Bruno

Bruno Brunowsky ist Mitte 50 und lebt seit seiner Scheidung alleine im Einfamilienhaus, in dem auch seine Kinder aufgewachsen sind. Ihm geht es gut. Er fühlt sich topfit und plant, spätestens mit 62 in den Vorruhestand zu gehen, um mehr Zeit für sich zu haben und vor allem um zu reisen. Finanziell kann er sich das leisten und auch seine Lebensgefährtin möchte so bald wie möglich in den Ruhestand gehen, damit die beiden zusammenziehen können, um den Lebensabend gemeinsam zu verbringen.

An den Wochenenden, an denen ihn seine Lebensgefährtin nicht besucht, ist Bruno gerne auf Achse, spielt Tischtennis im Verein, unternimmt lange Radtouren mit seinem neuen E-Bike oder wandert mit seinen Kameraden vom Altherren-Stammtisch der Feuerwehr.
Er fühlt sich rundum gut, wenn da seit ein paar Monaten nicht immer diese Müdigkeit wäre. Aber gut, er ist ja auch nicht mehr der Jüngste, das ist ja ganz normal, beruhigt er sich. Als ihm dann einige Monate später das erste Mal die Blutspuren beim Stuhlgang auffallen, denkt er sich immer noch nichts. „Jetzt bekomm‘ ich auf meine alten Tage noch Hämorrhoiden…“ sagt sich Bruno.

Seine Lebensgefährtin Doris sieht das nicht so sportlich und sie geht ihm so lange auf den Geist, bis er einen Termin bei seinem Hausarzt vereinbart. Bruno kommt sich allerdings doof vor. Gut, der Mann ist Arzt, aber trotzdem kostet es ihn einiges an Überwindung, mit ihm über seinen Stuhlgang zu reden. Und was der Arzt alles wissen will. Solche Worte wie „Risikogruppe“ will Bruno gar nicht hören. Als er dann wieder vor der Praxis steht, atmet er erstmal tief durch und beäugt sich den Schein, den er mitbekommen hat, noch einmal genau. Eine Überweisung zu einer Darmspiegelung. Klasse. Da hat er natürlich riesige Lust drauf, sich einen Schlauch in den Arsch schieben zu lassen.

Als er am Abend mit Doris telefoniert, nimmt sie die ganze Sache in die Hand und vereinbart einen Untersuchungstermin für Bruno, an dem sie auch dabei sein kann. Die Zeit bis dahin will aber auch nicht vergehen. Es fühlt sich für Bruno an, als würde ein Damoklesschwert über ihm hängen, und er kann absolut nichts mehr genießen.

Dann ist der Tag aber da und Bruno lässt sich von Doris zur Arztpraxis fahren. Prima… das auch noch… lauter junge Dinger als Assistentinnen in der Praxis. Und vor denen soll er die Hosen fallen lassen? Wenn Doris nicht dabei gewesen wäre, wäre er stiften gegangen, aber sie passt zu gut auf.

Das Vorgespräch kam ihm endlos vor. Was wollen die Ärzte auch alles wissen. Was ist an seiner Kacke so interessant? Die Untersuchung an sich war recht schnell vorbei, dank einer netten kleinen Spritze bekam Bruno überhaupt nichts davon mit. Vielleicht sollte er versuchen, ein bisschen was von dem Beruhigungsmittel mitgehen zu lassen? Aber dann würde Doris ja wieder Theater machen.

Nun, jetzt sitzen sie beide wieder im Sprechzimmer und warten, dass der Arzt zurückkommt. Als dieser eintritt und Bruno sein Gesicht sieht, weiß er, dass er wortwörtlich am Arsch ist, die Miene verheißt nichts Gutes. Und tatsächlich. Krebs. Irgendwo im Darm. Muss dringend operiert werden. Künstlicher Darmausgang. Verdammter Mist, das will Bruno doch alles nicht hören. Krankenhäuser machen ihm doch eh Angst. Schon der Geruch und die Hektik und die ganzen kranken Menschen und ihm geht es doch gut. Auf der Heimfahrt sprechen Bruno und Doris nicht viel miteinander. Beiden sitzt die Nachricht noch in den Knochen.

