Grundlagen der Theosophie: Die Meister der Weisheit

In den letzten beiden Artikeln [hier] und [hier] haben wir die theoretischen Grundlagen der Theosophie kennengelernt. Um ihre Werke gegen eventuelle Kritik zu immunisieren, behauptete Frau Blavatsky, dass sie die Texte nicht selbst erdacht hätte, sondern von einer „höheren Instanz übermittelt“ bekommen hätte.

Diesen Trick hat später dann auch beispielsweise Rudolf Steiner angewandt, wenn er behauptete, seine Eingebungen durch „Schauungen“ übermittelt bekommen zu haben. In den esoterischen Kreisen ist diese Praxis bis heute noch populär, lediglich die Begriffe variieren. Heute ist dies eher als „Channelling“ bekannt. Funfact dabei: Rudolf Steiner behauptete, den Geist von Generaloberst von Moltke gechannelt zu haben. Der wird eine Freud‘ g’habt haben…

Frau Blavatsky behauptete, ihre Texte von den „Meistern der [alten] Weisheit“, den „Mahatmas“ erhalten zu haben. Dies sollen nicht wie in den anderen Fällen übernatürliche Wesen, also Geister oder ähnliches, gewesen sein, sondern tatsächliche Menschen, die eine besonders hohe Stufe der Weisheit erlangt haben. Im vorliegenden Falle soll es sich um zwei in Tibet lebende Adepten und Angehörige einer „Großen Weißen Bruderschaft von Eingeweihten“ handeln. Die Mahatmas, die Frau Blavatsky getroffen hat, sollen übrigens schon damals mehrere hundert Jahre alt gewesen sein und noch heute im „Königreich Shambhala“ in der Wüste Gobi leben.

Die Mahatmas gleichen hochrangigen Anhängern einer Schule des Lebens. Sie sind Mitglieder unserer eigenen evolutionären Menschheit. Zwar behaupten manche Leute aus der New-Age-Szene, dass es sich um Besucher außerhalb der Erde handele, vielmehr aber sind es Wissende, die die Lebensgesetze beherrschen gelernt haben, mit denen der Normalsterbliche noch zu kämpfen hat. In vergangenen Inkarnationen waren sie normale Menschen, doch durchliefen eine Reihe von Einweihungen und spirituellen Transformationen, um auf diesem Planeten als Diener der Menschheit zu agieren und zur Weiterentwicklung jedes Einzelnen in unserer Zivilisation beizutragen.

Außerdem sollen sie Astralreisen und Gedankenlesen beherrschen und über andere übernatürliche Kräfte verfügen. Man sieht: wahre Teufelskerle, diese Mahatmas.

Anführer dieser Mahatmas ist der „Herr der Welt“, der ursprünglich von der Venus stammt und mit seiner Bruderschaft nach Shambhala eingewandert sein soll. Die Meister der Weisheit selbst sollen laut Frau Blavatsky in Tibet, genauer gesagt in Xigazê wohnen. Als dann allerdings neugierige Menschen Expeditionen durchführten, um die Meister zu treffen und niemand fanden hieß es plötzlich, dass die Meister keinen menschlichen Körper mehr hätten und nur noch für „hellsichtige Augen“ erkennbar seien.

Den Begriff „Mahatma“ hat Frau Blavatsky übrigens einfach geentert.  „Mahatma“ stammt aus dem Sanskrit, bedeutet „Große Seele“ und ist ein Ehrenname, den wir Westler hauptsächlich von Herrn Gandhi kennen. Die theosophische Bedeutung ist aber eine andere, hier kann man den Begriff eher als Synonym für „der Heilige“ o.ä. sehen.

Zwei der theosophischen Mahatmas waren auch sehr mitteilsam und schrieben Briefe. Das waren der Mahatma Kuthumi und der Mahatma Morya.

Neben dem einzigartigen Inhalt ist vor allem auch die Beschaffenheit der Briefe außergewöhnlich: zum einen befindet sich die Schrift anscheinend innerhalb des Ölpapiers auf das sie geschrieben wurde, zum anderen sind die Wörter zwar handschriftlich verfasst, bei genauerem Hinsehen fällt aber eine eigenartige Schraffur auf. Es scheint als sei die Schrift darauf keine Tinte, sondern durch geistige Ferneinwirkungen im Papier materialisierte Farbe.

Wir fassen also noch einmal zusammen: die Grundlagen der Theosophie stammen von den Großen Alten äääääh… Meistern der Weisheit. Die sollen ihr die Texte entweder persönlich oder auf dem Wege des Channeling mitgeteilt haben. Zwei dieser Meister sollen dann auch noch Briefe an den innersten Kreis der Theosophischen Gesellschaft geschrieben haben.

