Vom Unsinn des Ritualmords und des Blutfrevels

Im Moment* feiert der Antisemitismus weltweit ja erschreckende Urstände und den dazugehörenden Einheizern und Propagandisten ist wirklich keine Verschwörungstheorie zu dumm, um sie nicht zu verbreiten. Also werden die ältesten „Kamellen“ von ganz unten rausgekramt. Aber he, was tut man nicht alles, um seinen Antisemitismus unter irgendeinem Deckmäntelchen in die Welt zu tragen. Aber gut, dann mache ich mit meiner Antisemitismus-Serie auch weiter und kläre über den ganzen weiter auf.

Eine dieser klassischen Verschwörungstheorien ist die um die so genannte „Ritualmordlegende“, die auch als „Blutanklage“, „Blutlüge“ oder mit ähnlich dramatischen Namen belegt ist. Kern dieses Unsinns ist, dass Juden angeblich Christen-Kinder entführen, um sie nach einem geheimen Ritual zu töten und mit ihrem Blut magischen Unsinn zu treiben. Oder daraus Medizin zu machen. Oder es dazu zu benutzen, um es in den Teig für die Pessachbrote einzuarbeiten oder damit Hostien für schwarzmagische Rituale zu backen oder oder oder.

Bereits in der Antike finden wir Vorwürfe von rituellen Menschenopfern, hauptsächlich von Kindern, die sich auch, aber nicht ausschließlich gegen Juden wandten. Zu nennen sind hier bspw. die „Historien“ von Herodot oder die antijüdischen Schriften des ägyptischen Priesters Manetho, die vom jüdischen Historiker Flavius Josephus in seinem „Contra Apionem“ aufgegriffen wurde. Auch die frühen Christen waren ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt.

In der Spätantike waren Ritualmordvorwürfe von Christen gegen Juden noch selten und spielten dann auf das um 160 n. Chr. etablierte Dogma vom Gottesmord an. Mit der Kirchenherrschaft wurde der Glaube an die Heilkraft der christlichen Sakramente dogmatisiert. Parallel dazu wuchs die Vorstellung, die Juden wollten und müssten aufgrund ihrer erblichen Verbindung mit Satan oder dem Antichrist die Folter und Kreuzigung Jesu Christi ständig wiederholen. Dies zeigt der Bildfrevel, den Athanasius von Alexandria (†373) den Juden von Berytos (Beirut) zuschrieb, wobei er das biblische Bilderverbot überging: Sie hätten Jesu Marter an einem Christusbild wiederholt. Das Bild habe begonnen zu bluten und Wunder zu wirken; dies habe die Juden zur Taufe bewegt. Diese Legende wurde später weit verbreitet und vielfachabgewandelt: etwa in der Weltchronik des Sigebert von Gembloux († 1112), aber auch von dem Protestanten Hieronymus Rauscher († 1569). Sie lebt als Wallfahrtslegende in Oberried (Breisgau) bis heute fort.

Die erste „klassische“ Ritualmordkampagne finden wir 1144 in England und sie rankt sich um William von Norwich. William wurde am 2. Februar 1132 geboren und wurde um den 22. März 1144 angeblich Opfer eines jüdischen Ritualmordes wurde.

Dier Benediktinermönch Thomas von Monmouth kam 1150 nach Norwich und wurde vom damaligen Bischof William de Turbeville, gebeten, eine Beschreibung des Lebens und Sterbens von William anzufertigen. Hierbei kamen sieben Bände mit dem Titel „De Vita et passione sci Willelmi martiris norwic“ (Leben und Passion des Märtyrers William von Norwich) heraus, in denen sich Monmouth besonders in den Beschreibungen des angeblichen Martyriums erging.

