Eine kleine Geschichte der Denunziation – von Rom bis zum digitalen Zeitalter
Es gibt Wörter, die eine Gesellschaft nicht verbieten muss. Es genügt vollkommen, sie umzubenennen. Der Denunziant beispielsweise ist nahezu ausgestorben. Niemand möchte einer sein. Niemand steht morgens auf, betrachtet sich im Spiegel und fasst den Vorsatz, heute einen Nachbarn, Kollegen oder Bekannten zu denunzieren. Das Wort selbst trägt noch den Geruch vergangener Zeiten an sich: feuchte Amtsstuben, graue Aktendeckel, schlecht beleuchtete Treppenhäuser, Männer in Mänteln vor fremden Haustüren, Stimmen, die plötzlich leiser werden, wenn jemand den Raum betritt. Denunziation erinnert an Gestapo und Stasi, an anonyme Briefe, geflüsterte Anschuldigungen und Menschen, die eines Morgens feststellen mussten, dass ein beiläufig gesprochener Satz irgendwo notiert worden war.
Der Denunziant gehört, so glauben wir, einer vergangenen Welt an. Also haben wir ihn abgeschafft. Nicht unbedingt die Tätigkeit. Vor allem das Wort.
Heute gibt es Hinweisgeber, Meldestellen und Meldeportale. Man meldet einen Vorfall, dokumentiert Hass, erfasst Diskriminierung, markiert problematische Inhalte oder macht Grenzüberschreitungen sichtbar. Und wo früher der Denunziant stand, sitzt heute womöglich ein Mensch vor einem Bildschirm und ist vollkommen überzeugt davon, etwas Gutes zu tun. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Geschichte der Denunziation. Denn den Denunzianten hat es immer gegeben. Nur seine moralische Uniform wechselte.
Am Anfang war der Nachbar
Denunziation ist vermutlich älter als der Staat. Wo Menschen in Gruppen zusammenleben, gibt es Rivalität und Ressentiment, Eifersucht und Neid, verletzte Eitelkeit und den uralten Wunsch, die Macht eines Dritten gegen einen Gegner einzusetzen. Doch erst der Staat vermag aus dieser menschlichen Schwäche ein System zu machen. Schon die Antike kannte das Prinzip. Im römischen Reich traten sogenannte delatores auf, Ankläger und Informanten, deren Tätigkeit insbesondere während der Kaiserzeit berüchtigt wurde. Sie konnten tatsächliche Rechtsverstöße anzeigen, doch das System bot zugleich mächtige Anreize für politische Anschuldigungen, persönliche Abrechnungen und materielle Interessen.
Das Entscheidende daran war ein Prinzip, das zweitausend Jahre überleben sollte: Der Staat musste gar nicht überall sein, solange seine Bürger überall waren. Ein Herrscher, der jeden Untertan selbst beobachten möchte, benötigt eine ungeheure Zahl von Beamten. Ein Herrscher dagegen, der seine Untertanen dazu bringt, einander zu beobachten, benötigt vor allem Misstrauen. Die billigste Geheimpolizei der Welt ist der Nachbar, und die vollkommenste Überwachungskamera ist ein Mensch, der glaubt, moralisch verpflichtet zu sein, hinzusehen.
So begann jene lange Geschichte, in der Macht und private Feindschaft, öffentliche Moral und persönliches Ressentiment immer wieder eine unheilvolle Verbindung eingingen. Die Obrigkeit stellte die Ohren bereit. Die Menschen lieferten die Stimmen.
Die Rettung der Seele
Das Mittelalter und die Frühe Neuzeit verfeinerten diese Technik. Wo religiöse und weltliche Ordnung ineinandergriffen, war Abweichung nicht lediglich eine private Angelegenheit. Häresie bedrohte nicht nur die Seele des Einzelnen, sondern erschien als Gefahr für die göttliche und damit gesellschaftliche Ordnung. Die Obrigkeit wollte deshalb wissen, wer falsch glaubte, wer verbotene Bücher las, wer verdächtige Rituale praktizierte und wer etwas gesagt hatte, als er glaubte, niemand höre zu.
