Mythos Neuschwabenland – Teil 6: Verschwörungstheorien 3 – Die Reichsflugscheiben

Verschwörungstheorie Nr. 6

Im Stützpunkt Neuschwabenland gibt es ausgedehnte Labore, in denen Nazi-Wissenschaftler, teilweise gemeinsam mit Außerirdischen vom Planeten Aldebaran oder von den Plejaden Flugscheiben entwickeln und bauen, die sowohl unter Wasser, als auch im Weltall flugfähig sind, enorme Geschwindigkeiten erreichen und sich bis zur Unsichtbarkeit tarnen können. Hierzu gehören die „Haunebu“ Modelle I bis IV oder die „Jenseitsmaschine“.

Es ist äußerst anstrengend, sich mit dieser Verschwörungstheorie zu beschäftigen. Andere VTs sind in sich durchaus folgerichtig, auch wenn die Grundannahme falsch ist. Und auch die verschiedenen Verbreiter verfolgen, bis auf kleinere Details, die gleiche Geschichte. Bestes Beispiel ist die VT über die beiden U-Boote in Südamerika, da sind sich alle Schwurbel-Autoren recht einig. Aber bei den Flugscheiben geht alles drunter und drüber. Teilweise widersprechen sich Autoren in einem Aufsatz mehrfach selbst. Dann widersprechen sich die Autoren gegenseitig. Es ist zum Haare raufen. Und dadurch, dass sich die Verschwörungserzählung auch äußerst fein verästelt, macht es nicht besser.

Deswegen habe ich mich entschlossen, hier nur quasi die „Hauptströmungen“ zu behandeln, also diejenigen Erzählungen, die am weitesten verbreitet und somit am bekanntesten sind. Um den Rest aufzuarbeiten müsste ich definitiv anfangen bewusstseinserweiternde Mittel zu verkonsumieren, was ich mir finanziell nicht leisten kann.

Was sollen diese „Reichsflugscheiben“ nun sein?

Angeblich handelt es sich um Kreisflügler, also Urtypen der klassischen „Fliegenden Unterasse“. Tatsächlich soll es sich auch bei den Sichtungen, die zur UFO-Hysterie der 1950er Jahre führten, tatsächlich um die Flugscheiben aus Neuschwabenland gehandelt haben.

Die Eigenschaften, die diesen Scheiben zugeschrieben werden sind abenteuerlich. So sollen sie mit Geschwindigkeiten von bis zu 500.000km/sec in der Atmosphäre und mit der fünffachen Lichtgeschwindigkeit im Weltall fliegen können. Außerdem sollen sie „Dimensionskanäle“ schaffen können, was auch immer das sein soll.

Als Beispiel einer Beschreibung soll die für die „Vril 7“-Flugscheibe hier stehen:

Durchmesser = 45 Meter.
Höhe =15 Meter; einstöckige Raumschiffpiloten- und Passagierzelle oben.
Antrieb = Triebwerk Y-7/0,
Horizontaldurchmesser 58 m, mit SM-Levitator E-24 V.,und Y-Schwing-Glocke verstellbar,
Höhe 140 cm, Breite 50 x 70-90 x 50 cm.
Steuerung = Magnet-Feld-Impulser 4a.
Geschwindigkeit = maximal Fastlichtgeschwindigkeit = ca. 500 000 km/sec., im
normalkosmischen Antigravitationsraumflug; 5 x Lichtgeschwindigkeit = ca. 900 000 km/sec. , = Dreifachüberlichteffekt im überräumlichen Dimensionskanalflug.