Die Geschichte, die Monmouth erzählt, ist folgende. Williams Mutter wurde von einem Mann angesprochen, der behauptete, einer der Köche des Erzdiakons von Norwich zu sein. Er bot William eine Stelle an und zahlte der Mutter drei Schillinge, damit diese ihren Sohn gehen ließ. Am Kardienst besuchte William in Begleitung dieses Mannes seine Tante, die sehr misstrauisch wurde und ihrer Tochter befahl, den beiden zu folgen. Die Tochter beobachtete dann, wie die beiden das Haus eines ortsansässigen Juden betraten. Danach wurde William nicht wieder lebend gesehen.

In diesem Haus soll er dann zu Tode gekommen sein, indem die Juden die Kreuzigung Jesu nachstellten, um die Christen zu verhöhnen. Monmouth schreibt: „Nachdem sie ihm den Kopf rasiert hatten, stachen sie ihn mit unzähligen Dornenspitzen ein und sorgten dafür, dass das Blut aus den Wunden, die sie verursachten, fürchterlich strömte … Einige der Anwesenden hielten ihn für an ein Kreuz gefesselt als Verspottung der Passion des Herrn …“ Weiterhin soll William eine Wunde an der linken Seite beigebracht worden sein und er soll bei der Auffindung eine Dornenkrone auf dem Kopf getragen haben.

Laut Monmouth wurde die Leiche des zwölfjährigen William am Karsamstag in Mousehold Heath, einem Teil von Thorpe Wood, außerhalb von Norwich, durch eine ortsansässige Nonne gefunden worden sein. Diese Nonne informierte aber niemand über ihren Fund, so dass die Leiche liegen blieb, bis ein Förster namens Henry de Sprowston darauf stieß. Er stellte Verletzungen fest, die auf einen gewaltsamen Tod hindeuteten, und die Tatsache, dass der Junge offenbar mit einer hölzernen Karde (ein Werkzeug zur Veredelung von Tuch) geknebelt worden war. William trug eine Jacke und Schuhe.

Nach Rücksprache mit dem Pfarrer wurde beschlossen, die Leiche am Ostermontag zu beerdigen. Bis dahin kamen viele Einheimische, um sich die Leiche anzusehen. Einige von Ihnen erkannten William und informierten seine Familie. Anschließend wurde die Leiche am Tatort begraben. Am nächsten Tag trafen Mitglieder von Williams Familie, darunter der Priester Godwin Stuart, ein, um die Identität der Leiche zu bestätigen. Sie exhumierten William und begruben ihn nach der Identifikation dann mit gebührender Zeremonie wieder.

Williams Familie und die Bewohner von Norwich machten schnell die örtliche jüdische Gemeinde für das Verbrechen verantwortlich und forderten Gerechtigkeit vom kirchlichen Gericht von Bischof William de Turbeville. Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurden vom Bischof aufgefordert, vor Gericht zu erscheinen und sich einem Gerichtsverfahren zu unterziehen, doch der örtliche normannische Sheriff John de Chesney teilte ihnen mit, dass das Kirchengericht keine Zuständigkeit für sie habe, da sie keine Christen seien.

Anschließend nahm er die Juden im Norwich Castle unter Schutz. Nachdem sich die Situation beruhigt hatte, kehrten diese in ihre Häuser zurück. Das Thema wurde zwei Jahre später wieder aufgegriffen, als ein Mitglied der jüdischen Gemeinde bei einem Vorfall ohne Zusammenhang ermordet wurde. König Stephan erklärte sich bereit, die Angelegenheit zu untersuchen, beschloss jedoch später, sie nicht weiter zu verfolgen.

In der Zwischenzeit war Williams Leiche auf den Mönchsfriedhof überführt worden. Bischof de Turbeville und andere Mitglieder des örtlichen Klerus versuchten, einen Kult um ihn als christlichen Märtyrer zu gründen, doch dieser Plan scheiterte. In den ersten Anschuldigungen gegen die Juden gab es keine Beweise dafür, dass der Mord mit religiösen Aktivitäten jeglicher Art zusammenhing, aber mit der Entwicklung des Kultes entstand auch eine Geschichte darüber, wie und warum William getötet wurde.

