Evolution vor Gericht

Der Scopes-Prozess von 1925 und der lange Kampf um Darwin, Schöpfung und die Freiheit der Wissenschaft

Einleitung: Ein Lehrer, ein Gesetz und ein Prozess, der zur Chiffre wurde

Im Juli 1925 verwandelte sich die kaum dreitausend Einwohner zählende Kleinstadt Dayton im US-Bundesstaat Tennessee für wenige Tage in das Zentrum einer Auseinandersetzung, die weit über die Frage hinausging, was ein Biologielehrer seinen Schülern erzählen durfte. Zeitungsreporter aus dem ganzen Land drängten sich in der Stadt, Rundfunktechniker verlegten Kabel zum Gerichtsgebäude, Händler verkauften Affenfiguren und religiöse Traktate, Prediger hielten Freiluftversammlungen, und zwischen Schaulustigen, Wissenschaftlern, Geistlichen und Journalisten wurde aus einem bewusst inszenierten juristischen Testfall ein nationales Spektakel.

Der Angeklagte hieß John Thomas Scopes. Er war 24 Jahre alt, Footballtrainer und zeitweise Biologielehrer an der Rhea County High School. Ihm wurde vorgeworfen, gegen ein wenige Monate zuvor verabschiedetes Gesetz des Staates Tennessee verstoßen zu haben, indem er seinen Schülern die Evolutionstheorie vermittelt hatte. Der Prozess, offiziell State of Tennessee v. John Thomas Scopes, ging als „Scopes Trial“, „Monkey Trial“ oder im Deutschen als „Affenprozess“ in die Geschichte ein.

Seine nachhaltige Bedeutung erklärt sich jedoch weniger aus dem konkreten Strafverfahren als aus seiner symbolischen Aufladung. Auf der einen Seite stand Clarence Darrow, einer der berühmtesten Strafverteidiger der Vereinigten Staaten, Agnostiker, Bürgerrechtler und entschiedener Gegner religiös begründeter Einschränkungen geistiger Freiheit. Auf der anderen Seite William Jennings Bryan, dreimaliger Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei, ehemaliger Außenminister, populistischer Sozialreformer, tiefgläubiger Presbyterianer und seit Beginn der 1920er Jahre der prominenteste politische Gegner der Evolutionstheorie in Amerika.

Der Scopes-Prozess wurde dadurch zu einem der ersten großen amerikanischen „Medienprozesse“ des 20. Jahrhunderts. Zum ersten Mal konnte ein Gerichtsverfahren in großem Umfang live über das Radio verfolgt werden. Etwa 150 Reporter kamen nach Dayton; Millionen Wörter wurden über Telegraphenleitungen an Zeitungsredaktionen übermittelt. Dabei war der Fall von Anfang an keineswegs jene spontane Verfolgung eines mutigen Lehrers durch fanatische Provinzpolitiker, zu der ihn spätere Darstellungen machten. Scopes war freiwilliger Teilnehmer eines geplanten Musterprozesses. Ob er die verbotene Unterrichtseinheit überhaupt in der später behaupteten Form gehalten hatte, wusste er selbst nicht mehr mit Sicherheit. Genau darin liegt eine der vielen historischen Ironien dieses Prozesses.

Darwin in Amerika: Die Vorgeschichte des Konflikts

Als Charles Darwin 1859 On the Origin of Species veröffentlichte, löste er nicht über Nacht einen Krieg zwischen Naturwissenschaft und Religion aus. Die tatsächliche Geschichte war wesentlich komplizierter. Viele Theologen akzeptierten Teile der Evolutionstheorie, zahlreiche Naturwissenschaftler blieben religiös, und innerhalb der christlichen Kirchen entstanden sehr unterschiedliche Versuche, Evolution und Schöpfung miteinander zu vereinbaren.

Darwins eigentliche wissenschaftliche Revolution bestand nicht schlicht in der Behauptung, dass sich Organismen verändern. Vorstellungen einer Veränderlichkeit der Arten existierten bereits vor ihm. Entscheidend waren vielmehr die gemeinsame Abstammung der Lebewesen und der Mechanismus der natürlichen Selektion. Individuen unterscheiden sich voneinander; manche dieser Unterschiede sind erblich; und wo mehr Nachkommen entstehen, als überleben und sich fortpflanzen können, beeinflussen bestimmte erbliche Eigenschaften den Fortpflanzungserfolg. Über sehr lange Zeiträume können dadurch Populationen verändert und neue Arten hervorgebracht werden.

Für viele Zeitgenossen war die Vorstellung einer gemeinsamen Abstammung des Menschen mit anderen Primaten besonders provozierend. Darwin selbst behandelte die menschliche Evolution in Origin of Species noch zurückhaltend und widmete ihr erst 1871 mit The Descent of Man ein eigenes Werk.

In den Vereinigten Staaten fiel die Evolutionstheorie in eine Gesellschaft, die zugleich von rasanter Industrialisierung, Urbanisierung, Masseneinwanderung, religiösem Wandel und tiefgreifenden sozialen Konflikten geprägt war. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand zudem ein populärer „Sozialdarwinismus“, der biologische Begriffe wie Konkurrenz, Selektion und „survival of the fittest“ auf Gesellschaft, Wirtschaft und internationale Politik übertrug. Mit Darwin selbst waren viele dieser Ideologien nur lose verbunden.

Besonders problematisch war die Verbindung von Evolutionsvorstellungen mit der zeitgenössischen Eugenik. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Eugenik in weiten Teilen der westlichen akademischen Welt keineswegs als randständige Pseudowissenschaft. Zahlreiche Biologen, Mediziner, Politiker und Sozialreformer befürworteten Maßnahmen zur vermeintlichen „Verbesserung“ der Bevölkerung. In den USA führten solche Vorstellungen unter anderem zu Zwangssterilisationsgesetzen.

Ausgerechnet das Schulbuch, das im Scopes-Prozess eine zentrale Rolle spielte, George William Hunters A Civic Biology Presented in Problems von 1914, enthielt neben einer Darstellung der Evolution auch eugenische Aussagen und hierarchisierende Vorstellungen über menschliche Populationen, die nach heutigem wissenschaftlichem Maßstab unhaltbar sind. Diese Tatsache gehört zur Geschichte des Prozesses, weil sie William Jennings Bryans Motivation mit erklärt. Bryan sah im „Darwinismus“ nicht nur eine Bedrohung biblischer Autorität, sondern verband ihn mit Sozialdarwinismus, Eugenik, Militarismus und der Vorstellung, gesellschaftliche Stärke verleihe ein Recht zur Unterdrückung Schwächerer.

Damit wird bereits deutlich, wie problematisch die nachträgliche Reduktion des Konflikts auf „aufgeklärte Wissenschaft gegen religiöse Dummheit“ ist. Bryan irrte über die naturwissenschaftliche Beweislage der Evolution. Doch einige gesellschaftliche Ideologien, gegen die er polemisierte, waren tatsächlich menschenverachtend. Der historische Fehler lag darin, aus dem Missbrauch evolutionärer Ideen einen Grund für die staatliche Unterdrückung der Evolutionstheorie selbst abzuleiten.

