Die ultimative Rückversicherung des Samuel Hahnemann

Samuel Hahnemann dachte sich mit seiner sogenannten „Homöopathie“ ein durchaus komplexes Gedankengebäude aus, das – wäre es im Einklang mit den Naturgesetzen – nach dem Wissensstand seiner Zeit durchaus funktionieren hätte können. Heute, mit unserem Wissensvorsprung unserer Zeit, wissen wir, dass die sogenannte „Homöopathie“ keine größere Wirkung als ein Placebo hat, da können die Befürworter dieser Idee gerne mit dem Fuß aufstampfen und anderes behaupten, es ist halt mal so.

Grundlage dieses Gedankenexperiments war das „Organon der Heilkunst“, in dem er seine Glaubenssätze niederschrieb. Es erschien zu Lebzeiten Hahnemanns in fünf Auflagen, die sich mehr oder weniger stark voneinander unterschieden. Eine sechste Auflage wurde zwar 1842 verfasst, erschien wegen Streitigkeiten der Witwe Hahnemanns mit den Verlegern erst 1921. Ab der vierten Auflage, die 1829 erschien, finden wir als Ergänzung zum §260 (S. 279f.) eine interessante Fußnote.

Der §260 beschäftigt sich mit dem Verhalten, welches chronisch Kranke während einer „homöopathischen Behandlung“ an den Tag legen sollten. Hierzu gehört auch der Vorgängerparagraph 259. Zum besseren Verständnis hier beide Paragraphen:

§259
Bei der so nöthigen als zweckmässigen Kleinheit der Gaben im homöopathischen Verfahren ist es leicht begreiflich, dass in der Cur alles Uebrige aus der Diät und Lebensordnung entfernt werden müsse, was nur irgend arzneilich wirken könnte, damit die feine Gabe nicht durch fremdartig arzneilichen Reiz überstimmt und verlöscht, oder doch gestört werde.

§260
Für chronische Kranke ist daher die sorgfältige Aufsuchung solcher Hindernisse der Heilung um so nöthiger, da ihre Krankheit gewöhnlich durch dergleichen Schädlichkeiten und andre krankhaft wirkende, oft unerkannte Fehler in der Lebensordnung verschlimmert zu werden pflegt.

Für beide Paragraphen gibt es jeweils eine Fußnote. Diejenige zum §259 ist vernachlässigbar und lautet:

Die sanftesten Flötentöne, die aus der Ferne in stiller Mitternacht ein weiches Herz zu überirdischen Gefühlen erheben und in religiöse Begeisterung verschmelzen würden, werden unhörbar und vergeblich unter fremdartigem Geschrei und Getöse.

Interessant ist die Fußnote zum §260, in der Samuel Hahnemann all jene Hindernisse der Heilung aufzählt. Man muss sich dies wirklich auf der Zunge zergehen lassen:

Kaffee; feiner chinesischer und andrer Kräuterthee; Biere mit arzneilichen, für den Zustand des Kranken unangemessenen Gewächssubstanzen angemacht; sogenannte feine, mit arzneilichen Gewürzen bereitete Liqueure; gewürzte Schokolade; Riechwasser und Parfümerieen mancher Art; aus Arzneien zusammengesetzte Zahnpulver und Zahnspiritus, Ruchkisschen; hochgewürzte Speisen und Saucen; gewürztes Backwerk und Gefrornes; rohe, arzneiliche Kräuter auf Suppen; Gemüße aus Kräutern und Wurzeln, welche Arzneikraft besitzen; alter Käse und Thierspeisen, welche faulicht sind, oder (wie Fleisch und Fett von Schweinen, Enten und Gänsen, oder allzu junges Kalbfleisch und saure Speisen) arzneiliche Nebenwirkungen haben, sind eben so sehr von Kranken dieser Art zu entfernen, als jedes Übermaß der Genüsse, selbst des Zuckers und Kochsalzes, so wie geistige Getränke, Stubenhitze, sitzende Lebensart in eingesperrter Stuben-Luft, oder öftere negative Bewegung (durch Reiten, Fahren, Schaukeln), Kind-Säugen, langer Mittagsschlaf im Liegen (in Betten), Nachtleben, Unreinlichkeit, unnatürliche Wohllust, Entnervung durch Lesen schlüpfriger Schriften, Gegenstände des Zornes, des Grames, des Aergernisses, leidenschaftliches Spiel, Anstrengung des Geistes und Körpers, sumpfige Wohngegend, dumpfige Zimmer, karges Darben u. s. w. Alle diese Dinge müssen möglichst vermieden werden oder entfernt werden, wenn die Heilung nicht gehindert oder unmöglich gemacht werden soll.

Diese Fußnote ist nun ein wirklicher Kunstgriff, mit der Hahnemann dafür sorgt, dass jede Kritik an der sogenannten „Homöopathie“ abgeschmettert werden kann. Im Zweifelsfall hat sich der Patient einfach nicht an diese ausgeklügelten Vorschriften gehalten und ist somit selbst schuld, wenn er nicht geheilt wird. Diese Fußnote stellt eine ultimative Rückversicherung dar. Bei Monopoly wäre sie die berühmte „Du kommst aus dem Gefängnis frei-Karte“. Gut, manche Hinweise sind schon sinnvoll, wie der Verzicht auf „faulichte“ Lebensmittel oder der Aufruf zur Körperhygiene, aber selbst diese Dinge dürfen doch eine medizinische Therapie nicht gefährden. Die Kopfschmerztablette, der Beta-Blocker oder der Cholesterinsenker der ach so pöhsen Pharmaindustrie helfen ja auch selbst dann, wenn sich der Patient mal ein paar Tage nicht gewaschen hat oder ein Mittagsschläfchen gehalten hat oder einen Gewürzkuchen gegessen oder Masturbiert hat.

Mir fällt hierzu Punkt 8 der Zehn Indizien für Quacksalberei des Arzneimittel-Telegramms ein: Verdacht auf Scharlatanerie bzw. Quacksalberei wird umso wahrscheinlicher, je mehr der folgenden Beschreibungen zutreffen. Die Methode bzw. ein Produkt ist kompliziert (strenge Diätvorschriften, komplizierte Anwendungsrichtlinien u.a.), sodass Misserfolge auf Anwendungsfehler zurückgeführt werden.

Tja, netter Versuch, eine Nebelkerze zu zünden, Herr Hahnemann. Genutzt hat’s nix!