Wie es zur Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft kam

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts begann in den USA ein Boom, der sich schon bald auf die Alte Welt ausbreitete – der Spiritismus.

Alles begann damit, dass die Familie Fox sich ein Haus in Hydesville, New York, kaufte und auch noch darin lebte. Hierbei wurden sie von verschiedenen Klopfgeräuschen gestört, die ihrer Meinung nach von dem Geist eines ermordeten und im Keller begrabenen Hausierers kamen. Die beiden Töchter der Familie, Margaret und Kate Fox, „kommunizierten“ mit dem Geist über Klopfzeichen. War natürlich Kappes, von vorne bis hinten Betrug, das gab Margaret Fox gut 40 Jahre später selbst zu. Aber die beiden Schwestern machten gutes Geld mit öffentlichen Auftritten, Seancen, und was weiß ich nicht noch alles.

Geisterbeschwörungen und ähnlichen Kokolores gab es natürlich schon früher, aber erst die durch die Fox-Schwestern ausgelöste Spiritismus-Welle wurde dermaßen Öffentlichkeitswirksam, dass sie erst zu einem landes- und später länderweiten Phänomen wurde. Denn schon bald fanden sich spiritistische Zirkel auch in Europa, vor allem in Frankreich und England. Gerade in England, mit seiner langen Liste von Hausgeistern fand der Spiritismus fruchtbare Weiden vor. Sogar Charles Dickens und später Sir Arthur Conan Doyle wandten sich dem Spiritismus zu und wurden beide Mitglieder des „Ghost Clubs“, der parapsychologische Phänomene untersuchte. In Deutschland war es vor allem der Physiker Karl Friedrich Zöllner, der gemeinsam mit seinem Medium Henry Slade den Spiritismus bekannt und salonfähig machte.

Der Spiritismus war aber auch quasi der Urschlamm, aus dem eine weitere bekannte Strömung des Okkultismus hervorkroch: die Theosophie.

Das Wort Theosophie (von griechisch θεοσοφία theosophía „Göttliche Weisheit“) ist eine Sammelbezeichnung für mystisch-religiöse und spekulativ-naturphilosophische Denkansätze, die die Welt pantheistisch als Entwicklung Gottes auffasst, alles Wissen direkt auf Gott bezieht und in dieser Verbindung Gott oder das Göttliche auf einem Weg intuitiver Schauung unmittelbar zu erfahren trachtet sagt die Wikipedia. Diese Theosophie ist allerdings nicht gemeint.

Gemeint ist eine krude, von der Okkultistin Helena Petrovna Blavatsky erfundene Mischung aus fernöstlichen und westlichen Lehren, gewürzt mit etwas Pseudowissenschaft. In der Vorstellung Blavatskys ist der Mensch eine „zusammengesetzte Wesenheit“, die aus
– dem physischen Vehikel
– dem Astralkörper
– dem Prama
– dem Kama
– dem Manas
– der Buddhi und
– dem Atman besteht.

Auch die Reinkarnations- und die Karmalehre sind Bestandteile der Theosophie genauso wie die Vorstellung von sieben „Wurzelrassen“, die von der Menschheit in einer Art Evolution durchlaufen werden müssen, um zum Schluss wieder zu reinen Geistwesen zu werden.

Annie Besant, die die Nachfolgerin der Blavatsky wurde, spendierte den Wurzelrassen dann noch jeweils eigene „Weltlehrer“. Bei den Indern wäre das Ihrer Meinung nach Buddha gewesen, bei den Ägyptern Hermes Trismegistos, bei den Persern Zoroaster, die Kelten bekamen Orpheus und die Teutonen Jesus verpasst. Während Frau Blavatsky allerdings davon ausging und prophezeite, dass der nächste Weltenlehrer erst zum Ende des 20. Jahrhunderts auftauchen würde, ging Besant davon aus, dass er in Gestalt des Inders Jiddu Krishnamurti bereits leben und in Südkalifornien die Transformation zur sechsten Wurzelrasse vorbereiten würde.

Die Grundlagen der Blavatsky’schen Theosophie sind ihre Bücher „Isis entschleiert“ (manchmal auch verlegt als „Die entschleierte Isis“) und „Die Geheimlehre“ mit den drei Teilbänden „Kosmogenesis“, „Anthropogenesis“ und „Esoterik“ sowie einem Indexband.