Der Bericht von Thomas von Monmouth wird auf die Aussage eines Mönchs und ehemaligen Juden namens Theobald von Cambridge zurückgeführt. Theobald behauptete, der Mord sei ein Menschenopfer gewesen und die „alten Schriften seiner Väter“ verlangten die jährliche Tötung eines Christen. Dies geschah angeblich aus zwei Gründen: um eines Tages während des messianischen Zeitalters in das Heilige Land zurückzukehren und um Jesus Christus für die Verfolgung zu bestrafen, die das jüdische Volk weiterhin durch seine Anhänger erfuhr. Ein solches Gebot ist in der jüdischen Theologie allerdings nirgends zu finden.

Die Juden von Norwich waren eine französischsprachige Gemeinschaft, wie die kürzlich gegründeten Anglonormannen, und waren eng mit ihnen verbunden. Das „Judentum“ befand sich sehr nahe an der Burg, ein Muster, das in anderen englischen Städten zu beobachten war, in denen Juden unter dem Schutz der Normannen standen.

William und seine Familie waren angelsächsischer Abstammung und mehrere seiner Verwandten waren nach lokaler Tradition verheiratete Priester. Konflikte zwischen ortsansässigen Angelsachsen und Normannen könnten durchaus dazu geführt haben, dass Verschwörungstheorien über Kapitalverbrechen französischsprachiger Juden durch französischsprachige Normannen vertuscht wurden. Besonders hoch war die Spannung während der Herrschaft von König Stephan, als der Mord geschah. Thomas von Monmouth behauptet, dass der Sheriff von der jüdischen Gemeinde Norwichs bestochen wurde, um sie zu beschützen.

Möglicherweise gab es auch Hintergrundkonflikte zwischen der Kathedrale, dem Sheriff und der örtlichen Bevölkerung über Rechte in der Stadt und den Vororten. Monmouth beruft sich wiederholt auf Gott als einzige Quelle der Gerechtigkeit für die Angelsachsen gegen korrupte normannische Sheriffs. Er behauptet auch, dass John de Chesney, der Sheriff, der die Juden der Stadt beschützte, später mit inneren Blutungen bestraft wurde.

Bischof de Turbville versuchte gemeinsam mit dem Norwicher Klerus, einen William-Kult zu etablieren, was nach anfänglichen Erfolgen allerdings nicht gelang, obschon William einige Wunder zugedichtet wurden. Bereits im 14. Jahrhundert war die für William errichtete Kapelle in Thorpe Wood dem Verfall preisgegeben.

Im deutschsprachigen Raum sind die Erzählungen über Werner von Oberwesel (Mittelrhein) und Anderl von Rinn (Nordtirol) noch heute am bekanntesten. Die Geschichten der beiden unterscheiden sich nur in Marginalien und decken sich wiederum sehr stark mit der Erzählung des William von Norwich. Die Lüge vom Ritualmord an Werner von Oberwesel löste eine Pogromwelle im mittel- und niederrheinischen Raum aus, die erst durch König Rudolf I., der von der Unschuld der Juden überzeugt war, beendet werden konnte. Den Tätern dieser Pogrome wurden hohe Geldbußen auferlegt.

Im Gegenzug zu Norwich wurden die Erzählungen um Werner und Anderl durch die entstehenden Kulte allerdings zu einem einträglichen Geschäft für die katholische Kirche. So entstanden im mittelrheinischen Raum Wernerkapellen und wurden Werner-Prozessionen (die letzte fand noch 1971 statt) durchgeführt. In Rinn wurden die letzten Devotionalien erst 1985 aus der Kirche in Judenstein entfernt. Die Anderl-Wallfahrt und der Kult im Allgemeinen wurde erst 1994 von Bischof Stecher aufgehoben.