Fundamentalismus als Antwort auf die Moderne

Parallel zur wissenschaftlichen Entwicklung vollzog sich innerhalb des amerikanischen Protestantismus eine tiefgreifende Spaltung. Liberale oder „modernistische“ Theologen akzeptierten historische Bibelkritik, neue Erkenntnisse der Geologie und teilweise auch die Evolutionstheorie. Für konservative Protestanten bedrohten diese Entwicklungen dagegen die Autorität der Heiligen Schrift.

Zwischen 1910 und 1915 erschien unter dem Titel The Fundamentals: A Testimony to the Truth eine Reihe theologischer Schriften, von denen sich später die Bezeichnung „Fundamentalismus“ ableitete. Bemerkenswerterweise waren die frühen Fundamentalisten in Fragen der Erdgeschichte keineswegs einheitlich. Viele akzeptierten ein hohes Erdalter; einige sahen sogar Möglichkeiten einer Vereinbarkeit von Evolution und christlichem Glauben. Der heute besonders in den Vereinigten Staaten verbreitete Junge-Erde-Kreationismus darf deshalb nicht ohne Weiteres auf die gesamte fundamentalistische Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts zurückprojiziert werden.

Dennoch wurde die Evolution während der 1920er Jahre zu einem zentralen Mobilisierungsthema. Evangelisten wie Billy Sunday griffen Darwin rhetorisch an, religiöse Verbände organisierten Kampagnen und konservative Eltern fürchteten, Schulen und Universitäten könnten ihre Kinder vom Glauben entfremden. William Jennings Bryan gab dieser Bewegung politische Schlagkraft. Seit 1921 trat er für gesetzliche Beschränkungen des Evolutionsunterrichts ein. Die Auseinandersetzung verlagerte sich damit von Kirche und Universität in Parlamente und Schulbehörden.

Bryan verkörperte dabei eine heute zunächst paradox wirkende Kombination. Politisch war er über Jahrzehnte ein Vertreter des amerikanischen Populismus und unterstützte zahlreiche progressive Reformen. Er kämpfte gegen die Macht großer Konzerne, setzte sich für Bauern und Arbeiter ein, unterstützte das Frauenwahlrecht und trat als überzeugter Pazifist gegen den amerikanischen Kriegseintritt im Ersten Weltkrieg ein. 1915 hatte er sogar sein Amt als Außenminister Woodrow Wilsons niedergelegt, weil er eine Eskalation gegenüber Deutschland vermeiden wollte.

Sein Antievolutionismus war dennoch kompromisslos. Für Bryan bedrohte die Vorstellung eines ausschließlich durch Kampf und Selektion bestimmten Lebens die moralische Grundlage der Gesellschaft. Dem von ihm wahrgenommenen „Gesetz des Hasses“ der darwinistischen Konkurrenz stellte er das christliche „Gesetz der Liebe“ entgegen.

Damit vertrat Bryan eine wissenschaftlich falsche Schlussfolgerung aus einem teilweise nachvollziehbaren moralischen Problem: Aus der Tatsache, dass natürliche Selektion einen biologischen Prozess beschreibt, folgt keinerlei moralische Verpflichtung, menschliche Gesellschaften nach diesem Prinzip zu organisieren. Der naturalistische Fehlschluss, aus einem biologischen „Sein“ ein gesellschaftliches „Sollen“ abzuleiten, war das eigentliche Problem des Sozialdarwinismus. Eine Widerlegung oder Unterdrückung der Evolutionstheorie war dazu weder erforderlich noch geeignet.

Der Butler Act

Der unmittelbare Auslöser des Scopes-Prozesses war der sogenannte Butler Act. Der demokratische Abgeordnete John Washington Butler, Farmer und Angehöriger der Primitive Baptists, brachte das Gesetz in die Legislative Tennessees ein. Butler fürchtete, die Vermittlung evolutionärer Vorstellungen werde die biblische Grundlage der Moral zerstören.

Am 21. März 1925 unterzeichnete Gouverneur Austin Peay das Gesetz. Es untersagte Lehrern an staatlich finanzierten Schulen und Hochschulen Tennessees, eine Theorie zu lehren, welche die in der Bibel dargestellte göttliche Erschaffung des Menschen verneine und stattdessen lehre, der Mensch sei von einer „niedrigeren Ordnung von Tieren“ abgestammt.

Bemerkenswert ist bereits die Konstruktion des Gesetzes. Es verbot nicht generell jede Evolutionslehre. Sein Schwerpunkt lag auf der menschlichen Abstammung und auf dem Widerspruch zur biblischen Schöpfungserzählung. Damit war der religiöse Bezug ausdrücklich im Gesetzestext verankert.

Gouverneur Peay selbst scheint nicht mit einer intensiven Strafverfolgung gerechnet zu haben. Er betrachtete den Butler Act eher als symbolische Bekundung gegen vermeintlich antireligiöse Tendenzen. Doch die American Civil Liberties Union erkannte sofort die verfassungsrechtliche Brisanz und suchte nach einem Lehrer, der bereit war, das Gesetz in einem Musterprozess herauszufordern.

Dayton sucht einen Angeklagten

Die Geschichte nahm nun eine beinahe komödiantische Wendung. Geschäftsleute in Dayton erfuhren von dem Angebot der ACLU und erkannten darin eine Möglichkeit, ihre wirtschaftlich stagnierende Kleinstadt landesweit bekannt zu machen.

Am 5. Mai 1925 traf sich eine Gruppe lokaler Honoratioren in Robinson’s Drugstore. Zu ihnen gehörte der Ingenieur und Bergwerksmanager George Rappleyea. Man ließ John Scopes holen und fragte ihn, ob er bereit wäre, als Angeklagter zu fungieren.

Scopes war keineswegs der reguläre Biologielehrer, als der er später häufig dargestellt wurde. Sein Hauptberuf an der Schule bestand in der Tätigkeit als Footballtrainer; er hatte jedoch zeitweilig Biologieunterricht vertreten. Er glaubte an die Evolutionstheorie und war bereit, das Gesetz anzufechten. Allerdings erinnerte er sich später nicht sicher daran, ob er den entscheidenden Abschnitt zur menschlichen Evolution tatsächlich unterrichtet hatte. Das störte die Beteiligten wenig. Schüler konnten bezeugen, dass im Unterricht evolutionäre Inhalte behandelt worden waren, und für den geplanten Testfall genügte dies. Die ACLU übernahm die juristische Unterstützung. Der berühmteste Prozess über die Freiheit der Wissenschaft begann somit als Mischung aus Bürgerrechtsstrategie und Stadtmarketing.

Zwei Titanen betreten die Bühne

Aus dem geplanten Musterverfahren wurde ein nationales Ereignis, als zwei der berühmtesten öffentlichen Persönlichkeiten Amerikas ihre Teilnahme ankündigten. William Jennings Bryan meldete sich freiwillig für die Anklage. Zwar war er seit Jahrzehnten nicht mehr regelmäßig als Anwalt tätig, doch für ihn bot der Fall die ersehnte Möglichkeit, seine Antievolutionskampagne auf der größten denkbaren Bühne zu führen.

Daraufhin trat Clarence Darrow der Verteidigung bei. Darrow war ebenfalls eine nationale Berühmtheit. Er hatte Gewerkschafter, politische Radikale und Angeklagte in spektakulären Strafprozessen vertreten. Religiös war er Agnostiker und ein scharfer Kritiker des Fundamentalismus.