1875 gründeten Helena Petrovna Blavatsky und Henry Steel Olcott zuerst den „Miracle Club“, in dem sie spiritistische Phänomene erforschen wollten. Aus diesem Club wurde dann am 17. November 1875 die Theosophische Gesellschaft gegründet. Der Präsident wurde Herr Olcott, der William Quan Judge Justiziar und Frau Blavatsky die korrespondierende Sekretärin des Vereins.

Die Gesellschaft hat sich drei Hauptziele gegeben:

1. die Einheit allen Lebens als eine Tatsache der Natur aufzuzeigen und einen Kern einer universalen Bruderschaft zu bilden

2. durch das Studium alter und moderner Religionen, Wissenschaften und Philosophien ein besseres Verständnis unter allen Völkern und die Erkenntnis der essenziellen Einheit allen Lebens zu fördern

3. die spirituellen, psychologischen und materiellen Gesetze und Kräfte, die im Kosmos und im Menschen wirken, zu erforschen. (1)

Und in der Präambel ihrer Satzung heißt es: Was auch immer die persönliche Ansicht der Mitglieder sei hat unsere Gesellschaft keine allgemeingültigen Dogmen, keine Glaubensbekenntnisse, die sie zu verbreiten gedenkt. Sie ist nicht Schisma des Spiritismus noch Gegner oder Verbündeter einer, wie auch immer gearteten, sektenähnlichen oder philosophischen Bewegung. Ihr einziger Grundsatz ist die Omnipotenz der Wahrheit, ihr einziges Glaubensbekenntnis deren Entdeckung und Verbreitung. (1)

Allerdings dümpelte die Gesellschaft in den nächsten Jahren mehr so vor sich hin. Erst als Frau Blavatsky ihr Buch „Isis entschleiert“ veröffentlichte, und dies vom Publikum äußerst kontrovers und damit öffentlichkeitswirksam diskutiert wurde, nahm das Interesse an der Theosophischen Gesellschaft zu. So gründete sich 1877 die erste offizielle Loge der Gesellschaft in London. Zwei Jahre später folgte eine Loge in Mumbai und 1882 eine in Rochester (US-Bundesstaat New York).

Aber auch inhaltlich erfolgte eine Neuausrichtung, indem sich Blavatsky und Olcott (und damit die Theosophische Gesellschaft an sich) dem Neohinduismus zuwandten. Sie gingen sogar soweit, nach Indien auszuwandern. So wurde 1882 in Adyar (heute ein Stadtteil von Chennai im indischen Bundesstaat Tamil Nadur) das neue Zentrum der Gesellschaft errichtet, das bis heute noch besteht. Die Theosophie wurde angereichert mit fernöstlichen Okkultismus, wie dem Tantrismus, dem Kundalini-Yoga oder Raja-Yoga.

Als der Journalist Percy Sinnett auf der Basis von Briefen geheimer Meister, den Mahatmabriefen, das Buch Esoteric Buddhism (Geheimbuddhismus) veröffentlichte und darauf beharrte, dass es das Fundament der Theosophie bilde, kam es zu massiven Auseinandersetzungen, weil alle Theosophen wussten, dass er quasi als Sprachrohr Blavatskys fungierte. 1884 lösten ehemalige Bedienstete Blavatskys, das Ehepaar Coulomb, die Coulomb-Affäre aus, als sie behaupteten, Blavatsky habe die Meisterbriefe selbst geschrieben. Die erneut dem Vorwurf spiritistischen Betrugs ausgesetzte Blavatsky war ohne Macht und Einfluss in den eigenen Reihen nicht mehr zu halten und verließ Indien im Frühjahr 1885 für immer. Olcott blieb als Präsident in Indien und leitete die TG faktisch allein. Im Dezember 1885 erschien der Hodgson Report, der zu dem Ergebnis kam, dass Blavatsky eine Betrügerin und Fälscherin sei, was einen Mitgliederschwund auslöste. (1)

Weiterhin spaltete sich die Theosophische Gesellschaft auf. Daraufhin verließ Frau Blavatsky Indien und Herr Olcott leitete die Gesellschaft alleine. In London veröffentlichte sie dann ihr zweites, insgesamt dreibändiges Werk, „Die Geheimlehre – Die Vereinigung von Wissenschaft, Religion und Philosophie“.