Von der Entstehung ab, wurden solche Ritualmorderzählungen durch gezielte Propagandamaßnahmen geschürt und im kollektiven Gedächtnis verankert und immer wieder neu angefacht. Immer wieder lösten derartige Erzählungen Pogrome, ja ganze Pogrom-Wellen aus. Außerdem entstand daraus auch die Verschwörungstheorie eines angeblichen Weltjudentums, das sich heimlich für schwerste Verbrechen an Nichtjuden verabrede. Ritualmordanklagen gegen Juden überdauerten die Aufklärungsepoche und wurden im modernen Antisemitismus seit 1800 erneut verbreitet. Die Nationalsozialisten benutzten die überlieferten Legenden zur systematischen Volksverhetzung vor und während des Holocaust.

Allerdings wurde von Seiten der katholischen Kirche auch versucht, die Juden zu Schützen. So verurteilten beispielsweise Bernhard von Clairvaux und u.a. Papst Gregor IX. die Verbreitung der Ritualmordlegende. Papst Innozenz IV. erließ sogar eine Schutzbulle, in der es heißt: Wir haben die flehentliche Klage der Juden vernommen, dass manche kirchlichen und weltlichen Würdenträger wie auch sonstige Edelleute und Amtspersonen in Euren Städten und Diözesen gottlose Anklagen gegen die Juden erfänden, um sie aus diesem Anlass auszuplündern und ihr Hab und Gut an sich zu raffen. Diese Männer scheinen vergessen zu haben, dass es gerade die alten Schriften der Juden sind, die für die christliche Religion Zeugnis ablegen. Während die Heilige Schrift das Gebot aufstellt: Du sollst nicht töten! und ihnen sogar am Passahfest die Berührung von Toten untersagt, erhebt man gegen die Juden die falsche Beschuldigung, dass sie an diesem Feste das Herz eines ermordeten Kindes äßen. Wird irgendwo die Leiche eines von unbekannter Hand getöteten Menschen gefunden, so wirft man sie in böser Absicht den Juden zu. Es ist dies alles nur ein Vorwand, um sie in grausamster Weise zu verfolgen. Ohne gerichtliche Untersuchung, ohne Überführung der Angeklagten oder deren Geständnis, ja in Missachtung der den Juden vom apostolischen Stuhl gnädig gewährten Privilegien beraubt man sie in gottloser und ungerechter Weise ihres Besitzes, gibt sie den Hungerqualen, der Kerkerhaft und anderen Torturen preis und verdammt sie zu einem schmachvollen Tode … Solcher Verfolgungen wegen sehen sich die Unglückseligen gezwungen, jene Orte zu verlassen, wo ihre Vorfahren von alters her ansässig waren. Eine restlose Ausrottung befürchtend, rufen sie nun den apostolischen Stuhl um Schutz an … Später folgten dann noch Schutzbullen von Gregor X., Martin V., Nikolaus V. und Paul III.

Auch die weltliche Herrschaft versuchte, die Juden vor diesen Anwürfen zu Schützen. So hat Kaiser Friedrich II 1244 eine Untersuchungskommission, die die Vorwürfe prüfen solle. In ihrem Bericht heißt es: Weder im Alten noch im Neuen Testament kann man erfahren, dass die Juden begierig wären, Menschenblut ausströmen zu lassen, ja im Gegenteil […] hüten sie sich vor der Befleckung durch jegliches Blut gemäß der Bibel, in den von Moses gegebenen Geboten, die hebräisch Berechet heißen, und in den jüdischen Gesetzen, die hebräisch Talmilloht (Talmud) heißen. Es spricht auch eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit dafür, dass diejenigen, denen sogar das Blut erlaubter Tiere verboten ist, keinen Durst nach Menschenblut haben können. Gegen diesen Vorwurf spricht: 1) der Horror dieser Sache; 2) dass es die Natur verbietet; 3) die menschliche Verbindung, die Juden auch den Christen entgegenbringen; 4) dass sie nicht willentlich ihr Leben und Eigentum gefährden würden. Aus diesen Gründen haben wir im Konsens mit den regierenden Fürsten entschieden, die Juden des Reiches von dem schweren Verbrechen, dessen man sie angeklagt hat, freizusprechen und die übriggebliebenen Juden von allen Verdächtigungen frei zu erklären.

