Die Pocken, die Impfung und die Nazis

Die Geburtsstunde der neuen, hochgradig wirksamen und verträglichen Impfmethode des Edward Jenner war auch die Geburtsstunde der Impfgegner. Und im Gegensatz zum medizinischen Fortschritt, haben sich die Pseudoargumente dieser Herrschaften nicht groß geändert.

Bereits 1807 erließen das Großherzogtum Hessen und das Königreich Bayern eine gesetzliche Pflicht zur Pockenimpfung. 1874 gab es dann ein Reichsimpfgesetz, nachdem französische Kriegsgefangene des 70/71er Krieges für einen größeren Pocken-Ausbruch in Deutschland verantwortlich waren.

Schon 1874 gab es harte Auseinandersetzungen im Reichstag. Auf der einen Seite standen für die Befürworter, unter anderem große Teile der „Fortschrittspartei“, das Argument, dass eine Impfpflicht den Volkskörper und somit auch die Volkswirtschaft und Wehrhaftigkeit schützt. Auf der anderen Seite standen große Teile der Zentrumspartei, die sich für die persönliche Freiheit der Impfentscheidung einsetzten und die Bürgerinnen und Bürger vor einem allzu mächtigen Staat schützen wollten.

Man muss dazu sagen, dass hier die Scheidelinie durchaus durch die Fraktionen ging und man nicht pauschal sagen kann, dass diese und jene Partei diesen und jenen Standpunkt vertrat. Vielmehr war es eine Diskussion über eine der Hauptfragen eines demokratischen Gemeinwesens: Was zählt mehr? Die Bedürfnisse des Individuums oder die Bedürfnisse der Allgemeinheit?

Ganz knapp setzten sich die Befürworter einer Impfpflicht durch. Und diese Impfpflicht hatte über 100 Jahre Bestand in Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der deutschen Teilung übernahmen beide Staaten die Pockenimpfpflicht. Die DDR weitete diese Impfpflicht dann auch auf Impfungen gegen Diphterie, Tetanus, Keuchhusten, Tuberkulose und Polio aus.

In der BRD gab es 1959 eine Grundsatzentscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes, dass die Impfpflicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist. 1972 gab es die letzte Pockenerkrankung in Hannover (BRD) und 1980 erklärte die Weltgesundheitsorganisation die Pocken als ausgerottet. Die Impfpflicht wurde in der BRD daraufhin durch den Bundesrat aufgehoben.

Allerdings darf man sich diese Impfpflicht nicht als rigides System vorstellen. Ab 1900 wurde nur noch gelegentlich ein Exempel statuiert, wenn sich jemand der Impfpflicht entzog und das publik machte. Dann griff man mit Geld- und Haftstrafen durch. Zu Zwangsimpfungen kam es selten. Schon damals beklagte die Polizei den hohen Aufwand, um Sanktionen durchzusetzen. Und schon damals war die Sorge groß, man werde mit Zwangsmaßnahmen die Gegner erst recht mobilisieren. (Quelle)

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die Pockenimpfpflicht dann noch weiter aufgeweicht. Sogar eine komplette Abschaffung war angedacht gewesen oder zumindest eine „Gewissensklausel“, doch diese konnte nicht durchgesetzt werden: Das Militär sprach sich dagegen aus und befürchtete den Verlust der Wehrfähigkeit. Somit waren diese Pläne vom Tisch.

Die Nazis hatten beim Thema Impfungen eh keine einheitliche Linie. Ranghohe Vertreter wie Rudolf Hess, Heinrich Himmler oder Julius Streicher waren strickte Impfgegner und gerade Streicher agitierte mit seinem Hetzblatt „Der Stürmer“ intensiv gegen die Impfungen. Sie sahen in Impfungen eine Erfindung der „jüdisch versippten Schulmedizin“, mit der „der Jude“ Geld machen wollte und auf der anderen Seite den „arisch-germanischen Volkskörper“ schwächen wollte. So war in zahlreichen Boschüren Streichers „Die Impfung ist eine Rassenschande!“ zu lesen. Immer wieder wurde auch die Behauptung aufgestellt, dass das „Reichsimpfgesetz“ vor allem durch jüdische Abgeordnete zum Schaden des deutschen Volkes erarbeitet und durchgesetzt wurde.

Auf der anderen Seite standen dann diejenigen, wie Hitler selbst übrigens, die an der Impfpflicht wegen der Aufrechterhaltung der Wehrfähigkeit festhielten. Anderen, wie Joseph Goebbels beispielsweise war das Thema vollkommen egal.

