Der Mensch ist älter als gedacht!

Das kennt ihr sicher auch, ihr steht früh auf und fühlt euch doppelt so alt, wie ihr seid. So geht es dem Menschen als Spezies auch. Die Spezies steht da, kratzt sich und denkt „Alter Verwalter, 200.000 Jahre? Das kann doch gar nicht sein… Ich fühl mich mindestens doppelt so alt!“ Und Recht hat sie, die Spezies, die sich kratzt. Gut, nicht doppelt so alt, aber auf jeden Fall älter als angenommen sind wir. Das haben die Forscher des Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie in Leipzig nachgewiesen und ihre Forschungen im Magazin „Nature“ vorgestellt. Nur eines haben sie nicht herausgefunden: wo sich die Spezies gekratzt hat, aber das ist eine andere Geschichte.

Es war eine Gruppe von Wissenschaftler um den Franzosen Prof. Dr. Jean-Jacques Hublin, die den „Beginn der modernen Menschen“ um ganze 100.000 Jahre nach hinten verlegen konnten. Die Knochenfunde, durch die dies belegt werden konnte, stammen aus der Grabungsstätte Jebel Irhoud in Marokko, gut 100 Kilometer nordwestlich von Marrakesch.

In der untersten der insgesamt sieben Fundschichten wurden 22 verschiedene Knochen von fünf Menschen gefunden, die von Daniel Richter, dem Datierungsexperten, mehrfach überprüft wurden. Besonders hilfreich war hier die Thermolumineszenzmethode, die hier angewendet werden konnte. Durch diese Methode kann der Zeitraum des Zerfalls der natürlichen radioaktiven Elemente seit deren Erhitzen bestimmt werden.

Die Schädelfragmente wurden auch mittels der Computertomografie untersucht und hierbei kam heraus, dass die Gesichter der damaligen Menschen bereits voll ausgeprägt waren. Solche Gesichter würden heute auf der Straße nicht auffallen. Allerdings war der Hinterkopf deutlich länger. „Das bedeutet, dass sich die Form der Gesichtsknochen bereits zu Beginn der Evolution unserer Art entwickelt hat“ erläuterte Philipp Gunz in einem Interview mit MDR Kultur.(1)

Auch Chris Stringer und Julia Galway-Witham vom Natural History Museum in London stimmten mit den Leipziger Forschern überein, dass die Knochenfunde aus Jebel Irhoud „nun die am besten datierten Beweise für eine frühe ‚vormoderne‘ Phase in der Evolution des Homo sapiens darstellen.

Das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig wurde 1997 gegründet und zählt zu den weltweit führenden Forschungseinrichtungen auf diesem Bereich.

„Einer der Hauptgründe ist die gleichberechtigte Forschung, bei der ein Chef nicht seine eigene Sicht durchdrückt. Er wird eher als Filter gesehen. Bei den Mitarbeitern reifen verschiedene Forschungsideen, die sie frei entwickeln können. Der Chef filtert draus dann die originellsten heraus. So entsteht ein Mikroklima, das die Forscher beflügelt und auch zu unerwarteten Lösungsansätzen bringt. Allenthalben ist daher im Institut Begeisterung und Leidenschaft spürbar.“ (2)

Das Institut hat insgesamt fünf Abteilungen:
Evolutionäre Genetik (Leiter Svante Pääbo)
Humanevolution (Leiter Jean-Jacques Hublin)
Primatologie (Leiter Christophe Boesch)
Vergleichende Entwicklungspsychologie (Leiter Michael Tomasello)
Verhalten, Ökologie und Kultur des Menschen (Leiter Richard McElreath)

Bis Ende Mai 2015 gab es noch eine Abteilung Linguistik, die von Bernard Comrie geleitet wurde. Nachdem dieser emeritiert wurde, wurde diese Abteilung aber geschlossen.

Geschäftsführender Direktor ist Svante Pääbo und das Institut hatte Ende 2016 439 Mitarbeiter.

Schade ist, dass ein Institut mit einem derartigen internationalen Renommee in seinem Heimatland relativ wenig beachtet wird, während es im Ausland höchstes Ansehen genießt. „Als ich in Amerika gearbeitet habe, haben sogar regionale Zeitungen über die Ergebnisse aus Leipzig berichtet. Es ist ein wirklich international bekanntes Institut. Es ist aufregend, hier dabei zu sein!“ führt Dr. Jeff Smith aus. (2)

MDR Kultur hat ein hoch interessantes Special zu diesem Thema gesendet. Die einzelnen Beiträge findet ihr hier in der Mediathek:

Die sensationelle Entdeckung eines Schädels in Marokko

Die Suche nach unseren Wurzeln geht weiter

Das Erfolgsrezept der Leipziger Anthropologen

Max-Planck-Institutsdirektor Svante Pääbo im Gespräch

(1) http://www.mdr.de/wissen/menschheit-aelter-100.html Abgerufen am 21. September 2017.
(2) http://www.mdr.de/kultur/themen/zwanzig-jahre-max-planck-institut-leipzig-100.html Abgerufen am 21. September 2017.

Beitragsbild: Von Human_evolution_scheme.svg: M. Gardederivative work: Gerbil (talk) – Human_evolution_scheme.svg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8858092