Auch die Hexenverfolgungen zeigen, wie gefährlich eine Kultur werden kann, in der Gerücht, Verdacht, soziale Feindschaft und obrigkeitliche Sanktion ineinandergreifen. Die Verfahren unterschieden sich nach Zeit und Ort erheblich, und es wäre historisch falsch, die Hexenverfolgungen schlicht als gigantische Denunziationskampagne zu beschreiben. Doch Nachbarschaftskonflikte, Anschuldigungen, Gerüchte und persönliche Feindschaften konnten durchaus den Funken liefern, an dem sich die tödliche Maschinerie entzündete.
Das eigentlich Bemerkenswerte daran ist nicht einmal die Grausamkeit. Es ist die Moral, die sich über die Grausamkeit legt wie ein sauberes Tuch über einen Operationstisch. Der erfolgreiche Denunziant muss sich nämlich keineswegs als schlechter Mensch verstehen. Darin liegt eines der beständigsten Geheimnisse des Phänomens. Die vollkommenste Denunziationsgesellschaft ist nicht jene, die ihre Bürger zum Verrat zwingt, sondern jene, die sie davon überzeugt, Verrat sei Fürsorge. Man meldet den Ketzer nicht, weil man ihn hasst, sondern weil man die Gemeinde schützt. Man beschuldigt die vermeintliche Hexe nicht aus Missgunst, sondern weil man Schaden abwenden will. Man überwacht den Nachbarn nicht. Man ist wachsam.
Irgendwann ist das Auge hinter dem Vorhang kein Zeichen des Misstrauens mehr, sondern ein Symbol der Tugend.
Die Obrigkeit bekommt Ohren
Mit dem modernen Staat wuchs dessen Hunger nach Information. Fürsten, Polizeibehörden und Verwaltungen wollten wissen, was in Gasthäusern gesprochen, auf Flugblättern verbreitet und hinter verschlossenen Türen gedacht wurde. Besonders in Zeiten politischer Unruhe wurde die informelle Weitergabe von Informationen attraktiv. Nach der Französischen Revolution und während der restaurativen Epoche des frühen 19. Jahrhunderts entwickelte sich politische Überwachung in zahlreichen europäischen Staaten zu einem wichtigen Instrument der Herrschaft. Revolutionäre, Demokraten, Liberale und Nationalisten konnten ins Visier geraten; politische Polizei, Spitzelwesen und Zensur bildeten jene graue Zwischenwelt, in der ein beiläufiger Satz plötzlich die Schwere eines Beweisstücks bekommen konnte.
Dabei entdeckte die Obrigkeit eine Wahrheit, die später jede Diktatur beherzigen sollte: Es ist gar nicht notwendig, jeden Menschen zu bestrafen. Es genügt, wenn jeder weiß, dass er bestraft werden könnte. Noch wirksamer wird dieses Prinzip, wenn niemand weiß, wer ihn verraten könnte. Vielleicht der Freund, der Kollege oder der Wirt. Vielleicht der Mann am Nebentisch. Vielleicht jene freundliche Person, die gestern noch interessiert nachfragte, was man denn eigentlich von der Regierung halte.
In diesem Augenblick geschieht etwas Entscheidendes. Die Zensur verlässt das Polizeirevier und zieht in den Kopf ein. Der Mensch beginnt seine Sätze zu prüfen, bevor er sie ausspricht. Er überlegt nicht mehr nur, ob etwas wahr oder falsch, klug oder töricht ist, sondern ob jemand zuhören könnte. Er entwickelt einen inneren Zensor, und dieser Zensor benötigt weder Gehalt noch Uniform noch Dienstanweisung. Er arbeitet Tag und Nacht. Er schläft im selben Bett wie sein Besitzer.
Die Diktatur entdeckt den Bürger
Im 20. Jahrhundert erreichte dieses Prinzip eine neue Dimension. Die nationalsozialistische Herrschaft wird im populären Gedächtnis bisweilen als ein Staat vorgestellt, dessen allwissende Gestapo jeden Bürger rund um die Uhr überwacht habe. Die historische Forschung hat dieses Bild längst differenziert. Die Gestapo verfügte keineswegs über genügend Personal, um die gesamte Bevölkerung lückenlos zu beobachten. Sie war dennoch erschreckend effektiv, nicht zuletzt deshalb, weil andere Menschen ihr Informationen lieferten.
