiner edelsten Pflichten. Doch auch die Fürsorge kann eine schwere Hand bekommen.

Wenn der Bürger nicht mehr als mündiger Gefährte, sondern als unmündiger Schutzbefohlener gilt, verwandelt sich der Staat vom Diener zum Vormund. Er traut dem Menschen nicht mehr zu, Gründe zu hören und selbst zu entscheiden. Er reizt ihn mit Belohnungen, schreckt ihn mit Abgaben, treibt ihn mit Verboten und straft ihn mit öffentlicher Beschämung.

Der Bürger wird zum Kinde erklärt, das zwar an den Festtagen seine Stimme abgeben darf, dessen Alltag aber von jenen geordnet wird, die sich für verständiger halten als er.

Immanuel Kant nannte Aufklärung den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unsere Zeit hingegen baut dieser Unmündigkeit ein warmes Haus, stellt Speise auf den Tisch und nennt sie Sicherheit.

Von jenen, die ihre Freiheit niederlegten

Nicht allein der Staat trägt Schuld an dieser neuen Unmündigkeit. Denn kein Vormund könnte lange herrschen, fände er nicht Menschen, die sich gern bevormunden lassen. Und ihrer sind viele.

Sie haben sich im großen Hause des Nanny-Staates eingerichtet. Sie kennen seine Gänge, seine Schalter und seine Formulare. Sie wissen, an welche Tür sie klopfen müssen, wenn das Leben ihnen eine Last auferlegt. Sie verlangen Schutz vor Krankheit und Armut, was gerecht und menschlich ist; bald aber auch Schutz vor Irrtum, Risiko, Kränkung, Zumutung und den Folgen der eigenen Entscheidungen.

Ihre Freiheit haben sie nicht im Kampf verloren. Sie haben sie abgegeben wie ein lästiges Gepäckstück.

Denn Freiheit ist schwer. Sie zwingt den Menschen, zu wählen, ohne den Ausgang zu kennen. Sie verlangt, dass er Verantwortung für sein Tun übernimmt. Wer frei entscheidet, kann scheitern. Er kann sich irren, kann verlieren und muss zuweilen mit den Folgen leben. Darum ist die Knechtschaft nicht immer nur eine Kette. Manchmal ist sie ein weiches Lager, auf dem es sich bequem ruhen lässt.

Der unmündige Bürger spricht: Sage du mir, was ich essen soll, damit ich nicht selbst abwägen muss. Sage du mir, welche Worte ich gebrauchen darf, damit ich niemandem widerspreche. Sage du mir, welche Meinung gefährlich ist, damit ich sie nicht prüfen muss. Sage du mir, welches Risiko ich eingehen darf und welches mir verboten sein soll. Und wenn ich dennoch irre, so trage du die Schuld.

Für jede Unsicherheit ruft er nach einer Vorschrift, für jedes Unglück nach einer staatlichen Lösung, für jede Beleidigung nach einer Meldestelle und für jede törichte Entscheidung anderer nach einem neuen Verbot. So wächst der Vormund durch den Wunsch seiner Mündel.

Je mehr Verantwortung die Menschen an ihn abtreten, desto weniger traut er ihnen zu. Und je weniger er ihnen zutraut, desto schwächer wird ihre Fähigkeit, selbst zu handeln. Der Muskel der Freiheit verkümmert, wenn er nicht gebraucht wird.

Schließlich erscheint schon das gewöhnliche Wagnis des Lebens als unerträgliche Zumutung. Ein scharfes Wort wird zur seelischen Gefahr, eine fremde Meinung zur Bedrohung, ein falsches Nahrungsmittel zum Gegenstand öffentlicher Erziehung. Die Welt soll gepolstert werden, auf dass niemand an ihren Kanten Schmerz empfinde.

