Das Märchen von der Prinzessin auf der Erbse kennt ihr bestimmt noch. Oder auch nicht. Ich gebe lieber nochmal eine Übersicht: Prinz will heiraten, König sagt ja, aber es muss eine Prinzessin sein. Schnitt. Eine dunkle, regnerische Nacht. Junge Frau am Tor. Behauptet eine Prinzessin zu sein. Wird eingelassen. Um ihre Behauptung zu überprüfen legt die Königin eine Erbse unter einen großen Stapel Matratzen und Decken. Am nächsten Morgen beschwerte sich das undankbare Balg, weil sie wegen der Erbse schlecht geschlafen hätte. Daraufhin weiß die Königin, dass es sich um eine echte Prinzessin gehandelt hat, denn ein normaler Bauerntrampel aus dem Pöbel hätte das nie bemerkt. Jedenfalls darf der Prinz die Prinzessin heiraten. Mei, wird der eine Freude gehabt haben, wenn sich das Mädel schon wegen so einer Dreckserbse so aufführt. Aber gut. Das war jedenfalls das Märchen.
Das Märchen von der „Prinzessin auf der Erbse“ hat der Philosoph Odo Marquard auch als Namensgeber für ein Phänomen genommen, das offensichtlich in den letzten Jahren immer stärker zunimmt: das „Gesetz der zunehmenden Penetranz der negativen Reste“. Marquard definiert dies so: Wo Fortschritte … wirklich erfolgreich sind und Übel wirklich abschaffen, da wecken sie selten Begeisterung. Sie werden vielmehr selbstverständlich, und die Aufmerksamkeit konzentriert sich dann ganz und gar auf jene Übel, die übrigbleiben. Da wirkt das Gesetz der zunehmenden Penetranz der Reste: … Wer – fortschrittsbedingt – unter immer weniger zu leiden hat, leidet unter diesem Wenigen immer mehr. (https://www.lean-agility.de/2018/11/gesetz-der-penetranz-der-negativen-reste.html)
Schauen wir uns doch einmal den – vermeintlichen – Zustand der Welt an: es geht rapide bergab und die Zustände verschlechtern sich dramatisch. Überall Rassisten, Sexisten, überall Flüchtlinge, Gutmenschen, überall Umweltzerstörung, Verschmutzung, überall Armut, Siechtum, Überlastung, Stress, Burn-out. Doch die apokalyptische Bestandsaufnahme trügt. In sehr vielen Bereichen haben wir so große Fortschritte erzielt, dass sich Sorgen, Ärger und Wut nun an Problemchen entfachen, die zuvor quasi unterhalb der Wahrnehmungsschwelle lagen. Dummerweise verändert sich das Entrüstungs- und Empörungsniveau nicht, der Schaum vor dem Mund bleibt der gleiche.
Besondere Wucht kann die Penetranz der negativen Reste in politischen Auseinandersetzungen entfalten, die moralisch aufgeladen sind. Zum Beispiel in der Flüchtlingsdebatte: Die Zahlen der Schutz suchenden Neuankömmlinge mögen sinken – die Erregung im rechten Spektrum lässt dadurch aber nicht nach, im Gegenteil. Das Gleiche gibt es im linken Spektrum der Politik: Der Erregungsgrad der Feminismus-Debatte legt vordergründig den Schluss nahe, dass es in den westlichen Gesellschaften noch nie so schlecht um Frauenrechte und Gleichberechtigung gestanden hat wie gegenwärtig. [… ] In Sachen Gleichberechtigung hat sich so viel zum Guten entwickelt, dass zunehmend auch kleine Vergehen als sexistisch oder frauenfeindlich interpretiert und geächtet werden. (https://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-das-problem-der-geloesten-probleme-1.4034658)
Marquard verwendet diese Metapher also, um darauf hinzuweisen, wie moderne Gesellschaften zunehmend empfindlicher und anspruchsvoller werden. Ähnlich wie die Prinzessin, die auf einer einzigen Erbse empfindlich reagiert, entwickeln Menschen in modernen Gesellschaften oft eine erhöhte Sensibilität gegenüber kleinen Unannehmlichkeiten, Frustrationen oder Unvollkommenheiten.