Nachbarn meldeten Nachbarn, Kollegen ihre Kollegen, Ehepartner den Ehepartner. Persönliche Konflikte konnten plötzlich politische Formen annehmen. Eine unbedachte Bemerkung, ein Witz über Hitler, Kritik am Krieg, das Hören ausländischer Rundfunksender oder andere Verstöße und vermeintliche Verstöße konnten Gegenstand einer Anzeige werden. Natürlich war nicht jede Anzeige erfunden, und selbstverständlich lässt sich die nationalsozialistische Terrorherrschaft nicht auf Denunziation reduzieren. Aber Denunziation war eines ihrer Schmiermittel. Sie vergrößerte die Reichweite des Staates, weil der Terror dadurch Augen und Ohren bekam, die nicht auf staatlichen Gehaltslisten standen.
Besonders perfide war die Möglichkeit, private Motive in politische Kategorien zu übersetzen. Wer einen Konkurrenten, Nachbarn oder persönlichen Feind loswerden wollte, musste nicht erklären, dass er diesen Menschen hasste. Er musste lediglich behaupten, dieser Mensch sei verdächtig. Damit vollzog sich eine jener sprachlichen Verwandlungen, die autoritäre Systeme so sehr lieben: Aus Rache wurde Wachsamkeit, aus Neid staatsbürgerliche Verantwortung, aus Feigheit Pflichterfüllung. Der Staat musste nur noch zuhören.
Der sozialistische Bruder hört mit
Nach 1945 hätte Deutschland allen Grund gehabt, gegen solche Mechanismen immun zu sein. Es war es nicht. In der DDR entstand mit dem Ministerium für Staatssicherheit ein weitreichendes Überwachungssystem, dessen besondere Macht nicht allein auf seinen hauptamtlichen Mitarbeitern beruhte. Hinzu kam ein riesiges Netz Inoffizieller Mitarbeiter, die sich in Betrieben, Universitäten, Kulturinstitutionen, Vereinen und privaten Bekanntenkreisen fanden. Sie waren Kollegen und Bekannte, manchmal Freunde, gelegentlich sogar Menschen aus dem engsten persönlichen Umfeld.
Die eigentliche Macht eines solchen Systems besteht nicht darin, dass tatsächlich jeder Mensch permanent beobachtet wird. Das wäre organisatorisch kaum möglich. Es genügt, dass niemand sicher wissen kann, ob er gerade beobachtet wird. Ein politischer Witz fällt, und anschließend wandert der Blick durch den Raum. Wer hat gelacht? Wer nicht? Wer wird sich morgen noch daran erinnern? Ein Brief wird geschrieben und ein Satz wieder gestrichen. Ein Bekannter stellt auffallend viele Fragen, und erst Stunden später fragt man sich, warum.
Schließlich muss die Geheimpolizei gar nicht mehr im Zimmer sein. Sie sitzt bereits im Kopf.
George Orwell hat diesen Mechanismus in 1984 literarisch bis zu seinem schrecklichsten Endpunkt weitergedacht. Die Überwachung ist dort vollkommen geworden, weil die Menschen nicht mehr lediglich beobachtet werden. Sie beobachten sich selbst. Das System muss Winston nicht in jedem Augenblick zwingen zu schweigen. Sein endgültiger Sieg besteht darin, dass Winston selbst die Grenzen dessen bewacht, was er denken darf.
Die demokratische Versuchung
Hier könnte die Geschichte enden. Wir könnten erleichtert feststellen, dass dies Diktaturen waren und wir in einer Demokratie leben. Wir besitzen Grundrechte, unabhängige Gerichte, eine freie Presse und das Recht, die Regierung öffentlich zu kritisieren. Jede Gleichsetzung der heutigen Bundesrepublik mit dem Nationalsozialismus oder der DDR wäre historisch grotesk und würde die Verbrechen dieser Systeme verharmlosen.
