Gelesen: Grams, Natalie: Gesundheit! Ein Buch nicht ohne Nebenwirkungen

Natalie Grams wurde durch ihr erstes Buch „Homöopathie neu gedacht“ deutschlandweit bekannt. Grams war selbst jahrelang und äußerst erfolgreich als Homöopathin tätig, kehrte der Homöopathie aber den Rücken und ist heute als Wissenschaftskommunikatorin tätig. Eine ausführliche Rezension zu dem Band findet ihr hier und hier könnt ihr es kaufen, wenn das noch nicht passiert sein sollte.

Nun erschien im Springer Wissenschaftsverlag ihr zweites Buch „Gesundheit! – Ein Buch nicht ohne Nebenwirkungen“. Die Veröffentlichung erfolgt zunächst als eBook, während die Druckausgabe für Mitte/Ende Oktober angekündigt ist.

Natalie Grams wirft in ihrem zweiten Buch einen interessanten Blick auf die Medizin unserer Tage und erläutert in gut verständlichen Worten wissenschaftliche und besonders medizinische Grundlagen. So zeigt sie bereits im ersten Kapitel den Unterschied zwischen Wissenschaft, dem Erfahrungswissen und Pseudowissenschaft auf. Hier geht sie unter anderem darauf ein, warum wir uns selbst bei Krankheiten nicht so ganz trauen können und erklärt Begriffe wie die „Regression zur Mitte“, den „Placeboeffekt“ oder den „confirmation bias“.

Besonders das Aufzeigen der rhetorischen Tricks und Kniffe von pseudowissenschaftlichen Anbietern ist für uns als Verbraucher hoch interessant, wird doch aufgezeigt, mit welch einem ausgeklügelten System hier versucht wird, dem Patienten das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Den größten Teil des Kapitels zur evidenzbasierten Medizin nehmen klinische Studien ein, was für medizinische Laien besonders interessant ist, kennen doch viele die genauen Abläufe und Rahmenbedingungen für klinische Studien nicht.

Darauf folgt die Darstellung der verschiedensten „alternativ“medizinischen Verfahren und die Autorin nimmt sich auch wieder der typischen Argumentation in dieser Szene an. Und wer kennt sie nicht? Von „ganzheitlich“, „feinstofflich oder es wird von  „Energie“ und  „Informationen“ geschwurbelt. Grams nimmt sich anschließend die am bekanntesten „alternativen“ Methoden wie Akupunktur, Homöopathie, Schüßler-Salze, Bachblüten, Osteopathie oder Spagyrik vor und erläutert sie ausführlich.

Zwei Themenbereiche sind hier besonders wichtig. Einmal die „Gefährlichen Auswüchse“ wie „Germanische Neue Medizin, Virenleugnung und MMS“ und dann das weite Feld der Impfmythen und die Gefahr in dieser Debatte.

Aber auch auf die richtige Medizin wirft Natalie Grams im Kapitel „Der Patient als Kunde oder Wird mit meiner Krankheit nur Geld verdient?“ einen kritischen Blick, beispielsweise auf das Solidarprinzip und die Unterschiede GKV/PKV oder die Individuellen Gesundheitsleistungen (bekannt als IGeL).

Fundiert wird auch die Frage, warum Medikamente Nebenwirkungen haben und wie absurd die Angst vor chemischen Medikamenten ist beleuchtet. Hieran schließt sich ein Kapitel zu Selbstheilungskräften und dem Placeboeffekt an. Hierin zeigt Natalie Grams sehr schön auf, was unser Körper selbst alles schon leistet und warum deshalb beispielsweise die vielen Detox-Angebote unnötig sind. Genauso geht sie auf den Placeboeffekt bei Kindern und Tieren sowie dem Problem von Kausalität und Korrelation ein.

In ihrem letzten Kapitel zieht Natalie Grams nun ihr Resümee, fasst noch einmal alles zusammen und zeigt auf, wo beispielsweise bei Krankenkassen, Heilpraktikern oder Ärzten angesetzt werden könnte, um unser Gesundheitssystem grundlegend zu reformieren.

Natalie Grams hat mit ihrem neuen Buch einen Rundumschlag zur Medizin vorgelegt, den jeder interessierte Patient lesen müsste. Sie zeigt nicht nur auf, welcher Mumpitz hinter so mancher „alternativmedizinischen“ Therapie steckt, sondern auch, wie ausgeklügelt Geschäftemacher  verzweifelten Menschen das Geld aus der Tasche ziehen.

Dabei bleibt Grams immer ausgewogen und fängt nicht an zu polemisieren. Im Gegenteil. Sie zeigt auf, weist hin, erklärt, aber macht nie lächerlich oder „haut drauf“, wie es bei solchen Themen (von beiden Seiten) immer wieder passiert.

Ihr Stil ist angenehm unaufgeregt und man merkt dem Buch an, dass es nicht nur aus der Warte einer Ärztin geschrieben ist, sondern auch als Mutter und „ganz normaler Patient“. Ich denke, dass gerade das den großen Charme dieses Buches ausmacht. Man hat keinen verstaubten Professor vor sich stehen, der referiert, sondern eine sympathische Autorin, die mit beiden Beinen im Leben steht und aus diesem Blickwinkel schreibt.

Das vorliegende Buch von Natalie Grams ist ein wichtiger und wertvoller Beitrag nicht nur zur Debatte um die „Alternativ“medizin, sondern für die Neuausrichtung unseres angeschlagenen Gesundheitssystems.

Grams, Natalie: Gesundheit! Ein Buch nicht ohne Nebenwirkungen. Springer, 2017.
ISBN 978-3-662-54799-1
eBook (EPUB, PDF) 14,99 €
Hardcover + eBook 19,99 €

4 Gedanken zu “Gelesen: Grams, Natalie: Gesundheit! Ein Buch nicht ohne Nebenwirkungen

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