Tina Turners Niere und eine klassische Therapieverschleppung

Hammse schon jehört? Dat Anna Mae Bullock aus Nutbush in Tennessee hatte es gewaltig an den Nieren. Wie? Sie kennen Anna Mae Bullock aus Nutbush in Tennessee nicht? Doch doch, die kennen Sie. Wahrscheinlich aber unter ihren Künstlernamen Tina Turner.

Und diese Tina Turner hatte in den letzten Jahren nicht wirklich Glück mit der Gesundheit 2013 hatte sie einen Schlaganfall und 2016 bekam sie Darmkrebs. Und letztes Jahr, also 2017, kam dieser schwere Nierenschaden, den sie nur dank einer Organspende ihres Mannes überlebte.

Warum ist dann gerade diese Nierenerkrankung so interessant, dass ich diesen Blogbeitrag drüber schreibe? Nun ganz einfach, diese Erkrankung eskalierte durch eine klassische Therapieverschleppung und deswegen nehmen wir sie mal als schlechtes Beispiel.

Die ganze Geschichte erzählte Tina Turner in einem Artikel, der in der britischen „Daily Mail“ erschien. Das Original erschien natürlich in Englisch und die Übersetzungen stammen von mir, deswegen bitte ich um Nachsicht. Alle Zitate stammen aus diesem Artikel und die Originalpassagen findet ihr am Schluss, denn natürlich musste ich hier den durchaus emotionalen Artikel der Sängerin etwas komprimieren.

Die Ausgangsproblematik lag darin, dass der Arzt von Frau Turner Bedenken hatte, dass der hohe Blutdruck, der wahrscheinlich auch schon zu ihrem Schlaganfall geführt hatte, die Nieren schädigen könnte. Er überwies Frau Turner an den Nephrologen Dr. Jörg Bleisch(1), der feststellte, dass die Nieren der Sängerin nur noch zu 35% arbeiteten und ihr eine entsprechende Medikamentation verordnete.(2)

Die Behandlung ging so lange gut, bis ihr ein Freund einen homöopathischen Arzt in Frankreich empfahl und Frau Turner darauf ansprang sich „alternativ“ heilen lassen wollte. Diese „Alternative“ brachte sie zwar an den Rand des Grabes und die ach so böse Schulmedizin musste die Kastanien aus dem Feuer holen, aber das ist ja alles nicht so wild.

Dieser Homöopath kam erstmal auf die Idee, dass der Körper der Sängerin durch Giftstoffe in der Wasserversorgung des Château Algonquin, ihrem Haus in der Schweiz, vergiftet würde und so wurden von der Sängerin alle Rohre in diesem Anwesen erneuert und das Wasser durch Kristalle gereinigt. Die wirkungsvolle Medikamentation wurde natürlich abgesetzt und durch homöopathische Remedies ersetzt.(3)

Da Tina Turner tief in ihrem Inneren wusste, dass dieses Vorgehen absolut falsch war, verschwieg sie ihren Ärzten, dass sie die Behandlung abgebrochen hatte. Bei einem Folgetermin bei Dr. Bleisch kam dann heraus, dass die Hypertonie den Nieren weiter geschadet hatte. Die Sängerin sagt in dem Artikel: Wenn ich gewusst hätte, dass unkontrollierter Bluthochdruck Nierenschäden beschleunigen könnte, hätte ich meine Medikamente natürlich nicht gegen homöopathische Alternativen eingetauscht. So wie es war, waren die Konsequenzen meiner Ignoranz eine Frage von Leben und Tod. […]Wenn ich die Medikation nur nicht abgebrochen hätte. Wenn, wenn, wenn! Meine dumme Entscheidung würde mich weiter verfolgen.(4)

Im Dezember 2016 arbeiteten die Nieren der Sängerin nur noch zu 20% und es blieb nur eine Wahl zwischen einer Transplantation oder Dialyse. Da die Chancen, eine Spenderniere zu bekommen,  sehr gering waren, wurde eine Dialyse eingeleitet. Der Patientin ging es so schlecht, dass sie Mitglied im Verein „Exit“ wurde, der assistierten Suizid betreibt. „Nur für den Fall“, wie Tina Turner es in dem Artikel formulierte. In dieser Zeit war ihr Mann Erwin, dem die gesamte Situation natürlich auch stark mitnahm eine große Stütze. (5)