Doch daraus folgt keineswegs, dass demokratische Gesellschaften gegen die Versuchung der Denunziation immun wären. Vielleicht besteht die interessantere Frage sogar darin, ob eine moderne Denunziationskultur überhaupt noch eine Diktatur benötigt. Denn der Mensch hat sich nicht verändert. Er liebt noch immer moralische Gewissheit. Er liebt die Zugehörigkeit zur richtigen Gruppe, die angenehme Wärme des gemeinsamen Zorns und jene besondere Form der Selbstgerechtigkeit, die entsteht, wenn man den Gegner nicht mehr widerlegen muss, weil man ihn stattdessen melden kann.
Nur die Technik hat sich verändert.
Und sie ist sehr viel besser geworden.
Das Ministerium für gutes Benehmen
Das Internet hätte die größte Maschine der freien Rede werden können, die jemals erfunden wurde. Für eine Weile sah es tatsächlich danach aus. Jeder konnte publizieren, jeder widersprechen, jeder eine Zeitung, einen Blog, einen Kanal oder ein Forum betreiben. Professor und Hilfsarbeiter, Minister und Schüler konnten theoretisch im selben digitalen Raum miteinander streiten.
Dann machten wir eine unangenehme Entdeckung: Andere Menschen benutzen ihre Freiheit anders, als wir es gerne hätten. Sie erzählen Unsinn, verbreiten Verschwörungstheorien, beleidigen einander und äußern Ansichten, die wir für widerwärtig halten. Manche verbreiten tatsächlich Hass, manche bedrohen andere Menschen, manche überschreiten die Grenze zur Straftat. Selbstverständlich muss ein Rechtsstaat darauf reagieren. Morddrohungen werden nicht dadurch zu Meinungsäußerungen, dass man sie auf einer Plattform veröffentlicht. Volksverhetzung wird nicht harmlos, weil sie auf einem Bildschirm erscheint. Wer im Internet Straftaten begeht, bewegt sich nicht in einem rechtsfreien Raum.
Doch zwischen der Verfolgung von Straftaten und der Erziehung einer Gesellschaft zum gegenseitigen Melden liegt eine Grenze, die man umso sorgfältiger bewachen sollte, je moralischer die Gründe erscheinen, sie zu überschreiten.
Inzwischen ist eine bemerkenswerte Infrastruktur des Meldens entstanden. Es gibt Meldestellen und Meldeportale, staatliche und nichtstaatliche Einrichtungen, Organisationen, die Vorfälle dokumentieren oder Hinweise entgegennehmen. Der europäische Digital Services Act kennt sogar offiziell sogenannte „Trusted Flagger“, also „vertrauenswürdige Hinweisgeber“, deren Meldungen über mutmaßlich rechtswidrige Inhalte von Plattformen prioritär behandelt werden müssen. Diese Einrichtungen entscheiden nicht selbst über die Rechtswidrigkeit einer Äußerung, und sie besitzen keinen geheimnisvollen roten Knopf, mit dem sie missliebige Meinungen aus dem Internet löschen können. Diese Unterscheidung ist wichtig.
Und doch lohnt es sich, einen Augenblick bei der Sprache zu verweilen. Denn Sprache verrät manchmal mehr über eine Epoche, als deren Bewohner wahrhaben möchten.
Der Denunziant ist verschwunden.
Der vertrauenswürdige Hinweisgeber ist erschienen.
Unterhalb der Strafbarkeit
Hier liegt die entscheidende Grenze. Eine Demokratie muss Straftaten verfolgen. Wenn jemand bedroht wird, wenn antisemitische Hetze verbreitet, zu Gewalt aufgerufen oder Volksverhetzung betrieben wird, dann ist eine Anzeige kein Ausdruck einer Denunziationskultur, sondern legitime Inanspruchnahme des Rechtsstaates. Eine Gesellschaft, in der niemand mehr eine Straftat melden dürfte, wäre ebenso unerträglich wie eine Gesellschaft, in der jeder jeden wegen seiner Meinung meldet.
Die gefährliche Zone beginnt dort, wo die Kategorien ineinanderlaufen; wo nicht mehr nur illegal, sondern problematisch erfasst wird, wo nicht mehr nur Straftaten, sondern „Vorfälle“ gesammelt werden und gesellschaftliche Missbilligung, moralische Bewertung und strafrechtliche Relevanz allmählich zu einer einzigen grauen Masse verschmelzen. Denn „illegal“ ist eine juristische Kategorie. „Problematisch“ ist eine politische oder moralische. Zwischen beiden liegt ein Raum, der manchmal schmutzig und unangenehm ist, in dem aber ein beträchtlicher Teil dessen lebt, was wir Freiheit nennen.