Natürlich ist das alles Unsinn. Die Texte stammen von den jeweiligen „Medien“, die sie sich ausgedacht bzw. sie sich aus dem … Zylinder gezogen haben.

Die „Meister-Briefe“ wurden im Rahmen der „Coulomb-Affäre“ (darüber schreibe ich später ausführlich) auch wissenschaftlich untersucht und zwar von einer Kommission der „Society for Psychical Research“ unter dem Vorsitz von Herrn Richard Hodgson, der für seine Untersuchungen sogar für drei Monate nach Indien reiste.

Diese Kommission untersuchte einmal die Vorwürfe um die spiritistischen Tätigkeiten von Frau Blavatsky (wie gesagt, später mehr dazu) und eben die angeblichen Briefe der Meister der Weisheit und kam zu folgendem Ergebnis (zitiert nach der Wikipedia):

1) Die Blavatsky-Coulomb-Briefe seien unzweifelhaft von Blavatsky geschrieben. Damit sei erwiesen, dass sie und andere Personen mit Hilfe gewöhnlicher Mittel scheinbare Wunder produzierten, um die Theosophische Bewegung zu unterstützen.

2) Dass speziell der „shrine“, von dem behauptet wurde, die Meister der Weisheit würden dort ihre Briefe (die Meisterbriefe) erscheinen lassen, eine eigens an der Rückseite angebrachte Vorrichtung aufweise, um die Briefe heimlich einlegen zu können. Diese Vorrichtung sei regelmäßig von Blavatsky und ihren Helfern zu diesem Zweck benutzt worden.

3) Daraus ergebe sich mit hoher Wahrscheinlichkeit die Vermutung, dass sämtliche Erzählungen im Zusammenhang mit Wundern, welche die Existenz der Meister der Weisheit beweisen sollen, entweder

a) eine bewusste Täuschung von Blavatsky seien bzw. von ihr angestiftet worden wären oder

b) eine ungezwungene Illusion oder Halluzination oder unbewusste Verdrehung oder eine Erfindung der Zeugen sei.

4) Nach Begutachtung der von Richard Hodgson durchgeführten Erhebungen sei das SPR-Komitee der Meinung, dass die Beweise für Wunder keinesfalls hinreichend seien, sowohl in Ausmaß als auch Charakter derselben als auch in Hinblick auf die oben erwähnten Vermutungen. Man denke demgemäß, dass es Zeitverschwendung wäre, die Untersuchung auszudehnen.

Mit Bezug auf Frau Blavatsky selbst kam das Komitee zum Schluss:

Aus unserer Sicht halten wir sie weder für das Sprachrohr unsichtbarer Propheten noch für eine gewöhnliche Abenteurerin; wir meinen, dass sie ein Anrecht auf dauernde Erinnerung als eine der vollendetsten, genialsten und interessantesten Schwindlerinnen der Geschichte hat.

Dieser Satz vor allem, die Schlussfolgerung der ganzen Untersuchung, formte bis heute die öffentliche Meinung und fand Eingang in Geschichts- und Nachschlagewerke. Der Hodgson Report galt vielfach als Musterbeispiel für eine wissenschaftliche Arbeit, er wurde mit den Attributen Meisterwerk, ehrlich, gewissenhaft, unparteiisch usw. ausgezeichnet.

1986 beschäftigte sich der Physiker und Philosoph Vernon Harrison nochmals mit den Hodgson-Bericht und veröffentlichte zwei Artikel im SPR-Journal, in dem er Vorwürfe gegen die Kommission und ihren Vorsitzenden erhob. Hauptsächlich kritisierte er, dass Hodgson zwar alle belastenden Aspekte berücksichtigte, die entlastenden aber ignorierte. Harrison sah keine Anhaltspunkte dafür, dass Frau Blavatsky die Briefe gefälscht hatte. Allerdings konnte er auch keine Hinweise auf die tatsächliche Autorenschaft geben. Lediglich die Aussage, dass die Briefe von irgendwelchen spirituellen Wesen stammen, bleibt unangetastet von der Kritik.

Ich für meinen Teil kann nicht nachvollziehen, warum Frau Blavatsky auf die Konstruktion dieser „Meister der Weisheit“ zurückgreifen musste. Vor allem, weil sie sich dadurch ja mehr als angreifbar gemacht hat. Entweder ich bin von meiner Lehre, meinen Vorstellungen so überzeugt, dass ich damit andere Menschen begeistern und überzeugen kann oder ich habe in meine eigene Lehre kein Vertrauen, so dass ich auf eine Pseudo-Legitimation durch erfundene Autoritäten zurückgreifen muss. Am Ende des Tages bleibt wie so oft nur eines: eine nette Fantasy-Geschichte.

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