Reichweite = rein theoretisch unbegrenzt

Bewaffnung
4 x Mk-108-Drillingsbatterien
4 drehbare Geschützhalterungen mit je 5 gebündelten Maschinenkanonen
Kaliber 5 cm, Schussfolge 660 Schuss je Mk-108;
2 x Mk-108 Drillingsbatterien an der Raumschiffoberseite,
2 x Mk-108-Drillingsbatterien an der Raumschiffunterseite;
vorübergehende Montage eines KSK -„Donar“-Strahlgeschützes Kaliber 11 mm
im Experimentalstadium in einem schmalen Panzerturm an der zentralen
Raumschiffunterseite leicht seitlich versetzt;

Fernsteuerung aller Geschütze an der Raumschiffunterseite.
Außenpanzerung = Doppel-Viktalen-Panzerung 1945/44,
Dreischott-Viktalen-Panzerung 1944/45.
Besatzung = maximal ca. 14 Mann, 2 Mann bei Test Januar 1944.
Weltallfähigkeit = 100%.
Stillschwebefähigkeit = vermutlich ca. 25 Minuten wie bei Haunebu-III.

Allgemeines Flugvermögen = wetterunabhängig Tag und Nacht.
Grundsätzliche Einsatztauglichkeit im Januar 1944 erster Dimensionskanal-Testflug bei einigen Stunden Bordzeit und einigen Monaten Erd.- und Universumszeit mit Rückkehr in stark beschädigtem Zustand, da sich die Raumschiffzelle als zu schwach gebaut erwies, wonach Vril-7 nach einer Generalüberholung mit Zellenverstärkung und zusätzlichen Verkleidungen bis zur Übergabe an die SS im April 1945 nur mehr für Geheimtransporte auf der Erde verwendet wurde. Sowohl konstruktiv als auch antriebsmäßig war das Vril-7 nur eine stark vergrößerte Version des Vril-1. Ob jedoch auch Vril-1 so wie Vril-7 zu einer Dimensionskanalreise fähig war, ist unbekannt.

Für solche Leistungen benötigt man natürlich auch viel Energie, aber auch dafür haben sich die Verschwörungstheoretiker etwas ausgedacht, so sollen sie mit einem alternativen Antrieb, der sich der „freien Energie“ bedient, angetrieben werden. Hierfür sollen solch obskure Gerätschaften wie die „Schauberger Turbine“, „Tachyonenkonverter“, „Skalarwellen“, „Vril-Kraft“, der „Haunebu-Antrieb“ oder die „Nullpunktenergie“ genutzt worden sein.

Entwickelt worden sollen die Flugscheiben je nach Quelle durch verschiedene Personen. Im Rennen sind Willy Messerschmitt, Wernher von Braun, Winfried Otto Schumann oder Andreas Epp. Genannt werden häufig aber auch Personen, deren Existenz nie nachgewiesen werden konnte. Auch wird hier immer wieder sehr detailreich davon erzählt, wie Außerirdische die Nazi-Ingenieure unterstützten. Diese Außerirdischen sollen entweder vom Aldebaran oder von einem Planeten im Sternenhaufen der Plejaden stammen. Hier kommt es hauptsächlich darauf an, welcher Film/welche TV-Serie aktuell zu sehen ist und die Schwurbelottos inspiriert.

In den Manuskripten und auf den Internetseiten der Verschwörungstheoretiker ist von den verschiedensten Flugscheibenmodellen die Rede. Die bekanntesten Modelle sind die der „Haunebu“-Baureihe, von der es drei Ausführungen geben soll, und die der „Vril“-Baureihe (Modell I bis VII).

Weiters ist die Rede von den Modellen „Hienzofen“, „Schievstook“, „Thule“, „RFZ“, „Klugenstav“, „Stauvenhaut“ (I – IV), „Hoitenflug und dem „BMW Flügelrad“, um nur einige zu nennen. Der Phantasie der Schwurbler ist hier keinerlei Grenzen gesetzt.