Ein Bürger muss in einer Demokratie das Recht haben, Unsinn zu reden. Er muss übertreiben und polemisieren dürfen. Er muss Religionen verspotten, Parteien verachten, Ideologien lächerlich machen und gesellschaftliche Moden für absurd halten dürfen. Er darf sich irren. Er darf ungerecht sein. Er darf schlechten Geschmack besitzen. Er darf sogar ein Idiot sein. Das Grundgesetz enthält kein Grundrecht darauf, von Idioten verschont zu bleiben.
Die freie Gesellschaft erkennt man nicht daran, wie sie mit richtigen Meinungen umgeht. Richtige Meinungen benötigen selten Schutz. Man erkennt sie daran, wie viel Raum sie dem Irrtum, der Provokation, der Hässlichkeit und dem Widerspruch lässt, bevor sie nach einer Instanz ruft.
Der digitale Pranger
Das mächtigste Meldeportal unserer Zeit befindet sich ohnehin nicht auf der Webseite irgendeiner Organisation. Wir tragen es in der Hosentasche. Es heißt Social Media.
Der mittelalterliche Pranger hatte einen entscheidenden technischen Nachteil: Man musste hingehen. Der digitale Pranger kommt zu uns. Ein ungeschickter Satz genügt, ein Screenshot, ein Beitrag von vor zwölf Jahren, ein schlechter Witz oder eine missverständliche Formulierung. Dann beginnt ein Ritual, dessen Choreographie inzwischen jeder kennt. Jemand veröffentlicht den Screenshot. Andere teilen ihn. Empörung sammelt sich darunter wie dunkles Wasser in einem Keller. Bald fällt die Frage, die zu den unheimlichsten Sätzen der digitalen Gegenwart gehört: „Weiß eigentlich sein Arbeitgeber davon?“
Dieser Satz ist die moderne Form des Klopfens an der Tür einer Autorität. Nicht widerlegen, nicht widersprechen, nicht streiten. Der Arbeitgeber soll informiert werden, der Verein, die Universität, der Veranstalter, der Verlag oder die Geschäftspartner. Plötzlich geht es nicht mehr darum, ob eine Äußerung richtig oder falsch ist. Es geht darum, ob derjenige, der sie ausgesprochen hat, noch beschäftigt, eingeladen, veröffentlicht oder gesellschaftlich geduldet werden darf.
Der digitale Mob benötigt keinen Richter. Er kennt kein geregeltes Verfahren, keine Beweisaufnahme und kaum Verhältnismäßigkeit. Sein Gerichtssaal ist der Feed, seine Beweisstücke sind Screenshots, seine Geschworenen sind Fremde, sein Urteil bemisst sich in Reichweite. Die Strafe besteht nicht notwendig in Gefängnis oder Geldbuße. Es genügt manchmal, einen Menschen für einige Tage in den Lichtkegel kollektiver Empörung zu stellen und abzuwarten, welche Institution zuerst nervös wird.
Zwei Minuten Hass – rund um die Uhr
Orwell erfand für 1984 die „Zwei Minuten Hass“. Aus heutiger Sicht erscheint das beinahe rührend maßvoll. Wir haben die Veranstaltung auf vierundzwanzig Stunden erweitert.
Das Smartphone vibriert. Irgendjemand hat irgendwo etwas gesagt. Man kennt den Menschen nicht. Man kennt den Zusammenhang nicht. Vielleicht hat man nicht einmal den ganzen Text gelesen. Aber der Screenshot ist da, und über ihm steht bereits die Gebrauchsanweisung für das richtige Gefühl. Empörung. Weiterleiten. Kommentieren. Markieren. Melden. Der Algorithmus registriert zuverlässig, dass Zorn Aufmerksamkeit erzeugt, und liefert Nachschub. Noch ein Skandal, noch ein Täter, noch jemand, der „zur Rechenschaft gezogen“ werden soll.