Dieser Vergleich beinhaltet oft eine Kritik an der Überempfindlichkeit und dem Anspruchsdenken vieler Menschen in der modernen Welt. Marquard argumentiert, dass diese zunehmende Sensibilität dazu führen kann, dass Menschen übermäßig reaktiv auf alltägliche Herausforderungen reagieren und Schwierigkeiten nicht angemessen bewältigen können.
In gewisser Weise kann Marquards Vergleich als Aufruf zur Besonnenheit und zur Entwicklung einer robusten psychischen Verfassung verstanden werden, um die Anforderungen des modernen Lebens besser zu bewältigen und nicht bei jeder kleinen Unannehmlichkeit oder Enttäuschung übermäßig empfindlich zu reagieren.
Marquard ist dabei mit seiner Sicht nicht alleine, es gibt weitere Philosophen, die ähnliche Positionen zur Überempfindlichkeit oder zum Anspruchsdenken in der modernen Gesellschaft vertreten. Einige dieser Denker argumentieren ebenfalls, dass eine übermäßige Sensibilität gegenüber kleinen Unannehmlichkeiten oder Herausforderungen negative Auswirkungen auf das individuelle Wohlbefinden und die Gesellschaft insgesamt haben kann. Hier sind einige Beispiele:
Alain de Botton
Der schweizerisch-britische Philosoph Alain de Botton hat in seinen Werken, wie zum Beispiel „Status Anxiety“ und „The Consolations of Philosophy“, über die modernen kulturellen Bedingungen geschrieben, die zu erhöhtem Stress und Unzufriedenheit führen können. Er argumentiert, dass unsere Gesellschaft oft unrealistische Erwartungen und Ansprüche an uns stellt, was zu einem gesteigerten Gefühl von Druck und Unzufriedenheit führt.
„Status Anxiety“ (Die Angst vor dem Status)
In diesem Buch untersucht Alain de Botton die weit verbreitete Angst vor sozialem Status und Prestige. Er analysiert, wie Menschen sich mit anderen vergleichen und oft ihr eigenes Glück und Selbstwertgefühl davon abhängig machen, wie sie in der Gesellschaft dastehen. De Botton zeigt auf, wie die modernen Gesellschaften oft einen übermäßigen Wert auf äußere Zeichen des Erfolgs legen, wie Reichtum, Ansehen und beruflicher Status, und wie diese Vorstellungen zu einem Gefühl der Unzufriedenheit und Angst führen können, wenn man das Gefühl hat, nicht mithalten zu können. Er schlägt vor, dass eine Veränderung der Denkweise und eine Rückbesinnung auf innere Werte und persönliche Interessen helfen können, die Angst vor dem Status zu überwinden und ein erfüllteres Leben zu führen.
„The Consolations of Philosophy“ (Trost in der Philosophie)
Hier beschäftigt sich Alain de Botton mit der philosophischen Tradition und wie sie uns helfen kann, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. Er betrachtet verschiedene philosophische Konzepte und Ideen, die uns trösten und inspirieren können, wenn wir mit Schwierigkeiten konfrontiert sind. De Botton präsentiert die Denkweisen und Lehren bedeutender Philosophen wie Sokrates, Seneca, Montaigne, Schopenhauer und Nietzsche und zeigt auf, wie ihre Ideen uns helfen können, mit Themen wie Unglück, Liebe, Einsamkeit und Unsicherheit umzugehen. Das Buch bietet eine Einführung in die Philosophie und wie sie als Quelle des Trostes und der Inspiration dienen kann, um uns in schwierigen Zeiten zu unterstützen.
In beiden Büchern verknüpft Alain de Botton philosophische Ideen mit alltäglichen Erfahrungen und bietet Einsichten und Anregungen, wie wir ein erfüllteres und zufriedeneres Leben führen können.
Robert Hughes
Der australische Kunstkritiker und Autor Robert Hughes prägte den Begriff der „Culture of Complaint“ (Kultur der Beschwerde), in der er die Tendenz der modernen Gesellschaft beschreibt, sich übermäßig über vermeintliche Ungerechtigkeiten zu beschweren und eine Opferhaltung anzunehmen. Er argumentiert, dass diese Kultur der Beschwerde dazu beiträgt, dass Menschen sich zu sehr auf ihre eigenen Probleme konzentrieren und das größere Bild aus den Augen verlieren.
