Die Bankrotterklärung des Bürgertums

Es ist schon einige Jahre her, als ich im TV eine Sendung sah, in dem Roger Willemsen Joachim C. Fest interviewte. Natürlich wurde auch über dessen großes biographisches Werk zu Hitler und Speer gesprochen und da führte Fest etwas aus, dass ich damals nicht so richtig verstand. Er sagte nämlich, dass nicht die Hitlers dieser Welt das große Problem seien, sondern die Speers und dass Speer, nicht Hitler die eigentliche Schlüsselfigur zu den Vorkomnissen im Dritten Reich wäre.

Wie gesagt, ich wusste nicht genau, worauf Fest hinaus wollte, bis ich begann, mich mit den Phänomenen „PEGIDA“ und „Querdenker“ zu beschäftigen. Und dann begriff ich die Ausführugnen Fests und mich packte tatsächlich das Entsetzen. Denn diejenigen, die da mit hassverzerrten und geifernden Gesichtern Zuchthaus oder Todesstrafe für Wissenschaftler und Politiker forderten, das waren eben jene, die ohne groß aufzufallen auch mit mir zusammen in der Schlange vor der Supermarktkasse hätten stehen können. Denn sie gehörten zu dem, was man allgemein als „Bürgertum“ oder „bürgerliche Mitte“ bezeichnet. All die Lehrer:innen, Handwerker:innen, Angestellte, Beamt:innen, Anwält:innen und so weiter und sofort, die im Regelfall ihr „normales“ Leben lebten und nur am Wochenende mit albernen Eimern oder Damenschlüpfern auf dem Gesicht als Pseudomasken herumliefen.

Und hier sieht man, was Fest meinte: die Anführer, die Demagogen, die Schreier, die können zwar das Gerüst, das Skelett hinstellen, aber mit Fleisch gefüllt wurde es durch die breite Masse. Oder um an diester Stelle Magnus Brechtken zu zitieren: Speer ist ein Prototyp für die gesellschaftliche Gruppe der Funktionseliten, die sich bewusst für Hitler entschieden und dem Nationalsozialismus durch ihre Fachkenntnisse erst seine eigentliche Dynamik gegeben haben. Ohne die ganzen Mediziner, Juristen und Verwaltungsfachleute hätte die Herrschaft gar nicht so gut funktionieren können. Speer war im Grunde nur einer der Engagiertesten, Ehrgeizigsten und Fleißigsten. Deswegen war er nach 1945 auch die ideale Figur für alle, die sagen wollten: „Ich habe zwar mitgemacht, aber von den Verbrechen habe ich nichts mitbekommen.“ Selbst Leute, die ganz vorne mitmarschiert sind, waren ja hinterher angeblich nicht beteiligt. Speer wusste wie alle anderen genau, was er getan hatte. Er hat das nachher sehr erfolgreich geleugnet und verdrängt.

Aber dieses Schlupfloch des „Ich habe nichts gewusst“ wird diesmal nicht offen sein. Diese Menschen verfügten über genügend Bildung (Ja, auch wenn gerne darüber gewitzelt wird) und sie verfügten über alle möglichen seriösen Informationsquellen. Sie haben sich in vollem Bewusstsein von der Gesellschaft abgewendet und tuen alles dafür, um den Staat, die Gesellschaftsordnung zu destabilisieren. Sie hätten es besser wissen können, sie hatten alle Informationen, aber sie wollten nicht. Sie haben sich dafür entschieden, die Rolle des Enfant terribles in seiner schlimmsten Ausbildung einzunehmen.

Aber hier kann es keine Lossprechung geben, keine Vergebung, egal wie oft sie sich auf die Brust schlagen und ein mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa heucheln.

4 Gedanken zu “Die Bankrotterklärung des Bürgertums

  1. Zustimmung, auch ich grusele mich manchmal, wenn ich auf die Straße schaue. Doch was treibt die Leute an? Denkfaulheit? Dummheit? Egoismus? Ich fürchte fast, es ist Letzteres, das als Motiv auszumachen ist. Wie gesagt, gruselig.
    Schöne Grüße!

  2. Meines Erachtens war auch beim Machtantritt des deutschen Faschismus mit Hitler als Leitfigur völlig klar, wer da mit welchen Zielen antritt. Es war alles von ihm selbst aufgeschrieben, es gab den Putschversuch in München und die Nazis haben ihre Ideologie nie verheimlicht.

    Genau dieses massive Überbrüllen alles Gegenteiligen war damals Strategie und ist es heute immer noch. Medien mit Bullshit fluten und darüber vermeintliche Massenmeinung suggerieren uswusf. Am Ende ist es doch das „Bürgertum“, welches seinen Status und Besitz „wahren“ möchte und dabei lieber sehenden Auges in die Katastrophe rennt statt zu verzichten oder sich einzuschränken. Der „besorgte Bürger“ ist dieser Spießer und die gibt es leider zuhauf.

    Das trifft beim Klima zu, bei der Zeit der sich nun hoffentlich ausschleichenden Pandemie, beim Umgang mit Flüchtlingen und noch vielem mehr – Hauptsache ich!

    Gestützt wird das dann von denen, die tatsächlich existenzielle Ängste haben oder die s.o. auf die Rattenfängerei reagieren. Angst ist immer ein Gegner rationalen Denkens neben Emotionen und mittels FUD wird in erster Linie eben auf dieser emotionalen Ebene „argumentiert“, um mehrheitstauglich zu erscheinen. Das Ganze noch gepaart mit dem Ablehnen der Regierung und einem durchaus auch berechtigten Gefühl, als Teil des vermeintlichen Souveräns übergangen zu werden, läßt diese Gesellschaftsform bei Krisen nahezu immer als braune Brühe enden – angeführt von ein paar Größen, die sich ihre Substanz und Macht aus den demoralisierten und verängstigten Menschen ziehen, für die sie selber nichts übrig haben und nur als Steigbügel (miß)brauchen.

  3. Fest war unseriös. Unabhängig davon, daß die Sorte faule Historiker immer noch von ihm abschreiben, ist praktisch alles was Joachim Fest geäußert hat, inzwischen längst widerlegt.

    Speer ist noch dazu ein ausgesprochen dummes Beispiel (typisch Fest), da er der einzige war, der zugegeben hat, schuld zu sein (empfehle dazu auch die Biographie von Gitta Sereny).

    Marcel-Reich Ranicki hat übrigens in seiner Biographie mal was aufschlußreiches über Joachim Fest geschrieben:
    Er wurde von ihm zu einer Party eingeladen – und ebenfalls war zu Gest: Spee (nach seiner Gefängnis-Entlassung). Ranicki und seine Frau waren zutiefst entsetzt, schockiert und verletzt. Zu Recht hat er angemerkt, daß ein Mann in einer Position wie Fest zu wissen haben muß, wie er eine Gästeliste zusammenstellt – und wie *nicht*.

    Fest war nicht nur als Historiker untauglich, für mich war er es auch menschlich.

    Das nur grob im Vorbeigehen.

    Spee als Angehörigen des normalen Bürgertums zu bezeichnen oder gar mit dem heutigen zu vergleichen, paßt auch hinten+vorn nich, aber ich mache an dieser Stelle Schluß.

    Schöne Grüße

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