Die ACLU war über diese Entwicklung keineswegs ausschließlich glücklich. Ursprünglich wollte sie einen vergleichsweise nüchternen verfassungsrechtlichen Musterprozess führen. Darrow hingegen sah die Gelegenheit, die religiösen Grundlagen des Gesetzes öffentlich anzugreifen und Bryan zu einer grundsätzlichen Debatte zu zwingen. Der juristische Prozess wurde dadurch zunehmend von einem Weltanschauungsduell überlagert.

Zur Verteidigung gehörten neben Darrow unter anderem Arthur Garfield Hays, Dudley Field Malone und John Randolph Neal. Die Anklage wurde vom Generalstaatsanwalt Tennessees, Tom Stewart, geführt; Bryan trat als prominenter Sonderankläger hinzu. Vorsitzender Richter war John T. Raulston. Am 10. Juli 1925 begann der Prozess.

Dayton als Medienzirkus

Was sich in den folgenden Tagen abspielte, war für die damalige Mediengeschichte außergewöhnlich. Reporter überfüllten Hotels und Privathäuser. Telegraphengesellschaften errichteten zusätzliche Leitungen. Zeitungen schickten ihre besten Kommentatoren. Der Sender WGN aus Chicago übertrug das Verfahren live im Radio – ein Meilenstein der amerikanischen Rundfunkgeschichte.

Die Stadt selbst verwandelte sich in einen Jahrmarkt. Händler boten Affensouvenirs an, Prediger warben um Zuhörer, Bibeln und antievolutionistische Schriften wurden verkauft. Sogar lebende Affen wurden zur Unterhaltung präsentiert. Die Ironie lag auf der Hand: Eine Kampagne, die die Würde des Menschen gegen seine vermeintliche Herabsetzung zum Tier verteidigen wollte, wurde medial permanent mit Affenbildern illustriert.

Eine besonders prägende Rolle spielte H. L. Mencken vom Baltimore Sun. Mencken war ein brillanter Stilist, zugleich jedoch ein elitärer Verächter des amerikanischen Provinzialismus. Seine Berichte machten sich gnadenlos über Bryan, Fundamentalisten und die Bewohner Tennessees lustig. Für Generationen prägten sie das Bild des Prozesses als Konfrontation moderner Intelligenz mit rückständigen „Hillbillies“.

Diese Darstellung war wirkungsmächtig, aber historisch problematisch. Sie verwischte die intellektuellen Unterschiede innerhalb des Protestantismus und machte aus einer komplexen gesellschaftlichen Auseinandersetzung eine Karikatur.

Worum ging es vor Gericht eigentlich?

Juristisch war die Sache zunächst erstaunlich einfach. Der Butler Act existierte. Scopes sollte gegen ihn verstoßen haben. Die Anklage musste daher im Wesentlichen beweisen, dass er die verbotenen Inhalte unterrichtet hatte.

Die Verteidigung wollte dagegen das Gesetz selbst angreifen. Dabei verfolgte sie mehrere Argumentationslinien. Das Gesetz verletze die Freiheit von Lehre und Wissenschaft, es sei unklar formuliert und mache letztlich eine bestimmte religiöse Interpretation der Bibel zum Maßstab staatlichen Schulunterrichts.

Vor allem aber wollte die Verteidigung Wissenschaftler und Theologen als Sachverständige auftreten lassen. Sie sollten zeigen, dass Evolution wissenschaftlich gut begründet sei und dass ihre Akzeptanz keineswegs zwangsläufig im Widerspruch zu christlichem Glauben stehe.

Damit gerieten Prozessstrategie und eigentliches Strafverfahren aneinander. Richter Raulston vertrat die Auffassung, dass die wissenschaftliche Richtigkeit der Evolution für die Frage der Gesetzesverletzung irrelevant sei. Tennessee habe das Recht, den Lehrplan seiner staatlichen Schulen festzulegen. Wenn der Gesetzgeber Evolution verboten habe, sei nicht entscheidend, ob Evolution wahr sei.

Der Zoologe Maynard Metcalf durfte zwar in Abwesenheit der Jury wissenschaftliche Ausführungen machen, der größte Teil der geplanten Expertenaussagen wurde jedoch vom eigentlichen Verfahren ausgeschlossen. Die Verteidigung ließ zahlreiche Stellungnahmen für das Protokoll hinterlegen, damit sie bei einer späteren Berufung berücksichtigt werden konnten. Damit drohte Darrows Strategie zu scheitern. Wenn die wissenschaftliche Beweislage nicht diskutiert werden durfte, konnte der Prozess kaum zum großen Tribunal über Evolution und Fundamentalismus werden. Darrow fand einen Ausweg.

Clarence Darrow ruft William Jennings Bryan in den Zeugenstand

Am 20. Juli kam es zur berühmtesten Szene des Prozesses. Die Verhandlung war wegen der Hitze und aus Sorge um das überfüllte Gerichtsgebäude zeitweise ins Freie verlegt worden. Vor Tausenden Zuschauern beantragte Darrow, William Jennings Bryan als Sachverständigen für die Bibel zu befragen.

Dass ein Anwalt der Verteidigung einen Vertreter der Anklage als Zeugen aufrief, war höchst ungewöhnlich. Bryan hätte ablehnen können. Doch er nahm die Herausforderung an. Er hoffte offenbar, dadurch seinerseits Gelegenheit zu erhalten, Darrow über dessen Agnostizismus zu befragen.

Was folgte, wurde zur legendären rhetorischen Konfrontation. Darrow fragte Bryan nach der Erschaffung der Welt, der Sintflut, dem Alter der Erde, Kain und anderen biblischen Erzählungen. Sein Ziel war klar: Er wollte zeigen, dass auch Bryan den Bibeltext nicht in jedem Detail buchstäblich verstand. Und tatsächlich gab Bryan genau dies zu.

Auf Darrows Frage, ob die Schöpfungstage zwingend Tage von jeweils 24 Stunden gewesen seien, antwortete Bryan mit Nein. Sie könnten sehr viel längere Zeiträume umfasst haben. Er akzeptierte damit eine Form der sogenannten „Day-Age“-Interpretation. Gerade dieses Detail ist für die historische Bewertung entscheidend: Bryan war kein Junge-Erde-Kreationist im heutigen Sinn. Seine Position unterschied sich erheblich von jener später insbesondere durch George McCready Price, Henry Morris und andere popularisierten Vorstellung, Erde und Universum seien nur wenige tausend Jahre alt.

Darrow gelang es dennoch, Bryan intellektuell in die Defensive zu bringen. Die Presse erklärte den Austausch rasch zum Triumph Darrows. Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Bryan war kein ausgebildeter Bibelwissenschaftler, und Darrows Befragung war teilweise bewusst polemisch. Zeitgenossen empfanden sie zum Teil als unnötig grausam. Juristisch trug sie wenig zur Frage von Scopes‘ Schuld bei.

Am folgenden Tag ließ Richter Raulston die Befragung aus dem Protokoll streichen beziehungsweise erklärte ihre Fortsetzung für unzulässig. Damit war Darrows eigentliches Ziel erreicht: Die kulturelle und religiöse Grundlage des Butler Act war öffentlich sichtbar geworden.