Mittlerweile hatten sich auch in Deutschland Logen und Gesellschaften gegründet, die aber allesamt recht kurzlebig waren. Genannt werden kann hier die „Theosophische Sozietät Germania“ in Elberfeld, die „Theosophische Vereinigung“ oder der „Esoterische Kreis“. Die erste etwas langlebigere Gründung – immerhin gut acht Jahre – erfolgte 1894 in Berlin mit der „Deutschen Theosophischen Gesellschaft“ durch Wilhelm Hübbe-Schleiden im Beisein von Herrn Olcott. In diesen Jahren wurden in ganz Deutschland zahlreiche, zum Teil untereinander konkurrierende theosophische Gruppen gegründet, meist mit unterschiedlichen Zielen, jedoch berief sich jede Gruppe darauf, im Besitz der „wahren“ und „richtigen“ Theosophie zu sein. Hübbe-Schleiden selbst nahm am 25. August 1901 an einem Theosophischen Kongress zur Vereinigung aller unterschiedlichen Gruppierungen in Deutschland teil. Es konnte jedoch keine Einigung erzielt werden. Daraufhin gründeten die Mitglieder der D.T.G., zusammen mit mehreren gleichgesinnten theosophischen Gruppen am 19. Oktober 1902 eine eigene Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft. In dieser wurde die D.T.G. integriert und erlosch somit als eigenständige Organisation. (2)

Und diese Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft ist nun recht interessant, hatte sie doch einen noch heute bekannten Generalsekretär: Rudolf Steiner.

Man muss aber dazu sagen, dass Steiner von der Theosophie nicht so richtig angetan war, als er das erste Mal vom Grafen Cay von Brockdorff für einen Vortrag über Nietzsche in die Theosophische Bibliothek eingeladen wurde. Gut, Steiner war Nietzsche-Kenner und so wurde der Vortrag so gut rezipiert, dass sich zahlreiche weitere anschlossen. Bald schon hielt Steiner auch bei anderen theosophischen Gruppen Vorträge und konnte auch gut von den Honoraren leben.

Was Steiner gegen die Theosophie einnahm, war die Zersplitterung in die verschiedenen Gruppen. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er: Aber ein großer Teil der Mitglieder waren fanatische Anhänger einzelner Häupter der Theosophischen Gesellschaft. Sie schworen auf die Dogmen, die von diesen stark im sektiererischen Sinn wirkenden Häuptern ausgegeben waren. Mich stieß dieses Wirken der Theosophischen Gesellschaft durch die Trivialität und den Dilettantismus, die darinnen steckten, ab. (3)

Aber trotzdem freundete er sich mit Wilhelm Hübbe-Schleiden an, der die Vereinigung der theosophischen Gesellschaften in Deutschland vorantrieb. Als diese Gründung nun in greifbare Zukunft gerückt war, gab es nur noch Unstimmigkeiten über die Position des Generalsekretärs und so wurde Rudolf Steiner zum Verlegenheitskandidaten, mit dem alle Beteiligten leben konnten. Schlussendlich erfolgte die Gründung der „Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft“ am 19. Oktober 1902 in Berlin.

Schon bald zog sich Steiner aber den Unmut der Mitglieder zu. Er vernachlässigte seine „amtliche“ Korrespondenz und beschäftigte sich nur mit seinen Vorträgen und der neu gegründeten Vereins-Zeitschrift „Luzifer“. Auch wich Steiner mehr und mehr von der offiziellen Lehrmeinung ab und auch seine Vorträge wurden immer verschwurbelter. So schrieb Hübbe-Schleiden einem anderen Mitglied: Das lange Kapitel über die Weltenentwicklung und die Entwicklung des Menschen ist eine Lecture, bei der man glaube ich alle seine Sünden abbüsst. Wenn einem diese Dinge von Steiner mit seiner pathetischen Predigerstimme vorgetragen werden, dann glaubt man, man verstehe sie. Wenn man sie aber Schwarz auf Weiss vor sich hat und soll nun diesem abstrusen Gedankengang folgen, dann packt einen nach kurzer Zeit eine wilde Verzweiflung.(2)

Steiners Auslegung der Theosophie – die er damals erstmals als „Anthroposophie“ bezeichnete – hielt Hübbe-Schleiden für einen Rückfall ins Mittelalter. Er bemängelt, daß Steiner kritiklose Schüler wünscht und erzeugt, daß man, um ihm zu folgen, das sacrificium intellectus erbringen müsse.

