Sprechen wir über Impfgegner

Die Impfleugnung ist so alt wie die Impfungen selbst. Bereits als Edward Jenner sein neues Verfahren in England publik machte, fiel man über ihn her. Das „Problem“ damals war, dass der Impfstoff aus Kuhpocken bestand. Das war natürlich ganz schlimm. Eine Gruppe glaubte, dass man hiervon selbst zur Kuh mutieren würde, eine andere Gruppe glaubte, dass durch die Impfung ihre „unsterbliche Seele“ abgetötet werden würde. Um beide Gruppen bildeten sich dann noch Ansammlungen von Mitläufern, die lautstark und unreflektiert weiterquakten, was ihnen ihre Apologeten vorbeteten.

In Deutschland erschien 1876 die Zeitschrift „Der Impfgegner, der später in „Reichsdeutscher Impfgegner“ umbenannt wurde, 1908 gründete sich ein „Verein impfgegnerischer Ärzte“. Die Nazis wiederum nutzten das Impfgegnertum für ihre antisemitische Propaganda. Sie stützten sich hierbei auf den Rassisten und Antisemiten Eugen Dühring, der in seinem 1881 erschienenen Machwerk „Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage“ (S. 19) schrieb: Der ärztliche Beruf ist wohl unter allen gelehrten Geschäftszweigen nächst dem der Literaten am stärksten von Juden besetzt. Die künstliche Beschaffung einer Menge von Nachfragen nach ärztlichen Diensten ist ein Gesichtspunkt, dessen Bethätigung immer ungenirter geworden ist. Socialökonomisch betrachtet, also auch von dem Impfaberglauben selbst abgesehen, ist der Impfzwang immer ein Mittel, durch welches dem ärztlichen Gewerbe eine unfreiwillige Kundschaft zugeführt wird. So etwas ist mehr als Monopol; es ist ein Zwangs- und Bannrecht und weniger unschuldig als die mittelalterlichen, die sich doch nur auf so etwas wie Brauen und Mahlen, aber doch nicht bis in unser Blut hinein erstreckten.

Hierauf bauten die Nationalsozialisten ihre Propaganda auf, die vor allem durch das Hetzblatt „Der Stürmer“ weit verbreitet wurden, was zu einer weiten Verbreitung in der Bevölkerung führte.

Aber was sind denn nun die Kritikpunkte an den Impfungen? Es gibt viele verschiedene Gründe, warum Menschen Impfungen ablehnen. Da ist einmal die Gruppe, die einfach die Wirkung der Impfungen leugnet. Da sind alle möglichen Faktoren die Auslöser dafür, dass eine Epidemie verschwindet. Ganz vorne dabei sind hier die „verbesserten hygienischen Zustände“, die Krankheiten ausrotten oder die „bessere Ernährung“. Wahrscheinlich kommt irgendwann auch nochmal besseres Schuhwerk als Argument. Man weiß es nicht.

Dann sind Langzeitfolgen immer ein großes Thema bei Impfungen. Man weiß ja nicht, ob man in fünf Jahren nicht Krebs oder sonst irgendwelchen Krankheiten von der Impfung bekommt. Es kann natürlich gut sein, dass man fünf Jahre nach der Impfung Krebs bekommt, ob es hier aber einen kausalen Zusammenhang gibt, wird man sicherlich schwer nachweisen können.

Thematisch nahe ist hier natürlich auch die Angst vor Impfschäden. Natürlich gibt es Impfschäden, diese Fälle sind auch recht gut dokumentiert. Allerdings werden von den Impfleugnern die abstrusesten Erkrankungen als Spätfolgen von Impfungen propagiert. Krebs, Asthma, Autismus, AIDS, Trisomie 21 und wat weiß ich noch. Sogar Charaktermerkmale wie ein Hang zur Kriminalität soll auf Impfungen zurückgehen. Die Heilpraktikerin Zita Schwyter aus Toggenburg erfand eine ganze „Impfkrankheit“, die zu Masturbation und Hirntumoren führen soll. Vielleicht masturbieren auch die Tumore, ausschließen kann man nichts.

An dieser Stelle muss ich natürlich auch auf Andrew Wakefield zu sprechen kommen. Wakefield war einmal Arzt und forschte selbst auf dem Gebiet der Impfstoffe. Er reichte in der Lancet, eine Studie ein, nachdem Kinder nach dem Erhalt einer Mumps-Masern-Rötel-Mehrfachimpfung an Autismus „erkrankten“. Später kam heraus, dass Wakefield fast 500.000 britische Pfund von einem Anwalt erhalten hatte, der die Eltern autistischer Kinder vertrat. Zudem hatte er noch einen weiteren wirtschaftlichen Interessenkonflikt: So meldete er vor Publikation seiner Studie drei Patente an, darunter eines, bei dem er von der Abschaffung der Mehrfachimpfung gegen MMR persönlich profitiert hätte. Die Studie wurde zurückgezogen, Wakefield verlor seine Approbation und tingelt jetzt als alternativmedizinischer Apologet durch die USA. Was bleibt ist die Lüge, dass Impfungen Autismus verursachen. Und diese hat sich fest in den Köpfen einiger Gruppen eingebrannt.

