Gelesen: Ernst, Edzard: Heilung oder Humbug

Dass Edzard Ernst einer der ausgewiesensten Experten in Sachen Alternativmedizin ist, brauche ich wohl nicht erst extra zu betonen. Wie er in im Vorwort zu seinem neuesten Buch „Heilung oder Humbug“, das kürzlich im Springer-Verlag erschienen ist, schreibt, forscht er seit über 25 Jahren auf diesem Gebiet und tatsächlich hat er eine beeindruckende Liste von Publikationen vorzuweisen.

Ernst, der 1948 in Wiesbaden geboren wurde, hatte in seiner Kindheit einen Homöopathen als Hausarzt und fand seine erste Anstellung als Assistenzarzt in einem homöopathischen Krankenhaus. Somit war er bereits von Kindesbeinen an mit der Alternativmedizin konfrontiert. Später wurde er dann Professor für Physikalische Medizin und Rehabilitation in Hannover und Wien. Ab 1993 übernahm er den Lehrstuhl für Komplementärmedizin an der Universität Exeter.

Der Hauptteil des fast 400 Seiten starken Buches sind sicherlich die Beschreibungen und wissenschaftlichen Einordnungen von 150 alternativmedizinischen Techniken, Medikamenten oder Verfahren. Und was sich Edzard Ernst da für eine Arbeit gemacht hat… Es beginnt im Kapitel Diagnostische Techniken mit Angewandter Kinesiologie und endet im Kapitel Überbegriffe mit dem Punkt Yoga.

Und dazwischen liegt all der Humbug, mit denen verunsicherten Patientinnen und Patienten das Geld aus der Tasche gezogen wird. Detox, Traditionelle Chinesische Medizin, Geistheilung, Isopathie oder Eurythmie, die Bullshit-Bingo-Karte wird voll.

Jede dieser Therapien wird ausführlich vorgestellt, am Ende werden dann jeweils in den Kategorien Plausibilität, Wirksamkeit, Unbedenklichkeit, Kosten und Risiko-Nutzen-Verhältnis rote, gelbe oder grüne Daumen verteilt. So hat man als Leser gleich eine Schnellübersicht über das Verfahren.

Die Therapien sind in fünf Kapitel eingeteilt: Diagnostische Techniken, Medikamente und orale Behandlungen, Physikalische Therapien, Andere Therapien und Überbegriffe. Somit findet sich der geneigte Leser schnell in diesem Kompendium zurecht.

Aber dieses Buch enthält noch mehr. Im Kapitel Warum Beweise? bricht Ernst eine Lanze für die Evidenzbasierte Medizin. Er erklärt, was sich hinter diesem Begriff überhaupt verbirgt und warum sie so wichtig ist.

In den danach folgenden Kapiteln zeigt Edzard Ernst auf, was die Alternativmedizin für Patienten scheinbar attraktiv macht und womit Heilpraktiker & Co werben. Auch mein Lieblings-Bullshit-Buzzword „Ganzheitlich“ taucht da mit auf. Ja, natürlich, man will dem Patienten weismachen, dass die Alternativmedizin natürlich, risikofrei, traditionell, menschlicher und wat weiß ich noch alles Mögliche ist. Dass es sich hierbei aber oft genug nur um Werbesprüche handelt, deckt Ernst hier fundiert auf und setzt ihnen mit dem Kapitel Die Unattraktivität der Alternativmedizin die schonungslose Wahrheit gegenüber.

Auch beackert der Autor hier ein Feld, das von den Alternativmedizinern sonst eher gemieden wird, nämlich die ethischen Probleme in der Alternativmedizin. Diese 13 Seiten sollten eigentlich massenhaft kopiert und an jede Heilpraktikerpraxis im Lande versendet werden.

Mein Fazit:

Wer sich schnell und fundiert über einzelne Therapieformen der Alternativmedizin informieren möchte, ist mit diesem Band genauso gut beraten wie derjenige, der sich tiefergehend in die Problematik dieses Themenfeldes einlesen möchte.

Gemeinsam mit Natalie Grams „Was wirklich wirkt“ und Norbert Aust „In Sachen Homöopathie“ gehört „Heilung oder Humbug“ in jedes skeptische Bücherregal!

Ernst, Edzard: Heilung oder Humbug? 150 alternativmedizinische Verfahren von Akupunktur bis Yoga.
Berlin: Springer-Verl., 2021.
Softcover: ISBN 978-3-662-61708-3. – 24,99€
E-Book: ISBN 978-3-662-61709-0. – 19,99€

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