Samuel Hahnemann – Ein Charakterbild

Samuel Hahnemann war ein für seine Zeit sicherlich solider und ernstzunehmender Wissenschaftler, was schon seine chemischen Experimente (genannt sei hier nur die „Hahnemann’sche Weinprobe“ oder seine Arbeit zur Arsenikvergiftung) zeigen. Auch sind seine enormen Sprachkenntnisse besonders hervorzuheben. Insgesamt beherrschte er sieben Sprachen: Griechisch, Latein, Englisch, Französisch, Italienisch, Hebräisch und Arabisch. Durch die zahlreichen Schriften und Briefe aus seiner Feder kann auch gut ein Charakterbild gezeichnet werden, welches nicht ganz so positiv ausfällt. Samuel Hahnemann als cholerisch und streitsüchtig zu beschreiben (1) ist durchaus untertrieben, ließ er sich doch immer wieder dazu hinreißen, beim kleinsten Anlass heftige und verletzende Schmähschriften zu verfassen oder beleidigende Reden über seinen Gegner zu halten. Hahnemanns Liebediener, Anhänger und Bewunderer hatten es daher auch nicht leicht, rückten sie auch nur einen Hauch von seiner Meinung ab, wurden sie wie alle Kritiker auch übel beschimpft. (1) Afterhomöopathen, Bastard-Homöopathen oder homöopathisch-allöopathische Zwitter waren beispielsweise einer seiner gängigen Ausdrücke für Homöopathen, die sich nicht buchstabengetreu an seine Lehre hielten(2) und für seine schulmedizinischen Gegner hatte er noch ganz andere Ausdrücke in petto.(5) Hahnemann war dann auch stur in seinen Ansichten, selbst wenn es nur um Kleinigkeiten ging. So entzweite er sich auch mit dem ihm sehr wohlgesonnenen Christoph Wilhelm Hufeland, in dessen Magazin er ja regelmäßig publiziert hatte und auch den ersten Artikel zur Homöopathie veröffentlichte.(1) Auch gegenüber seiner Familie war Hahnemann unerbittlich. Als seine Tochter Eleonore einen Homöopathischen Rathgeber für das Haus veröffentlichte, bezeichnete Hahnemann es als erbärmliches Sammelsurium.(3)

Durch seinen Dogmatismus schaffte es Hahnemann, dass sich die Homöopathie bereits in den 1830er Jahren in progressive und orthodoxe Homöopathen spalteten. (2) Er selbst nahm sich allerdings allerlei Freiheiten, wie man an seinem Krankenjournal DF5 aus seiner Zeit in Paris sieht:

Nimmt man Einblick in die Praxis des Ehepaars Hahnemann, so zeigen sich erhebliche Diskrepanzen zur homöopathischen Theorie, wie sie sich in den zu Hahnemanns Lebzeiten veröffentlichten Schriften findet, insbesondere was die Häufigkeit der Arzneigabe, das Gebot der Verabreichung von nur einem Medikament und die Applikationsformen angeht. So gewähren Transkription und Übersetzung Einblick in Hahnemanns therapeutisches Vorgehen in seinen späten, für die Forschung bislang dunkelsten Jahren.(4)

Wie man bereits am Leipziger Dispensierstreit sah, als Hahnemann ohne Zulassung Medikamente herstellen und vertreiben wollte, war seine Akzeptanz für Regeln nicht gegeben. Diese galten für die Anderen, für sich selbst pochte er auf Ausnahmeregelungen. Ein Charakterzug, der bei vielen bekannten Homöopathen zu finden ist (u.a. Arthur Lutze oder Wilhelm Heinrich Schüßler). Zahlreiche seiner Umzüge dürften auch auf derartige Streitigkeiten zurückzuführen sein.

Eitelkeit war wohl auch eine der Charakterzüge Hahnemanns, sind doch in seinem Briefverkehr immer wieder Hinweise darauf zu finden, dass er entweder statt oder mit Antworten auf Schreiben – auch ungefragt – ein Bild von sich versandt hatte.(5)

So fielen auch die Charakterisierungen, selbst von seinen Anhängern, oftmals nicht sehr schmeichelhaft aus.

Der Homöopath William Wesselhoeft, der bei Hahnemann studiert hatte, beschrieb seinen Lehrer als […] extrem unerschütterlich im Glauben an seine eigene Lehren. In seinen spekulativen Behauptungen war er so maßlos wie unsere Prediger, so fordernd wie ein Politiker am Tag vor der Wahl und so widersprüchlich wie die meisten Menschen, wenn sie sich selbst davon überzeugen wollen, dass ihre Ansichten über eine bestimmte Sache unfehlbar und endgültig sind, nur weil sie sich auf einem anderen Gebiet gut auskennt.(3)

Einen neuen Ansatz zur Deutung von Hahnemanns Persönlichkeit publizierte der us-amerikanische Jonathan Davidson, der der Homöopathie durchaus positiv gegenüber steht:

Es besteht Grund zu der Annahme, dass bei Hahnemann entweder eine Form der bipolaren Störung vorlag oder das sich seine Persönlichkeit durch ein unübliches Maß an Großspurigkeit, Paranoia, Schroffheit und Streitsucht einerseits sowie zwischenmenschlicher Sensibilität andererseits auszeichnete, gepaart mit Stimmungsschwankungen und einem gewissen Hang zur Falschdarstellung, ja sogar zur Unehrlichkeit.(3)

 

(1) Gräfen, Ursula: Samuel Hahnemann, ein Mensch voller Widersprüche; https://www.aerztezeitung.de/extras/druckansicht/?sid=352061&pid=356040 (aufgerufen am 12. Januar 2018)

(2) Schmidt, Josef M.: Hahnemann und seine Schüler. In: Homöopathie-Jahrbuch 1997/1998. Stuttgart, 1997. S. 238ff.

(3) Ernst, Edzard: Homöopathie – die Fakten unverdünnt. Berlin, 2017.

(4) Samuel Hahnemann Krankenjournal DF5 (1837-1841). http://www.igm-bosch.de/content/language1/html/11363.asp (aufgerufen am 12. Januar 2018)

(5) Haehl, Richard: Samuel Hahnemann: Sein Leben und Schaffen. Leipzig, 1922

Beitragsbild: Von Unbekannt – http://www.homeoint.org/photo/hahnema1.htm, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=703582


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