Mythos Neuschwabenland – Teil 4: Verschwörungstheorien 1

Bisher haben wir uns mit den historischen Realitäten der Schwabenland-Expedition bzw. der Operation Highjump beschäftigt, kommen wir nun zu den Verschwörungstheorien, die um dieses Gebiet in Umlauf sind. Und das sind derer viele. Bei der Auflistung hier versuche ich eine gewisse chronologische Reihenfolge einzuhalten, soweit dies möglich ist. Also, fangen wir mal an…

Verschwörungstheorie Nr. 1

Sie ist wohl die bekannteste Verschwörungstheorie und lautet, dass die Schwabenland-Expedition den Grundstein zu einer im und unter dem Eis gelegenen Geheimbasis mit U-Boot-Hafen (40 U-Boote sollen Platz haben), mit Werkstätten, Laboratorien, Flughangar und und und gelegt hätte, der während des Krieges zum „Antarktisstützpunkt 211“ ausgebaut worden sei. Die dazugehörende Stadt sei „Neu Berchtesgaden“. Dorthin seien Adolf Hitler, seine Frau Eva, sein Sekretär Martin Bormann und zahlreiche weitere hochrangige Nazis am Ende des Zweiten Weltkrieges geflohen und hätten dort gelebt.

Nun, diese Erzählung ist relativ einfach zu widerlegen. Wir müssen uns vor Augen halten, dass jede Schraube, jedes Fitzelchen Stahl, jede Kelle Mörtel von Deutschland per Schiff nach Neuschwabenland gebracht werden. Man muss sich mal die reinen Massen an Material vor Augen halten, die hier über mehr als 9.000 Seemeilen verschifft hätten werden müssen. 9.000 Seemeilen voller englischer und amerikanischer Schiffe und U-Boote, die nur auf Konvois warteten und diese auch recht erfolgreich versenkten oder aufbrachten.

Auch wenn das Dritte Reich zu Beginn des Zweiten Weltkrieges siegreich war, Baumaterial und Treibstoff waren knapp und es gab auf dem europäischen Kriegsschauplatz dringendere Wehrbauten zu errichten. Der „Westwall“ in etwa konnte nur durch die Plünderung französischer Ressourcen und Arbeitskräfte errichtet werden. Arbeitskräfte sind ja auch so ein Thema, stellen wir uns einmal vor, wie viele Maurer, Elektriker, Verputzer, Glaser, Estrichleger oder Klempner es benötigt, eine solche Anlage zu bauen. Und das im Krieg? Wo jeder Mann an der Front oder in der Wehrwirtschaft gebraucht wird? Das kann ich mir so nicht vorstellen.

Natürlich hätte das Deutsche Reich die Materialien bspw. in Argentinien, Brasilien oder Chile kaufen können, von der Südspitze Südamerikas ist es ja nur ein Katzensprung zur Antarktis und die dortigen Regierungen standen dem nationalsozialistischen Deutschland äußerst wohlwollend gegenüber. Nur so wohlwollend, dass sie Baumaterial verschenken, waren sie nun doch nicht. Denn bezahlen hätte Deutschland nicht können, seine Devisenbestände waren so gut wie aufgebraucht und für Reichsmark hätten sie noch nicht mal eine Packung Kaugummizigaretten bekommen.

Zwar ankerten immer wieder deutsche Schiffe oder U-Boote vor der Eisküste Neuschwabenlands, aber doch nicht in so großer Zahl, als dass sie sämtliches Material hätten herankarren können. U-Boote wären wegen des begrenzten Stauraums eh weggefallen und bspw. die Walfangflotte hatte auch andere Aufgaben, als Mörtel und Stahl durch die Gegend zu schippern.