Frau Turner wurde gerettet. Ihr Ehemann Erwin spendete ihr eine Niere, die nach zahlreichen psychologischen und physiologischen Tests am 7. April 2017 transplantiert wurde. (6) (7)

Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: die ganzen Schmerzen, körperlichen Einschränkungen und die Nierentransplantation kamen nur daher, dass Tina Turner die sinn- und wirkungsvolle Therapie ihrer Ärzte in den Wind schlug und sich auf esoterische Scheinmedizin verließ. Ein klassischer Fall von Therapieverschleppung, der fast tödliche Folgen gehabt hätte. Und wisst Ihr, was mich wirklich aufregt? Der folgende Satz: Lassen Sie mich klarstellen: Ich verurteile die Homöopathie nicht. Tatsächlich wurde ich 1969 von einem homöopathischen Arzt erfolgreich behandelt, nachdem man Tuberkulose diagnostiziert hatte. Aber dieses Mal war ich viel älter und hatte eine ernsthafte Langzeitkrankheit, die eine konventionelle Behandlung erforderte.(8)

Obschon die Unwirksamkeit der Homöopathie fast ihr Leben gekostet hätte, hält sie immer noch an diesem unwirksamen Konstrukt fest. Die Verblendung geht bis zur Selbstverleugnung und Selbstaufgabe, negiert sogar die persönliche Erfahrung…
Man weiß natürlich nichts über die Tuberkulose-Geschichte. War das überhaupt eine valide Diagnose? Lief parallel eine normale Therapie? Ist sie „geheilt“ oder nur in einem stillen Stadium? Stuft sie Tuberkulose nicht als „serious long-term illness that needs conventional treatment“ ein?

Man weiß es nicht, man hofft nur, dass Frau Turner beim nächsten Mal ein bisserl gscheiter ist.

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(1) Dr. Jörg Bleisch ist Facharzt für Nephrologie und Innere Medizin und Chefarzt der nephrologischen Abteilung am Spital Zollikerberg in der Schweiz.

(2) But the psychological effects were even more profound. I was miserable. The battle for recovery left me with no strength or vitality. And I wasn’t just dealing with the aftermath of the stroke: my doctor was concerned that my high blood pressure might be affecting my kidneys, so he referred me to a specialist. Dr Jorg Bleisch, an expert nephrologist, broke the news that my kidneys were performing at only 35 per cent of their normal function. We’d need to monitor them carefully, he said, prescribing yet more medication to control my blood pressure. What I didn’t realise was that there were bigger battles ahead. Battles that would leave me wondering: ‘How did I go from being the picture of health, a cover girl, a bride for God’s sake, to this?’ After a while, I began to resent the drugs I was taking to control my high blood pressure.

(3) I was certain they were making me feel less clear-headed and energetic. So when a friend recommended a homeopathic doctor in France, I decided to put my faith in another kind of healing. The homeopath — who replaced my conventional medicines with homeopathic remedies — suggested that my body was being affected adversely by toxins in the water supply at the Château Algonquin. Eager to try a new approach, no matter how far-fetched, I replaced all the pipes in the house and had our water purified by crystals. The new treatments actually made me feel better.

(4) But I knew my doctors wouldn’t approve, so I took the coward’s way out: I simply didn’t tell them. The trouble started when I went to see Dr Bleisch for another check-up. I felt fine, so I expected good news. That’s why I decided it was time to confess to what I’d done. Big mistake. Big, big, mistake. He seemed shocked and incredulous. My failure to treat my high blood pressure, he told me, had essentially destroyed my kidneys. If I’d known that unmanaged high blood pressure could accelerate kidney damage, of course, I wouldn’t have traded my medication for homoeopathic alternatives. As it was, the consequences of my ignorance ended up being a matter of life and death. […] If only I hadn’t discontinued the medication. If, if, if! My foolish decision would continue to haunt me, yet Erwin never once reproached me for it.

