Un scandale homéopathique

Studien sind was Feines. Was ganz Feines. Mit Studien kann man nämlich Annahmen belegen oder nicht. Gerade in den Zeiten von Corona waren Studien in aller Munde und ein Großteil der Medien hat über diese Studien in marktschreierischer Art und Weise berichtet, ohne eines vorzunehmen: eine ordentliche Einordnung.

Eine ordentliche Einordnung ist nämlich wichtig, weil der Begriff „Studie“ nicht geschützt ist. Und das kann ein großes Problem sein. Das ist so ähnlich wie beim Fußball. Cristiano Ronaldo und Franz Hermannskötter aus der Kreisklasse tun halt prinzipiell das Gleiche, aber nicht dasselbe.

Gerade unsere Freunde aus der Homöopathie sind schnell mit irgendwelchen „Studien“ zur Hand, die auf den ersten Blick zwar recht beeindruckend aussehen, aber bei genauerem Hinschauen mehr fachliche Fehler und Ungenauigkeiten enthalten, als auf eine Kuhhaut geht. Merkt man diese Fehler und Ungenauigkeiten dann an, fällt die homöopathische Fangemeinde über einen her, wie ein Rudel westsibirischer Gebirgshyänen über ein einzelnes Opfertier, denn Anstand, Niveau oder auch Stil sind bei den Fans der Homöopathie auch nur in homöopathischen Dosen vorhanden.

Und sie wollen einfach nicht wahrhaben, was doch jedes Kind schon weiß, nämlich dass die Homöopathie nicht über den Placeboeffekt hinaus wirkt. Auch wenn diese Tatsache schon die Köthener Spatzen von den Dächern pfeifen, versuchen die Anhänger dieses medizinischen Anachronismus das Gegenteil mittels klinischer Studien zu beweisen.

Diese Studien wurden nun von Wissenschaftlern der Donau-Universität Krems und dem österreichischen Cochrane-Zentrum auf den wissenschaftlichen Prüfstand gestellt. Geleitet wurde diese Arbeitsgruppe von Univ-Prof. Dr. Gerald Gartlehner. Nun wurden die Ergebnisse im BMJ Evidence-Based Medicine vorgestellt und da kamen doch äußerst interessante Erkenntnisse dabei heraus. Was haben sich die Wissenschaftler genau angesehen? In der vorliegenden Meta-Studie wurde untersucht, welche Studien zur Homöopathie überhaupt veröffentlicht wurden und welche Nutzenkriterien in den Studien angegeben werden. Ausgewertet wurden übrigens die drei größten internationalen Studienregister bis ins Jahr 2019. Dies sind das US Clinicaltrials.gov, das EU Clinical Trials Register und die International Clinical Trials Platform.

Aber schauen wir uns mal kurz die Grundlagen an, welche Voraussetzungen so eine Studie erfüllen muss, damit sie auch aussagekräftig ist. Dazu gehört unter anderem, dass klinische Studien bereits im Vorfeld in einem speziellen Register zentral registriert werden. Bei dieser Registrierung muss die geplante Studie genau beschrieben werden und die Forscher verpflichten sich, die Studie ungeachtet der erzielten Ergebnisse zu publizieren. Dies soll den sogenannten „Publication Bias“ verhindern – eine Verzerrung der Ergebnisse, die auftritt, wenn nur Studien mit dem erhofften, positiven Ausgang publiziert werden, unliebsame Resultate hingegen in der Versenkung verschwinden. Die Registrierung vorab soll zudem verhindern, dass Fragestellung und Zielpunkte einer Studie nachträglich verändert und so an die Ergebnisse angepasst werden – auch das kann zu einer Verfälschung führen. (Quelle)

Der Wissenschaftsjournalist Werner Bartens schreibt in der Süddeutschen Zeitung hierzu: Die Wissenschaftler zeigten, dass die Ergebnisse dieser Studien stark verzerrt sind: Demnach wurde mit 38 Prozent ein erheblicher Anteil der Homöopathie-Studien überhaupt nicht publiziert vermutlich, weil sie nicht das erwünschte Ergebnis erbrachten. 53 Prozent der veröffentlichten Homöopathie-Studien waren nicht registriert worden, was dem Standard guter klinischer Untersuchungen widerspricht. Die vorherige Registrierung gilt als ethische Verpflichtung, weil Forscher ansonsten einseitig positive Daten publizieren und die Wirkung überschätzt wird. Gute Fachjournale nehmen nur noch Studien an, die zuvor registriert wurden. Ein weiterer Mangel bestand darin, dass in 25 Prozent der betrachteten Homöopathie-Studien in der Publikation nachträglich die zur Registrierung angegebenen Kriterien für den Nutzen einer Behandlung
abgeändert wurden. Solche Zielparameter („primary outcome“) nach Studienabschluss zu manipulieren, gilt ebenfalls als Verstoß gegen wissenschaftliche Standards.

