Die magische Beinverlängerung der Heilpraktiker

Es ist ja jetzt nicht so, dass ich mich erst seit gestern mit den Narreteien der alternativmedizinischen Heilpraktiker beschäftige und deswegen dachte ich, mich könnte nichts mehr erstaunen. Da habe ich falsch gedacht.

Kürzlich fand ich nämlich die Homepage eines Heilpraktikers und Schamanen, der allerlei „interessante“ Therapieformen. Beispielsweise „Energetisches Heilen und Körpertherapie“, wobei der Patient durch Berührungen oder Schütteln dazu angeregt wird, seine Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Dabei braucht er nichts zu tun. Sein Leib tut! Der Verstand hat Urlaub. Dass der Verstand auf Urlaub ist, wenn man sich auf so einen Blödsinn einlässt, kann ich unterschreiben. Wahrscheinlich befindet er sich sogar auf einer Fernreise.

Auch Behauptungen wie Schamanische Arbeit ist seriöse Arbeit, so wie jede andere Therapieform auch. Sie hat nichts mit Esoterik und nichts mit Zauberei zu tun. Schamanische Arbeit beschäftigt sich mit „Geistern“ und „Dämonen“, die dem Menschen innewohnen sind dann doch etwas verwunderlich. Ich für meinen Teil möchte jedenfalls, dass mein Arzt/Behandler Krankheiten behandelt und nicht Geister und Dämonen. Aber gut, wer einen kranken Dämon in sich hat, der ist da bestimmt gut aufgehoben.

Gut, sowas liest man bei den Herrschaften der Schwurbelzunft öfters mal, aber was mich wirklich überrascht hat, war eine – mir jedenfalls – neue „Therapie“, nämlich der „Biomagnetismus nach Goiz“. Ich natürlich gleich auf den Punkt geklickt und was ich da las … Alter Vattern …

Also es gibt in Mexiko einen Herrn Isaac Goiz, manchmal auch mit Isaac Goiz Durán angegeben, der ursprünglich Physiotherapeut war und später wohl Medizin studierte, wo er 1984 anscheinend in Chirurgie und Geburtshilfe promovierte. Anscheinend deswegen, weil sich diese Aussage a) nicht konkret verifizieren lässt und b) darüber zahlreiche unterschiedliche Angaben kursieren.

1988 hat Goiz wohl an einem „Biomagnetismusseminar“ eines Dr. Richard Broeringmeyer teilgenommen, wo die „biomagnetischen Phänomene im menschlichen Organismus“ erläutert wurden. Dazu gehörten bioenergetische Gesundheit, Störungen im Energiefluss, Bedeutung des pH-Wertes für Zell- und Organfunktionen, regulierende Wirkung von Magnetfeldern im Rahmen einer Therapie.

Goiz dachte sich dann noch ein bisschen was dazu aus und veröffentlichte dann eine „Theorie“ mit dem Titel „Das biomagnetische Paar“. Dazu heißt es auf der Homepage: Die Therapie ist erstaunlich einfach und effektiv. Dies gilt auch für schwere, chronische Erkrankungen und Menschen, die schulmedizinisch austherapiert sind. Oft hören diese dann Sätze wie: „Da kann man nichts mehr machen. Damit müssen Sie leben.“ Dr. Goiz hatte immer das Ziel, Krankheiten mit einer Behandlung zu heilen. Er fand heraus, dass Krankheiten immer durch Bakterien, Viren, Parasiten und Pilze hervorgerufen werden. Diese leben entweder im basischen oder im sauren Milieu. Das „biomagnetische Paar“ setzt sich aus einem basischen und einem sauren Milieu zusammen. Beide werden gemeinsam durch Magnete neutralisiert.

Angeblich hat ihm eine „Internationale Universität Oxford“ für diese Theorie 1999 den „Doctor of Philosophy in Bioenergetic Medicine“ verliehen. Angeblich deswegen, weil ich weder zu dieser Universität noch zu dem verliehenen Doktorgrad irgendwelche Informationen finden konnte.

Dieses Verfahren soll gegen so ziemlich alle körperlichen, geistigen und seelischen Beschwerden helfen. Von Kopfschmerzen bis HIV (nein, das ist kein Witz, das behauptet der Heilpraktiker tatsächlich) und von Schlafstörungen bis Tumorerkrankungen. Glaubt ihr mir nicht? Schaut euch diesen Screenshot an:

Natürlich habe ich die Seite auch digital gesichert.