Doch ein Leben ohne Zumutung ist kein freies Leben. Es ist ein verwaltetes Dasein in einer wohlbeheizten Halle, deren Türen offenstehen mögen, durch die aber kaum noch jemand hinauszugehen wagt.

Jene, die in dieser Halle wohnen, verteidigen ihre Mauern. Sie fürchten nicht die Herrschaft, sondern den Augenblick, in dem die Herrschaft ihnen die Verantwortung zurückgeben könnte. Sie haben verlernt, die Freiheit als Gabe zu betrachten. Sie erscheint ihnen als Gefahr, vor der sie geschützt werden müssen.

Dies ist die vollkommenste Form der Knechtschaft: wenn der Mensch seine Kette nicht nur trägt, sondern sie für ein Geländer hält.

Von den Meldetürmen des neuen Reiches

An den Grenzen des Sagbaren errichtete man Meldetürme. Von dort aus sollten Hass, Hetze und Menschenfeindlichkeit erkannt, gesammelt und verzeichnet werden. Manche dieser Türme entstanden aus redlichem Grund. Denn es gibt wirklichen Hass. Es gibt Bedrohungen, antisemitische Schmähungen, rassistische Angriffe und die Verfolgung von Menschen, weil sie anders lieben, anders glauben oder anders aussehen. Wer davon betroffen ist, soll nicht allein durch die Nacht gehen müssen. Ein gerechtes Gemeinwesen muss ihm beistehen.

Doch manche Meldestellen sollen ausdrücklich auch Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze erfassen. Was kein Gericht als Unrecht erkennen, was kein Gesetz bestrafen und keine Staatsanwaltschaft verfolgen kann, soll gleichwohl gemeldet, gesammelt, geordnet und gezählt werden. So entsteht ein Schattenreich zwischen Schuld und Unschuld.

In diesem Reich ist eine Äußerung nicht verboten, doch sie gilt als verdächtig. Sie ist nicht strafbar, doch sie wird zum „Vorfall“. Ihr Urheber steht vor keinem Richter und kann sich gegen keinen Urteilsspruch verteidigen, denn offiziell wurde über ihn gar nicht gerichtet. Dennoch lebt sein Wort fort, losgelöst von Anlass, Zusammenhang und Absicht, eingeordnet in eine Rubrik des gesellschaftlich Missliebigen.

Die Strafbarkeitsschwelle aber ist kein bedauerliches Loch im Netz der Herrschaft. Sie ist eine Mauer zum Schutz der Freiheit. Jenseits dieser Mauer darf der Staat strafen. Diesseits von ihr muss er den Bürger grundsätzlich gewähren lassen, selbst wenn dessen Worte töricht, grob oder ärgerlich sind.

Fällt diese Unterscheidung, wird alles Legale nur noch vorläufig geduldet.

Dann breitet sich im Land die Furcht vor dem unsichtbaren Schreiber aus. Der Bürger weiß nicht, wer sein Wort verzeichnet, welche Bedeutung ihm beigelegt und wie lange es bewahrt wird. Er beginnt, sich selbst zu überwachen. Er braucht keinen Wächter mehr, denn er trägt den Wächter in seinem Kopf.

So geschieht, was jede Macht sich wünscht: Das Volk legt sich die Zügel selbst an.

Wie die Bücher verbrannten, ohne dass Feuer gelegt ward

Manche werden sagen, der Vergleich mit Orwells 1984 und Bradburys Fahrenheit 451 sei vermessen. Und gewiss: Noch ziehen keine Männer in schwarzen Mänteln durch die Straßen, um in den Häusern nach verbotenen Büchern zu suchen. Noch thront kein Großer Bruder auf allen Bildschirmen. Noch holt die Gedankenpolizei den Zweifler nicht in der Nacht.

Wer jede Sprachregel eine Diktatur nennt, entehrt die Erinnerung an jene, die unter wirklichen Diktaturen litten.