Dies sei auch von Seiten der Fachjournale ein klarer Verstoß gegen gängige Leitlinien, erklären Gartlehner und seine Kollegen. Denn das International Committee of Medical Journal Editors hat 2005 vereinbart, nur Ergebnisse offziell angemeldeter Studien zu veröffentlichen. „Diese Richtlinie wird bei den Homöopathie-Studien eindeutig nicht eingehalten“, so die Forscher. (Quelle)

Auch ein äußerst interessanter Hinweis auf eine Verzerrung der Ergebnisse zeigt eine ergänzende Metanalyse. Hierin wurde der Ausgang von gemeldeten und ungemeldeten verglichen und was denkt ihr, was sich gezeigt hat? Genau! Die Studien, die nicht offiziell registriert wurden, zeigten positive Ergebnisse für die Homöopathie, während die offiziell registrierten Studien keinen Unterschied zwischen Placebo und Homöopathie zeigten.

Interessant ist auch, dass bei den registrierten Studien nicht vorab registriert wurden, sondern erst nach deren Beendigung. Bei rund einem Viertel der Studien wurden zudem die als Maßstab für die Wirkung geltenden Zielwerte und Ausgänge nachträglich verändert.

Wir sehen also, dass alles darauf hindeutet, dass die homöopathischen Studienersteller sich in bester Pippi Langstrumpf-Manier die Welt so machen, wie sie ihnen gefällt. Kommt bei einer Studie nicht das gewünschte Ergebnis heraus, fällt sie unter den Tisch oder die Vorgaben werden so lange verbogen, bis sie zum Ergebnis passen und dann wird die Studie scheinheilig ins Register nachgetragen. Dass es sich hierbei um ein zutiefst unethisches Verhalten handelt, dürfte auf der Hand liegen. Die Homöopathie führt die ernsthafte wissenschaftliche Forschung ad absurdum.

Der eigentliche Skandal liegt aber darin, dass die Verantwortlichen – jedenfalls in Deutschland – nichts fürchten müssen. Durch den Binnenkonsens wurde die Homöopathie so mit unsinningen Privilegien beladen, dass sie über ehrliche Forscher, die sich an die wissenschaftlichen Standards halten, nur lachen können. Während nämlich richtige Medikamente in mehreren Zulassungsstudien auf Herz und Nieren geprüft werden, gilt dies für Homöopathika nicht.

Schauen wir uns doch einmal an, wie homöopathischer Zauberzucker äääääh… homöopathische Mittel zugelassen werden. Sie können sich nämlich den ganzen Studien-Bums sparen, denn für den Großteil benötigt es noch nicht einmal eine Zulassung, sondern nur eine Registrierung. Das ist dann der Fall, wenn kein konkretes Anwendungsgebiet angegeben ist, sie über den Mund aufgenommen oder äußerlich angewendet werden und mindestens um den Faktor 1:10.000 verdünnt (Potenz D4 / C2, vgl. §38 AMGund §39 AMG) sind. Der Hersteller muss dann zwar Qualität und Unbedenklichkeit nachweisen, aber nicht die Wirksamkeit.

Ist ein konkretes Anwendungsgebiet angegeben, also beispielsweise „gegen Durchfall“ oder „hilft bei Haarausfall“ oder ähnliches, dann müssen die Homöopathika unabhängig von der Verdünnung zugelassen werden.

Sie müssen aber nur dann eine klinische Wirksamkeitsprüfung zur Zulassung mit einreichen, wenn sie gegen schwere oder lebensbedrohliche Erkrankungen helfen sollen. Wisst ihr, wie viele homöopathische Mittel auf Basis einer Studie zugelassen wurden? Genau, kein einziges! Und wisst ihr, wie oft bisher Herstellerfirmen die Ergebnisse von randomisierten klinischen Studien zur Zulassung vorgelegt haben? Genau, kein einziges Mal!

