Gelesen: Edmüller/Faessler: Verschwörungstheorien als Waffe

HIER habe ich ja bereits den ersten Band des „Dossier Verschwörungstheorien“ besprochen, den Andreas Edmüller alleine verfasst hat. Band 2 hat er mit der Orientalistin und Philosophin Judith Faessler verfasst. Faessler, beruflich wissenschaftliche Mitarbeiterin des bayerischen Verfassungsschutzes, beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren mit Extremismusforschung. Gewidmet ist der Band übrigens ihrem Großvater, Max Mannheimer, einem Holocaust-Überlebenden, der mit seinen Erinnerungen „Spätes Tagebuch“ und einer regen Vortragsarbeit in Schulen, bei Vereinen und Institutionen ein wichtiger Akteur der Erinnerungskultur in der Bundesrepublik war.

Band 2 trägt den Untertitel „Wie man die Tricks der Verschwörungsgauner durchschaut und abwehrt“. Es ist ja nur allzu menschlich, wenn man in unserer Welt, die immer komplizierter wird, überfordert wird. Was stürmt nicht alles auf einen ein: Rentenmisere, Bildungsmisere, Klimakatastrophe, Inflation, Krieg in der Ukraine, Missbrauchsskandale in den Kirchen, die AfD bei fast 20%, Vegane Kochrezepte und dann kommt auch noch die Schwiegermutter zu Besuch und der FC Bayern München wird nicht deutscher Meister, das ist alles schon ein bisschen viel für Erika Mustermann und Otto Normalverbraucher. Und so dürfte es recht natürlich sein, wenn man dann für möglichst einfachen Lösungen bei komplexen Fragen empfänglich ist.

Was mir bei dem Buch übrigens sofort aufgefallen ist, das sich das Autorenduo sehr bemüht, sich mit den Vertretern von Verschwörungstheorien unvoreingenommen zu beschäftigen und sie nicht vorzuführen. Auch den Leser nehmen die Edmüller und Faessler ernst und begegnen ihm auf Augenhöhe. Leider ist dies nicht bei allen Publikationen zu diesem Thema so, gibt es doch auf diesem Feld auch Autorinnen und Autoren die ihren Lesern oberlehrerhaft gegenübertreten oder schreiben, als wäre der Leser grenzdebil.

Die Autoren sind auch Verschwörungstheorien zuerst unvoreingenommen und behandeln sie erkenntnistheoretisch im Sinne der Wissenschaftstheorie. Damit können sie respektable bzw. seriöse Theorien von unrespektablen bzw. unseriösen Theorien unterscheienden, genauso wie von Pseudotheorien, die als „Verschwörungsmärchen“ bezeichnet werden. Verschwörungsmärchen und unseriöse Veschwörungstheorien werden als Verschwörungskonstrukte zusammengefasst.

Genauso wird mit den Vertretern der Verschwörungstheorien umgegangen. Hier wird zwischen seriösen Verschwörungstheoretikern, die respektable Theorien (bspw. Watergate) vertreten und den unseriösen Verschwörungstheoretikern, die unrespektable Verschwörungstheorien vertreten. Dazu kommen noch die Verschwörungsspinner, also die Menschen, die selbst an die verschiedensten Verschwörungskonstrukte glauben und die Verschwörungsgauner, das sind diejenigen, die selbst nicht an die Verschwörungstheorien glauben, diese Narrative aber aus unlauteren Zwecken (persönliche Bereicherung, Diffamierung, Durchsetzung eigener Ziele etc.) in die Welt setzen.

Als Beispiel wird hier die Dolchstoßlegende genannt, die Ludendorff und Hindenburg noch in den letzten Tagen des Ersten Weltkrieges in die Welt setzten, um ihre eigenes Versagen zu kaschieren.

Besonders gefährlich sind hier die Verschwörungskonstrukte, die ein hohes Konfliktpotential aufweisen, also auf ein bestimmtes Feindbild, das emotinal und aggressiv dargestellt wird. Nehmen wir hier Treitschke und sein „Die Juden sind unser Unglück!“ als Beispiel. Dieses Feindbild wird dann immer als gefährlich geframed, besonders gefährlich natürlich für die Opfer der Verschwörung. Dazu kommt dann noch das Narrativ, dass die Opfergruppe von allen anderen (Regierung, Behörden, Medien etc.) im Stich gelassen wird und als einzelne, kleine Gruppe gegen einen quasi übermächtigen Feind kämpfen muss. Die perfekte Wagenburgmentalität also.