Doch die großen Warnungen der Literatur handeln nicht nur von vollendeter Tyrannei. Sie erzählen von den Wegen, die zu ihr führen; von der Müdigkeit des Geistes, von der Sehnsucht nach Einfachheit und von der Bereitschaft, Freiheit gegen Ruhe einzutauschen.

Bradburys Bücher brannten nicht allein, weil ein grausamer Staat sie hasste. Sie brannten, weil eine Gesellschaft das Schwierige nicht länger ertragen wollte. Die Menschen verlangten nach Geschwindigkeit, Unterhaltung und ungestörter Selbstgewissheit. Sie wollten keine Gedanken mehr, die sie beunruhigten, keine Geschichten, die ihren Frieden störten, und keine Worte, die sie zwangen, sich selbst zu prüfen. Unsere Bücher werden nicht verbrannt. Man lässt sie ungelesen. Das Feuer ist nicht mehr nötig. Es genügt, den Menschen die Geduld zu nehmen.

Niemand muss Goethe verbieten, wenn seine Sprache als zu mühsam gilt. Niemand muss Kant aus den Bibliotheken entfernen, wenn schon ein längerer Satz wie eine Zumutung erscheint. Niemand muss die Geschichte fälschen, wenn sie auf wenige Bilder und Parolen verkürzt wird. Die alten Werke stehen noch in den Regalen wie verlassene Burgen. Ihre Mauern sind unversehrt, doch in ihren Hallen wandelt kaum ein Mensch.

Orwells Herrscher verkleinerten die Sprache, damit bestimmte Gedanken nicht mehr gedacht werden konnten. Unsere Zeit verbietet diese Gedanken nicht notwendig. Sie umgibt sie mit Kosten. Wer das falsche Wort spricht, verliert vielleicht keine Freiheit vor dem Gesetz, wohl aber Ansehen, Freunde oder berufliche Möglichkeiten. So lernt der Mensch, ehe er redet, die möglichen Strafen der Menge zu berechnen.

Eine freie Gesellschaft stirbt nicht erst, wenn der letzte Kritiker eingekerkert wurde. Sie beginnt zu sterben, wenn der Kritiker freiwillig schweigt, weil er weiß, dass ein einziges unbedachtes Wort über Jahre an ihm haften kann. Die Menschen werden dann zu ihren eigenen Zensoren. Sie streichen ihre Gedanken, ehe ein anderer sie hören kann.

Von den verlassenen Farben des Reiches

Seltsam ist auch das Verhältnis dieses Landes zu seinen eigenen Farben. Schwarz, Rot und Gold wehen über den Häusern des Bundes und den Hallen des Parlaments. Doch zeigt ein Bürger sie außerhalb eines großen Fußballfestes, so fällt zuweilen ein prüfender Blick auf ihn. Er soll erklären, was er damit meine. Er soll versichern, dass sein Stolz von der gebotenen Art sei. Er soll beweisen, dass unter den Farben der demokratischen Republik keine finstere Gesinnung verborgen liege.

Die Vorsicht hat ihren Ursprung in einer Geschichte voller Blut und Schande. Deutschland hat unter anderen Farben einen verbrecherischen Wahn entfesselt und unzählige Menschen entrechtet, vertrieben und ermordet. Wer dies vergisst, hat jedes Recht verwirkt, von Vaterlandsliebe zu sprechen.

Doch Schwarz-Rot-Gold sind nicht die Farben der Tyrannen. Sie sind die Farben jener, die für Freiheit, Recht und nationale Einheit stritten. Sie wehten über den Hoffnungen des Hambacher Festes und der Revolution von 1848. Sie stehen für eine Republik, die ihre Würde aus der Würde des Menschen bezieht. Wer diese Farben den Feinden der Freiheit überlässt, schlägt die alten Demokraten ein zweites Mal.

Ein Land, das sich selbst nur mit Misstrauen betrachten kann, wird auf Dauer keine Heimat geben. Und wo die Vernünftigen sich weigern, die Symbole des Gemeinwesens zu tragen, werden die Unvernünftigen sie an sich reißen.

