Globuli für Rindviecher

Die Älteren unter euch erinnern sich sicherlich noch an die gemütliche BBC-Serie „All Creatures great and small“, die bei uns unter dem Titel „Der Doktor und das liebe Vieh“ gelaufen ist. Diese Serie basiert auf den Erinnerungen des Landtierarztes James Herriot, der seine Erlebnisse aus seiner Praxis in den Yorkshire Dales von Mitte der 1920er bis Ende der 1950er Jahre aufgezeichnet hat. Sowohl die Serie als auch die Bücher dazu liebe ich noch heute.

Warum ich euch das erzähle? Nun, eine seiner Geschichten berührt das Thema unseres heutigen Artikels. Darin erzählt Herriot von der Neigung der Bauern, allen möglichen Versprechungen von Vertretern und anderen Scharlatanen auf den Leim zu gehen. Damals waren nämlich noch die sogenannten „Patentarzneien“ weit verbreitet. Diese Patentarzneien sollten bei Mensch und Tier gegen alle möglichen Krankheiten helfen. Vom Haarausfall beim Bauern über Menstruationsbeschwerden bei der Bäuerin bis hin zur Mastitis bei der Kuh sollten damit alle Wehwehchen geheilt werden. Die Grundbasis all jener Patentarzneien war zumeist mehr oder weniger hochprozentiger Alkohol, dazu einige ätherische Kräuter und allerlei dubiose Beimischungen (teilweise sogar Schießpulver). Es war eben das englische Äquivalent zum amerikanischen Schlangenöl.

Wurden kranke Tiere dann lange genug mit diesen Mitteln „behandelt“ bekam der Veterinär dann doch noch seine Chance. Dass er allerdings nicht mehr viel ausrichten konnte, war jeden außer den Bauern klar. Natürlich verstarben die Tiere dann auch, was aber weder der Therapieverschleppung noch irgendwelchen Wundermittelchen angelastet wurde, sondern natürlich dem Tierarzt.

Das war Ende der 1920er Jahre und so viel hat sich bis heute auch nicht geändert. Waren es früher die „Patentmedizin“, so ist es heute die Homöopathie, die in immer mehr Ställen ihre Anwendung findet.

Die Argumentation ist eigentlich immer, dass der hohe Verbrauch von Antibiotika eingedämmt werden soll. Dies ist aber ein Fehlschluss. Gegen die hohe Gabe von Antibiotika hilft nicht die Gabe von Zuckerkugerln, sondern die Reduzierung der Antibiotikagabe auf indizierte Fälle.

Jahaha sagen jetzt die Bauern aber, es wirkt doch. Wenn meine Kuh krank ist, gebe ich ihr Globuli und dann wird sie gesund. Und eine Kuh weiß doch nichts vom Placebo-Effekt. Sagt er, der Bauer.

Damit hat er allerdings etwas leicht nicht so ganz wirklich recht. Hier kommen drei Effekte zusammen.

  1. Der sogenannte „Placebo by Proxy“-Effekt. Die Ärztin Natalie Grams schreibt hierzu: Die Ansicht, ein Placebo-Effekt könne bei Kindern und Tieren nicht auftreten, kommt wohl aus dem Missverständnis heraus, der Placebo-Effekt entstehe dadurch, dass man jemandem etwas „einrede“. Der Placebo-Effekt ist jedoch nichts, was man mit einer gezielten Beeinflussung vergleichen könnte. Er bildet sich beim großen wie beim kleinen Patienten genauso wie beim Tier als körperlich-seelische Reaktion auf den Vorgang der Zuwendung und einer positiven Erwartungshaltung heraus.
    Beim Säugling, beim Kleinkind und auch beim Tier spielt die Verfassung der Bezugsperson eine gewaltige Rolle. Sie wird vom Kind oder Tier unbewußt intensiv wahrgenommen. So kann die Erleichterung des Zuwendenden gespürt werden, die sich allein daraus ergibt, etwas tun zu können für die kleinen Schutzbefohlenen. Das Kind oder Tier muss nicht wissen, ob es ein echtes Medikament bekommt oder nur Homöopathie. Aber die Eltern/Besitzer wissen es und ändern dementsprechend ihre Erwartungshaltung. Zudem sind Säuglinge, Kleinkinder und auch Tiere auf die nonverbale Kommunikation angewiesen, sie ist lebensnotwendig für sie. Daher auch diese enorm feinen Antennen. Dieses „Zurückspiegeln“ der Befindlichkeit des Betreuenden – das versteht man unter dem „by proxy“.
    Mit dem Begriff ist also eine Placebo-Wirkung „auf einem Umweg“ bzw. „über einen Vermittler“ gemeint. Man sieht ihn immer dort am Werk, wo es keine verbale Interaktion bei einer Zuwendung gibt. Und gerade da erweist er sich als besonders stark. Denn die Sensorik von Säuglingen und kleinen Kindern, ebenso wie die von Tieren, ist ganz besonders ausgeprägt, wenn es um die Aufnahme und Reflexion der Grundstimmung von vertrauten Bezugspersonen handelt. Da kann oft eine direkte sprachliche Kommunikation gar nicht mithalten.
    (Quelle)
  1. Der Krankheitsverlauf an sich. Handelt es sich beispielsweise um eine Infektion, läuft diese auch beim Tier in Wellen ab. Beginnt man auf dem Höhepunkt der Infektion nun mit der Gabe von Globuli, wird diese von sich aus besser und nicht wegen der Globuli. Hier haben wir wieder das typische Problem von Korrelation statt Kausalität, von dem ich ja bereits hier berichtet habe.
  1. Die Erwartungshaltung der Besitzer. Ein Bauer, der sich der Homöopathie bedient, wird mit einer höheren Erwartungshaltung an die Behandlung herangehen. Er wird seine Tiere intensiver beobachten und jede auch nur kleinste vermeintliche Besserung den Globuli zuschreiben. Ein solches Vorgehen ist zutiefst menschlich, genauso wie der Fehlschluss der daraus entsteht.