Als in den späten 1930er Jahren dann eine landesweite Impfaktion gegen die Diphterie begonnen wurde, gingen die Gesundheitsämter einen vollkommen anderen Weg. Sie gingen weg von staatlichem Zwang und setzten fortan an auf aufklärende Werbung. Dafür stellten zahlreiche Impfstoffhersteller Plakate, Broschüren oder Hefte zur Verfügung. Auch die damals neuen Medien Radio und Kino wurden mit Hörspielen oder Kurzfilmen im Vorprogramm genutzt. Und es wurde der Bevölkerung leicht gemacht, sich impfen zu lassen, beispielsweise durch mobile Impfteams oder Impfungen in Schulen. Ein System, das in der BRD bis in die 1980er Jahre hinein noch beibehalten wurde.

Der Erfolg war beachtlich. Während die Impfquote gegen Pocken lediglich zwischen 68 und 82 Prozent lag, erreichten freiwillige Diphtherieschutzimpfungen Quoten zwischen 92 und 99 Prozent. Das Reichsinnenministerium zog daraus schon 1938 eine einfache Lehre: „Weshalb also Zwang anwenden, wenn es freiwillig geht.“ Die Entdeckung der Freiwilligkeit hing mit der Ökonomisierung des Gesundheitswesens untrennbar zusammen. Für viele Pharmaunternehmen war die Diphtherieschutzimpfung ein Bestseller. Sie schlugen schon aus Eigeninteresse einen neuen Ton an. Vermarktung statt Zwang lautete ihre Devise, die hohe Gewinne versprach. (Quelle)

Dieser Weg der Freiwilligkeit wurde bei den Impfungen, mit Ausnahme der Pocken, in der BRD weiter beschritten. In der DDR setzte man auf staatlichen Zwang. Der Medizinhistoriker Malte Thießen hierzu im Spiegel:

SPIEGEL: War die DDR erfolgreicher als die Bundesrepublik?

Thießen: Sie setzte jedenfalls auf eine breite Impfpflicht. Die SED schrieb sich die Planbarkeit der neuen Gesellschaft auf die Fahne, da war Prävention ein wichtiger Punkt. Die Krankenzahlen gingen dort auch drastisch zurück, gerade bei Polio. Allerdings wurde die Impfpflicht seit Ende der Sechzigerjahre nicht mehr konsequent durchgesetzt.

SPIEGEL: Woran scheiterte das?

Thießen: Impfkritik war auch in der DDR verbreitet. Da meldeten zwar Ärzte, es habe keine Impfverweigerungen gegeben. Dabei war nachweislich gerade einmal ein Drittel der Kinder zur Impfung erschienen. Das Regime nahm das hin. Ein Grund: Man kam mit der Produktion des Impfstoffs und seiner Verteilung nicht hinterher. (Quelle)

Mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten verschwand aber auch die DDR-Impfpflicht aus dem Alltag der Bürgerinnen und Bürger. Erst mit der Zunahme von Masernfällen bzw. im Zuge der Schutzimpfungen vor Covid 19 wurde eine Impfpflicht jeweils diskutiert, allerdings ohne Ergebnis.

Dass Impfungen allerdings wichtig und richtig sind, zeigt schon die Tatsache, dass neben den Pocken, die weltweit ausgerottet werden konnten, auch Krankheiten wie Polio, Tetanus oder Diphterie so gut wie erledigt sind oder jedenfalls ihren Schrecken verloren haben. Auch die Masern könnten mit in dieser Aufzählung stehen, wenn nicht immer noch unverantwortliche Pseudoaktivisten auf dem Hartgeldstrich der Demagogie tummeln und für ihre ganz eigenen Ziele die Gesundheit ihrer Mitmenschen aufs Spiel setzen würden.

Wobei wir uns vor Augen halten müssen, wie klein die Blase der Impfgegner tatsächlich ist. Gerade einmal 3 bis höchstens 5% der Bevölkerung hängen diesen kruden Thesen an. Und trotzdem wird immer wieder zugelassen, dass wir als Gesellschaft von dieser Kleinstgruppe am Nasenring durch die Arena gezogen und vorgeführt werden.

Mir persönlich kommen Impfgegner immer ein bisschen wie Fußhupen vor. Kennt ihr Fußhupen? Das sind diese kleinen Accessoire-Hunde, die die Handtaschen von vermeintlichen Promis vollkacken. Die sind zwar nur minimal größer wie ein Brühwürfel, versuchen die mangelnde Größe aber durch lautes und durchdringendes Gekläff wieder wettzumachen, um vorzutäuschen sie seien ganz große und gefährliche Bestien.

Und unsere Medien fallen immer wieder darauf herein. Stichwort: False Balance. Aber das, das ist ein anderes Thema für einen anderen Artikel.

2 Gedanken zu “Die Pocken, die Impfung und die Nazis

  1. …Brühwürfel, hehe. Schöner Vergleich. Aber anders als besagte Fußhupen (noch so ein schönes Wort 😀 ) kann man das kläffende Querdenkerlein leider nicht einfach in die Handtasche stecken.

  2. Mit großem Genuss gelesen. Sehr schön und pointiert auch die geschichtlichen Zusammenhänge reflektiert. Wäre schön, wenn die Querdenker den Fokus wieder aufs Denken legen würden.

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