Dieser Heilpraktiker hat auf seiner Homepage auch den Ablauf einer solchen „Behandlung“ beschrieben. Und nachdem ihr mir das sicherlich nicht glauben würdet, hier das Originalzitat von seiner Homepage dazu:

Der Patient befindet sich mit Kleidung und Schuhen in Rückenlage auf der Behandlungsliege. Ein Testmagnet wird auf die entsprechenden biomagnetischen Kontrollpunkte aufgelegt. Diese werden nach einem festgelegten Protokoll abgearbeitet. Findet sich ein belastetes Feld, reagiert der Körper über „Biofeedback“ mit einer Veränderung der Beinlänge. Ein alkalisches Milieu sorgt für eine Verkürzung, eine saures für eine Verlängerung des rechten Beines. Diese kann bis zu 4 cm betragen. Sobald nun der Gegenpol auf den gefundenen Partnerpunkt gelegt, neutralisiert sich das Feld und die Beinlänge gleicht sich aus. Die Magnete bleiben nun 15 bis 20 Minuten liegen, um das Biomagnetische Paar komplett zu depolarisieren. Das natürliche Milieu ist nun wieder hergestellt.

Ich persönlich habe da schon etwas gestaunt, denn mit meinem normalen Schulwissen in Biologie konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich ein Bein (nur das Rechte!) innerhalb weniger Minuten um bis zu vier Zentimeter verlängern und wieder verkürzen kann. Deswegen habe ich einen Fachmann gefragt, nämlich einen Arzt. Genauer gesagt einen Orthopäden.

Und der hat mir folgendes geantwortet: Die beschriebene „Heilmethode“ ist keines Wegs belegt und die dort aufgeführten Methoden lassen sich Wissenschaftlich ins keiner Weise nachvollziehen. Zum kann das pH Milieu unserer Körper praktisch nicht beeinflusst werden. Der gesamte Organismus ist auf einen PH zwischen Grob 7,33-7,44 eingestellt und durch Chemisch/Biologische Puffer reguliert -und hier sieht man schon das dieses System durch Magnetismus eigentlich nicht beeinflussbar ist. Die Feldstärken reichen nicht mal für kleinste Physikalische Effekte an diesem System aus. Kommen wir zum Punkt der Beinlänge. Diese ist Anatomisch festgelegt und lässt sich nicht über 5-10mm verändern (Spiel der Gelenkspalten), hier müsste man z.B. Knochen zertrennen der ja bekanntlich fest ist und nicht durch eine Änderung des pH-Wertes eine Längenänderung vollzieht. Alles in allem hört sich das nach Zauberei an und ist in die Ecke der unglaubwürdigen Heilmethoden einzuordnen.

Dazu hat er mir noch dankenswerter Weise einige wissenschaftliche Artikel zu dem Thema geschickt, die ich am Ende des Artikels anhänge.

Natürlich hat diese Methode auch keinerlei Nebenwirkungen, heilt alles und ist wahrscheinlich schweineteuer. Jo. Hört sich für mich nach lupenreinem Schlangenöl oder Haarwuchsmittel für Glatzköpfe an.

Wisst ihr, wenn ich so einen hoch energetisierten Bullshit lese, dann werde ich echt wütend, denn es gibt sicherlich Menschen mit Krebs- oder HIV-Erkrankungen, die sich auf so einen Mist einlassen und damit dann viel Zeit verplempern. Solche Pseudotherapien sind brandgefährlich, aber wirklich brandgefährlich. Das passende Stichwort hierzu ist Therapieverschleppung. Aber leider haben Heilpraktiker bei uns noch Narrenfreiheit und können kaum belangt werden.

Ich könnte kotzen!

2 Gedanken zu “Die magische Beinverlängerung der Heilpraktiker

  1. Das mit dem Beinverlängern ist doch eine übliche Quacksalbermethode: Der Patient setzt sich seitlich auf eine Liege und dreht sich von dort aus um 90° so, dass die Beine darauf liegen. Dann ist das Becken etwas verdreht und ein Bein scheint länger als das andere zu sein. Der Quacksalber weist darauf hin, o je, Ihre Beine sind ja verschieden lang, dann zieht er theatralisch am „kürzeren“ Bein, das Becken dreht sich, sehen Sie, die Beine sind jetzt gleich lang, gut, dass Sie zu mir gekommen sind.

  2. Dieses *©®™][ wirbt damit, Infektionskrankheiten zu *behandeln“. Das ist allerdings wirklich Ärzten vorbehalten.
    Bitte Meldung ans Gesundheitsamt 🙂

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