Urteil und juristischer Sieg der Anklage

Am 21. Juli änderte die Verteidigung ihre Strategie erneut. Darrow forderte die Geschworenen praktisch dazu auf, Scopes schuldig zu sprechen. Nur ein Schuldspruch ermöglichte die geplante Berufung gegen das Gesetz. Nach weniger als zehn Minuten Beratung befand die Jury Scopes für schuldig. Richter Raulston verhängte die Mindeststrafe von 100 Dollar.

Formell hatte Bryan gewonnen. Doch der geplante große Schlussvortrag, mit dem er seine Argumente gegen Evolution darlegen wollte, fand nicht mehr statt. Fünf Tage nach Prozessende, am 26. Juli 1925, starb William Jennings Bryan in Dayton im Schlaf. Er litt unter Diabetes und war durch die Hitze und die Belastungen der vergangenen Wochen gesundheitlich angeschlagen. Die Behauptung, Darrows Verhör habe ihn gewissermaßen „getötet“, gehört in den Bereich der Legendenbildung. Scopes dagegen verließ Tennessee und studierte später Geologie.

Die Berufung: Scopes gewinnt – und verliert zugleich

1927 befasste sich der Supreme Court of Tennessee mit dem Fall. Das Ergebnis war für die ACLU enttäuschend. Das Gericht erklärte den Butler Act nicht für verfassungswidrig. Es akzeptierte grundsätzlich das Recht des Staates, den Lehrplan öffentlicher Schulen festzulegen. Gleichzeitig hob es Scopes‘ Verurteilung aus einem technischen Grund auf: Nach der Verfassung Tennessees durfte ein Richter keine Geldstrafe von mehr als 50 Dollar verhängen; eine darüber hinausgehende Geldstrafe hätte durch die Jury festgesetzt werden müssen.

Da Richter Raulston selbst die 100 Dollar bestimmt hatte, war das Urteil fehlerhaft.

Das Gericht empfahl ausdrücklich, Scopes nicht erneut anzuklagen. Damit war der Musterprozess beendet, ohne dass die ACLU den Fall vor den Supreme Court der Vereinigten Staaten bringen konnte. Der Butler Act blieb bestehen und wurde erst 1967 aufgehoben. Gerade hierin liegt ein entscheidender Unterschied zwischen historischer Wirklichkeit und populärer Erinnerung: Der Scopes-Prozess beseitigte das Evolutionsverbot nicht.

Wer hatte gewonnen?

Die häufig gegebene Antwort lautet: Bryan gewann vor Gericht, Darrow gewann vor der Geschichte. Doch auch diese Formel ist zu einfach. In den urbanen Medien wurde der Fundamentalismus nach Dayton tatsächlich häufig als intellektuell diskreditiert dargestellt. Menckens Karikatur eines rückständigen, bibelschwingenden Südens wirkte lange nach. Für Teile des protestantischen Fundamentalismus bedeutete der Prozess eine kulturelle Niederlage.

Politisch jedoch verschwand der Antievolutionismus keineswegs. Nach 1925 wurden in zahlreichen Bundesstaaten weitere Gesetzesentwürfe gegen Evolution eingebracht. Mississippi und Arkansas verabschiedeten Verbote. Schulbuchverlage reagierten auf den politischen Druck, indem sie evolutionäre Inhalte abschwächten oder entfernten. Lehrer vermieden das Thema aus Furcht vor Konflikten. Die Evolution verschwand für Jahrzehnte teilweise aus amerikanischen Biologieklassen.

Insofern kann man sogar argumentieren, dass die Fundamentalisten den kurzfristig wichtigeren bildungspolitischen Erfolg erzielten. Das änderte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere nach dem sowjetischen Sputnik-Erfolg von 1957. Die Erkenntnis, dass die Vereinigten Staaten in Naturwissenschaft und Technik international zurückfallen könnten, führte zu einer grundlegenden Reform des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Neue Biologielehrbücher rückten Evolution wieder ins Zentrum der Biologie.

Damit kehrte auch der alte Konflikt zurück.

Exkurs I: Religion gegen Evolution? Kreationismus, Fundamentalismus und der politische Kampf um den Biologieunterricht

Der Scopes-Prozess wird häufig als Beleg für einen fundamentalen Gegensatz zwischen Religion und Evolutionstheorie herangezogen. Wissenschaftshistorisch ist diese Aussage nicht haltbar. Der entscheidende Konflikt besteht nicht zwischen „Religion“ und „Evolution“, sondern zwischen bestimmten theologischen Interpretationen und den Methoden und Ergebnissen der modernen Naturwissenschaft. Das lässt sich bereits am Christentum zeigen.

Die römisch-katholische Kirche lehnt die biologische Evolution nicht grundsätzlich ab. Pius XII. erklärte 1950 in der Enzyklika Humani generis, Untersuchungen über eine evolutionäre Entstehung des menschlichen Körpers aus bereits existierender lebender Materie seien zulässig, solange bestimmte theologische Grundannahmen – insbesondere hinsichtlich der Seele – gewahrt würden. Johannes Paul II. ging 1996 weiter und stellte fest, neue Erkenntnisse hätten dazu geführt, Evolution als „mehr als eine Hypothese“ anzusehen.

Auch zahlreiche protestantische, jüdische und andere religiöse Denominationen akzeptieren Evolution. Theistische Evolution beziehungsweise evolutionäre Schöpfung deutet evolutionäre Prozesse als mit einem Schöpferglauben vereinbar. Ob diese theologische Position wissenschaftlich erforderlich ist, ist eine andere Frage; sie widerspricht jedenfalls der Evolutionstheorie als naturwissenschaftlicher Beschreibung biologischer Veränderungen nicht.

Selbst in den Vereinigten Staaten ist die vermeintliche Alternative „Darwin oder Gott“ empirisch irreführend. Eine große Pew-Erhebung aus den Jahren 2023/24 ergab, dass 47 Prozent der amerikanischen Erwachsenen eine Evolution des Menschen akzeptierten und zugleich annahmen, dieser Prozess sei von Gott oder einer höheren Macht ermöglicht oder gelenkt worden. Weitere 33 Prozent akzeptierten Evolution ohne göttliche Beteiligung; 17 Prozent gingen davon aus, der Mensch habe seit seinem Ursprung in seiner gegenwärtigen Form existiert. Die genaue Quote variiert erheblich mit der Fragestellung – Gallup ermittelte 2024 bei einer enger formulierten Junge-Erde-Alternative 37 Prozent –, doch gerade diese Unterschiede zeigen, wie wenig sich religiöse Überzeugung und Evolutionsakzeptanz in ein einfaches binäres Schema pressen lassen.

Problematisch wird die Situation dort, wo eine bestimmte Glaubensposition nicht lediglich vertreten, sondern mittels staatlicher Macht als naturwissenschaftliche Alternative durchgesetzt werden soll.

Der Junge-Erde-Kreationismus

Eine besonders einflussreiche Form ist der Junge-Erde-Kreationismus. Seine Anhänger gehen meist davon aus, dass Erde und Universum nur einige tausend Jahre alt seien, dass die wesentlichen „Grundtypen“ des Lebens getrennt erschaffen worden seien und dass ein großer Teil der geologischen Erdgeschichte durch eine weltweite Sintflut erklärt werden könne.