Siegfried Sauter, Luftfotograf der Schwabenland-Expedition und dadurch guter Kenner der dortigen Geographie sagte übrigens in einem Interview: Es ist unmöglich, Bunker unter dem Eis zu bauen, auch keine U-Boot-Bunker. Das Material müsste mit Schiffen nach Neu-Schwabenland gebracht worden sein. Mit normalen Frachtschiffen ohne Spezialausrüstung war das überhaupt nicht möglich, es wären Eisbrecher notwendig gewesen. Die Schiffe stoßen zunächst auf Schelfeis, dann auf Randeis, das bis zu hundert Meter hoch ist, oft noch höher. Das Eis schiebt sich im antarktischen Winter nach außen und bricht dann nach einiger Zeit ab. Einen Bunker in das Eis oder unter das Eis zu bauen, ist technisch unmöglich, denn das Eis bewegt sich und treibt nach außen. U-Boote könnten da überhaupt nicht hineinfahren! Die enorme Ausdehnung des südlichen Winterpackeises hätte also deutsche U-Boote daran gehindert, die Küste von Dronning Maud Land zu erreichen. Außerdem gibt es keinen Kanal, durch den U-Boote in die Berge von Dronning Maud Land hätten eindringen können.

Wir sehen also, dass die Errichtung einer solchen Basis schon rein aus logistischen Gründen nicht hätte verwirklicht werden können, jedenfalls nicht in Kriegszeiten.

Verschwörungstheorie Nr. 2

1944 sollen bis an die Zähne bewaffnete britische Soldaten der Spezialgruppe „SAS“ unter dem Namen „Operation Tabarin“ einen Angriff gegen die Neuschwabenland-Basis geführt haben und heldenhaft von den Eis-Nazis zurückgeschlagen worden sein.

Diese Behauptung ist, nunja, leicht übertrieben. Also erstmal der wahre Kern darin: es gab eine Operation Tabarin, die zwischen 1943 und 1946 durchgeführt wurde. Ihr Zweck war es, britische Gebietsansprüche auf die Falklandinseln zu festigen, da kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Argentinien und Chile ebenfalls Besitzansprüche gemeldet hatten. Deshalb wurde die Expedition auch als geheim klassifiziert. Durchgeführt wurde sie von der britischen Admiralität im Auftrag des Colonial Office.

Nach intensiven Planungen verließ die Expedition im November 1943 Großbritannien unter der Leitung von Lieutenant-Commander James Marr. Anfang 1944 wurden dann zwei Stützpunkte, auf Deception Island und in Port Lockroy auf Wiencke Island angelegt. Später folgte dann noch ein dritter in der Hope Bay.

Waren das dann die gut eintausend bis an die Zähne bewaffneten SAS-Spezialkämpfer? Und waren die Stützpunkte mit der damals neuesten Waffentechnologie ausgerüstet?

Nun… jetzt vielleicht eher nicht… Es waren vierzehn Personen, Hauptsächlich Wissenschaftler, die die Besatzung der Stützpunkte bildete. Sicher hatten sie die eine oder andere Flinte dabei, um mal einen Pinguin zu schießen, aber sonst…

Hier ein Bild der bis an die Zähne bewaffneten Kämpfer:

Und hier ein Bild der High-Tech-Militärbasis, die errichtet wurde.

Auch wurden sie von niemanden vertrieben, sondern blieben – in wechselnder Besatzung – bis Februar 1946 in ihren Stützpunkten. Und auch da wurden sie von niemanden vertrieben, sondern von Personal des „Falkland Islands Dependencies Survey“ abgelöst.

Und außerdem muss man noch dazu sagen, dass das Aktionsgebiet der Operation Tabarin gut 3.000 Kilometer in Luftlinie von Neuschwabenland entfernt war. Das deutsche oder norwegische Territorium östlich von ihnen interessierte die Briten nicht die Bohne.

Verschwörungstheorie Nr. 3.1

Adolf Hitler, Eva Braun, Martin Borman und andere Nazigrößen entkamen per U-Boot und flohen in einem Konvoi auf die Basis Neuschwabenland. Teil dieses Konvois waren die U-Boote U-530 und U-977, die im Juli bzw. August 1945 im Hafen der argentinischen Stadt Mar del Plata auftauchten und deren Mannschaft sich dort den Behörden stellte, um der Kriegsgefangenschaft zu entgehen.