Das Faszinierende daran ist, dass jede politische Gruppe sich selbst für die Widerstandsbewegung hält. Die anderen denunzieren; wir dokumentieren. Die anderen hetzen; wir klären auf. Die anderen wollen Menschen zum Schweigen bringen; wir sorgen lediglich dafür, dass Äußerungen Konsequenzen haben. Niemand ist der Denunziant. Der Denunziant ist immer der andere.
Vielleicht lautet der wichtigste Satz einer modernen Denunziationsgesellschaft deshalb niemals: „Verrate deinen Nachbarn.“
Er lautet viel freundlicher: „Zeige Haltung.“
Das freundliche Gesicht der Kontrolle
Die moderne Denunziationskultur unterscheidet sich fundamental von ihren totalitären Vorläufern. Es gibt keine Gestapo, keine Stasi und kein Wahrheitsministerium. Wer solche Gleichsetzungen vornimmt, verharmlost die historischen Diktaturen und macht zugleich jede berechtigte Kritik an heutigen Entwicklungen unnötig angreifbar.
Das Problem ist subtiler und gerade deshalb interessanter. Wir erleben keine Wiederkehr der Stasi. Wir erleben etwas spezifisch Demokratisches und Digitales: die Entstehung einer Kultur, in der immer mehr Menschen es für selbstverständlich halten können, Äußerungen nicht nur zu beantworten, sondern einer Instanz zu melden, öffentlich zu archivieren oder dem beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld ihres Urhebers zuzuspielen.
Dafür benötigt man keinen Großen Bruder. Millionen kleine Brüder genügen.
Sie sitzen vor Bildschirmen, fotografieren, speichern, durchsuchen alte Beiträge, markieren Arbeitgeber, melden Accounts und sammeln Screenshots. Und häufig tun sie all das mit bestem Gewissen. Gerade darin liegt das Beklemmende. Der klassische Denunziant wusste wenigstens noch, dass seinem Tun etwas Anrüchiges anhaftete. Der moderne Melder kann dafür eine moralische Belohnung erhalten. Er hat nicht verraten. Er hat Verantwortung übernommen. Er hat nicht angeschwärzt. Er hat dokumentiert. Er hat niemanden zum Schweigen gebracht. Er hat lediglich dafür gesorgt, dass Worte Konsequenzen haben.
Die Sprache ist sauber geworden.
Vielleicht sauberer als die Sache selbst.
Die perfekte Denunziationsgesellschaft
Die perfekte Denunziationsgesellschaft wäre deshalb womöglich gar nicht jene, in der überall Polizisten stehen. Sie wäre jene, in der niemand mehr Polizisten benötigt, weil der Bürger den Bürger beobachtet, der Mitarbeiter den Kollegen, der Student den Dozenten und der Nutzer den Nutzer. Jeder trägt ein Aufnahmegerät bei sich. Jeder besitzt ein Archiv. Jeder kann innerhalb weniger Minuten einen Menschen vor ein Publikum von hunderttausend Fremden stellen.
Und irgendwann verändert dieses Wissen unser Verhalten. Man formuliert vorsichtiger, nicht weil eine Aussage falsch wäre, sondern weil sie jemand falsch verstehen könnte. Man macht einen Witz nicht. Man stellt eine Frage nicht. Man widerspricht nicht. Vielleicht spricht man einen Gedanken nur noch im vertrauten Kreis aus und blickt trotzdem für einen Augenblick auf das Smartphone, das auf dem Tisch liegt.
Irgendwann wird dieses Verhalten selbstverständlich. Niemand befiehlt es. Niemand erlässt ein Gesetz. Niemand hängt ein Schild an die Wand, auf dem steht: Du sollst schweigen.
Man schweigt von selbst.
Nicht aus Angst vor dem Gefängnis.
Aus Angst vor dem Screenshot.
Das ist keine Diktatur. Aber es ist auch nicht jene Kultur selbstbewusster Freiheit, von der eine Demokratie lebt. Denn Freiheit stirbt nicht ausschließlich hinter Gefängnismauern. Sie kann sehr viel leiser sterben. Manchmal stirbt sie bereits in der Kehle, einige Sekunden bevor ein Satz ausgesprochen worden wäre.