Eine zentrale Figur der Vorgeschichte war der Siebenten-Tags-Adventist George McCready Price. Price entwickelte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine „Flood Geology“, mit der er die geologische Schichtenfolge als Folge der biblischen Sintflut interpretierte. Wissenschaftlich konnte sich dieses Modell nie etablieren; innerhalb späterer kreationistischer Bewegungen übte Price jedoch enormen Einfluss aus.

Den eigentlichen Durchbruch erzielte diese Form des Kreationismus 1961 mit John C. Whitcombs und Henry M. Morris‘ Buch The Genesis Flood. Das Werk präsentierte Junge-Erde-Kreationismus in einer wissenschaftlich anmutenden Form und wurde zu einem Grundlagenwerk der späteren „Creation Science“. In den folgenden Jahren entstanden Organisationen wie die Creation Research Society und das Institute for Creation Research.

Damit hatte sich die Strategie verändert. Es ging nicht mehr ausschließlich darum, Evolution aus religiösen Gründen abzulehnen. Vielmehr wurde behauptet, die wörtlich verstandene Genesis könne selbst als naturwissenschaftliche Theorie präsentiert werden.

Von „Verbietet Darwin!“ zu „Gebt der Schöpfung gleiche Zeit!“

Die amerikanische Verfassungsordnung setzte dieser Strategie Grenzen. 1968 entschied der Supreme Court der Vereinigten Staaten in Epperson v. Arkansas, dass ein staatliches Verbot des Evolutionsunterrichts gegen den First Amendment verstoße. Arkansas hatte Lehrern verboten, menschliche Abstammung von früheren Lebensformen zu unterrichten. Das Gericht urteilte einstimmig, der Staat dürfe eine wissenschaftliche Theorie nicht deshalb aus dem Unterricht verbannen, weil sie mit der wörtlichen Interpretation der Genesis einer bestimmten religiösen Gruppe kollidiere. Damit war die Strategie des Butler Act verfassungsrechtlich erledigt.

Kreationistische Aktivisten reagierten jedoch nicht mit Aufgabe, sondern mit Anpassung. Statt Evolution zu verbieten, forderten sie nun „balanced treatment“ – eine gleichberechtigte Behandlung von Evolution und „Creation Science“.

Arkansas verabschiedete 1981 ein entsprechendes Gesetz. Im Verfahren McLean v. Arkansas Board of Education erklärte ein Bundesgericht dieses Gesetz 1982 für verfassungswidrig. Richter William Overton analysierte ausführlich, warum die im Gesetz definierte „Creation Science“ grundlegende wissenschaftliche Kriterien wie empirische Überprüfbarkeit und Falsifizierbarkeit nicht erfüllte und inhaltlich auf einer bestimmten religiösen Schöpfungsvorstellung beruhte.

1987 folgte die entscheidende Entscheidung des Supreme Court in Edwards v. Aguillard. Louisiana hatte ein Gesetz erlassen, wonach Evolution nur unterrichtet werden durfte, wenn zugleich „Creation Science“ behandelt wurde. Der Supreme Court erklärte auch dieses Gesetz für verfassungswidrig. Sein eigentlicher Zweck sei nicht wissenschaftliche Offenheit, sondern die Förderung einer religiösen Lehre und die Diskreditierung der Evolution. Erneut änderte sich die Strategie.

Intelligent Design

In den späten 1980er und 1990er Jahren trat der Begriff „Intelligent Design“ stärker hervor. Seine Vertreter verzichteten meist auf ausdrückliche Aussagen über eine junge Erde, eine weltweite Sintflut oder die Identität des „Designers“. Stattdessen argumentierten sie, bestimmte biologische Strukturen seien so komplex, dass sie durch ungelenkte evolutionäre Prozesse nicht hinreichend erklärt werden könnten.

Besonders bekannt wurde Michael Behes Konzept der „irreducible complexity“. Bestimmte Systeme könnten nur funktionieren, wenn alle ihre Teile gleichzeitig vorhanden seien; daher sei eine schrittweise Evolution angeblich unwahrscheinlich oder unmöglich.

Der wissenschaftliche Einwand dagegen besteht unter anderem darin, dass Evolution nicht voraussetzt, komplexe Systeme müssten durch lineares Hinzufügen heute vorhandener Teile entstehen. Bauteile können zuvor andere Funktionen besitzen, Systeme können vereinfacht, umgebaut oder funktional umgewidmet werden. Gerade Evolutionsbiologie, Genomforschung und vergleichende Biologie dokumentieren zahlreiche solcher Prozesse.

Politisch wurde Intelligent Design vor allem durch das Discovery Institute und dessen Center for Science and Culture unterstützt. Dabei entwickelte sich die Forderung, Schulen sollten die vermeintlichen „Stärken und Schwächen“ der Evolution vermitteln oder „teach the controversy“ – „die Kontroverse unterrichten“. Das Discovery Institute selbst erklärt inzwischen ausdrücklich, eine verpflichtende Einführung von Intelligent Design in staatlichen Schulen nicht zu befürworten; es fordert stattdessen die Behandlung angeblicher wissenschaftlicher Schwächen der Evolution.

Der entscheidende juristische Konflikt ereignete sich 2005 in Pennsylvania. Die Schulbehörde von Dover verlangte, Schüler vor einer Evolutionseinheit auf Intelligent Design und das Buch Of Pandas and People hinzuweisen.

In Kitzmiller v. Dover Area School District erklärte Bundesrichter John E. Jones III die Regelung für verfassungswidrig. Nach einer außergewöhnlich ausführlichen Beweisaufnahme kam das Gericht zu dem Ergebnis, Intelligent Design sei keine wissenschaftliche Alternative zur Evolution und seine religiösen Wurzeln seien deutlich erkennbar. Besonders aufschlussreich war die Entstehungsgeschichte von Of Pandas and People: Frühere Fassungen hatten von „creation“ und „creationists“ gesprochen; nach der Entscheidung Edwards v. Aguillard waren entsprechende Formulierungen durch „intelligent design“ und „design proponents“ ersetzt worden.

Hier zeigte sich exemplarisch eine bemerkenswerte Ironie: Die antievolutionistische Bewegung selbst hatte sich durch Selektion an ihre juristische Umwelt angepasst.

„Academic Freedom“ als neue Strategie

Nach Kitzmiller verschob sich die politische Strategie erneut. Gesetzesentwürfe verlangten nun häufig nicht mehr ausdrücklich die Vermittlung von Kreationismus oder Intelligent Design. Stattdessen beriefen sie sich auf „academic freedom“, „critical thinking“ oder das Recht von Lehrern, die „Stärken und Schwächen“ wissenschaftlicher Theorien zu diskutieren.

Eine solche Forderung klingt zunächst selbstverständlich. Wissenschaft lebt tatsächlich von Kritik. Keine wissenschaftliche Theorie darf gegen Prüfung immunisiert werden.

Das Problem liegt daher nicht in der Forderung nach Kritik, sondern darin, was unter dem Etikett „Kritik“ in den Unterricht eingeführt werden soll. Wissenschaftliche Kontroversen über Selektionsstärken, genetische Drift, Entwicklungsbiologie, Artbildungsmodelle, Epigenetik oder die Bedeutung von Nischenkonstruktion sind reale wissenschaftliche Debatten. Die Frage, ob Menschen und andere Primaten gemeinsame Vorfahren besitzen oder ob die Erde nur einige tausend Jahre alt ist, gehört dagegen nicht zu den offenen Grundfragen der modernen Biologie und Geologie.