Das Problem bei der ganzen Geschichte ist nur, dass es für all diese Behauptungen keinerlei Nachweis gibt. In keiner Akte der angeblich beteiligten Organisationen, sei es die SS, sei es die Kriegsmarine, sei es die Organisation Todt, sei es der Kleintierzuchtverband, in keiner noch so kleinen Notiz wurden Rundflügler, Haunebus, Vril-Jäger oder was auch immer erwähnt. Gut, man kann auch nichts erwähnen, was es nicht gibt. Die Zeichnungen und vermeintlichen Konstruktionspläne stammen alle aus der Nachkriegszeit, was man anhand von Schreibmaschinentypen, Tinten oder Papier zweifelsfrei nachweisen konnte.

Stellen wir uns doch mal folgende Situation vor: Frühjahr 1945. Hitler sitzt im Bonker und plant mit Armeen, die es schon lange nicht mehr gibt. Im Osten überschreitet die Rote Armee, im Westen die Briten und Amerikaner die Reichsgrenzen und es ist nur noch eine Frage der Zeit bis zur Kapitulation. Und dann gibt es noch die bis zu 40 Wunderflugscheiben in der Antarktis. Wunderwaffen, die binnen Stundenfrist auf dem Kriegsschauplatz auftauchen können. Wunderwaffen, die eine Feuerkraft haben sollen, gegen die die Artillerie der Gegner wie Knallplättchenspielzeug aussieht. Und ihr wollt mir allen Ernstes erzählen, dass ein Mensch wie Hitler die nicht in den Kampf geworfen hätte? So doof kann doch keiner sein um das zu glauben. „Jahaha… Mooooment!“ gellt es dann aus der Ecke der Schwurbelottos. „Hitler hatte einen Geheimplan, er wollte Deutschland extra überrollen lassen!“ Ja? Und? Wofür? Was sollte wann passieren? Wir schreiben das Jahr 2022, hätte nicht jeder vermeintliche Geheimplan so langsam schon umgesetzt werden müssen? Also. Siehste, nur dummes Gelaber. Hätte Hitler über die Flotte aus Flugscheiben verfügt (wozu ja noch „mindestens“ 100 U-Boote im Geheimhafen Neuschwabenland gekommen wären), hätte er die doch alle ins Feld geführt.

Wann die „Reichsflugscheiben“ aber der deutschen Öffentlichkeit erstmals bekannt wurden, wissen wir ziemlich genau. Es war der 30. März 1950, ein Donnerstag. Und es war ein Artikel im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ mit dem Titel „Sie fliegen aber doch“ (H. 13/1950 S. 33-35, keine Autorennennung).

Hintergrund des Artikels war die seit Juni 1947 in den USA anhaltende UFO-Hysterie. Damals hat der Privatpilot Kenneth Arnold angeblich über dem Mount Rainier mehrere unbekannte Flugobjekte gesehen. Behauptet er jedenfalls. Der kurz darauf angeblich stattgefundene „Roswell-Zwischenfall“, bei dem angeblich eine „Fliegende Untertasse“ in der Nähe der Kleinstadt Roswell abgestürzt sein soll, hat die ganze UFO-Aufregung in den USA noch angeheizt. Angeheizt wurde die ganze Sache noch von den Medien, aber auch der Werbung, die mit allerlei lustigen und nervigen Aktionen die UFO-Thematik für ihre Zwecke nutzte.

Im zweiten Teil des Artikels kommt dann der „Flugzeugbau-Ingenieur“ Rudolf Schriever (Bremerhaven-Lehe, Luisenstraße 9, II. Etage, links) zu Wort, der behauptet, 1942 in Eger „Chefpilot“ gewesen zu sein und damals einen „Flugkreisel“ konstruiert zu haben. Die Erleuchtung soll ihm gekommen sein, als er spielenden Kindern zusah, die waagerecht rotierende Propeller von einem spiralenförmig gedrehten Flachdraht in die Luft schnellten.