Bei den ganzen Mittelchen gegen ungefährliche Krankheiten wie Heuschnupfen, Durchfall, Haarausfall oder Klabusterbeeren reicht es, wenn „andere Belege für die Wirksamkeit“ vorgelegt werden. Dazu können Belege für die langjährige Nutzung sein oder irgendwelche Patientenberichte oder ähnliches. Das ist eigentlich vollkommen egal, denn vorgelegt wird das ganze Papier bei einer Kommission, die das Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte „unterstützt“ und darin sitzen fast nur Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Homöopathie oder Heilpraktiker (!). Jahaha… genau so habe ich auch geschaut, als ich das vor vielen, vielen Jahren das erste Mal gelesen habe. Und es ist heute noch so absurd wie damals, dass sich die Homöopathen quasi selbst die Zulassungen erteilen.

Und das gibt alles schon ein gewisses Bild. Unethisches Verhalten bei der Erstellung von Studien, eine quasi Selbstzulassung von Medikamenten und aggressive Lobbyarbeit in der Politik. All das lässt die Homöopathie ungefähr so seriös wirken wie den Zentralrat der Schlangenölhersteller im Wilden Westen, hätte es ihn denn gegeben. Deswegen kann die Forderung nur lauten „Weg mit dem Binnenkonsens“ und „Weg mit der Privilegierung der Homöopathie“. Schicken wir die Homöopathie dahin, wo sie hingehört: ins Medizinhistorische Museum!

4 Gedanken zu “Un scandale homéopathique

  1. So gerne ich mich der Kritik am Binnenkonsens anschließen möchte, geht mir eins nicht aus dem Kopf: Peer-Review ist auch ein „Binnenkonsens“ im Wortsinne. Wie auch sonst? Fachspezialisten müssen die Ergebnisse bewerten. Das sei auch den Homöopathie-Ärzten zugestanden, auch wenn es mir nicht schmeckt (Zu viel Zucker…)
    Dass Homöopathika keine pharmakologische Zulassung brauchen/bekommen, unterstreicht deren Status als Nicht-Medizin. Was geändert werden muss, ist das Wording und Marketing: Nennt es ein Nahrungergänzungsmittel und streicht es aus den Krankenkassen (und möglichst Apotheken). Ein Apfel braucht auch keine Zulassungsstudien.

    1. Aber ein NEM soll ja bekanntlich auch keine Krankheiten behandeln, außer auf YouTube, wo jeder Ött die Pillen für jedes Problem anpreisen.
      Der Binnenkonsens ist der größte Schwindel im med. Bereich seit Jahrzehnten. Unsagbar, dass Karl Carstens diesen Stuss durchdrücken konnte. Waren die SPD/FDP-Abgeordneten alle hirntot bei der Abstimmung des neuen AMG?

  2. Es kommt ja noch weit mehr hinzu – die Arbeit von Gartlehner et al. ist ja „nur“ ein weiterer Baustein im Gebäude der Wissenschaftsmimikry (auf deutsch: der Simulation von Wissenschaft) bei der Homöopathie.

    Homöopathen brauchen keine Studien, denn es steht alles bei Hahnemann. (Nur hätten sie gern eben wissenschaftliches Renommee für sich …). Andersherum: homöopathische Studien haben selbst auf die Behandlungspraxis von Homöopathen durchweg keine Auswirkungen. Beispiel: trotz der vernichtenden Kopfschmerzstudie von 1997, von führenden Homöopathen geplant und durchgeführt, sind „Kopfschmerzen“ nach wie vor eine der Hauptindikationen für Homöopathika.

    Wozu dienen denn dann „homöopathische Studien“? Das kann man hier nachlesen:https://keineahnungvongarnix.de/?p=7810

    Die Homöopathen betreiben, wie schon geagt, mit ihren Studien eine Simulation von Wissenschaft, eine „vergebliche Suche nach dem Nichts“, wie die Homöopathiekritikerin Natalie Grams es einmal ausdrückte. Wer die Szene kennt, weiß, dass diese Simulation in höchstem Maße der „Selbstvergewisserung“ dient, also dem Bemühen, sein geliebtes Konstrukt vor sich selbst zu rechtfertigen. Anders sind auch die Reaktionen (Jubel!!!) von Homöopathie-Anhängern auch auf die offensichtlich unsinnigsten Veröffentlichungen und das Angiften von Kritikern nicht zu erklären.

    Und die klare negative Gesamtevidenz der Methode, die nehmen die Homöopathen in schlichter Realitätsverweigerung nicht zur Kenntnis – mit ihren „Studien“ versuchen sie lediglich, diese Radarschranke zu „unterfliegen“ in der Hoffnung, dass es nicht auffällt.

    Fazit; Gartlehner et al. liefern einen wertvollen weiteren Baustein dazu, homöopathische Forschung als ein Scheingefecht auf schwankendem Boden zu entlarven. Aber es ist weder der erste noch der einzige, das darf man nicht aus dem Auge verlieren.

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