Nicholas Matzke hat die Entwicklung antievolutionistischer Gesetzgebung nach Kitzmiller als eine Art politischer Evolution untersucht: Nach juristischen Niederlagen änderte sich regelmäßig die Terminologie, während wesentliche Argumentationsstrukturen erhalten blieben. Seit 2014 wurden in US-Bundesstaaten zahlreiche sogenannte Academic-Freedom-Vorlagen eingebracht; Louisiana verabschiedete 2008 und Tennessee 2012 Gesetze dieses Typs.

Damit liegt eine zentrale Lehre der Scopes-Geschichte offen: Politische Eingriffe in Wissenschaftsunterricht müssen nicht in der plakativen Form eines ausdrücklichen Verbots erfolgen. Sie können über Lehrpläne, Schulbuchzulassungen, Schulbehörden, Prüfungsstandards, Finanzierung und vermeintliche „Ausgewogenheit“ wirken.

Ein Blick über die Vereinigten Staaten hinaus

Kreationistische Bewegungen sind keineswegs auf das amerikanische protestantische Milieu beschränkt. Auch in Teilen des islamischen Raumes entstanden antievolutionistische Bewegungen. Besonders international aktiv wurde seit den 1990er Jahren das Umfeld des türkischen Kreationisten Adnan Oktar, der unter dem Pseudonym Harun Yahya umfangreiche, aufwendig produzierte antievolutionistische Publikationen verbreitete.

Die Türkei liefert zudem ein Beispiel dafür, wie wissenschaftspolitische Konflikte mit staatlicher Bildungspolitik verbunden werden können. 2017 wurde Evolution aus zentralen Bereichen des türkischen Schulcurriculums entfernt beziehungsweise auf spätere Bildungsstufen verdrängt. Türkische Evolutionsbiologen protestierten dagegen öffentlich und warnten vor langfristigen Folgen für die naturwissenschaftliche Bildung.

Auch hier wäre es jedoch falsch, von „dem Islam“ als Gegner der Evolution zu sprechen. Muslimische Theologen und Wissenschaftler vertreten ebenso unterschiedliche Positionen wie christliche oder jüdische Denominationen. Das entscheidende Kriterium lautet nicht Religiosität, sondern die Bereitschaft, eine religiöse Überzeugung zum verbindlichen Maßstab naturwissenschaftlicher Erkenntnis und staatlichen Unterrichts zu machen.

Exkurs II: Von Darwin zur Genomik – Wie sich die Evolutionstheorie seit dem 19. Jahrhundert verändert hat

Wer vom „Darwinismus“ spricht, erweckt leicht den Eindruck, die moderne Evolutionsbiologie bestehe noch immer aus jener Theorie, die Darwin 1859 formulierte. Das ist ungefähr so zutreffend, als würde man moderne Physik vollständig mit Newtons Principia gleichsetzen.

Darwin schuf einen entscheidenden theoretischen Rahmen. Die Evolutionsbiologie der Gegenwart ist jedoch das Ergebnis von mehr als 160 Jahren Forschung.

Das ungelöste Problem der Vererbung

Darwins größtes theoretisches Defizit war die Genetik. Er wusste, dass Merkmale vererbt werden, kannte aber den Mechanismus nicht. Gregor Mendel veröffentlichte seine berühmten Kreuzungsversuche an Erbsen 1866, doch ihre Bedeutung wurde erst um 1900 allgemein erkannt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien zwischen Mendels diskreten Erbfaktoren und Darwins gradueller Evolution sogar ein Widerspruch zu bestehen. Manche Forscher hielten große Mutationen für den entscheidenden Motor der Evolution. Die Lösung entstand in den 1910er bis 1940er Jahren.

Die Moderne Synthese

Ronald A. Fisher, J. B. S. Haldane und Sewall Wright zeigten mathematisch, dass mendelsche Vererbung und natürliche Selektion vollständig miteinander vereinbar sind. Viele Gene mit kleinen Wirkungen können kontinuierliche phänotypische Unterschiede erzeugen, auf die Selektion einwirkt.

Theodosius Dobzhansky verband Populationsgenetik und Feldbiologie. Ernst Mayr integrierte Systematik und Artbildung, George Gaylord Simpson die Paläontologie, G. Ledyard Stebbins die Botanik. Julian Huxley prägte dafür 1942 den Begriff „Modern Synthesis“.

Evolution wurde nun als Veränderung genetischer Zusammensetzungen von Populationen über Generationen verstanden. Mutation erzeugt neue Variation, Rekombination mischt sie, natürliche Selektion verändert ihre Häufigkeiten, genetische Drift wirkt zufallsbedingt, Genfluss verbindet Populationen, Isolation ermöglicht Divergenz und Artbildung. Darwins Grundgedanke blieb erhalten, wurde aber genetisch fundiert.

DNA und die molekulare Revolution

1953 beschrieben James Watson und Francis Crick unter entscheidender Nutzung der Röntgenstrukturdaten Rosalind Franklins und der Arbeiten Maurice Wilkins‘ die Doppelhelixstruktur der DNA. In den folgenden Jahren wurden Replikation, Transkription, Translation und der genetische Code aufgeklärt.

Evolution konnte nun nicht mehr nur über sichtbare Merkmale, Fossilien und Kreuzungsversuche untersucht werden. Man konnte Veränderungen direkt auf molekularer Ebene verfolgen. Damit entstand die molekulare Evolution.

Besonders folgenreich war Motoo Kimuras neutrale Theorie. Kimura argumentierte ab 1968, ein großer Teil der Veränderungen auf molekularer Ebene sei nicht Ergebnis positiver natürlicher Selektion, sondern beruhe auf der zufälligen Fixierung neutraler oder nahezu neutraler Mutationen durch genetische Drift.

Das bedeutete keine Widerlegung Darwins. Es bedeutete eine Erweiterung. Nicht jede evolutionäre Veränderung ist adaptiv. Selektion ist zentral, aber nicht der einzige Mechanismus der Evolution.

Endosymbiose und die Kooperation als Evolutionsfaktor

Eine weitere bedeutende Erweiterung betraf die Entstehung komplexer Zellen. Lynn Margulis popularisierte und fundierte ab den 1960er Jahren die Endosymbiontentheorie. Mitochondrien und Chloroplasten gehen demnach auf ursprünglich freilebende Bakterien zurück, die in andere Zellen aufgenommen wurden und schließlich zu festen Bestandteilen dieser Zellen wurden. Molekulare Daten bestätigten diese Interpretation eindrucksvoll.

Auch hier zeigte sich, wie problematisch die populäre Gleichsetzung von Evolution mit einem permanenten „Kampf aller gegen alle“ ist. Kooperation, Symbiose und Integration können ebenso tiefgreifende evolutionäre Innovationen hervorbringen.

Evolution ohne gleichmäßiges Tempo

1972 formulierten Niles Eldredge und Stephen Jay Gould das Modell des „punctuated equilibrium“, des unterbrochenen Gleichgewichts. Im Fossilbericht erscheinen Arten häufig über lange Zeiträume relativ stabil, während größere Veränderungen geologisch vergleichsweise rasch mit Artbildungsereignissen verbunden sein können.