Allerdings waren diese Schutzbemühungen nicht von Erfolg gekrönt, da die Anweisungen hauptsächlich von den kirchlichen/weltlichen Vertretern vor Ort hintergangen wurden.

Erst mit dem 1965 erlassenen Dekret „Nostra Aetate“, in dem die Gottesmordtheorie offiziell verworfen und die Bekämpfung von Antisemitismus als gesamtchristliche Pflicht festgeschrieben wurde. Aber etwa in Rinn, wurde verbissen um den Beibehalt des Anderl-Kultes gekämpft.

Mit dem Aufkommen des rassistischen Anitsemitismus im späten 19. Jahrhundert wurden immer öfter die religiösen Aspekte der Ritualmorde durch „Rassen-Argumente“, wie dem postulierten „jüdischen Blutdurst“ ersetzt. Es wurde systematisch ein Bild des von Natur aus mörderischen und triebhaften Juden dargestellt, der seinen Blut- und Sexualdurst vornehmlich an „arischen“ Kindern stillt.

Für die Nationalsozialisten war die Ritualmordlegende natürlich ein gefundenes Fressen. Immer und immer wieder wurde über vermeintliche Ritualmorde berichtet, natürlich unter genüsslicher Ausbreitung sämtlicher – besonders sexuell konnotierter – Details. Der Ritualmord wurde dann noch durch Sexualverbrechen, Zwangsprostitution oder Kinderhandel angereichert. 1934 erschien dann eine Broschüre mit dem Titel „Jüdischer Mordplan gegen nichtjüdische Menschen aufgedeckt“, ein Pamphlet, dass die Einführung der Nürnberger Rassegesetze vorbereiten sollte. Dadurch, dass die Ritualmordlegende bereits so „alteingesessen“ war und über die Jahrhunderte auch kontinuierlich gleich oder ähnlich erzählt wurde und dadurch auch im Volksgedächtnis verankert war, eignete sie sich natürlich hervorragend für die NS-Propaganda.

Ein seltenes Beispiel für wissenschaftliche Zivilcourage während der NS-Herrschaft waren die Artikel des Breslauer Volkskundlers Will-Erich Peuckert zu den Stichworten „Freimaurer“, „Jude“ und „Ritualmord“ im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Sie widerlegten kenntnisreich die antisemitische Ritualmordlegende und Verschwörungsthese einer Beziehung zwischen Juden und Freimaurern. Eine Denunziation des NS-Volkskundlers Walther Steller führte 1935 zu einem Gestapoverhör Peuckerts und Entzug seiner akademischen Lehrbefugnis wegen „politischer Unzuverlässigkeit“.

Schon 1946, also gerade mal ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, gab es in Kielce (Polen) ein Pogrom und in Kunmadaras, Miskolc und Özd (alle Ungarn) Übergriffe auf Juden, die allesamt auf Ritualmordvorwürfe zurückgingen. Auch in Deutschland, Frankreich, Italien oder England tauchte die Verschwörungstheorie immer wieder auf.

Selbst heute, im beginnenden 21. Jahrhundert ist die Ritualmordlegende nicht tot zu kriegen und sie bekommt auch immer wieder neue Gewänder und Abwandlungen. Wie zum Beispiel die Abwandlung, die seit den 1970er Jahren immer wieder in Frankreich auftaucht und besagt, dass jüdische Boutiquenbesitzer junge Models entführen. Oder die Lügen, die bei den evangelikalen Abtreibungsgegner kursiert und besagt, dass Abtreibungsärzte Juden sind und die abgetriebenen Föten für Rituale verwenden.

