Meine Damen und Herren,
es gibt Stunden in der Geschichte, in denen das Schweigen gefährlicher ist als die Lüge.
In denen nicht die Gewalt, sondern die Gleichgültigkeit die Freiheit bedroht.
Wir leben in einer Zeit, in der vieles laut geworden ist – und doch das Wesentliche zu leise: die Stimme der Vernunft, der Verantwortung, des gemeinsamen Denkens.
Freiheit, so heißt es, sei selbstverständlich.
Aber nichts ist trügerischer als die Selbstverständlichkeit der Freiheit.
Denn was selbstverständlich wird, verliert seine Wurzeln – und was seine Wurzeln verliert, wird vom ersten Sturm hinweggefegt.
Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist kein Erbstück, das man bewahrt wie ein altes Gemälde hinter Glas.
Sie ist ein Versprechen, das täglich eingelöst werden muss – durch jeden von uns.
Sie lebt nicht von der Macht der Gesetze allein, sondern von der Treue der Menschen zu dem Gedanken, dass niemand über dem anderen steht, und niemand unter den anderen fallen darf.
Demokratie ist kein bequemes System.
Sie ist ein Wagnis.
Sie ist die Zumutung, dass Menschen sich selbst regieren können – mit Vernunft, mit Streit, mit Mut.
Wo dieses Wagnis endet, beginnt die Dunkelheit der Entmündigung.
Denn Tyrannei ist nichts anderes als das Ende des Gesprächs.
Darum: Hüten wir uns vor der Versuchung der Einfachheit!
Vor denen, die mit schnellen Antworten kommen, wenn die Fragen kompliziert werden.
Vor jenen, die Freiheit rufen und Unterwerfung meinen.
Vor jenen, die im Namen des Volkes sprechen – aber das Volk zum Schweigen bringen wollen.
Unsere Grundordnung ist kein Bollwerk, sie ist eine Bühne.
Eine Bühne, auf der wir uns begegnen können – als Verschiedene, nicht als Gleiche.
Freiheit bedeutet, das Aushalten des Anderen.
Sie bedeutet, dass Wahrheit nicht befohlen, sondern gesucht wird.
Und sie bedeutet, dass niemand von uns jemals aufhören darf, zu denken, zu zweifeln, zu sprechen.
Wir verteidigen mit dieser Ordnung nicht den Staat um seiner selbst willen.
Wir verteidigen das Recht des Menschen, in Würde zu handeln – und Verantwortung zu tragen.
Wir verteidigen das Recht, Nein zu sagen, wenn Unrecht geschieht.
Wir verteidigen das Recht, Fragen zu stellen, auch wenn die Antworten unbequem sind.
Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist der Ausdruck des Vertrauens,
dass wir mehr sind als bloße Zuschauer unserer Geschichte.
Dass wir nicht warten müssen, bis andere sie schreiben.
Dass wir selbst – jede und jeder – Teil ihrer lebendigen Schrift sind.
Darum rufe ich:
Verteidigt sie – nicht mit Parolen, sondern mit Haltung!
Verteidigt sie – nicht mit Misstrauen, sondern mit Mut!
Verteidigt sie – in den Parlamenten, auf den Straßen, in den Schulen, in den Gesprächen des Alltags!
Denn die Freiheit stirbt nicht auf einmal.
Sie stirbt in Etappen –
in jedem Spott über die Schwachen,
in jedem Schweigen, wenn Unrecht geschieht,
in jeder Bequemlichkeit, die sagt: „Das geht mich nichts an.“
Aber auch das Gegenteil gilt:
Sie lebt in jedem Widerspruch,
in jeder ausgestreckten Hand,
in jedem Gedanken, der sich dem Zwang verweigert.
Meine Damen und Herren:
Die Würde des Menschen ist nicht bloß der erste Satz unseres Grundgesetzes.
Sie ist der Atem, den unsere Demokratie braucht, um lebendig zu bleiben.
Bewahren wir ihn – nicht aus Angst vor dem Verlust,
sondern aus Liebe zur Freiheit.
Jede/er muss damit beginnen die universelle, unteilbare, absolute Menschenwürde, am Ort, da wo sie/er lebt, als das höchste Prinzip einhalten und mit Wort und Tat zu verteidigen wissen.
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