Dönitz und die Reichsbürgerei

In der Rei – hei – chs – bürgerei gibt’s so manche wirre Denkerei…

Oder so ähnlich. Aber es stimmt schon, unsere Freunde aus der Reichsbürgerei haben – ich will nicht sagen immer, aber immerhin – meist arges Pech beim Denken. So hängen einige von Ihnen noch dem wirren Glauben an, dass nachdem sich der österreichische Gefreite selbst gerichtet hat, gut 90% des deutschen Staatsgebietes von alliierten Truppen besetzt und sich die Wehrmacht zum größten Teil in Kriegsgefangenschaft befand, der Großadmiral Dönitz doch ernsthaft noch Regierungschef war.

Dönitz, von Hitler testamentarisch als Reichspräsident eingesetzt, saß zu dieser Zeit in seinem „Sonderbereich Mürwick“, einem etwa 14 km² großen Areal, welches das letzte unbesetzte Zipfelchen Deutschlands war. Es bestand zum größten Teil aus dem dortigen Marinestützpunkt. Also hatte Dönitz weder Staatsgewalt, noch Staatsgebiet, noch Staatsvolk. Dazu war er noch nicht einmal legitim durch Wahl ins Amt gelangt, wie es das „Gesetz über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches vom 1. August 1934“ vorsah, noch hat er je den verpflichtenden Amtseid geleistet. Dönitz wurde zu guter Letzt auch zum Reichspräsidenten ernannt, das bedeutet, er wäre zwar das Staatsoberhaupt gewesen, aber er hätte keine Regierungsgewalt gehabt, diese hatte der Reichskanzler und das Kabinett inne. Also war er sowieso nur der „Grüßaugust“. Ein Reichskanzler wurde von Hitler in seinem Testament nicht ernannt, sondern nur ein „Leitender Reichsminister“ und diesen Posten sollte Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk (der Großvater der AfD-Politikerin Beatrix von Storch) ausfüllen. Den Begriff „Reichskanzler“ umging Hitler damit geschickt.

Fassen wir zusammen: Großadmiral Dönitz war illegitim in das oberste Amt eines Staates gekommen, der de facto nicht mehr existierte und auch wenn der Staat noch existiert hätte, hätte Dönitz keine Regierungsgewalt gehabt. Allerdings glaubte er selbst (und mit ihm die Reichsbürgeristen) daran, dass er noch irgendetwas zu sagen hätte, selbst dann noch, als er als Kriegsverbrecher abgeurteilt und nur knapp der Todesstrafe entkommen war.

Auch, als er aus der Haft entlassen worden war und schon längst in der etablierten Bundesrepublik lebte, ging er davon aus, noch irgendeine staatliche Autorität zu haben. Dies sieht man an seinem „Politischen Testament“, welches er 1975 verfasst hatte und das durch seinen Anwalt nach Dönitz Tod an den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens übersandt wurde. Der Wortlaut im Original:

Nach dem Inkrafttreten der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht, heute vor dreißig Jahren, verblieb ich in dem von mir übernommenen und von den Alliierten Hauptmächten anerkannten Amt als Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches. Über den Bestand dieses Amtes und der Reichsregierung hatte ich keine Illusionen. Ich wollte aber von mir aus nichts tun, was als eine freiwillige Aufgabe der deutschen Souveränität und damit als Verzicht auf den politischen Bestand des Deutschen Reiches ausgelegt werden könnte. Die Gefangennahme am 23. Mai 1945 setzte der Ausübung der Regierungsgewalt faktisch ein Ende. Als ich am 1. Oktober 1956 aus dem Spandauer Gefängnis entlassen wurde, in das mich das Internationale Militärtribunal unter ausdrücklicher Bestätigung meines Amtes als Staatsoberhaupt geworfen hatte, fand ich auf dem nicht annektierten Boden des Reiches zwei deutsche Staaten vor, die sich nach ihren Verfassungen beide die Wiedervereinigung der Deutschen in einem Staat zum Ziel gesetzt hatten. Dieses Ziel hat die Deutsche Demokratische Republik durch die Änderung ihrer Verfassung am 7. Oktober 1974 ausdrücklich aufgegeben. Damit ist heute nur noch die Bundesrepublik Deutschland Träger des Reichsgedankens, dessen Wahrung mir anvertraut war. Im Bewußtsein nicht endender Verantwortung gegenüber dem Deutschen Volk übertrage ich Inhalt und Aufgabe meines Amtes als letztes Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches auf den Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Karl Dönitz

Und jetzt begeben wir uns einen Moment, einen kleinen Moment in die wirre Denkwelt der Reichsbürger. Danach war Dönitz also bis zu seinem Tod am 24. Dezember 1980 der letzte wahre große Zampano des Deutschen Reiches, mit dem „Politischen Testament“ hat er doch dann den Bundespräsidenten als seinen Nachfolger eingesetzt und legitimiert. Damit ist doch diese ganze Reichsbürgerei, die noch heute betrieben wird obsolet und alles hat seine Ordnung. Oder nicht? Oder doch?

Beitragsbild: Von Bundesarchiv, Bild 183-V00538-3 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5370981

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