Das letztendliche Zerwürfnis zwischen Steiner und den Theosophen lag darin, dass in seiner Auslegung das von ihm so genannte „Mysterium von Golgatha“, also der Kreuzestod und die Auferstehung Jesu, einen immer größeren Raum einnahm. Steiner war also klar christlich orientiert. Auf der anderen Seite stand die Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft Annie Besant, die im jungen Inder Krishnamurti die Manifestation eines neuen „Weltlehrers“ sah und für ihn die körperliche Reinkarnation des „Christus-Maitreya“ beanspruchte. Hiermit konnte Steiner auf keinen Fall mitgehen, war doch seiner Meinung nach eine Wiederkehr Christi nur auf der astralen, nicht aber auf der körperlichen Ebene möglich.

Da sich beide Seiten auf ihre okkulte Autorität beriefen, mußte letztendlich auch im okkulten Bereich der Fehler liegen, mit anderen Worten: entweder logen die «Meister», oder die geistige Schau zumindest einer der Kontrahenten war eine Täuschung. Aber zu diesen eher theoretischen Problemen gesellten sich natürlich recht weltliche. Schon die Ereignisse beim Tod von Olcott – die Unterhaltungen mit den «Meistern» -, welche schließlich im Jahr 1907 zur Wahl von Besant zur Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft führten, wurden von Steiner mit Mißtrauen betrachtet und als absurd bezeichnet. (2)

Ein weiterer Streitpunkt zwischen Steiner und der Präsidentin Besant war die Gründung des „Order of the Star in the East“, dem Sternorden. Hierbei handelte es sich um eine Unterstützergruppe um Jiddu Krishnamurti als neuen Weltlehrer zu installieren. Steiner erklärte zuerst, dass ihm diese Gründung zwar nicht gefiel, er aber nicht dagegen vorgehen wolle. Dann kam aber die „Affäre Vollrath“. Hugo Vollrath, ein hochrangiges Mitglied der Gesellschaft, wurde von Rudolf Steiner aus der deutschen Sektion ausgeschlossen. Annie Besant selbst ließ ihn aber nicht nur in der internationalen Hauptgesellschaft bleiben, sondern ernannte ihn auch noch zum organisatorischen Sekretär des damals neuen Sternordens.

Gegen den Willen von Hübbe-Schleiden, der die Leitung des Sternordens auf Bitten von Besant übernommen hatte , steuerte Vollrath mehr und mehr auf eine Konfrontation mit Steiner zu, was die Abneigung Steiners gegen Sternorden natürlich verstärkte. Vollrath versuchte wieder Mitglied in der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft zu werden und erhob deswegen massive Vorwürfe gegen Steiner. Da dies das Zerwürfnis der deutschen Sektion mit dem Sternorden nur beschleunigen konnte, versuchte Hübbe-Schleiden Vollrath los zu werden: auf sein Drängen hin, entzog Besant am 16. November 1911 Vollrath das Amt eines organisatorischen Sekretärs des Sternordens. Der Vorstand der deutschen Sektion lehnte auf der Generalversammlung im Dezember 1911 die Wiederaufnahme Vollraths ab. (2)

Trotzdem wetterte Steiner gegen die Zentralgesellschaft in Indien, so erklärte er, dass zukünftig „er bestimme, was geschieht und nicht Adyar.“ Der Bruch, der sich hier abzeichnete, fußte also nicht alleine auf okkulten Meinungsverschiedenheiten. Steiner versuchte vielmehr seine Position unangreifbar zu machen. Schon auf der VII. Generalversammlung der Deutschen Sektion am 26. Oktober 1908 in Berlin hatte er im Gegensatz zu den allgemeinen Statuten beschließen lassen, daß Vorstandsmitglieder der Sektion, die 7 Jahre dieses Amt bekleideten, bis zu ihrem Tode unabsetzbar sein sollten. In den kritischen Jahre 1911 und 1912 legte Steiner nun die Deutsche Sektion ganz offen auf seine Lehrauffassung fest und schloß jeden aus der Sektion aus und verweigerte jedem die Aufnahme, der dieser nicht zustimmte. Eine Ursache der Trennung scheint also auch darin zu liegen, daß Steiner zwischen seiner Lehrauffassung und seiner Tätigkeit als Generalsekretär der Deutschen Sektion nicht mehr unterschied. (4)

