Immer wieder erreichen mich Anfragen zu meinem Buch „Von Eis-Nazis, Flugscheiben und geheimen U-Booten: Die Wahrheit über Neuschwabenland“ und lustigerweise beschäftigen sich die meisten mit der Frage, was aus den in der Antarktis abgeworfenen Markierungsfahnen geworden ist. Warum gerade das Schicksal dieser Fahnen die Menschen so interessiert, frage ich mich schon. Vielleicht kommt es von dem doch oft abgedruckten und einprägsamen Bild, als die Besatzung des Dornier-Wal „Passat“ eine dieser Fahnen in der Westbucht aufpflanzte. Auf dem Bild sind von links nach rechts der Flugkapitän Rudolf Mayr, der Flugzeugmechaniker Franz Preuschoff sowie der Flugfunker Herbert Ruhnke zu sehen, eben mit einer solchen Hakenkreuzfahne.
Jetzt habe ich mich zwar während der Recherchen intensiv mit der Neuschwabenland-Expedition beschäftigt, aber doch nicht so intensiv, dass ich solche doch sehr ins Detail gehende Fragen beantworten könnte. Allerdings hat mich die Frage nach den Fahnen doch irgendwann auch interessiert und ich wollte wissen, was es damit auf sich hat.
Aber so schwierig kann es doch nicht sein, den Verbleib dieser Abwurfflaggen herauszubekommen. Immerhin schrieb Alfred Ritscher in seinem Expeditionsbericht, der 1942 im Textband von „Wissenschaftliche und fliegerische Ergebnisse der Deutschen Antarktischen Expedition 1938/39“ (S. 61) veröffentlicht wurde, folgendes: Diese erste Flugperiode schloß mit der Erkundung von rund 250 000 qkm, wovon rund 140 000 qkm zusammenhängend, teilweise mit mehrfacher Überlappung im Lichtbild aufgenommen worden waren. Die Flugwege waren in Abständen von 20-30 km mit den Abwurfpfeilen abgesteckt, von denen die an den Umkehrpunkten abgeworfenen mit einer Reichsflagge versehen waren. Und auf Seite 250 dieses Bandes ist der Flugbericht der „Boreas“ von Richardheinrich Schirmacher für den 20. Jänner 1939 abgedruckt, der mit dem Satz Pfeile und Flaggen wurden wie angeordnet abgeworfen schließt.
Um das Kraut dann noch fett zu machen, wurde im Anhang des Buches „Deutsche Forscher im Südpolarmeer“, einem volkstümlichen Werk über die Deutsche Antarktische Expedition 1938/39 aus der Feder von Dr. Ernst Herrmann (der als Geograph an der Expedition teilgenommen hat), eine Karte veröffentlicht wurde, auf der die Positionen der 13 Abwurfflaggen (diese Zahl bitte merken) und der drei Hissflaggen verzeichnet sind.
Also dürfte es ja kein Problem sein, dieses Mysterium zu lösen und so fing ich frohgemut an, zu recherchieren. Aber wisst ihr, was auch nach einigen Wochen dabei herauskam? Nichts! Nothing! Nihil! Nada! Niente! Nic! Nimic! Niets! Rien! Semmi! Ничего! Ingenting! Näischt! שום דבר גאָרנישט किमपि न Τίποτα कुछ नहीं ไม่มีอะไร መነም 没有什么 何もない Naja, ihr wisst, was ich meine. Mit meinen normalen „Bordmitteln“ konnte ich diese Fragen jedenfalls nicht beantworten, also musste ich mich an jemanden wenden, der sich mit der Deutschen Antarktischen Expedition 1938/39 auskennt wie kein zweiter oder besser als keine zweite, denn da gibt es ja eigentlich nur eine Person: Frau Prof. Dr. Cornelia Lüdecke, deren wissenschaftshistorische Publikationen zur Erforschung der Antarktis Standardwerke sind.
Und tatsächlich konnte Frau Lüdecke mir auch weiterhelfen. In ihrem Buch „Deutsche in der Antarktis“ (S.123f) beschäftigt sie sich mit dem Flug der „Boreas“ vom 20. Jänner 1939. Darin heißt es: Eine Stunde später passierten sie den äußersten Westrand des Gebirges, das sich nach Südsüdwest erstreckte. Die Eisdecke stieg während des Fluges weiter an. Etwa um 8 Uhr stellte sich ihnen eine Gebirgskette entgegen. Die Flughöhe betrug rund 2500 Meter, als sie auf Steuerbord einen steilen Felsgrat passierten. In der Talmulde dahinter lag Nebel. Das anschließende Inlandeis stieg weiter an und reichte schon bald bis über geschätzte 4000 Meter hinauf. Da schon kurz hinter der Bergkette bei einer Flughöhe von nur 100 Meter über Grund durch zunehmenden Nebel die Sicht stark eingeschränkt war, brach Schirmacher den etwa 600 Kilometer südlich der Schwabenland bei 73°52’S, 4°45’W ab, um den Rückflug – wie vorgesehen – 30 Kilometer weiter östlich durchzuführen.
