Schau mir in die Augen, Kleines! – Iridologie und Antlitzdiagnostik

Es gibt Krankheiten, die kann man durch einen tiefen Blick in die Augen erkennen. Ikterus beispielsweise oder wie man landläufig sagt, die Gelbsucht. Von ihr bekommt man gelbe Augen. Anders bei Allergien oder einer Bindehautentzündung, da bekommt man rote Augen. Die goldenen Kayser-Fleischer-Kornealringe um die Pupille sind ein Symptom von Morbus Wilson und weisen auf Kupfereinlagerungen in den Augen hin.

Allerdings gibt es auch Menschen, die behaupten, anhand von Merkmalen in den Augen zu erkennen, an welcher Krankheit ein Patient leidet. Solche Menschen nennt man Iridologen und die gehen davon aus, dass die Organe der linken Körperseite über Nerven mit dem linken Auge und die der rechten Körperseite mit dem rechten Auge quasi „verkabelt“ sind. Damit können sie – nach eigener Aussage – auch bspw. Nieren- oder Gallensteine oder sogar Darmkrebs diagnostizieren. Diese „Verkabelungstheorie“ wurde 1954 von dem Heidelberger Arzt Lang propagiert, aber bereits mehrfach widerlegt.

So wird von diesen Herrschaften das jeweilige Auge in sogenannte Organfelder eingeteilt und je nachdem in welchem Areal sich vermeintliche Zeichen (also Furchen, Streifen oder ähnliches) im Auge zeigen, ziehen sie Rückschlüsse auf Krankheiten. Das sagt jedenfalls ein Flügel, denn einig sind sich die Herrschaften untereinander auch nicht. Es gibt verschiedene „Schulen“, die im Widerstreit miteinander liegen, und somit zeigt sich schon, was von dieser „Diagnostik“ zu halten ist. Auch über die Anordnung der Organfelder, die auf sogenannten „Iriskarten“ aufgezeichnet werden, sind nicht einheitlich, existieren doch gut 20 verschiedene.

Natürlich ist das Kappes, merkt ihr selber. Es gibt genügend Studien, die sich mit der Irisdiagnostik beschäftigt haben und die alle zum gleichen Ergebnis kamen: is Kappes! Da wäre zum Beispiel diese Studie oder diese oder jene oder auch die da ja auch die hier und zum Schluss erstmal diese Studie. Auch der wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer warnt vor der Iridologie und die Stiftung Warentest rät davon ab. Das dürfte dann wohl genügen.

Abarten der Irisdiagnostik gab es schon bei den alten Ägyptern und in der Neuzeit. So findet sich in der Chromatica Medica aus dem Jahr 1656 eine erste genaue Beschreibung.

1881 veröffentlichte der ungarische Arzt Ignaz von Pèczely (1822-1911) sein Buch „Entdeckung auf dem Gebiete der Natur- und Heilkunde: Anleitung zum Studium der Diagnose aus dem Auge“. Darin beschrieb er, wie er als elfjähriger Junge beim Hüten von Schafen eine Eule fing und dieser ein Bein brach, um sie an der Flucht zu hindern. Angeblich zeigte sich in diesem Moment eine feine, strichförmige Linie im Auge des Tieres. Diese Linie soll während des Heilungsprozesses verschwunden sein. Hieraus bastelte er seine „Diagnostik“.

Der Pastor Erdmann Leopold Stephanus Emanuel Felke (1856-1926) war einer der ersten prominenten Anwender und Multiplikator dieser Methode. Weiterentwickelt wurde diese auch von Felkes Schüler Heinrich Hense (1886-1955), genauso wie von Magdalene Madaus (1857-1925), die die Irisdiagnostik ebenfalls von Felke erlernte. Sie veröffentlichte auch ein Buch zur Irisdiagnostik. Auch Rudolf Schnabel (1882-1952), Josef Angerer (1907-1994) und Josef Deck (1914-1990) erfanden Weiterentwicklungen der Iridologie.

Die Irisdiagnostik darf aber nicht mit der Antlitzdiagnostik verwechselt werden. Diese hat sich Herr Schüßler ausgedacht. Genauso ausgedacht wie seine Schüßler-Salze.

Wilhelm Heinrich Schüßler ging davon aus, dass sich der angenommene Mineralstoffmangel im Gesicht des Patienten manifestiert und durch die Analyse von Gesichtsfarbe bzw. Glanz- und Faltenbildung diagnostiziert werden könne. Dies erstreckt sich vorgeblich auch auf den Bereich der Psychologie. Diese Mangelzeichen wurden von Schüßler auch „Signaturen“ genannt.

