Buffer overflow! oder: Das Lob des Biedermeiers

Mein erster richtiger PC war ein gebrauchter 3/86er, den ich Anfang der 1990er Jahre von meinem besten Freund geschenkt bekommen habe. Gut, vorher hatte ich einen Commodore 64, aber das zählt ja nun nicht wirklich. Das war ein nettes Ding. Vom ersten Druck auf den On-Knopf, bis Windows (Version 3.11!) hochgefahren war, konnte man zwei, drei Tässchen Kaffee trinken und den Tag erstmal ruhig starten lassen.

Manchmal hätte man das Ding aber am liebsten an die Wand gedübelt. Und zwar dann, wenn man ewig lange an einem Dokument herumgedoktert hat, eine letzte Änderung vornehmen wollte und dann die Meldung kam, dass der Speicherplatz nicht ausreichte. Natürlich hatte man vorher nicht gespeichert, denn das Speichern ging ja hauptsächlich auf Diskette und dauerte ebenfalls ewig. Dann schaltete man das Ding aus, wartete so zwei, drei Stunden und fing nochmal von vorne an.

Damals, in meiner Sturm und Drang-Zeit, regte mich das auf ohne Ende. Heute, gerade nach den letzten beiden Jahren, verstehe ich den alten 3/86er ganz gut. Manchmal muss man abschalten, bevor man überschnappt. Mir, geht das heute nämlich auch so. Ja, ich fühle mich wie mein guter alter 3/86, dessen Arbeitsspeicher einfach vollkommen überfüllt ist und im Gegenzug der Empathie-Speicher einfach vollkommen geleert ist.

Es ist aber auch eine Hysterie in der Welt. Konnte man früher die auf einen einprasselnden Nachrichten noch gut einschätzen, fängt ja heute die unterste Stufe schon mit Code Red, Alarmsirenen und Blinklichtern an und das meistens nur wegen irgendeines Popelkrams. Was diese Berufsalarmisten nicht begreifen ist, dass es ihnen (und ich glaube, dass das nicht mal so lange mehr dauern wird) so geht wie dem Jungen, der dauernd „Wolf“ schrie. Irgendwann hat es ihm niemand geglaubt und der Wolf hat ihn gefressen. Oder so.

Nein, es ist nicht gut, wenn alle Nachrichten gleich auf höchster Priorität laufen. Die WM in Katar: ALARM! Die Revolution im Iran: ALARM! Der Krieg in der Ukraine: ALARM! Corona: ALARM! Krise im Gesundheitswesen: ALARM! Klimawandel: ALARM! Micaela Schäfer ist vollständig bekleidet: ALARM!

Und über den Rest, der Informationen und Katastrophen, die auf einen einprasseln, Belange der Arbeit und Familie beispielsweise, sind da ja auch noch nicht mal dabei, kommen aber auch noch mit oben drauf.

Ich für meinen Teil merke im Moment, dass ich meine Psychohygiene massiv vernachlässigt habe und dass ich das jetzt mit einem übervollen Speicher bezahle. Und wisst ihr, was ich jetzt mache? Ich entziehe mich diesem Alarmismus.

In Zukunft werde ich es so machen wie der Herr Biedermeier, dem schon sein Wohnzimmer zu groß war und der sich am liebsten nur für den Radius seines Ohrensessels interessierte. Das heißt, ich höre auf Nachrichten zu konsumieren und werde mich nur noch mit Dingen beschäftigen, die mich interessieren und die mir gut tun und darüber werde ich auch weiter schreiben. Also Medizingeschichte, Aufklärung über Alternativschwurbeleimistdreck, die Situation im Gesundheitswesen oder Verschwörungstheorien.

So leid es mir tut, die anderen Protagonisten des Weltgeschehens müssen einfach lernen, ohne meine Aufmerksamkeit auszukommen. Auch wenn es ihnen anscheinend schwerfällt.

Und bevor sich jetzt jemand echauffiert, ich könnte das doch nicht machen, ich müsste doch informiert bleiben: Nö, ich muss nicht informiert bleiben und Jo, kann ich machen. Das ist auch kein Aufruf an euch da draußen, es mir gleich zu tun. Das ist es absolut nicht. Ich mache prinzipiell niemand vorschriften, jeder kann sein Leben so gestalten, wie er möchte und ich verlange, dass mir dies auch zugestanden wird. Der Weg des Biedermeiers tut mir gut, euren Weg müsst ihr aber selber finden.

2 Gedanken zu “Buffer overflow! oder: Das Lob des Biedermeiers

  1. Mein treues MacBook Pro, Brad MacCloud vom Clan der MacCloud, hat einen simplen Tipp parat. Wird bald verraten: #folge28 #Agentursatire #comingsoon. Vielen Dank für den Biedermeier-Ratschlag – auch ein sehr guter Weg!

  2. Ich finde ja auch, dass man die vielen Nachrichten sowieso nicht in angemesseener Qualität wahrnehmen kann. Welchen Informationsgehalt hat denn eine Schlagzeile?
    Denn eigentlich werden wir nur mehr von tausenden Schlagzeilen zugemüllt und in Wahrheit hat keiner von uns die Zeit, sich hinzusetzen und die dazugehörigen Artikel aufmerksam zu lesen.
    Darum verfahre ich ebenfalls ähnlich.
    Ich lese nur das, was mich wirklich interessiert, aber dafür aufmerksam. Den Rest ignoriere ich so gut wie geht…

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