Populär wurde dies gelegentlich als Angriff auf Darwin dargestellt. Tatsächlich betraf die Diskussion vor allem Geschwindigkeit und Muster evolutionärer Veränderung, nicht die gemeinsame Abstammung oder die Existenz natürlicher Selektionsprozesse. Evolution muss weder konstant noch gleichmäßig verlaufen.

Evo-Devo: Die Evolution der Entwicklung

Seit den 1980er und 1990er Jahren entwickelte sich die evolutionäre Entwicklungsbiologie, kurz Evo-Devo, zu einem bedeutenden Forschungsfeld.

Besonders spektakulär war die Entdeckung, wie stark viele Gene, die den grundlegenden Körperbau von Tieren steuern, evolutionär konserviert sind. Hox-Gene beispielsweise beeinflussen die räumliche Organisation des Körpers bei sehr unterschiedlichen Tiergruppen.

Damit änderte sich die Perspektive. Evolutionäre Innovation besteht häufig nicht darin, völlig neue Gene „aus dem Nichts“ zu erzeugen. Veränderungen können vielmehr dadurch entstehen, wann, wo und in welcher Stärke alte regulatorische Gene aktiviert werden.

Die Evolution des Elefantenrüssels, der Fledermausflügel oder der Gliedmaßen verschiedener Wirbeltiere muss deshalb nicht auf völlig unterschiedlichen genetischen Bauplänen beruhen. Evolution arbeitet häufig mit einem erstaunlich alten Werkzeugkasten. Die Evolutionsbiologie und Entwicklungsbiologie sind dadurch enger zusammengerückt.

Genome als historische Archive

Die Genomsequenzierung hat die Evolutionsforschung nochmals grundlegend verändert. DNA enthält Spuren gemeinsamer Abstammung, Genverdopplungen, Mutationen, viraler Integrationen und vergangener Populationsereignisse.

Phylogenetische Stammbäume können heute mit Millionen genetischer Marker rekonstruiert werden. Unabhängige Datensätze aus Anatomie, Paläontologie und Genetik ergeben dabei vielfach übereinstimmende Verwandtschaftsmuster.

Besonders eindrucksvoll ist die menschliche Evolution. Die Sequenzierung alter DNA zeigte, dass Neandertaler und moderne Menschen sich nicht einfach in einer sauberen linearen Abfolge ablösten. Außerhalb Afrikas lebende heutige Menschen tragen genetische Anteile von Neandertalern. Mit den Denisova-Menschen wurde sogar eine archaische Menschengruppe zunächst wesentlich über DNA identifiziert.

Das alte Schulbuchbild einer geradlinigen Leiter vom „Affenmenschen“ zum modernen Homo sapiens ist deshalb längst durch das Bild eines verzweigten Busches mit mehrfachen Kreuzungen ersetzt worden.

Horizontaler Gentransfer

Vor allem bei Mikroorganismen zeigte sich außerdem, dass Gene nicht ausschließlich vertikal von Eltern an Nachkommen weitergegeben werden. Bakterien können genetisches Material zwischen teilweise weit entfernten Linien austauschen. Horizontaler Gentransfer ist beispielsweise bei der Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen von enormer Bedeutung.

Der traditionelle „Baum des Lebens“ bleibt als Modell gemeinsamer Abstammung nützlich, doch insbesondere in der frühen Evolution und bei Mikroorganismen besitzt die Geschichte des Lebens teilweise den Charakter eines Netzwerks.

Epigenetik: Rückkehr Lamarcks?

Kaum ein modernes Forschungsfeld wird in populären Debatten häufiger missverstanden als die Epigenetik. Epigenetische Mechanismen verändern die Genaktivität, ohne zwingend die DNA-Sequenz selbst zu verändern. Dazu gehören DNA-Methylierung, Histonmodifikationen und regulatorische RNAs.

In verschiedenen Organismen können bestimmte epigenetische Zustände über Generationen weitergegeben werden. Besonders gut dokumentiert ist dies bei Pflanzen, Pilzen und einigen wirbellosen Tieren. Bei Säugetieren ist transgenerationale epigenetische Vererbung komplizierter, weil ein großer Teil epigenetischer Markierungen während der Keimzellbildung und frühen Embryonalentwicklung zurückgesetzt wird.

Gelegentlich wird daraus eine „Widerlegung Darwins“ oder eine „Rückkehr Lamarcks“ konstruiert. Beides ist überzogen. Epigenetische Vererbung erweitert die Mechanismen biologischer Vererbung und kann evolutionäre Konsequenzen besitzen. Sie beseitigt jedoch weder Populationsgenetik noch Mutation, Selektion, Drift oder gemeinsame Abstammung.

Brauchen wir eine „Erweiterte Evolutionäre Synthese“?

Seit einigen Jahren wird darüber diskutiert, ob Entwicklungsplastizität, Nischenkonstruktion, epigenetische Vererbung, kulturelle Evolution und andere Prozesse eine sogenannte Extended Evolutionary Synthesis notwendig machen. Dabei besteht bemerkenswerterweise weniger Streit über die Existenz vieler Phänomene als über ihre theoretische Gewichtung. Einige Evolutionsbiologen sehen darin eine grundlegende Erweiterung des traditionellen Rahmens; andere argumentieren, die Moderne Synthese sei längst so flexibel erweitert worden, dass keine neue „Revolution“ erforderlich sei.

Eine vielbeachtete Debatte in Nature brachte diese unterschiedlichen Positionen 2014 unmittelbar gegeneinander in Stellung. Gerade dieser Streit zeigt, wie Wissenschaft funktioniert. Die Evolutionsbiologie ist kein Dogma mit einem 1859 festgelegten Katechismus. Sie verändert Modelle, integriert neue Mechanismen und verwirft falsche Hypothesen. Was dabei jedoch nicht ernsthaft zur Disposition steht, ist der grundlegende Befund gemeinsamer Abstammung und evolutionärer Veränderung des Lebens über immense Zeiträume.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang überhaupt „Theorie“?

Ein erheblicher Teil antievolutionistischer Rhetorik beruht auf der Alltagssprache. „Evolution ist nur eine Theorie“, lautet ein klassischer Satz. Im alltäglichen Sprachgebrauch kann „Theorie“ eine Vermutung bedeuten. In den Naturwissenschaften bezeichnet eine Theorie dagegen ein erklärendes System, das zahlreiche Beobachtungen miteinander verbindet, überprüfbare Vorhersagen ermöglicht und sich fortlaufender empirischer Prüfung stellt.

Auch Gravitation, Zelltheorie, Keimtheorie der Krankheiten oder Relativität sind „Theorien“. Evolution ist zugleich beobachtbare Tatsache und theoretischer Erklärungsrahmen. Dass Populationen sich genetisch verändern, dass Arten gemeinsame Vorfahren besitzen und dass die Geschichte des Lebens über enorme Zeiträume verläuft, wird durch Genetik, Paläontologie, vergleichende Anatomie, Biogeographie, Entwicklungsbiologie und direkte Beobachtung gestützt. Die Theorie erklärt, durch welche Mechanismen diese Veränderungen entstehen.