Der letzte Schritt
Vielleicht werden Historiker unserer Zeit eines Tages über etwas staunen. Nicht darüber, dass Staaten versucht haben, illegale Inhalte im Internet zu bekämpfen. Das ist selbstverständlich. Nicht darüber, dass NGOs gegen Rassismus, Antisemitismus, Gewalt oder andere gesellschaftliche Übel arbeiteten. Auch das ist legitim und oftmals notwendig.
Vielleicht werden sie über etwas anderes staunen: darüber, wie bereitwillig eine Gesellschaft, die im Schulunterricht jahrzehntelang vor Denunziation gewarnt hatte, eine immer feinere Kultur des Meldens akzeptierte, sobald man ihr freundlichere Namen gab.
Vielleicht werden sie unsere Begriffe lesen: „Hinweisgeber“, „Meldestelle“, „Trusted Flagger“, „Dokumentation“, „Monitoring“. Sie werden Statistiken und Berichte finden, Kategorien und Formulare, Datenbanken und Eingabemasken. Alles wird ordentlich aussehen. Professionell. Sachlich. Gut gemeint.
Und vielleicht werden sie sich fragen, wann genau aus dem mündigen Bürger der aufmerksame Beobachter seines Mitbürgers wurde.
Wir werden ihnen antworten können, dass es natürlich aus guten Gründen geschah.
Das tut es fast immer.
Epilog: 1984 war kein Kalender
George Orwell machte vielleicht einen Fehler. Er gab seinem Roman eine Jahreszahl. Dadurch konnten wir nach Ablauf des Jahres 1984 erleichtert feststellen, dass seine Prophezeiung nicht eingetroffen war. Keine Teleschirme in unseren Wohnzimmern, kein Wahrheitsministerium, keine Gedankenpolizei. Die Demokratie hatte gesiegt, die Dystopie war ausgeblieben, und der Roman konnte wieder ins Bücherregal gestellt werden.
Dann stellten wir freiwillig Mikrofone in unsere Wohnzimmer. Wir kauften Kameras für unsere Computer, trugen Ortungsgeräte in unseren Taschen, dokumentierten unser Leben auf Plattformen und begannen schließlich, auch das Leben anderer zu dokumentieren. Niemand zwang uns dazu. Vielleicht ist das die Pointe, die Orwell selbst gefallen hätte. Der Große Bruder musste gar nicht kommen. Wir wurden seine kleinen Geschwister.
Und irgendwo sitzt in diesem Augenblick ein Mensch vor einem Bildschirm. Er hat etwas gelesen, das ihn empört. Vielleicht ist es widerwärtig, vielleicht dumm, vielleicht falsch. Vielleicht ist es tatsächlich strafbar. Vielleicht aber auch nur eine Meinung, die er nicht erträgt. Er könnte widersprechen, argumentieren, lachen, den Kopf schütteln oder einfach weiterscrollen. Einen Augenblick lang bleibt sein Mauszeiger stehen.
Dann bewegt er ihn.
Dort ist ein kleines Symbol.
Darunter steht nur ein Wort.
Melden.
Er klickt darauf.
Es geschieht nichts Spektakuläres. Keine Tür wird eingetreten. Kein schwarzer Wagen fährt vor. Niemand wird in dieser Nacht abgeholt. Draußen brennen die Straßenlaternen, irgendwo läuft ein Fernseher, die Stadt schläft. Alles ist ruhig.
Der Mann vor dem Bildschirm lehnt sich zurück. Er hat nichts Böses getan. Im Gegenteil. Er hat geholfen. Vielleicht erscheint sogar eine kleine Nachricht, die ihm dafür dankt.
Dann schaltet er das Licht aus.
Und irgendwo ist jetzt ein Eintrag mehr.
Mhhh, 27x das Wort denunzi* und es fehlt eine Erklärung/klare Einordnung:
„..aus persönlichen, niedrigen Beweggründen, zum Beispiel, um einen persönlichen Vorteil zu erlangen.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Denunziation?wprov=sfla1
(Anonyme) Meldungen wegen Verstöße gegen Regeln, Verordnungen oder gar Gesetzen gehören demnach freilich nicht dazu!
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