In dieser Situation war für die Sicherheit der Flugzeugbesatzung jedes eingesparte Gewicht ausschlaggebend, um rasch wieder auf eine sichere Höhe steigen zu können. Angesichts der Bergkette warf die Besatzung den gesamten verzichten Ballast, darunter auch alle Markierungspfeile und –flaggen, auf einmal ab. Daher konnte die geplante Markierung der Umkehrpunkte nicht mehr erfolgen. In Schirmachers anschließend geschriebenem Flugbericht hieß es daher nur ganz pauschal ohne genaue Ortsangabe: ‚Pfeile und Flaggen wurden wie angeordnet abgeworfen.‘ Es wurde nie bekannt gemacht, dass dies während der Expedition ein einziges Mal geschah. Kein anderer Flugbericht erwähnte irgendwelche Abwürfe, obwohl sicher anzunehmen ist, dass die Koordinaten der Pfeilabwürfe oder zumindest der mit Flaggen gekennzeichneten markanten Umkehrpunkte in den Skizzen und im Flugbericht vermerkt worden wäre. In Herrmanns Reisebuch sind in Karte 2 am Schluss des Buches jedoch (fiktive) Markierungen mit Hakenkreuzflaggen eingezeichnet und Ritscher erwähnte die Abwürfe pflichtbewusst in seinem Reisebericht. In seiner Originalskizze mit der Übersicht aller Flüge markiert er nur drei Orte mit einem Kreuz im Kreis, wo bei Anlandungen die Hakenkreuzflagge in den Schnee gesteckt wurde. Auf alle Fälle musste nach außen der Schein gewahrt bleiben, so dass über diese Affäre offiziell Stillschweigen herrschte.
Also wurden die Fahnen irgendwo auf der Flugroute mit der restlichen überflüssigen Ausrüstung über Bord geworfen und der ganze Klumpatsch liegt wahrscheinlich heute noch dort, mittlerweile unter genügend Schnee und Eis. Natürlich wurde diese Information nicht veröffentlicht, sondern beim verfassen des offiziellen Berichtes schnöde weggelassen. So schlummert sie noch heute in den handschriftlichen Tagebüchern vor sich hin. Die Lösung ist also genauso unspektakulär wie vieles an den Mythen rund um die Schwabenland-Expedition.

Worauf mich Cornelia Lüdecke in ihrer dankenswerterweise wirklich umfangreichen E-Mail noch aufmerksam gemacht hat, ist die Karte, von der ich oben schon erzählt habe, die aus „Deutsche Forscher im Südpolarmeer“. Auf dieser Karte sind 13 Abwurfflaggen und drei Hissflaggen verzeichnet, also insgesamt 16 Flaggen. Interessant daran ist allerdings, dass die Expedition nur 10 Abwurfflaggen dabei hatte. Anscheinend war der Kartograph ein kleines bisschen zu enthusiastisch bei der Sache (Zwinkersmiley).
An dieser Stelle ein ganz großes Dankeschön an Frau Prof. Dr. Cornelia Lüdecke für ihre umfangreiche Unterstützung für diesen Artikel. Wer sich noch weiterführend über die Geschichte der deutschen Antarktisforschung informieren möchte, dem sei ihr Buch „Deutsche in der Antarktis – Expeditionen und Forschungen vom Kaiserreich bis heute“ empfohlen.
(Erschienen 2015 im Ch. Links-Verlag, mit der ISBN 978-3861538257)

AAAAAAAHAAAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHA…
Sorry. Gniihihihihi…
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Alles ok bei dir?
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Ja, bestens. Wir haben Urlaub, meine Hobbithöhle wird renoviert und die heldenhaften Naziforscher haben den ganzen Kram irgendwohin geschmissen und hinterher falsche angebliche Markierungen erfunden … danke für den Lacher.
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Wo ist meine Antwort geblieben?
Und ja, alles gut. Danke für den Lacher über diese Nazideppen! [kichert]
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Hallo,
vielleicht habe ich es überlesen, aber mir ist nicht klar, wo Frau Dr. Lüdecke diese Information herhat.
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Aus den Manuskripten der Expeditions-Tagebücher.
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