Ursprünglich hatte Schüßler die Antlitzdiagnostik sehr eng an seine „Biochemie“ gebunden. Erst Kurt Hickethier, ein medizinisch interessierter Ex-Polizist und Betreiber zweier „Kurhäuser“, baute diese Diagnoseform weiter aus. Er entwickelte auch eine Systematik, welche „Mängel“ welche Zeichen im Gesicht hinterlassen. Dies sollte auch Laien erlauben, die Antlitzanalyse anzuwenden. Heute sind auch reich bebilderte Anleitungen im Handel erhältlich, was eigentlich mit den Vorgaben Schüßlers nicht vereinbar ist. Die Antlitzdiagnostik wird heute nicht nur in Verbindung mit den Schüßler-Salzen betrieben, sondern ist eine unter Heilpraktikern weit verbreitete Methode; hier werden teilweise auch andere Körperzeichen berücksichtigt.

Die Antlitz-Diagnostik kann laut Schüßler nur intuitiv bzw. autodidaktisch erlernt werden. In seiner Abgekürzten Therapie schreibt er dazu: Wer die Antlitz-Diagnostik erlernen will, muß dieselbe auf autodidaktischem Wege sich erwerbern. Ein Versuch, sie mittels einer gedruckten Anleitung zu lehren, würde zu Mißverständnissen führen. Ein Schäfer kennt jedes Individuum seiner Herde, er ist aber nicht im Stande, die bezüglichen unterscheidenden Merkmale anzugeben. Wer die Antlitz-Diagnostik sich zu eigen machen will, schenke seine bezügliche Aufmerksamkeit zunächst einer Antlitz-Gattung.

Da die Antlitzanalyse explizit auch für Laien ausgelegt ist, sind die erlernbaren Elemente recht einfach gehalten. So werden beispielsweise Hautfalten analysiert, der Glanz der Haut, verklebte Augen, die Häufigkeit des Blinzelns oder die Art des Blicks. Dadurch, dass diese Zeichen recht allgemein sind, lassen sie natürlich auch einen breiten Spielraum zu. Schüßler stellte einige Symptombilder zusammen, die er beispielsweise „Kochsalz-Gesicht“ oder „Natron-Gesicht“ nannte. Seiner Meinung nach sollte Gesicht für Gesicht auswendig gelernt werden.

Die wissenschaftliche Medizin kritisiert die Antlitzanalyse, ist sie doch eine allgemeine und schwammige Diagnoseform, die auf Überlegungen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert beruht. Auch übernehmen die Krankenkassen keine Kosten hierfür, sodass die Rechnungen privat bezahlt werden müssen. Verschärft wird diese Kritik dadurch, dass die Anwender der Antlitzdiagnostik sich der Überprüfung ihrer Diagnosen durch moderne Verfahren widersetzen.

So mancher Kritiker der Schüßler’schen Behandlungsmethoden hat sie als Hokuspokus bezeichnet. Das ist wahrscheinlich etwas zu hart gegriffen. Aus der Art der Faltenbildung, der Hautfärbung und anderen Gesichtsmerkmalen lassen sich tatsächlich diverse diagnostische Hinweise auf Erkrankungen und Stoffwechselimbalancen ableiten. Aber ich wage gleichzeitig daran zu erinnern, dass wir im dritten Jahrtausend leben und zahlreiche hochauflösende, hochsensitive und hochspezifische analytische Werkzeuge und Techniken kennen, die den Elektrolythaushalt eines Patienten und seine Ionenverteilung im Körper genauestens analysieren können. Sowohl Mangel als auch gefährliche Anreicherungen von anorganischen Komponenten im Körper können so festgestellt und mit anderen diagnostischen Laborparametern korreliert werden. (…) Es wäre ein kleiner Beitrag zur Wissenschaftlichkeit, wenn sich die Antlitzanalytiker dazu herablassen könnten, wenigstens mit einer gewissen Regelmäßigkeit die eine oder andere dieser modernen Techniken als Bestätigungstest zuzulassen. Das wäre auch höchste Zeit, denn in der einschlägigen Literatur zu den Schüßler Salzen werden zum Teil Wirkungen beschrieben, über die man sich als Biochemiker und Pathobiochemiker nur wundern kann.

Weiterhin ist bedenklich, dass sich der Therapeut bei dieser Methode eben nur auf die vorgegebenen Gesichtszeichen konzentriert und andere Krankheitszeichen übersieht oder ignoriert: Die Antlitzdiagnostik läßt sich nicht mit üblichen Diagnosen vergleichen. Sie geht andere Wege, denn hier steht das Erkennen der Mineralstoffmängel in Blut und Zellen im Vordergrund. – Das Rezept wird aus dem Gesicht abgelesen, ohne daß man sich um Krankheiten oder Symptome kümmern muß.

Auch die Tatsache, dass nicht bekannt ist, auf welcher Basis oder Erkentnis heraus Schüßler die einzelnen Mangelzeichen den einzelnen Salzen zuordnete, macht diese Diagnostik hoch spekulativ und beliebig. Bisher wurde die Antlitzdiagnostik noch nie im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie untersucht.

Sowohl die Iris- wie auch die Antlitzdiagnostik werden nicht von seriösen Medizinern, sondern nur von Heilpraktikern angewandt.

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