Am nächsten Tag spricht Bruno mit seinem Chef. Der reagiert wenigstens sehr positiv und es ist auch kein Problem, wenn die Einweisung in die Klinik kurzfristig kommt. In der Mittagspause unterhält er sich mit seiner Kollegin Traudel und die ist ganz entsetzt. Er kann sich doch nicht in die Fänge der Schulmedizin begeben. Gerade bei so einer Krankheit. Traudel ruft sofort bei ihrem Heilpraktiker an und vereinbart noch für den gleichen Tag einen Termin für Bruno. Naja. Wenn’s nix hilft, so schad‘s nix, denkt sich Bruno. Und Doris, der er gleich eine Nachricht schickt, meint auch, dass man bis sich die Klinik meldet, jede Möglichkeit ausschöpfen könne.

Na gut, dann gehe ich eben zum Heilpraktiker. Dort gefällt es ihm schon besser als in der sterilen, weißen Praxis des Internisten. Das Wartezimmer ist gemütlich eingerichtet und sieht fast wie ein Wohnzimmer aus. Er muss auch nur kurz warten und der Heilpraktiker holt ihn persönlich dort ab. Der mit einem weißen Arztkittel bekleidete Mann stellt nur einige wenige Fragen und lässt hauptsächlich Bruno erzählen. Und der kommt vom Stöckchen aufs Hölzchen, wie man so schön sagt. Nach fast einer Stunde erzählen ist Bruno fertig. Und dann erklärt ihm der Heilpraktiker mit sonoren Stimme, dass er viele solcher Fälle erfolgreich behandelt hätte. Bruno lernt nun einiges. Von Miasmen und verdrängten Konflikten oder Selbstheilungskräften. Erstaunt ist Bruno darüber, dass auch Traumata aus seiner Kindheit zur Entstehung des Krebses mitgeholfen hatten.

Der Heilpraktiker verordnet ihm eine spezielle Diät und verkauft ihm Tee und einige Fläschchen mit Globuli. Die Anweisungen für die Diät, den Tee und die Einnahme der Globuli ist ein dicker Packen Papier, den Bruno noch am Abend am Küchentisch aufmerksam durchliest. Aber der Gedanke, der ihm immer wieder kommt und der ihm auch Hoffnung gibt, ist der letzte Satz des Heilpraktikers, nämlich, dass er um eine Operation drum rumkäme und er hervorragende Heilungsschancen hätte.

Als er Doris euphorisch von dem Heilpraktiker-Besuch erzählt, ist Bruno ein bisschen enttäuscht, reagiert sie doch recht verhalten und skeptisch. Aber als Bruno ihr von seiner großen Angst vor dem Krankenhaus und den ständig gehetzten und barschen Ärztinnen und Ärzten erzählt, kann sie ihn auch verstehen. Na gut… sie seufzt. Dann probieren wir es halt so, meint sie dann.

Am nächsten Tag beginnt Bruno gleich mit seiner Diät und den Tees. Die Globuli nimmt er auch akribisch nach Vorschrift ein. Daran erinnert ihn Doris auch noch einmal, als sie sich von ihm für zwei Wochen zum „Mädelsurlaub auf Malle“ verabschiedet.

Zwei Wochen später steigt Doris braungebrannt und gut gelaunt aus dem Flugzeug steigt, freut sie sich auf das Wiedersehen mit Bruno, der sie vom Flughafen abholen wollte. Aber wo ist er? In der großen Abflughalle kann sie ihn nicht entdecken. Da kommt ein Mann mit riesigem Blumenstrauß auf sie zu. Aber das kann doch nicht ihr Bruno sein, diese rappeldürre Gestalt. Doch er ist es. Stürmisch nimmt er sie in den Arm und ist nach der Anstrengung außer Puste.

Bestürzt schaut sich Doris ihren Bruno an. Dürr ist er geworden, aber nicht gesund schlank, sondern ausgemergelt und krank sieht er aus. Dazu kommt noch die Kurzatmigkeit und die schnelle Erschöpfung. Noch nicht mal den Koffer kann er ein paar Meter tragen. Zu Hause spricht sie ihn darauf an, aber Bruno ist vollkommen euphorisch, wie gut es ihm gehe und wie wohl er sich fühle.

So geht es weiter. Einmal die Woche besucht Bruno seinen Heilpraktiker, macht Familienaufstellungen, wendet Aprikosenkerne an, verpasst sich Einläufe mit Kaffee. Er selber fühlt sich subjektiv gut, ja sogar überschwänglich, aber objektiv wird der früher so stattliche Bruno immer ausgemergelter, immer klappriger. Und auch das Bankkonto des Facharbeiters wird immer leerer und leerer, immerhin muss er die gesamten Therapien selber zahlen. Dazu kommen noch die zahllosen Bücher, die Bruno sich kauft.