Er war besorgt über die wachsende Tendenz, individuelle und gruppenbezogene Beschwerden über verschiedene soziale, politische oder kulturelle Themen zu betonen, anstatt sich auf konstruktive Lösungen oder größere gesellschaftliche Fragen zu konzentrieren. Er sah die Kultur der Beschwerde als eine Form der Selbstabsorption an, bei der Menschen sich zu sehr auf ihre eigenen Belange konzentrieren und weniger bereit sind, sich für das Gemeinwohl oder größere gesellschaftliche Ziele einzusetzen.
In seinem Buch „The Culture of Complaint“ analysierte Hughes verschiedene Aspekte dieser Kultur der Beschwerde, einschließlich des Einflusses der Medien, der Politik und der Populärkultur. Er argumentierte, dass die Kultur der Beschwerde dazu beiträgt, eine negative Einstellung zu fördern, die es den Menschen schwermacht, konstruktiv mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen und sich für positive Veränderungen einzusetzen.
Hughes‘ Konzept der Kultur der Beschwerde regt dazu an, die Art und Weise zu überdenken, wie wir als Gesellschaft mit Konflikten und Ungerechtigkeiten umgehen. Er betonte die Notwendigkeit, eine ausgewogenere und konstruktivere Herangehensweise an diese Probleme zu finden, die es den Menschen ermöglicht, sich nicht nur auf ihre eigenen Beschwerden zu konzentrieren, sondern auch Verantwortung für das größere Gemeinwohl zu übernehmen.
Jean Twenge
Die amerikanische Psychologin Jean Twenge hat in ihren Arbeiten, wie zum Beispiel „Generation Me“ und „The Narcissism Epidemic“, über die zunehmende Tendenz der modernen Gesellschaft zur Selbstbezogenheit und Selbstverherrlichung geschrieben. Sie argumentiert, dass soziale Medien und eine kulturübergreifende Betonung von Selbstwertgefühl und individueller Erfüllung dazu beitragen, dass Menschen immer mehr auf ihre eigenen Bedürfnisse fixiert sind und weniger in der Lage sind, sich in andere einzufühlen oder sich mit größeren gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen.
Twenge und Campbell argumentieren, dass Narzissmus und Selbstbezogenheit zu einem „Epidemie“-ähnlichen Phänomen in der modernen Kultur geworden sind. Sie verwenden den Begriff „Epidemie“, um auf die weit verbreitete Verbreitung dieser Charakterzüge hinzuweisen, insbesondere unter jungen Menschen. Das Buch untersucht verschiedene Aspekte des Narzissmus und der Selbstbezogenheit, darunter:
Selbstwertgefühl und Selbstverherrlichung – Twenge und Campbell argumentieren, dass moderne Gesellschaften zunehmend eine Kultur fördern, die Selbstwertgefühl und Selbstverherrlichung übermäßig betont. Dies wird durch Phänomene wie soziale Medien verstärkt, die es den Menschen ermöglichen, sich ständig selbst darzustellen und nach Bestätigung zu suchen.
Materialismus und Konsumismus – Die Autoren diskutieren auch den Zusammenhang zwischen Narzissmus und Materialismus. Sie argumentieren, dass viele Menschen dazu neigen, ihren Selbstwert über den Besitz von materiellen Gütern zu definieren, was zu einem verstärkten Streben nach Konsum und Oberflächlichkeit führt.
Beziehungen und zwischenmenschliche Dynamiken – Twenge und Campbell untersuchen auch die Auswirkungen des Narzissmus auf zwischenmenschliche Beziehungen. Sie argumentieren, dass narzisstische Tendenzen oft zu Problemen wie mangelnder Empathie, Manipulation und oberflächlichen Beziehungen führen können.
Auswirkungen auf die Gesellschaft – Schließlich diskutieren die Autoren die breiteren Auswirkungen des Narzissmus auf die Gesellschaft als Ganzes. Sie argumentieren, dass ein übermäßiges Maß an Narzissmus negative Konsequenzen für die Gesellschaft haben kann, indem es zu einem Mangel an Solidarität, sozialer Verantwortung und Zusammenhalt führt.