Verschwörungstheorie Nr. 3.2

Adolf Hitler starb in Berlin und U-530 bzw. der U-Boot Konvoi brachte seine Asche und andere Nazi-Schätze nach Neuschwabenland.

Nun, auch an diesen beiden Verschwörungstheorien haben einen wahren Kern. Es gab die beiden U-Boote und beide sind erst im Sommer 1945 in Argentinien aufgetaucht, weil sie die Kriegsgefangenschaft umgehen wollten. Tatsächlich wurden beide Mannschaften erstmal interniert und die Offiziere nicht nur durch argentinische Militärs, sondern auch durch us-amerikanische und britische, verhört. Durch einen Hinweis der Sowjets nahm die Frage, ob hochrangige Nazis an Bord der U-Boote gewesen seien großen Raum ein. Allerdings konnte dies definitiv ausgeschlossen werden. Auch hätte ein Abstecher nach Neuschwabenland absolut nicht mit den restlichen Tankfüllungen übereingestimmt. Der Kommandant der U-977, Heinz Schaeffer, verfasste einen detaillierten Fahrtbericht, der 1950 unter dem Titel „U-977 Geheimfahrt nach Südamerika“ erschienen war, um diesen Gerüchten Einhalt zu gebieten, was ihm damit allerdings nicht gelang.

Auch wenn U-530 nicht Hitler & Company durch die Welt schipperte, so ganz astrein war die Geschichte, die den Behörden da aufgetischt wurde, dann doch nicht. Also, am 19. Februar 1945 lief das Boot von Kiel aus in Richtung us-amerikanische Ostküste. Dann kam im Mai der Befehl von Großadmiral Dönitz, die Kampfhandlungen abzubrechen und die Schiffe den Alliierten zu übergeben. Dem leistete U-530 nicht Folge, sondern machte sich ungefähr von der Höhe Puerto Ricos aus in Richtung Mar del Plata. Was bis zum dortigen Einlaufen dann passierte, konnte nie geklärt werden. Es steht auf jeden Fall fest, dass das Boot äußerst ramponiert in Argentinien ankam. Das Deckgeschütz fehlte, die Metallhülle war rostig, der Turm aufgebrochen, der Dieselantrieb war wohl sabotiert worden und so weiter. Sämtliche Papiere, sowohl für die Mannschaft, wie für das Boot, waren verschwunden, also gab es keine Ausweise, Pässe, Logbücher, Tagebücher und ähnliche Papiere mehr an Bord. Waffen, Munition oder Druckmesser waren auch von Bord verschwunden. Und der als klein und dunkelhaarig beschriebene Kommandant Otto Wermuth war plötzlich groß und blond. Also ihr seht, irgendwas stimmt an der ganzen Geschichte nicht und ich persönlich stimme den argentinischen Offizieren zu, wenn sie davon ausgehen, dass es eine Meuterei an Bord mit härteren Kämpfen untereinander gegeben hat. Aber wie gesagt, das wird man nicht mehr herausfinden können.

Bei U-977 lief die ganze Sache gesitteter ab. Heinz Schaeffer, der Kommandant brach am 2. Mai 1945 von Kristiansand in Richtung Norwegen auf, wo ihm nur wenige Tage später die schon genannte Order von Großadmiral Dönitz erreichte. Schaeffer ließ daraufhin ganz basisdemokratisch abstimmen, ob man sich in Norwegen ergeben solle oder in Argentinien. 30 Besatzungsmitglieder stimmten für Argentinien, 16 für Norwegen und 2 für Spanien. Also setzte man die 16 Männer, die sich in Norwegen ergeben wollten, am 10. Mai, mitten in der Nacht, vor der Inseln Holsnøy in Schlauchboote und ließ sie an Land paddeln. Bei den 16 handelte es sich hauptsächlich um Unteroffiziere, die Familienväter oder verheiratet waren. Sie meldeten nach ihrem Landgang dann die U-977 als „auf Mine gelaufen und gesunken“, womit das Boot in Ruhe gen Argentinien schippern konnte.