Und eines Tages ist wieder Blut im Stuhl. Aufgeregt fährt Bruno zu seinem Heilpraktiker, aber der beruhigt ihn. Er müsse intensiver an der Erforschung seines Miasmas arbeiten, sagt der. Als Bruno aber mehr auf eine etwas handfestere Therapie drängt, ändert der Heilpraktiker wieder einmal die Zusammensetzung. Außerdem kämen jetzt die „schweren Geschütze“ dran, meint der Heilpraktiker und verkauft Bruno ein Set für Mineral Miracle Supplement-Einläufe.

Das wendet Bruno auch am gleichen Abend noch an. Und in der scheidet er unter wahnsinnigen Krämpfen blutende Stücke Gewebe aus, die er am nächsten Tag gleich seinem Heilpraktiker zeigt. Der ist hoch zufrieden. Der Tumor würde sich auflösen, jetzt wäre die Heilung nicht mehr weit.

Als Doris ihn am Abend besucht, haut sie auf den Tisch und erklärt Bruno, dass er jetzt endlich wieder zu einem richtigen Arzt gehen solle, sonst würde sie ihn verlassen. Bruno hat keine Kraft mehr für einen Streit und gibt nach. Doris ruft am nächsten Tag gleich in der Praxis an und schildert den Fall. Der Arzt erkennt die Dringlichkeit und weist Bruno sofort in die Klinik ein.

Mit viel gutem Zureden von Doris meldet sich Bruno dort und wird nach einer ersten Untersuchung auch gleich aufgenommen. Komisch, die Pflegerinnen und Pfleger sind zwar gestresst, aber immer freundlich zu Bruno und machen sogar Späßchen mit ihm. Und auch die Mehrbettzimmer mit vier oder fünf anderen Patienten gibt es nicht mehr. Er liegt alleine in einem Zweibettzimmer. Am nächsten Tag gehen dann die Untersuchungen los. Aber auch hier bestätigen sich Brunos Befürchtungen nicht. Die Ärzte sind routiniert und freundlich und erklären ihm alles, was bei den Untersuchungen geschieht, sie verschweigen ihm auch nicht, wenn es mal etwas weh tut, aber wenn man es vorher weiß, ist es ja gar nicht so schlimm.

Drei Tage liegt Bruno nun in der Klinik und ist eigentlich ganz zufrieden. Nur das Essen… Schonkost! … Und das ihm! Naja, er würgt es halt runter. Am Nachmittag kommt der Chefarzt mit einer anderen Ärztin zu ihm. Vollkommen außerhalb der üblichen Visitenrunde. Die beiden setzen sich zu ihm und erklären ihm, dass sein Krebs soweit fortgeschritten ist, dass man ihn nicht mehr behandeln kann. Er hat auch gestreut und andere Organe sind befallen. Man könne von Seiten der Medizin nichts mehr tun, außer die Schmerzen zu lindern.

Bruno fällt aus allen Wolken. Aber das MMS, der Tumor löst sich doch auf. Er ist doch bald geheilt. Traurig schütteln die Ärzte den Kopf. Sie erklären ihm, dass es hoch ätzende Chlorbleiche war, die er sich in den Enddarm gekippt hat und das, was rausgekommen ist, waren Fetzen der Darmschleimhaut. Auch muss Bruno mit der Tatsache leben, dass der Tumor gut operabel gewesen wäre. Gut, er hätte einen künstlichen Darmausgang bekommen, aber damit kann man heutzutage ja auch gut leben. Hätte er doch nur…

Die Ärzte erklären Bruno jetzt noch, dass sie sich um eine Palliativbehandlung kümmern, dass er in den letzten Wochen noch so schmerzfrei und so gut wie möglich leben könne. Da reißt Bruno die Augen auf … nur noch Wochen? Die Blicke der Ärzte bestätigen das. Bruno ist fassungslos. Die Ärztin bietet ihn ein mildes Beruhigungsmittel an und Bruno greift dankbar zu. Damit übersteht er auch die Nacht.

Am nächsten Tag besucht ihn Doris. Sie weiß schon Bescheid, immerhin hat sie von Bruno alle Vollmachten bekommen und in der Patientenverfügung steht sie natürlich auch drin. Sie nimmt Bruno in den Arm und tröstet ihn. Wie auch schon die Ärzte macht Doris ihm keinen Vorwurf. Kein „Hättest Du doch mal auf mich gehört!“ kommt von ihr und dafür ist Bruno sehr dankbar. Das könnte er jetzt nicht ertragen.

