Herr Benzema und das Schröpfen

Heute geistert ein Bild des französischen Fußball-Nationalspielers Karim Benzema durch die sozialen Netzwerke, auf dem er stolz seinen Rücken präsentiert, auf dem wiederum noch die Spuren von so genannten Schröpfgläsern zu sehen sind. Ich kenne Herrn Benzema nur durch dieses Foto, deswegen weiß ich nicht, wie er sonst zu alternativmedizinischen Therapien steht, nachdem ich von Fußballspielern allerdings prinzipiell keine großen intellektuellen Transferleistungen erwarte, dürfte er demgegenüber aufgeschlossen sein. Deswegen schauen wir uns doch einmal an, was hinter dem Schröpfen so steckt.

Beim Schröpfen handelt es sich um ein „ausleitendes Verfahren“, wie wir heute viele kennen, beispielsweise das immer wieder überflüssige „Entschlacken“ oder „Detox“. Diese ausleitenden Verfahren gehen auf die sogenannte „Humoralpathologie“ zurück, die in Deutschland auch unter dem Begriff „Viersäftelehre“ bekannt wurde. Sie wurde in der Antike entwickelt und erst durch die Zellularpathologie des Rudolf Virchow im 19. Jahrhundert wissenschaftlich überholt.

Die Humoralpathologie ging davon aus, dass es im menschlichen Körper vier „Lebensträger“ gäbe, dies waren die Gelbe Galle (Cholera, colera), die Schwarze Galle (melancholia, melancolia), das Blut (sanguis) und der Schleim (phlegma, flegma), also die vier Säfte. Der römische Arzt Galenos von Pergamon (Galen) ordnete den vier Säften vier Temperamente zu, die wir heute noch kennen: Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker und Phlegmatiker. Im Mittelalter wiederum wurden diesen Temperamenten wiederum astrologische Eigenschaften zugedichtet. Krankheiten beruhten gemäß der Humoralpathologie auf einem Ungleichgewicht, einer Verunreinigung oder einer Vergiftung dieser Säfte. Um dies wieder in Einklang zu bringen, gab es die verschiedenen „ausleitendne Verfahren“, zu denen neben dem Schröpfen auch der Aderlass, das Fasten, Blutegel, die Baunscheidttherapie, Schwitzkuren, Cantharidenpflaster und was weiß ich noch alles für Unsinn gehört.

Ihr seht, es ist ein weites Feld, das auch heute noch von allerlei interessanten Anbietern aus den Reihen der sogenannten „Alternativmedizin“ vermarktet wird. Allerdings ist es so, dass hauptsächlich Geld vom Patienten aus- und zum „Therapeuten“ hingeleitet wird. Aber in diesem Artikel wollen wir beim Schröpfen bleiben.

Das Schröpfen unter der Verwendung von Schröpfköpfen und Vakuum ist schon im klassischen Altertum bekannt und wurde von Griechenland über Mesopotamien und Persien bis nach China betrieben. Es ist also ähnlich wie der Aderlass eine in den meisten Zivilisationen gebräuchliche Technik. Schröpfen wird auch heute noch von Heilpraktikern angeboten und soll gegen so ziemlich alle Krankheiten vom eingewachsenen Fußnagel über Migräne, orthopädischen Problemen, Asthma, Depressionen oder Haarausfall helfen.

Beim Schröpfen werden Gläser verwendet, die ein bisschen an Saugglocken erinnern und „Schröpfköpfe“ genannt werden. Diese Schröpfköpfe sollen durch einen Unterdruck die zu viel vorhandenen Säfte, die Schlacken oder Gifte aus dem Körper gezogen werden. Welche Anwendung erfolgen soll, also ob ein spezielles Organ „entgiftet“ werden soll, Schlacken aus dem Körper gezogen werden sollen oder was auch immer, soll angeblich durch die Position der Schröpfköpfe gesteuert werden.

Man unterscheidet das „Blutige Schröpfen“ und das „Trockene Schröpfen“.