Man darf sein Land lieben, ohne ein anderes zu verachten. Man darf seine Geschichte kennen, ohne sich für die bloße Zugehörigkeit zu entschuldigen. Man darf seine Sprache, seine Landschaften und seine Überlieferungen bewahren, ohne sie zum Maß aller Dinge zu erklären.

Der demokratische Patriotismus ist kein Schlachtruf. Er ist ein Bund. Er sagt nicht: Wir sind besser als die anderen. Er sagt: Für dieses Gemeinwesen tragen wir Verantwortung.

Doch Verantwortung ist ein schweres Wort in einer Zeit, in der so viele ihre Verantwortung lieber abgeben.

Von der Moral, die zum Prunkgewand ward

Unsere Epoche leidet nicht an einem Mangel an Moral. Sie leidet an ihrer unablässigen Zurschaustellung. Überall werden Zeichen der Tugend aufgerichtet. Unternehmen schmücken ihre Waren mit Bekenntnissen. Behörden übernehmen die Losungen politischer Bewegungen. Prominente verkünden ihre Haltung zu jedem Streit, noch ehe sie dessen Gründe kennen. In den digitalen Hallen trägt ein jeder seine Rechtschaffenheit vor sich her wie ein Wappen auf dem Schild. Doch die Tugend, die stets gesehen werden will, ist oftmals nur ein Prunkgewand.

Es ist leicht, ein Zeichen zu teilen, eine Formel zu sprechen und die richtige Fahne in das eigene Profil zu hängen. Schwerer ist es, einem einsamen Menschen beizustehen, dem politischen Gegner Gerechtigkeit widerfahren zu lassen oder der eigenen Partei zu widersprechen. Schwerer ist es, gütig zu handeln, wenn kein Publikum zusieht.

Wo Moral zur öffentlichen Münze wird, beginnt ein Handel mit Reinheit. Wer die strengere Formel spricht und den heftigeren Zorn zeigt, gewinnt Ansehen. Das Gegenüber ist dann kein Mensch mehr, mit dem man um Wahrheit ringt. Es ist ein Schemel, auf den man steigt, um selbst höher zu erscheinen. Man lauscht nicht mehr, um zu verstehen. Man lauert, um anzuklagen.

Jeder ungeschickte Satz wird auf verborgene Bosheit geprüft. Jede Ungenauigkeit gilt als Enthüllung eines verderbten Charakters. Aus einem Fehler wird eine Gesinnung, aus einem alten Wort ein Bekenntnis und aus einem schlechten Scherz ein unauslöschliches Brandmal. Die neue Moral kennt viele Richter, aber wenige Verteidiger. Sie spricht rasch das Urteil und langsam die Vergebung. Sie erinnert sich an jede Schuld, doch selten an eine Läuterung.

Vom verlorenen Streit und den verfeindeten Lagern

Eine freie Gesellschaft lebt nicht davon, dass alle Menschen dasselbe glauben. Sie lebt davon, dass sie einander widersprechen können, ohne das Schwert zu ziehen. Doch diese alte Kunst des Streites ist im Schwinden begriffen. Die Menschen ringen nicht mehr miteinander; sie ziehen sich in befestigte Lager zurück. Dort erzählen sie einander, wie weise die eigenen und wie verderbt die anderen seien. Jede Seite besitzt ihre Barden, die von den Untaten des Feindes berichten und die Torheiten des eigenen Lagers verschweigen.

Der Andersdenkende ist kein Irrender mehr. Er ist ein Böser. Wer zweifelt, gilt als Verräter. Wer vermitteln will, wird von beiden Seiten beschossen. Wer zugibt, dass auch der Gegner in einem Punkt recht haben könnte, hat den eigenen Stamm entehrt. So verkümmert der Streit zur Fehde.

