Narcose à la Reine

Nachdem ich mich nun bereits seit mehreren Jahren mit den Narreteien der Schwurbler beschäftige, dachte ich, dass ich eigentlich schon alles gesehen hätte. Nachdem mir der Youtube-Algorithmus allerdings das Video einer spirituellen Alleingeburt im Wald gezeigt hat, wusste ich, dass da noch Luft nach oben ist.

Ich muss jetzt ehrlich gestehen, dass ich es ja als äußerst verantwortungslos finde, wenn eine Frau ganz alleine im Wald ein Kind zur Welt bringt, nur um die Schwingungen von Mutter Natur zu spüren und im Einklang mit wat weiß ich für Gedöns zu sein. Gut, dass die Dame ihr noch an der Nabelschnur hängendes Kind auf die Steine hat fallen lassen, mag diese meine Meinung bestätigen, aber es gibt sicherlich genug Menschen, die dies anders sehen. Wahrscheinlich sind die dann selbst auch auf während des Geburtsvorgangs heruntergefallen. (1)

Und dabei hatten Frauen erst knapp hundertfuffzich Jahre zuvor das Recht auf eine Narkose bei der Geburt erkämpft. Jaja, ihr habt richtig gehört, erkämpft.

Aber fangen wir am Anfang an. Versuche, Schmerzen während Operationen zu lindern und dadurch erst umfangreichere Eingriffe zu ermöglichen, gab es schon in den frühen Hochkulturen. Aber erst in den 1840er Jahren konnten erste professionelle Methoden hierfür entwickelt werden. So wurde am 30. März 1842 die erste Äthernarkose von Crawford Williamson Long durchgeführt und der 16. Oktober 1846 gilt als offizielles Geburtsdatum der Anästhesie. An diesem Tag hatte der Zahnarzt William Thomas Green Morton einem Patienten eine Geschwulst am Hals entfernt, nachdem ihm durch den Chirurgen John Collins Warren eine Äther-Inhalationsanästhesie verabreicht wurde. Dies fand an der Harvard Medical School statt.

Bereits wenige Monate später, nämlich am 19. Januar 1847 wurde durch James Young Simpson erstmals eine geburtshilfliche Anästhesie während einer Entbindung verabreicht. Simpson, ein schottischer Geburtshelfer, stieg aber bald auf Chloroform um, da dies von den Patientinnen durchweg besser vertragen wurde.

Sein Tun wurde allerdings scharf verurteilt. Und zwar durch die Kirchen. Und in dem Punkt waren sie sich alle einig, heißt es doch in der Bibel im 1. Buch Mose, Kapitel 3, Vers 16: Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären; und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, und er soll dein Herr sein. (2)

Die schwangere Frau sollte Schmerzen bei der Geburt haben, um für die Erbsünde zu büßen. Und jeder, der ihr diese Schmerzen nehmen wollte beging eine Todsünde. Simpson allerdings argumentierte, dass ja Gott selbst nur ein Bibelkapitel früher eine Anästhesie durchgeführt hatte. Im 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 21 und 22 heißt es nämlich: Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm seiner Rippen eine und schloss die Stätte zu mit Fleisch. Und Gott der Herr baute ein Weib aus der Rippe, die er vom Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. (2)

Gewagt war sein Tun trotzdem, gerade für ihn als Schotten. Wurden doch im Jahr 1591 in Edinburgh Euphemia Maclean und Agnes Sampson der Hexerei angeklagt, für schuldig befunden und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihr Vergehen: Sie wollten die Schmerzen während einer Geburt mit Kräutern lindern.

Es gab aber auch fachliche Widerstände gegen die Anästhesie von Gebährenden. Konservativere Kreise der Ärzteschaft gingen davon aus, dass der Wehenschmerz und die Uteruskontraktionen direkt zusammen gehörten. Ohne Wehenschmerz keine Kontraktion.

Allerdings konnte die Kirche und die konservativen Ärzte in diesem Streit nicht gewinnen, die Äther- und später Chloroformanästhesie bei Geburten wurde immer populärer. John Snow in London entwickelte die Methode weiter und dann, tja, dann trat Queen Victoria auf den Plan.

Jetzt könnte man meinen, dass Victoria als regierende Königin des United Kingdom, Herrscherin des Commonwealth und Verteidigerin des Glaubens vulgo Oberhaupt der Anglikanischen Kirche der Meinung ihrer Bischöfe folgt. Tat sie aber nicht.

Victoria hatte bekanntermaßen neun Kinder und die ersten sieben Geburten hat sie, obschon der Verlauf jeweils als „normal“ bzw. „unauffällig“ kategorisiert wurde, als enorm traumatisierend und schmerzhaft empfunden. Bei ihrem achten Kind nun, sprach ihr Mann Albert von Sachsen-Coburg und Gotha ein Machtwort und setzte durch, dass John Snow eine Chloroformanästhesie durchführte. Und so kam am 7. April 1853 Leopold, 1. Duke of Albany als erstes der royalen Kinder in einer für die Mutter vollkommen entspannten Geburt zur Welt.