Zur Ablenkung hat Doris ihm einige Briefe mitgebracht, die in den letzten Tagen gekommen sind und wichtig aussahen. Der erste kommt von seiner Versicherungsgesellschaft. Sie gratulieren Bruno, ab seinem nächsten Geburtstag hat er Anspruch auf seine private Zusatzrente und damit könne er eventuelle Versorgungslücken ausgleichen, wenn er in Frührente gehen möchte.

Frührente. Sein geplanter Lebensabend mit Doris. Die Fahrten mit dem Wohnmobil, die sie unternehmen wollten. All das wirbelt Bruno durch den Kopf, aber er hat er wieder die Stimme des Chefarztes im Ohr „nur noch Wochen…“.

Da bricht Bruno zusammen.

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Anmerkung

Natürlich ist der Fall von Bruno fiktiv. Ich habe zahlreiche ähnliche Fälle, von denen Betroffene im Internet berichteten, gelesen und solche „Behandlungs“verläufe genau analysiert. „Bruno“ ist eine Zusammenfassung dieser Berichte. Einiges musste ich natürlich verkürzt bzw. gestrafft darstellen, auch habe ich die verschiedenen Globuli-Namen weggelassen und die „alternativ“medizinischen Therapien nicht sehr detailliert beschrieben, ich möchte ja niemanden auf dumme Ideen bringen.

Beitragsbild: Von Caspar David Friedrich „Spaziergang in der Abenddämmerung“- repro from artbook, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8869588

5 Gedanken zu “Bruno

  1. Jedem, der meint, hier werde eine unglaubwürdige Horrorstory erzählt, sei widersprochen. Der Deutsche Konsumentenbund als Marktwächter auf dem Gesundheitsmarkt (das heißt wirklich ganz offiziell so nach der EU-Verbraucherschutzrichtlinie) kennt genug solcher Fälle. Oft wenden sich erst Angehörige Verstorbener an Patientenschutzberater, meist, weil sie auch noch mit „offenstehenden Rechnungen“ für die „Behandlung“ verstorbener Angehöriger konfrontiert werden. Ja, wirklich.
    https://konsumentenbund.de/gesundheit/ – Abschnitt „Pseudomedizin“
    Hervorheben möchte ich aber als Fazit aus diesem Artikel einen sehr speziellen Aspekt: nämlich den, dass die Duldung und Privilegierung einer „zweiten Medizin“, nämlich des Heilpraktikerwesens, letztlich eine Alibi, eine Art Ausweichmöglichkeit für die bietet, die tatsächlich Angst vor einer schlimmen Diagnose haben. Menschlich. Aber dass der Staat auch noch einen vermeintlichen Ausweg aus diesem Dilemma fördert, umso selbstberuhigender, als man sich ja durchaus „in Behandlung begibt“, das ist nicht nur unhaltbar, das ist perfide.

    1. Puh, Hammer-Artikel – Du rettest damit wortwörtlich Leben!
      Wünsche Dir ne viel größere Reichweite und mach unbedingt weiter so!
      Ne kleine Aufmunterung in diesen dunklen, durchgeknallten Zeiten ist unterwegs…

  2. Üble Geschichte, wenn sie häufig passiert. Mich hat es mit Mitte fünfzig erwischt nach einer Vorsorgeuntersuchung in einem Stadium vor der Metastasierung, so dass die Heilungschancen gut aussehen. Nicht auszudenken, hätte ich zu lange gewartet mit Chemo und den nötigen Operationen.
    Also: Früh zu den Vorsorgeuntersuchungen und glaubt den Ärzten!
    Gruß
    Wolfgang

  3. Danke für den Artikel, er trifft es leider zu oft.
    Auch wenn Krebs natürlich das eine extrem ist – diese Unheilpratiker sind so überflüssig wie ein Fahrrad für Süßwasserfische. Es wird ja dadurch suggeriert, dass sie normalen/richtigen Ärzten gleichgestellt seien.

    Das andere Schlimme daran – vor Gericht reden die sich dann raus, als Laien können sie ja sozusagen eh nichts dafür, und der Patient wollte es so. Klar, er hat am Anfang so einen Wisch unterschrieben, und damit ist der Unheilpratiker idR fein raus. Wenn diese Deppen ganz frech werden – der Patient hat sich nicht an das Schema gehalten (der Patient ist ja immer bei Quacksalbern Schuld), und es gibt keinen Beweis, dass die evidenzbasierte Medizin den Krebskranken 100%ig geheilt hätte.

    Wenn man bedenkt, dass es diese Laien früher auch im Zahnbereich gab („Dentist“) …aber da hat man wohl schnell erkannt, dass keine vernünftige Person solche Kurpfuscher an seine Zähne gelassen hätte.

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