Zwischen 1942 und Frühjahr 1945 will Schriever in Eger also einen solchen Flugkreisel konstruiert haben, bis dieser soweit ausgeplant war, um ihn Reichsmarschall Göring vorlegen zu kommen, allerdings habe er dann laut eigener Aussage vor den einrückenden russischen Truppen fliehen. Amüsant an dieser Stelle ist, dass Eger und der dortige Flughafen bzw. das danebenliegende Flugzeugteilewerk durch die 97th Infantry Division der US Army besetzt wurde. (Eintrag aus der Divisions-Chronik: Cheb war die erste tschechoslowakische Stadt, die von amerikanischen Truppen befreit wurde. Am 28. April griffen Einheiten des 387. Infanterieregiments, unterstützt durch Artillerie und Panzer, den Flugplatz Cheb an und sicherten ihn. Mehr als 600 Gefangene wurden in einem kurzen Einsatz gemacht. Die amerikanischen Verluste waren sehr gering.) Interessant ist auch, dass weder bei den beiden Jagdfliegerstaffeln, noch bei der Transportstaffel, noch bei den Eger Flugzeugwerken ein Rudolf Schriever in leitender oder führender Position bekannt ist. Aber gut, in den Kreisen, die an solche Verschwörungstheorien glauben, sind das sicherlich nur Marginalien.

Herr Schriever will dann in der Gartenlaube seiner Schwiegereltern weiter an dem Projekt gearbeitet haben, bis 1948 dort eingebrochen wurde und alle Unterlagen und Modelle gestohlen wurde. So ein Pech aber auch. Seit dem Spiegel-Artikel wird Herr Schriever auch selbst immer wieder Gegenstand von Verschwörungstheorien. So soll er umgebracht worden oder in die USA entführt worden sein. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass er eine Zweitkarriere als Bibo in der Sesamstraße gemacht hat. Übrigens behauptete auch der italienische Ingenieur Giuseppe Belluzzo, im Auftrag Mussolinis an einer Flugscheibe gearbeitet zu haben. Diese Behauptungen haben ähnlichen Bestand wie die von Schriever. So ein Pech aber auch, dass gerade immer die Flugscheiben-Unterlagen zum Kriegsende verlustigt gingen. Ein Schelm…

In einer etwas breiteren Öffentlichkeit wurde das Thema „Nazi-Flugscheiben“ bekannt, als der ehemalige SS-Mann Wilhelm Landig in seinen Romanen, die ab 1971 erschienen sind, die Flugscheiben thematisierte. Auch der Holocaustleugner Ernst Zündel (unter dem Pseudonym „Christof Friedrich“) und der chilenische Diplomat Miguel Serrano veröffentlichten Bücher zu dem Thema.

Letztendlich war es die Verschwörungstheoretiker Jan Udo Holey (Jan van Helsing) und Dr. Axel Stoll, die durch ihre Publikationen das Flugscheibenthema in den 1990er Jahren wiederbelebte und bis in die Gegenwart am Leben hielten. Besonders Stoll ist durch seine Youtube-Videos und die daraus entstandenen Memes und Zitate wie Wer weiß das? Wieder keiner! oder Muss man wissen! oder Wer hat hier Warsteiner bestellt? an der Verbreitung dieses Mythos beteiligt, allerdings kann er durch seine Konnotation als verschwörungstheoretischer Hanswurst durchaus als tragische Figur gesehen werden.

Man muss aber letztendlich feststellen, dass die Geschichten von den Reichsflugscheiben nichts weiter sind als lustige Geschichten, die Alt- und Neunazis dazu dienen, eine letzte Hoffnung auf eine „Machtergreifung“ zu behalten.

*** Ende Teil 6 ***

Ein Gedanke zu “Mythos Neuschwabenland – Teil 6: Verschwörungstheorien 3 – Die Reichsflugscheiben

  1. Interessant finde ich, dass ein derart fortschrittlich betriebenes Fluggerät mit so vorsintflutlicher Waffentechnik (konventionelle Kanonen!) ausgerüstet worden sein soll.

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