Warum fallen solche Verschwörungskonstrukte dann gerade heute auf so fruchtbaren Boden? Viele dieser Konstrukte lehnen das rationale, durch die Naturwissenschaften geprägte Welt- und Menschenbild ab. Kurz gesagt: Rationalität und Vernunft sind out, Gefühle und subjektive Gewissheiten sind in. Dazu kommt noch, dass man sich als etwas besonders fühlen kann, als „erwacht“, man ist kein „Schlafschaf“ mehr, man bekommt Zuspruch, Solidarität und Unterstützung von anderen Mitgliedern der Gruppe. Diese Mechanismen sieht man ja etwa in den Reichsbürger-Gruppen bei Telegram, in denen sich die Mitglieder gegenseitig Tipps geben, wenn wieder ein Amtsschreiben eingetroffen ist und wie sie sich gegenseitg Mut zusprechen. Diese Gruppen und der Glauben an diese Verschwörungskonstrukte wird für einige Menschen dann so wichtig, dass selbst die gröbsten Missverhältnisse ignoriert werden. Ich denke da an eine Frau, deren Videos ich einige Zeit in meiner Timeline bei Twitter hatte und die selbst im öffentlichen Dienst arbeitete, in ihrer Freizeit aber gegen „den Staat“ und „die Behörden“ agitierte.

Besonders besorgniserregend ist, dass die Anhänger dieser Verschwörungskonstrukte um vieles offener für politischen oder religiösen Extremismus sind. Dem Thema Extremismus hat das Autorenduo dann auch zwei umfangreiche Kapitel gewidmet, denen man natürlich besonders die Expertise von Judith Faessler anmerkt. Den Schluss bildet dann das Kapitel, wie man Verschwörungsgläubigen und Verschwörungskonstrukten gegenüber treten sollte.

Übrigens, jedes Kapitel dieses Buches endet mit einer Zusammenfassung und weiterführender Literatur. Eine hervorragende Idee.

Um ein Fazit zu ziehen: Andreas Edmüller und Judith Faessler versprechen auf ihrer Homepage, die Beantwortung der folgenden Fragen:

  1. Worin genau liegt die Gefahr „bösartiger“ Verschwörungskonstrukte und wie werden sie zur Waffe?
  2. Welche Strategien und Manipulationstaktiken werden eingesetzt, um schlechte Theorien als respektabel zu tarnen?
  3. Warum fallen so viele Menschen auf diese Tricks herein und glauben an unhaltbare Verschwörungskonstrukte?
  4. Warum handeln darüber hinaus so viele Menschen auf dieser Basis?
  5. Welche Parallelen und Verbindungen gibt es zu anderen Phänomenen wie Esoterik, Trickbetrug, „alternativen Heilmethoden“, Religion?
  6. Wie diskutiert man mit Menschen, die ernsthaft an unhaltbare Verschwörungstheorien und Verschwörungsmärchen glauben?
  7. Welche Rolle spielen Verschwörungskonstrukte im politischen und religiösen Extremismus? 
  8. Wie können wir als offene Gesellschaft die Waffe Verschwörungstheorie wirkungsvoll entschärfen?

Und das tun sie auch, also: Versprechen erfüllt!

Für mich war die Lektüre sehr kurzweilig, da die Autoren verstehen, auch die etwas trockeneren, wissenschaftstheoretischen Abschnitte gut lesbar und nicht langweilig zu halten. Damit ist das Buch – ebenso wie sein Vorgänger – auch für die breite Leserschaft interessant und ich hoffe auf eine weite Verbreitung! Edmüller und Faessler betreiben mit dieser Publikation Aufklärung im besten Sinne des Wortes. Alles in allem: eine absolute Lesempfehlung!

Noch ein Hörtipp: die Autorin Judith Faessler hat sich mit dem Podcaster Seb Schnelle von Vorpolitisch unterhalten und das ergab ein wirklich interessantes Gespräch. Klickste hier, kommste hin (zu Spotify)

Bibliographische Angaben:
Edmüller, Andreas/Faessler, Judith: Verschwörungstheorien als Waffe: Wie man die Tricks der Verschwörungsgauner durchschaut und abwehrt.
ISBN Print: 9783985273959 16,95€
ISBN E-Book: 9783985274147 9,99€

2 Gedanken zu “Gelesen: Edmüller/Faessler: Verschwörungstheorien als Waffe

    1. Ich bin jetzt nicht so der Fußballtyp, deswegen dachte ich immer, das wäre mittlerweile ein Naturgesetz… 😉
      Aber tatsächlich kann ich mich noch an Zeiten erinnern, als der HSV Fußballmeister war.

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