Beim trockenen Schröpfen werden erhitzte Schröpfköpfe auf den Rücken der Patienten gesetzt. Durch das vorherige Erhitzen der Luft in den Gläsern entsteht beim Abkühlen nach dem Aufsetzen auf die Haut der gewünschte Unterdruck, der dann angeblich die Schadstoffe aus dem Körper ziehen sollen. Zu sehen ist allerdings nur eine gerötete Vorwölbung der Haut.

Als „Beweis“ werden oft die Saugmale der Schröpfköpfe bzw. die daraus entstehenden Blutergüsse angeführt.

In den letzten Jahrzehnten wurde auch die so genannte „Pneumatische Pulsationstherapie“ beliebter. Hier wird zur Erzeugung des Unterdrucks eine elektrische Pumpe benutzt. Auch wird die „Petechiale Saugmassage nach Zöbelein“ gelegentlich angeboten. Hierbei soll es sich um eine Kombination zwischen Schröpfen und Massage handeln. Eine weitere Kombinationsmethode ist die „Schröpf-Elektroden-Therapie“, die das Schröpfen und die „Bioresonanztherapie“ vereint.

Aber zurück zu den klassischen Methoden des Schröpfens. Neben dem trockenen Schröpfen gibt es auch das blutige Schröpfen. Dabei wird die Haut mit einer Lanzette oder einem kleinen Gerät, dem „Schröpfschnepper“, eingeritzt und dann erst der Schröpfkopf aufgesetzt.

Durch den Unterdruck wird das Blut aus der Wunde gezogen. Es handelt sich hierbei also um eine besondere Art des Aderlasses. Das herausgezogene Blut soll dann die Schadstoffe enthalten.

Man könnte meinen, dass ein Verfahren, das bereits über 5.000 Jahre angewendet wird, doch seine Wirksamkeit schon unter Beweis gestellt hat, oder? Dem ist nicht so! Auch nach all den tausend Jahren konnte die unterstellte Wirkung nie nachgewiesen werden. Man kann also sagen, dass das einzige, das wirksam geschröpft wird, der Geldbeutel der Patienten ist.

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Bildnachweis
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Bild 2: Von quatro.sinko – https://www.flickr.com/photos/quatrosinko/2757324262/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50571063

Bild 3: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=690996

Bild 4: https://www.psiram.com/de/index.php/Datei:Schroepfen03.jpg

Ein Gedanke zu “Herr Benzema und das Schröpfen

  1. Auch Ärzte wenden durchaus das Schröpfen als „naturheilkundliches Verfahren“ an, ohne zu realisieren, dass sie damit der Humoralpathologie des alten Galen und damit klar über dem Haltbarkeitsdatum liegenden Methoden Ehre antun. Anwendung natürlich für und gegen fast alles – von Schmerzen und Verspannungen bis zu Lipödem oder Cellulite.

    Die „ausleitenden Verfahren“ – du hast noch das „Haarseil“ vergessen, lieber Michael, wo einer künstlichen Wunde, meist im Nacken, Pferdehaar eingelegt wurde, mit dem Ziel, sie nicht zuheilen zu lassen – waren ja der eigentliche Anlass für Hahnemann, seine Homöopathie als „sanften“ Gegenpol zur barbarischen Galerie der Säfte-Ausleitung zu entwickeln. Damals zu Recht – seine Methode nützte nichts, aber reduzierte die damals massiven Schäden der „heroischen Medizin“.

    Und ja, auch heute ist „heroisch“ (oder so …) wer Schröpfen über sich ergehen lässt. Und nicht weiß, dass das keine ungefährliche Sache ist. Die beiden Abbildungen in dem Text, die den Herrn mit den vielen Schröpfköpfen zeigen, stimmen mich sehr bedenklich. Auf dem zweiten Bild sieht man deutlich große Blasen mit Gewebswassereinlagerungen, bei denen ein hohes Entzündungsrisiko besteht. In ärztlichen Fachbüchern kann man die nächste Phase auf Bildern bestaunen – und die eignen sich wirklich nicht für nette Blogartikel …

    Jetzt mal so ganz unter uns – ich würde das sein lassen.

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