Übrigens, für beide U-Boote gilt, dass die von den Kommandanten angegebenen Geschwindigkeiten und Fahrtrouten sowohl zeitlich als auch von den Dieselresten in den Tanks her übereinstimmten.

Die ganze Geschichte mit Hitler, der Überfahrt und sein Überleben in Neuschwabenland hat sich übrigens der in Argentinien lebende Ungar Ladislas Szabo ausgedacht. Er ist mit seinem 1947 erschienenen Buch „Hitler est vivant“ quasi einer der Urväter dieser Verschwörungstheorie.

Aber da Adolf Hitler, Eva Braun und Martin Bormann nachweislich und nach Knochenuntersuchungen eindeutig belegt während des „Endkampfes um Berlin“ entweder getötet wurden oder Suizid begingen, und ihre Leichen in Berlin aufgefunden wurden, kann man wohl sagen, dass Herr Szabo sich da geirrt hat. Und wer nicht glaubt, dass Hitler tot ist, der kann sich HIER den Bericht des Kriminalbiologen Mark Beneke zu Gemüte führen, der hat nämlich Hitlers Schädel in Moskau untersucht.

Also, keine Basis in der Antarktis, kein U-Boot-Konvoi, kein Hitler, kein Bormann, kein britischer Angriff. Nix hammse in der Antarktis! Jar nüschte! Aber Verschwörungstheorien, dit hammse.

Und mit den nächsten Verschwörungstheorien geht es dann im nächsten weiter. Mehr möchte ich euch heute nicht zumuten.

*** Ende Teil 4 ***

Bilder Operation Tabarin gemeinfrei, Karte: By British Antarctic Survey Mapping and Geographic Information Centre – British Antarctic Survey Mapping and Geographic Information Centre mapsales@bas.ac.uk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=105511736

4 Gedanken zu “Mythos Neuschwabenland – Teil 4: Verschwörungstheorien 1

    1. Hallo Matthias,
      vielen Dank für Deine Ergänzung. Ich habe nach der Internierung von Otto Wermuth leider keine weiteren Informationen gefunden. Aber Dein Artikel ist ja eine hervorragende Quelle für seinen weiteren Lebensweg.
      Damit können wir also diese Vermutungen auch abhaken. Ich werde den Absatz entsprechend ergänzen.
      Viele Grüße
      Onkel Michael

  1. Das hier eingestellte Foto von Otto Wermuth stammt wohl aus seiner Kriegsgefangenenakte vom 12. Juli 1945:https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Otto_Wermuth#/media/Fichier%3AOtto_Wermuth.jpg
    und stimmt überein mit anderen aufzufindenden Bildern, die offenbar zu einem früheren Zeitpunkt von ihm gefertigt wurden, z.B.:https://uboat.net/men/commanders/1337.html
    Auch scheint er nicht gewachsen oder erblondet zu sein.
    Zu allen anderen Gerüchten hat der U-Boot Fahrer Walter Gerhard Nellen (Funkgefreiter auf U 530) erklärt, dass der Zustand des U-Boots allein auf Selbstzerstörung zurückzuführen ist. Man wollte kein funktionsfähiges deutsches U-Boot und (durch Vernichtung von Unterlagen) dem Gegner keine „zu schützenden Informationen“ übergeben.
    Der nachfolgende Artikel widerlegt einige Mythen um U 530:https://www.schwaebische-post.de/ostalb/aalen/die-boot-flucht-an-den-ganzen-geruechten-und-mythen-um-530-ist-nichts-dran-90284292.html
    Somit lassen sich auch die sonstigen Darstellungen rund um U 530 eher dem Bereich Mythen- und Legendenbildung zuordnen.

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