Bestimmte Redner sollen nicht mehr sprechen, bestimmte Bücher nicht mehr gelesen werden und bestimmte Fragen nicht gestellt werden. Schon die Auseinandersetzung, so heißt es, könne einer falschen Ansicht zu viel Ehre verleihen. Doch eine Meinung zu erörtern bedeutet nicht, ihr zu huldigen. Eine Lüge lässt sich nur widerlegen, wenn sie ans Licht tritt.

Auch die Freiheit besitzt Grenzen. Der Aufruf zur Gewalt, die Bedrohung und die Verfolgung von Menschen sind kein edler Wettstreit der Gedanken. Doch zwischen dem Verbrechen und der erwünschten Rede erstreckt sich ein weites Land. Dieses Land gehört der Freiheit. Dort müssen auch der Irrtum, die Übertreibung, der schlechte Geschmack und das törichte Wort geduldet werden.

Eine Freiheit, die nur für die richtige Meinung gilt, ist keine Freiheit.

Eine Toleranz, die nur das Vertraute duldet, ist keine Toleranz.

Und eine Vielfalt, die jedes Antlitz willkommen heißt, aber nur einen Gedanken gestattet, ist eine bunt bemalte Einförmigkeit.

Worin der wahre Verfall liegt

Der Niedergang unserer Gesellschaft besteht nicht darin, dass die Jungen anders sprechen als die Alten. Er besteht nicht darin, dass überkommene Rollen geprüft, alte Gewissheiten erschüttert und ungerechte Ordnungen überwunden werden. Nicht alles Alte ist ehrwürdig, und nicht jede Veränderung führt ins Verderben.

Ein goldenes Zeitalter, in dem alle Menschen gebildet, frei und tugendhaft waren, hat niemals bestanden. Der wahre Niedergang beginnt dort, wo die Fähigkeit zur Unterscheidung erlischt. Er beginnt, wenn jede Kränkung als Gewalt, jeder Widerspruch als Hass und jede Zumutung als Unrecht gilt. Er beginnt, wenn Bekanntheit für Bedeutung, Betroffenheit für Wissen und moralische Gewissheit für Wahrheit gehalten werden.

Er beginnt, wenn der Bürger nicht mehr fragt: Was kann ich tun?, sondern nur noch: Wer ist dafür zuständig?

Er beginnt, wenn Menschen ihre Freiheit ablegen, weil Verantwortung ihnen zu schwer geworden ist, und wenn der Staat diese abgelegte Freiheit an sich nimmt, um daraus immer neue Regeln zu schmieden.

Eine Gesellschaft verfällt nicht zuerst an ihren Straßen, Mauern und Brücken. Sie verfällt in ihren Begriffen. Sie verliert die Kraft, zwischen Recht und Gefühl, Streit und Feindschaft, Irrtum und Bosheit, Schutz und Bevormundung zu unterscheiden.

Schließlich bleiben nur noch die Lager und ihre Schlachtrufe.

Doch der Dogmatismus trägt viele Farben. Auch jene, die gegen Sprachzwang und staatliche Bevormundung kämpfen, können selbst zu groben Zuchtmeistern werden. Nicht jeder, der Rücksicht fordert, ist ein Feind der Freiheit. Nicht jeder, der auf Diskriminierung hinweist, will einen Pranger errichten. Nicht jeder Wandel ist Verfall, und nicht jeder neue Gedanke ein Angriff auf die alte Welt. Wer Freiheit nur für das eigene Lager verlangt, begehrt keine Freiheit. Er begehrt Herrschaft.

Der Verteidiger des freien Wortes muss daher auch das Wort seines Gegners verteidigen. Sonst ist sein Freiheitsruf nur der Schlachtruf einer weiteren Partei.