Viele Impfleugner lehnen die Injektion auch wegen angeblich ungeklärter zusätzlicher Inhaltsstoffe wie Wirkverstärker oder Konservierungsstoffe ab. Hier sind Thiomersal, Squalen oder Aluminium die Schlagworte. Dies verursachen natürlich auch Krebs (drunter geht es ja eh nicht), Masturbation oder Autismus.

Ein Dauerbrenner ist natürlich auch das Schlagwort von „Big Pharma“, sprich, ein Konglomerat von gesichtslosen, geldgierigen Pharmafirmen will uns arme Menschen mit Impfung krank und kränker machen, um dann sowohl an der Impfung wie an der Behandlung der Folgeschäden Geld zu verdienen. Diese Verschwörungstheorie geht fast ausschließlich mit antisemitischen Entgleisungen einher, sind es doch angeblich meist Juden, denen die Pharmafirmen gehören sollen.

Dazu gibt es noch weltanschauliche Gründe, weswegen Impfungen abgelehnt werden, haben Impfleugner doch oft einen Hang zu Esoterik, Alternativmedizin oder Spiritualität. So befürchtete die anglikanische Kirche bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Verlust der „unsterblichen Seele“ im Falle einer Pockenschutzimpfung. Auch die anthroposophischen Kreise lehnen Impfungen ab. Sie gehen davon aus, dass das Durchleben einer Krankheit ein Entwicklungsschub für Kinder ist und somit dem Kinde eher hilft als schadet. So verwundert es nicht, dass Waldorfschulen immer wieder im Zusammenhang von Masernepidemien stehen. Zu solchen Ansichten tragen oft übertriebene Angst vor Impfschäden, Misstrauen gegenüber staatlichen Einrichtungen, gegenüber den Pharmaunternehmen und gegenüber der Medizin im Allgemeinen sowie Unwissenheit und irreführende Medienberichte bei.

Auch Orthodoxe jedweder Konfession lehnen oftmals Impfungen ab. Für sie stellen Krankheiten göttliche Prüfungen dar, die sie mit genügend Gottvertrauen, Gebeten und ähnlichem überstehen.

Die Zurückhaltung gegenüber Impfungen lässt sich bei Befragungen weitgehend auf fünf Einstellungen und Auffassungen zurückführen, die auch „Die 5C“ genannt werden:

Confidence: mangelndes Vertrauen in die Wirksamkeit oder Sicherheit von Impfungen
Complacency: als niedrig wahrgenommenes Risiko, durch die Infektion schwer zu erkranken Constraints: Einschränkungen wie Stress oder Zeitnot, die Impfungen im Alltag entgegenstehen Calculation: eigene Versuche, sich Informationen zu beschaffen, die aber zu Falschinformationen führten
Collective responsibility: geringe Bereitschaft, sich zum Schutz Dritter impfen zu lassen

Impfleugner sind nur eine kleine Gruppe der Bevölkerung. Leider sind sie nicht nur hoch manipulativ, sondern auch noch recht lautstark. Besondere Verbreitung finden sie im Internet, in den sozialen Medien aber auch in eigenen Foren.

Zum Thema der Manipulation finden wir bei PSIRAM ein schönes Beispiel: Im Internet sind Impfgegner (in der Mehrzahl Laien) mit impfkritischer oder impfgegnerischer Propaganda und Argumentation überproportional stark präsent. Insbesondere werden Verschwörungstheorien und kaum oder gar nicht nachprüfbare Gerüchte über Impfrisiken verbreitet. So war auf vielen Webseiten zu lesen, dass in Indien innerhalb eines Tages vier Mädchen gestorben seien, nachdem sie HPVImpfungen erhalten hatten. Verschwiegen wird dabei allerdings, dass zwei Mädchen durch Verkehrsunfälle ums Leben kamen, eine an einem Schlangenbiss starb und die vierte in einen Schacht fiel und den erlittenen Verletzungen erlag.

Man muss es einfach deutlich sagen: Früher gab es in jedem Ort einen Dorftrottel. Damit kamen wir zurecht. Aber seit es das Internet gibt, vernetzen die sich und bilden Zusammenkünfte.

Es ist für mich faszinierend, wie ein kleines Grüppchen von um die 3-4% der Bevölkerung so lautstark agieren kann, dass sie immer wieder Beachtung, bspw. in den Medien, finden.

Hiergegen anzugehen sind wir alle gefragt. Es kann doch nicht sein, dass so ein kleiner Haufen von Hanswurschten uns alle am Nasenring durch die Arena zieht. Also mein Aufruf an alle da draußen: Aufklären! Aufklären! Aufklären!

Ein Gedanke zu “Sprechen wir über Impfgegner

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