Insgesamt bietet „The Narcissism Epidemic“ einen kritischen Blick auf die kulturellen Trends und sozialen Dynamiken, die zum Anstieg des Narzissmus in der modernen westlichen Gesellschaft beigetragen haben. Es regt dazu an, diese Trends zu hinterfragen und alternative Wege zur Förderung einer gesünderen und ausgewogeneren Kultur der Selbstwahrnehmung und zwischenmenschlichen Beziehungen zu erkunden.
Alexis de Tocqueville
Tocqueville argumentierte, dass der Abbau sozialer Ungleichheiten paradoxerweise zu mehr Streit über noch bestehende Ungerechtigkeiten führen kann. Dies basiert auf seiner Beobachtung, dass Demokratien bestrebt sind, soziale Ungleichheiten abzubauen und eine größere Gleichheit unter den Bürgern zu schaffen.
Wenn jedoch bestimmte Formen von Ungleichheit beseitigt werden, werden diejenigen, die immer noch benachteiligt sind, im Vergleich zu anderen, in gewisser Weise sichtbarer. Mit anderen Worten, je mehr die Gesellschaft Fortschritte macht, um Ungleichheiten abzubauen, desto stärker werden die verbleibenden Unterschiede wahrgenommen und desto lauter werden die Forderungen nach Gerechtigkeit von denjenigen, die weiterhin benachteiligt sind.
Dies führt zu einem paradoxen Ergebnis: Obwohl die Demokratie bestrebt ist, Ungleichheiten abzubauen und Gerechtigkeit zu fördern, kann dieser Prozess dazu führen, dass die Wahrnehmung von Ungerechtigkeiten zunimmt und Streit über die verbleibenden Ungleichheiten verstärkt wird.
Tocqueville befürchtet, dass dies zu sozialer Unruhe führen kann, da diejenigen, die sich benachteiligt fühlen, vermehrt auf ihre Ungleichheiten aufmerksam machen und möglicherweise Maßnahmen fordern, um ihre Situation zu verbessern. Dies unterstreicht die Komplexität sozialer Veränderungen in Demokratien und die Notwendigkeit, neben dem Abbau von Ungleichheiten auch die sozialen und politischen Auswirkungen dieser Veränderungen zu berücksichtigen.
Fazit
Wir befinden uns in einer der freiesten Zeiten überhaupt, gerade in den westlichen Staaten. Und wer jetzt schon wieder zu einem Lamento wie ein altäthiopisches Klageweib ansetzen möchte, dem sage ich: lass es bleiben. Man kann öffentlich dagegen demonstrieren, dass man ja gar nichts mehr sagen darf. Man kann auch öffentlich dafür demonstrieren, die Bundesrepublik abzuschaffen und ein islamistisches Kalifat zu errichten. Man kann auch öffentlich behaupten, dass Angela Merkel regelmäßig vor dem Pergamom-Altar auf der Berliner Museumsinsel kleine Kinder irgendwelchen Dämonen opfert oder dass sie gemeinsam mit Frank-Walter Steinmeier Kinderblut aka Adrenochrom trinkt. Ist alles behauptet worden, während der Querdenker-Demos. Man kann auch die Bundesrepublik ablehnen und einen eigenen Phantasiestaat gründen. So lange man keine Straftaten begeht, ist alles fein.
Auch hat man heute die meisten Rechte. Als der Onkel geboren wurde, da wurde man noch mit 21 volljährig, Frauen durften nicht ohne die Erlaubnis ihres Mannes arbeiten gehen und selbst dann nur, wenn es “mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar” war. Erst ab 1969 war eine verheiratete Frau voll geschäftsfähig. Bei Scheidungen galt noch das Schuldprinzip und erst 1977 gab es keine gesetzlichen Regelungen mehr zur Aufgabenaufteilung in der Familie und einen Versorgungsausgleich im Falle einer Scheidung. Bis 1976 wurde auch immer der Name des Mannes als Familienname übernommen. Also in der Bundesrepublik, in der Ostzone war man da schon weiter, aber da war auch nicht alles Gold, was glänzte.