Was aus der Dämmerung zu retten wäre

Noch ist nicht alles verloren. Noch stehen die Bücher in den Hallen. Noch gibt es Lehrer, die nicht bloß Stoff vermitteln, sondern den Mut zum eigenen Urteil wecken. Noch gibt es Gelehrte, die sich dem Lärm widersetzen, Schriftsteller, die lange Sätze wagen, und Bürger, die nicht jede Verantwortung an den großen Vormund abtreten wollen.

Wir könnten wieder lernen, dass Bildung kein Schmuck und kein Zertifikat ist, sondern Arbeit am eigenen Geist. Wir könnten unseren Kindern zeigen, dass ein schwieriger Gedanke kein Feind ist, sondern eine Pforte. Wir könnten Bücher lesen, deren Sinn sich nicht in einem kurzen Video erschöpft.

Wir könnten Rücksicht üben, ohne aus ihr ein Glaubensbekenntnis zu machen. Wir könnten Menschen helfen, ohne sie auf ewige Zeit zu Schutzbefohlenen zu erklären. Wir könnten vor Gefahren warnen, ohne jedes Risiko aus dem Leben verbannen zu wollen.

Wir könnten Meldestellen für wirkliche Opfer unterhalten und dennoch darauf achten, dass aus Hilfe keine vorrechtliche Überwachung erwächst. Wir könnten Hass bekämpfen, ohne den Widerspruch zu verdächtigen. Wir könnten unsere Nationalfarben zeigen, ohne in Hochmut zu verfallen, und die Geschichte erinnern, ohne uns die Zukunft zu verbieten.

Vor allem aber könnten wir die Selbstverantwortung zurückfordern.

Der Staat soll den Menschen auffangen, wenn er stürzt. Er soll ihm jedoch nicht verbieten, selbst zu gehen. Er soll den Schwachen schützen, aber nicht den Starken schwächen, damit alle gleichermaßen abhängig werden. Er soll Recht setzen und Grenzen wahren, nicht aber jeden Schritt des Lebens beaufsichtigen.

Der mündige Bürger ist kein gehorsames Kind. Er darf unvernünftig sein. Er darf sich irren. Er darf eine falsche Entscheidung treffen und aus ihren Folgen lernen. Ohne dieses Recht auf Irrtum ist die Freiheit nur eine schöne Inschrift über einer verschlossenen Tür.

Das Land der Dichter und Denker ging nicht unter, als die ersten Influencer erschienen. Es geht unter, wenn seine Dichter schweigen, seine Denker sich vor jedem Satz entschuldigen und seine Bürger das Urteil jenen überlassen, die am lautesten rufen.

Es geht unter, wenn die Menschen den schützenden Mauern des Nanny-Staates mehr vertrauen als ihrer eigenen Kraft.

Es geht unter, wenn sie die Freiheit nicht mehr als kostbares Erbe, sondern als lästige Bürde betrachten.

Vielleicht braucht dieses Land darum keinen neuen Katechismus, sondern neuen Mut. Weniger vorgeschriebene Haltung und mehr gelebten Anstand. Weniger Gesinnungsprüfungen und mehr Bildung. Weniger Reichweite und mehr Tiefe. Weniger Vormünder und mehr Bürger.

Ein Gemeinwesen bleibt frei, solange seine Menschen fragen dürfen, ohne zuvor um Erlaubnis zu bitten. Es bleibt lebendig, solange der Irrende nicht aus der Gemeinschaft verstoßen wird. Und es bleibt menschlich, solange wir im Andersdenkenden keinen zu meldenden Vorfall, sondern einen Mitbürger erblicken.

Mögen die alten Hallen noch einmal widerhallen.

Mögen die Dichter ihre Stimme erheben, die Denker ihre Furcht verlieren und die Bürger die Verantwortung wieder aufnehmen, die sie vor den Toren des fürsorglichen Staates niedergelegt haben.

Denn keine Freiheit wird auf ewig bewahrt, wenn niemand mehr bereit ist, ihre Last zu tragen.

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