(5) By December 2016, my kidneys were at a new low of 20 per cent and plunging rapidly. And I faced two choices: either regular dialysis or a kidney transplant. Only the transplant would give me a very good chance of leading a near-normal life. But the chances of getting a donor kidney were remote. At the time, Switzerland’s organ-donor rate was one of the lowest in Europe — which meant that, at 75, I’d probably never rise to the top of the waiting list. So Dr Bleisch scheduled me to start dialysis. ‘Oh no, no, no,’ I told him. ‘I’m not living on a machine.’ It wasn’t my idea of life. But the toxins in my body had started taking over. I couldn’t eat. I was surviving, but not living. I began to think about death. If my kidneys were going, and it was time for me to die, I could accept that. It was OK. When it’s time, it’s really time. I didn’t mind the thought of dying, but I was concerned about how I would go. One of the benefits of living in Switzerland is that assisted suicide is legal, though the patient has to inject the lethal drug herself. There are several organisations that facilitate the process, including Exit and Dignitas. I signed up to be a member of Exit, just in case. I think that’s when the idea of my death became a reality for Erwin. He was very emotional about not wanting to lose me, not wanting me to leave. He said he didn’t want another woman, or another life; we were happy and he’d do anything to keep us together.

(6) Die Schilderungen zu den Tests und den emotionalen Umständen der Transplantation sind recht ausführlich und emotional und haben keine Relevanz für diesen Artikel, weswegen ich sie weggelassen habe. Wer sich dafür interessiert findet sie in der nächsten Fußnote.

(7) Then he shocked me. He said that he wanted to give me one of his kidneys. I was overwhelmed by the enormity of his offer. But because I love him, my first response was to try to talk him out of taking such a serious and irreversible step. He was a young man. Why should he take such a risk to give an older woman a few extra years? What if he had a problem some day with his remaining kidney? ‘Darling, you’re young. Don’t, don’t, don’t interfere with your life. Think about your own future,’ I urged. But Erwin had made up his mind. ‘My future is our future,’ he told me. At the University Hospital of Basel, Erwin had to go through a battery of psychological tests to make sure he was donating a kidney for the right reasons. As I’d expected, the doctors accepted that he knew what he was doing. Erwin always knows exactly what he’s doing; that’s his nature. His offer to give me his kidney was a gift of love, and he remained unflappable and relaxed. Next, there were medical tests to determine our compatibility, and we got the encouraging news that we shared the same type A blood group. Meanwhile, all I could hear was the clock ticking. I couldn’t afford to lose a bit of my strength, energy or courage. I was already a high-risk patient because of my recent cancer, but the risk escalated when tests showed that my heart had been damaged by so many years of high blood pressure: the muscle was enlarged and the vessels calcified. There was some question about whether a weak heart could withstand the stress of surgery. But ultimately our big day was scheduled: April 7, 2017. Two operating theatres were prepared — one for the donor and one for the recipient — two surgical teams, two of everything. Erwin’s operation took place first. While I was understandably anxious about the transplant, I was far more concerned about him. After about an hour, it was my turn. When I awoke, I was so groggy that everything — lights, sounds, smatterings of conversation, visits from doctors and nurses — felt dream-like. It took me a while to understand that I was in Intensive Care, surrounded by what seemed like 100 machines, starting my new life as a woman with a healthy kidney. The following day, after a few tentative stretches of my fingers and toes, I realised that I felt fine. The best moment was when Erwin came rolling into my room in his wheelchair. He somehow managed to look good, even handsome, as he greeted me with an energetic: ‘Hi, darling!’ I was so emotional — happy, overwhelmed and relieved that we’d come through this alive. I was discharged after only seven days, and Erwin’s recovery was even faster. He snapped right back to his old self, and within a few weeks was enjoying his first glass of wine. He’s been full speed ahead ever since. I, on the other hand, have experienced ups and downs. My body keeps trying to reject the new kidney, which is not uncommon after a transplant. This means I have to take strong doses of immunosuppressants to weaken my antibodies and prevent them from attacking an organ they don’t recognise. Sometimes, the treatment — which causes dizziness, forgetfulness and anxiety — involves spending more time in hospital. Last year, as Christmas approached, I started feeling more energetic. I’m not trying to tempt fate, though — I know that my medical adventure is far from over. After a transplant, it seems that there’s always another test, another doctor’s appointment or biopsy to get through. But I’m still here. We’re both still here, closer than we ever imagined — and that’s cause for celebration. Erwin knew that the old Tina was back at last when I got excited about putting up Christmas ornaments and ordering new tables for the living room. After so many years of being frightened and sick, I was revelling in the sheer joy of being alive.

(8) Let me be clear: I’m not condemning homeopathy. In fact, I was treated successfully by a homeopathic doctor after being diagnosed with tuberculosis in 1969. But this time I was much older, with a serious long- term illness that needed conventional treatment.


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