Die National Academy of Sciences bezeichnet die Evidenz für biologische Evolution deshalb als überwältigend. Ebenso wichtig ist eine weitere begriffliche Trennung: Evolutionstheorie erklärt die Veränderung und Diversifizierung lebender Systeme, sobald vererbbare Reproduktion existiert. Die Entstehung des ersten Lebens ist eine eigene Forschungsfrage der Abiogenese. Die Behauptung, ungelöste Fragen über den Ursprung des ersten Lebens widerlegten Evolution, vermischt zwei verschiedene wissenschaftliche Probleme.

Scopes und die Freiheit der Wissenschaft

Was also bleibt vom Prozess von Dayton? Zunächst eine Warnung vor einer romantischen Legende. John Scopes war kein einsamer Dissident, der spontan gegen eine theokratische Staatsmacht rebellierte. Der Fall war inszeniert. Dayton wollte Werbung. Die ACLU wollte einen Musterprozess. Scopes erklärte sich freiwillig bereit, die Rolle des Angeklagten zu übernehmen.

William Jennings Bryan war kein eindimensionaler religiöser Fanatiker. Er war ein bedeutender amerikanischer Sozialreformer, Pazifist und Gegner wirtschaftlicher Machtkonzentration. Seine Kritik an Eugenik und Sozialdarwinismus berührte reale moralische Abgründe seiner Epoche. Gleichzeitig beging er den entscheidenden Fehler, eine naturwissenschaftliche Theorie für politische und moralische Ideologien verantwortlich zu machen, die sich auf sie beriefen.

Clarence Darrow wiederum war kein neutraler Apostel reiner Wissenschaftlichkeit. Auch er führte einen Kulturkampf und betrachtete organisierte Religion häufig mit tiefer Feindseligkeit. H. L. Menckens Berichterstattung war brillant, aber von einem kaum verhohlenen sozialen Elitismus geprägt.

Gerade deshalb bleibt der Scopes-Prozess so faszinierend. Er zeigt Wissenschaft nicht in einem Vakuum, sondern in einer Gesellschaft. Wissenschaftliche Erkenntnis allein entscheidet nicht darüber, was in Schulen gelehrt wird. Zwischen Forschung und Klassenzimmer stehen Parlamente, Ministerien, Schulbehörden, Elternorganisationen, Gerichte, Medien und politische Bewegungen. Erkenntnisse können wissenschaftlich hervorragend begründet sein und gesellschaftlich dennoch bekämpft werden.

Der Butler Act war kein wissenschaftliches Argument gegen Evolution. Er war der Versuch, einen wissenschaftlichen Gegenstand durch Mehrheitsentscheidung aus dem Unterricht zu entfernen. Darin liegt das zentrale wissenschaftshistorische Problem. Demokratische Mehrheiten dürfen über Steuern, Schulbudgets oder organisatorische Fragen entscheiden. Wissenschaftliche Befunde werden jedoch nicht durch Abstimmung wahr oder falsch. Ein Parlament kann beschließen, dass Evolution nicht unterrichtet werden darf. Es kann nicht beschließen, dass Evolution deshalb nicht stattgefunden hat.

Diese Grenze bleibt aktuell.

„Inherit the Wind“ und der Mythos vom Affenprozess

Zur kulturellen Erinnerung an Scopes trug vor allem das Theaterstück Inherit the Wind von Jerome Lawrence und Robert E. Lee aus dem Jahr 1955 sowie dessen berühmte Verfilmung von 1960 bei. Das Werk ist großartig als Drama, aber problematisch als historische Quelle. Lawrence und Lee wollten keinen Dokumentarbericht über Dayton schreiben. Der Prozess diente ihnen vielmehr als Allegorie auf die antikommunistische Verfolgungswelle der McCarthy-Ära. Figuren, Dialoge und Ereignisse wurden verändert. Aus Scopes wurde Bertram Cates, aus Darrow Henry Drummond, aus Bryan Matthew Harrison Brady. Die Bevölkerung erscheint wesentlich fanatischer und der Angeklagte wesentlich stärker verfolgt, als es den historischen Umständen entspricht.

Besonders die Vorstellung, Darrow habe im Gerichtssaal einen vollständigen Triumph errungen und den Fundamentalismus dauerhaft besiegt, verdankt der populären Erinnerung mehr als der historischen Forschung. Edward J. Larson hat in seiner mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Studie Summer for the Gods eindringlich gezeigt, wie sehr sich die kulturelle Erinnerung an den Scopes-Prozess von seinem tatsächlichen Verlauf entfernt hat. Gerade für Wissenschaftshistoriker ist diese Differenz aufschlussreich: Nicht nur Wissenschaft entwickelt sich. Auch die Erinnerung an Wissenschaftskonflikte entwickelt sich.

Ein Prozess ohne Ende

Hundert Jahre nach Dayton existiert der alte Konflikt in veränderter Form weiter. Kein ernstzunehmendes biologisches Forschungsprogramm benötigt eine Alternative zur gemeinsamen Abstammung des Lebens. Die Evolutionsforschung selbst ist dagegen vielfältiger als jemals zuvor. Sie untersucht Genome, Entwicklungsprozesse, ökologische Wechselwirkungen, kulturelle Evolution, epigenetische Mechanismen und die Geschichte ausgestorbener Populationen.

Gleichzeitig bestehen religiös motivierte antievolutionistische Bewegungen fort. Ihre politischen Strategien haben sich verändert. Die offene Forderung „Verbietet Evolution“ ist vielfach der Forderung gewichen, man müsse „beide Seiten“ darstellen oder Schüler vor dem angeblich „dogmatischen Darwinismus“ schützen. Der wissenschaftliche Grundsatz bleibt jedoch derselbe: Unterricht soll wissenschaftliche Kontroversen darstellen – aber nur dort, wo wissenschaftliche Kontroversen tatsächlich existieren.

Schüler sollen erfahren, dass Evolutionsbiologen über Selektionsmodelle streiten. Sie sollen von Debatten über Artbildung, Entwicklungsplastizität, genetische Drift, Nischenkonstruktion und epigenetische Vererbung hören. Sie dürfen auch erfahren, warum Wissenschaftler Kreationismus und Intelligent Design nicht als gleichwertige wissenschaftliche Theorien betrachten. Was wissenschaftliche Bildung nicht leisten kann, ist eine künstliche Symmetrie zwischen empirisch geprüfter Naturwissenschaft und religiösen Glaubensaussagen zu erzeugen.

Glaubensfreiheit bedeutet das Recht, die Genesis wörtlich zu verstehen.

Wissenschaftsfreiheit bedeutet, dass der Staat daraus keine Geologie machen darf.

Genau deshalb ist der Scopes-Prozess mehr als eine kuriose Episode amerikanischer Kulturgeschichte. Er markiert einen Konflikt, der moderne Gesellschaften immer wieder begleitet: Wer bestimmt, was Wissen ist? Welche Grenzen besitzt politische Mehrheitsmacht gegenüber wissenschaftlicher Erkenntnis? Und wie schützt eine demokratische Gesellschaft religiöse Freiheit, ohne religiöse Überzeugungen zum Maßstab staatlicher Naturwissenschaft zu erklären?

John Scopes musste 1925 eine Geldstrafe zahlen, die zwei Jahre später aus formalen Gründen aufgehoben wurde. Der Butler Act blieb noch vier Jahrzehnte bestehen.

Die Evolution dagegen benötigte weder Richter noch Parlamente, um fortzufahren.

Sie tat es einfach.

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