Was spricht aber nun gegen die Tierhomöopathie?

Schauen wir uns die ganze Viecherei mal an. Da gibt es Hund, Katze, Maus, Kuh, Schwein, Truthahn, Huhn, Gans, Ente, Lamm und was weiß ich noch alles. Alles soll homöopathisch behandelt werden. Schauen wir uns allerdings Physiologie und Pathologie der einzelnen Tierrassen an, so sind diese höchst unterschiedlich.

Heißt also, ein Mittel, das beim Hund gegen Magenbeschwerden hilft, hilft beim Rind oder beim Schwein noch lange nicht, ja es kann sogar giftig sein. Also müssten für jede Tiergattung so genannte „Arzneimittelprüfungen“ durchgeführt werden. Diese laufen (jedenfalls beim Menschen) so ab, dass der Prüfer eine bestimmte Anzahl ihm unbekannter Globuli nimmt und sämtliche Reaktionen notiert. Schon beim Menschen ist ein solches Vorgehen Humbug, denn wer sagt denn, dass eine Reaktion, die nach der Einnahme eintritt auch durch die Globuli ausgelöst wurde.

Und wie soll so ein Vorgang dann erst beim Tier funktionieren? Tiere können sich sehr schlecht mitteilen. Viele Symptome bzw. Reaktionen merkt der Tierhalter überhaupt nicht. Gemäß dem Organon soll durch die Arzneimittelprüfung ein detailliertes Gesamtbild „vom körperlichen, geistigen und seelischen Zustand des Patienten“ darstellen. Aber wie will man den geistigen und seelischen Zustand der Kuh Waltraud nach der Einnahme von irgendwelchen Globuli feststellen? Man weiß es nicht. Allerdings steht zu befürchten, dass sich die Homöopathen wieder irgendeinen Unsinn einfallen lassen, um irgendwelche Reaktionen herbei zu fabulieren.

Aktuell ist es tatsächlich so, dass die Homöopathen den Viecherln irgendwie die Globuli eingeben und dann beobachten, was passiert. So etwas nennt man „Anamnese by proxy“. Diese Methode ist natürlich Humbug, denn die Qualität der Beobachtung hängt ja auch vom Beobachter ab. Wenn die Kuh Waltraud nach der Einnahme von Apis Globuli dreimal pupst ist das für Beobachter A vielleicht ein eindeutiges Zeichen, Beobachter B ignoriert dies. Also wieder eine äußerst subjektive Art und Weise der Erhebung.

Die auf dem Gebiet der Tierhomöopathie veröffentlichten Studien sind mehr als dünn. Die vorhandenen Studien sind hauptsächlich Einzelfallberichte oder reine Beobachtungsstudien ohne Vergleichsgruppen. Im Artikel zur Tierhomöopathie in der Homöopedia könnt ihr detailliert über die einzelnen Studien nachlesen. So viel kann ich allerdings schon verraten: eine Wirkung über die von Placebos hinaus konnte auch hier nicht festgestellt werden.

Somit kann man sagen, dass die Homöopathie auch auf dem Feld der Veterinärmedizin keine Treffer erzielen konnte. Deswegen meine große Bitte: wenn ihr ein Viecherl habt und dem geht es nicht so gut, dann geht damit zum Tierarzt und probiert keinen halbseidenen Hokuspokus an ihm aus!

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