Snow beschreibt den Vorgang in seinem Tagebuch folgendermaßen: The inhalation lasted fiftythree minutes. The chloroform was given on an handkerchief in fifteen minim doses; and the Queen expressed herself as greatly relieved by the administration.(3)(4)

1853 musste die Anästhesie noch heimlich geschehen und verleugnet werden, aber bereits vier Jahre später, als Victoria am 14. April 1857 ihre Tochter Beatrice zur Welt brachte, empörte sich niemand mehr groß. Im Gegenteil, in der renommierten Ärztezeitung „The Lancet“ wurde in der Rubrik „Medicine Annotations“ in einem kurzen Artikel darüber berichtet. Darin heißt es:

Her Majesty was safely delivered of a Princess, at a quarter before two o‘clock, on Tuesday afternoon last. The pains of labour commenced in the morning of that day between the hours of two and three; at which time the medical attendants, and the great officers of state (5), were summoned. The labour was in every respect natural, as was the presentation; but the pains were somewhat lingering and ineffective. About half-past eleven o‘clock, it was thought desirable that chloroform should be administered, which was continued by Dr. Snow at short intervals to the time of delivery. The anaesthetic agent perfectly succeeded in the object desired. Her Majesty has since progressed favourably, not a single unpleasant symptom having appeared. The infanft Princess is in good health. (6)(7)

Interessant ist übrigens, dass Victoria zu ihren beiden letztgeborenen Kindern Leopold und Beatrice, die unter einer Chloroformanästhesie zur Welt kamen, sehr intensive Beziehungen hatte. Sie waren ihre eindeutigen Lieblinge. Es scheint tatsächlich so, dass sie den ersten sieben Kindern die Schmerzen während der Geburt tatsächlich persönlich vorwarf und deswegen keine so intensive Beziehung zu ihnen aufbauen konnte. Allerdings muss man auch sagen, dass sie alle ihre Kinder im Säuglingsalter nicht sehr mochte. Sie empfand sie als häßlich und nervig und verglich sie mit zappelnden Fröschen. Erst als die Kinder sprechen konnten, wurden sie für Victoria „interessant“. Im Gegensatz dazu war ihr Mann Albert von Anfang an in alle seine Kinder geradezu vernarrt.

Unter dem Begriff „Narcose à la Reine“ wurde die Chloroformnarkose populär und wurde bald alltäglich. Eine der ersten „Nachahmerinnen“ der Victorias war übrigens die Tochter des Erzbischofs von Canterbury, damit war das Thema auch in kirchlichen Kreisen obsolet.

Natürlich ging die Geschichte der Anästhesie weiter, vor allem, nachdem August Bier den Grundstein zur Spinalanästhesie gelegt hatte. Aber das, das ist eine andere Geschichte, die ich bereits hier erzählt habe.

*****
Anmerkungen

(1) Nein, ich verlinke das nicht.

(2) Anonymus: Die Bibel. Leipzig, 1885.

(3) Die Inhalation dauerte dreiundfünfzig Minuten. Das Chloroform wurde in fünfzehn minimalen Dosen auf ein Taschentuch gegeben; und die Königin zeigte sich von der Handhabung sehr erleichtert.

(4) Snow, John: On Chloroform and other Anaesthetics. London, 1858

(5) Bei den „Great Officers of State“ handelt es sich besonders hohe Staatsbeamte. Dies sind in England: Der Lord High Steward, der Lord High Chancellor, der Lord High Treasurer, der Lord President of the Council, der Lord Keeper of the Privy Seal, der Lord Great Chamberlain, der Lord High Constable, der Earl Marshal und der Lord High Admiral.

(6) Ihre Majestät wurde am letzten Dienstagnachmittag um Viertel vor zwei Uhr sicher von einer Prinzessin entbunden. Die Wehen begannen am Morgen dieses Tages zwischen zwei und drei Uhr. Zu dieser Zeit wurde das medizinische Personal und die großen Staatsbeamten gerufen. Die Entbindung war in jeder Hinsicht natürlich, ebenso wie die Präsentation; aber die Schmerzen waren etwas lang und hielten die Entbindung auf, so hielt man es geegn halb zwölf Uhr für wünschenswert, Chloroform zu verabreichen, das von Dr. Snow in kurzen Abständen bis zum Zeitpunkt der Entbindung fortgesetzt wurde. Das Narkosemittel hat das gewünschte Ergebnis erzielt. Ihre Majestät ist wohlauf, kein einziges unangenehmes Symptom ist aufgetreten. Die kleine Prinzessin ist bei bester Gesundheit.

(7) Anonymus: Medical Annotations. In: The Lancet, Jg. 1857, S. 410.

Beitragsbild: Queen Victoria und ihr Mann Albert im Kreise der neun Kinder.

2 Gedanken zu “Narcose à la Reine

  1. Spirituelle Alleingeburt!

    Meine Schwester ist examinierte Krankenschwester (ja. sie besteht auf dieser Bezeichnung ). Schon eine Hausgeburt mit Hebammenunterstützung hält sie für ein absolut unnötiges Vabanquespiel. Wenn sie aber so einen B*llshit wie Alleingeburt beschrieben, hört, bekommt sie jedes Mal eine mittlere Nervenkrise.

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