Also ja, wir befinden uns in einer der freiesten Zeiten überhaupt und dennoch klingt es, als hätte der alte weiße CIS-Mann die Hölle auf Erden geschaffen.
Der australische Psychologe Nick Haslam von der Universität Melbourne hat das Phänomen in einem Überblicksartikel im Fachblatt Psychological Inquiry auch auf Bemühungen bezogen, Rassismus einzudämmen. An amerikanischen Universitäten sei dieser noch stärker geächtet als anderswo im Land und (wie anderswo auch) über die Jahrzehnte wesentlich zurückgedrängt worden. Weil nun aber ambivalente Situationen im Sinne der Penetranz der negativen Reste negativ bewertet würden, sei an den Universitäten – sehr grob zusammengefasst – das Konzept der sogenannten Mikroaggressionen etabliert worden. Nur wenn offener Rassismus verschwunden ist, kann die Frage an einen dunkelhäutigen Menschen, woher er denn stamme, als rassistisch bewertet werden. Eine Konzeptausweitung: Geht Gewalt zurück, gelten nun zuvor harmlose Umstände als aggressiv und gewalttätig.
Dabei ist in vielen Fällen eben das genaue Gegenteil der Fall: Die Empörung ist so groß, weil sich die Dinge so gut geschüttelt haben. Moderne Gesellschaften haben enormen Fortschritt in der Lösung zahlreicher Probleme erreicht. Armut, Analphabetismus, Gewalt und Kindersterblichkeit sind stark zurückgegangen – und trotzdem glauben die meisten Menschen, dass sich die Welt zum Schlechteren entwickelt. Eine Quelle dieser trüben Sicht liegt wohl in der beschriebenen Penetranz der negativen Reste. Ob sich das lindern lässt? Kaum, aber vielleicht hilft es, den Fokus mehr auf den großen Berg des Erreichten zu richten, als auf den Maulwurfshügel des noch zu erledigenden.
Bildnachweis Portrait Hughes: By Unknown – [1], Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=75789655
Bildnachweis Portrait de Botton: Von Fronteiras do Pensamento – https://www.flickr.com/photos/61838152@N06/6433460213, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51560717
(Bevor jemand meckert: Von Jean Twenge habe ich nur die beiden Titelcover genommen, weil ich keine gemeinfreien Fotos von ihr gefunden habe.)





Danke!
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Sehr aufschlussreich, vielen Dank!
Dazu fällt mir folgendes Buchkapitel Die Tücken des normativen Fortschritts ein:
Der Historiker Reinhart Koselleck kolportiert in einem Aufsatz folgende Geschichte, die sich im späten 19. Jahrhundert in einer ländlichen Gegend im Süden des heutigen Niedersachsen zugetragen haben soll: Kinder durften dort traditionell nicht am elterlichen Tisch essen, sondern mussten die Mahlzeit im Stehen einnehmen. Am Tag ihrer Konfirmation bekamen sie eine Ohrfeige, anschließend behandelte man sie aber wie Erwachsene, und sie konnten sich zu den Eltern setzen. Eines Tages freilich durfte der jüngste Sohn auch dort Platz nehmen – ohne Konfirmation und ohne Ohrfeige. Auf die erstaunte Nachfrage seiner Frau, was das denn solle, antwortete der Vater, das komme vom Fortschritt. Dass es Fortschritte gab, war deutlich sichtbar. Warum und wie genau, war dem Vater allerdings nicht klar. [1]
Auch Nachtwey und Amlinger beziehen sich auf Tocqueville und kommen zu der Hypothese, dass diese heute als selbstverständlich geltenden Freiheiten zu individueller Kränkung führen können:
Noch nie waren Angehörige der oberen bis mittleren Soziallagen so frei – und gerade darum wächst die Wahrnehmung individueller Freiheitsdefizite. (ebd.)
Im privaten Umfeld merke ich komischerweise auch, dass das Jammern umso größer ausfällt, je mehr die „betroffenen“ auf der hohen Kante haben…
[1] Amlinger, Carolin; Nachtwey, Oliver: Gekränkte Freiheit: Aspekte des libertären Autoritarismus. 2022. Originalausgabe, Suhrkamp. Berlin. ISBN: 978-3-518-43071-2
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