Besonders die islamische Welt zeigt sich resistent gegen die Aufklärung zur Ritualmordlegende und verbreitet diese Lügen fleißig weiter. Die Artikel und Fernsehbeiträge in den Medien islamischer Länder, die das hässliche Märchen vom blutrünstigen Juden transportieren (natürlich mit detaillierten und sensationslüsternen Darstellungen der erfundenen Mordtaten), sind Legion. Man entblödet sich auch nicht, den „Stürmer“ als Quelle für die Artikel zu nennen. Seit den Gaza-Konflikten von 2009 und 2014 wurde bei israelfeindlichen Kundgebungen die antisemitische Parole vom „Kindermörder Israel“ gerufen, neben Parolen wie „Israel trinkt das Blut unserer Kinder aus den Gläsern der UN“, „Entfernt den Tumor Israel“, „Jude Jude feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“, „Intifada bis zum Sieg“.  Die Parole „Kindermörder Israel“ war auch beim jährlichen Al-Quds-Tag zu hören, etwa 2014 in Wien. Sie gilt in der Antisemitismusforschung als moderne Variante der Ritualmordlegende, wurde aber von zuständiger Polizei oft nicht als antisemitisch erkannt. Diese Parolen hören wir heute, Ende 2023 bei den zahlreichen Pro-Hamas-Demonstrationen der Islamisten immer und immer wieder.

Dazu kommen noch Erzählungen, dass Israel ein Organhandel-Netzwerk mit den Organen gefangener Palästinenser (natürlich hauptsächlich Kinder) betreibt. Die Medien berichten darüber – natürlich – nicht, weil sie – natürlich – von Juden beherrscht werden und solche Berichte unterdrücken. Zu diesem Komplex gehört auch die „Pizzagate“-Erzählung. Hier hatte Donald Trump im Wahlkampf von 2016 behauptet, dass Hillary Clinton (seine damalige Gegenkandidatin) und andere Mandatsträger der Demokratischen Partei einen Pädophilenring betreiben würden und zwar aus dem Keller einer New Yorker Pizzeria. Zu diesem Ring würde so ziemlich alle Schauspieler*innen, Sänger*innen etc. gehören, die zu den liberalen Kreisen der USA zählen. Die Kinder würden entführt, sexuell missbraucht und rituell (und natürlich äußerst brutal) ermordet. Diese Tötungen müssten so brutal sein, damit der Körper das Stoffwechselprodukt Adrenochrom ausscheidet. Die Angehörigen dieses Netzwerkes würden das mit Adrenochrom angereicherte Blut als Verjüngungsmittel trinken.

Dies wurde dann auch von den QAnon-Verschwörungstheoretikern aufgegriffen und in Deutschland bspw. durch Xavier Naidoo (nach eigenen Aussagen Sänger) oder Attila Hildmann (nach eigenen Aussagen Koch) verbreitet.

Zusammenfassend kann man sagen, dass an den Vorwürfen, denen sich die Juden durch diese Verschwörungstheorie(n) ausgesetzt sehen, absolut nichts dran ist. Dies wurde schon durch die Kommission von Kaiser Friedrich II. 1244 festgestellt. Hinter handfesten Absichten, wie etwa der Ortskirchen, also die Etablierung einer Wallfahrt oder sonst eines Kultes für die angeblich ermordeten Kinder und die daraus mögliche Generierung von Spendengeldern, steht nur die Absicht, „die Juden“ zu diffamieren, zu entmenschlichen und letztendlich eine „Begründung“ zu haben, um sie umbringen zu können. Dass diese barbarische Erzählungen heute noch in den Medien kursiert, ist mehr als beschämend.

*Anfang November 2023 nach dem barbarischen Hamas-Angriff auf Israel.

2 Gedanken zu “Vom Unsinn des Ritualmords und des Blutfrevels

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