Am 16. Dezember 1911 wurde daraufhin ein „Bund für anthroposophische Arbeit“ gegründet und ab August 1912 wurde dort über die Gründung einer „Anthroposophischen Gesellschaft“ beraten. Während einer Vorstandssitzung der Deutschen Sektion ließ Steiner dann alle Mitglieder, die auch Anhänger des Sternorden waren, ausschließen. Dies war ein eklatanter Verstoß gegen die Statuten der Zentralgesellschaft und sorgte unter den loyal zu Adyar stehenden Mitgliedern natürlich für Aufregung. Darüber hinaus forderten die Anhänger Steiners die Absetzung der Präsidentin Annie Besant, was von deren Seite am 14. Januar 1913 die Forderung nach einer Stellungnahme von Steiner hervorrief. Die von dessen Anhängern dominierte Generalversammlung stellte sich am 2. Februar 1913 hinter ihren Generalsekretär und die Vorwürfe gegen die Präsidentin nicht zurücknehmen werde. Nur einen Tag später fand die erste Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft statt, was den Bruch mit der Theosophischen Gesellschaft manifestierte. Der Entzug der Zulassung durch die Zentralgesellschaft gegenüber der Deutschen Sektion und die damit verbundene Absetzung Steiners als Generalsekretär am 7. März 1913 war nur noch makulatur.

Gut 2.400 Mitglieder, also etwa 90% der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft wechselten zur neuen Anthroposophischen Gesellschaft über. Steiner behielt auch die Bibliothek der Theosophen, die er als Generalsekretär verwaltet hatte. Annie Besant erteilte Wilhelm Hübbe-Schleiden die Zulassung, eine neue Sektion in Deutschland zu Gründen. Dies tat er auch mit dem verbliebenen Rest der Mitglieder – etwa 320 Personen.

Fassen wir zusammen, Steiner wollte seine christlich-zentrierte Sicht der Theosophie durchsetzen; eine Sicht, die dem zentralen, religionsneutralen Ansatz der Gesellschaft vollkommen widersprach und von dieser nicht hingenommen werden kann. Die Ausrufung des neuen Weltlehrers war dann nur noch der Auslöser dieses Konfliktes. Aber nicht nur der okkulte Disput um die Ausrufung Krishnamurtis war Auslöser der Trennung, sondern auch persönliche Eitelkeit. Rudolf Steiner hatte Ambitionen, Nachfolger von Annie Besant als Präsident der Zentralgesellschaft zu werden. Diese Hoffnungen konnte er mit Krishnamurti als Weltlehrer natürlich begraben.

Sowohl Steiner wie auch Besant waren dominante Persönlichkeiten, die ihre Ziele rigoros verfolgten und nach Macht und Einfluss strebten. Es ist sicher richtig, daß in der Literatur der Streit dieser beiden Persönlichkeiten hauptsächlich auf religiösem Terrain ausgefochten wurde; aber natürlich ging es um ganz handfeste Dinge: Macht und. Einfluß innerhalb der Gesellschaft. Daher beklagt Besant auch weniger Steiners Überzeugungen, als seine Amtsführung: Offensichtlich ließ er nur noch Logen gründen und nahm nur noch solche Mitglieder neu auf, die seiner eigenen Auffassung nicht widersprachen – aber andererseits: was hätte er sonst tun sollen, wollte er nicht seinen Einfluß verlieren? Und zu einer Vermittlung, wie sie Hübbe-Schleiden in seinen Erklärungen zu Krishnamurti immer wieder versuchte, ist es nicht gekommen. (2)

Beitragsbild: Annie Besant und Rudolf Steiner im Jahr 1907

(1) Wikipedia
(2) Rudolf Steiner, die Theosophische Gesellschaft und die Gründung der Anthropsophischen Gesellschaft. Manuskript, 2013.
(3) Steiner Rudolf: Mein Lebensgang. Dornach, 1912.
(4) Klatt, Norbert: Theosophie und Anthroposophie. Göttingen, 1993.

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