Das Ritual

Der Priester hebt die Hostie der Gemeinde entgegen und spricht:

Denn in der Nacht, da er verraten wurde, nahm er das Brot und sagte Dank, brach es, reichte es seinen Jüngern und sprach: Nehmet und esset alle davon: das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.
Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch, dankte wiederum, reichte ihn seinen Jüngern und sprach: Nehmet und trinket alle daraus: das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis. …
Geheimnis des Glaubens.

Und die Gemeinde fällt mit ein: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.

In einem langen Strom mäandert die Gemeinde zum Altar, kniet nieder und lässt sich die Hostie auf die Zunge legen.

Szenenwechsel

Um den Leib Christi empfangen zu dürfen, mussten die Gläubigen vor der Messe die Beichte besuchen. In einem Beichtstuhl sitzend, mussten sie in einem rituellen Frage- und Antwortspiel ihre Sünden vor dem Priester ausbreiten und erhielten eine Buße auferlegt. Nach einem mystischen Zeichen des Priesters ist ihre Seele wieder rein.

Szenenwechsel

Der Mitarbeiter eines Herstellers von Homöopathika steht in der Produktfertigung und verdünnt nach einer alten Vorschrift von Samuel Hahnemann die Urtinktur. Nach jedem Verdünnungsschritt schlägt der Mann das Fläschchen drei Mal auf ein straffes Lederkissen in Richtung Erdkern, wodurch die Energien potenziert werden sollen. Als alle Verdünnungsschritte durchlaufen sind, wird die Lösung auf Milchzuckerkügelchen gestreut.

Szenenwechsel

Um die Globuli empfangen zu dürfen, mussten die Kranken vorher zum Homöopathen gehen. In seinem Behandlungszimmer sitzend, hatten sie in einem rituellen Frage- und Antwortspiel ihren Gesundheitszustand, ihre Leiden und ihre Verfehlungen vor dem Homöopathen ausgebreitet.

Szenenwechsel

Erna Krawuttke sitzt an ihrem Küchentisch. Sie ist krank. Grippaler Infekt. Sie holt das Fläschchen mit dem Trikomplex, schüttelt es wie vorgeschrieben und gibt die entsprechende Menge an Tröpfchen auf das rote Käppchen. Bloß keinen Löffel aus Metall nehmen! Hat sie auch seit mindestens 15 Minuten nichts gegessen, getrunken oder sich die Zähne geputzt. Worauf man alles achten muss, damit die homöopathischen Energien in den Körper kommen. Kein Kaffee, keine ätherischen Öle, keine campher- und mentholhaltigen Tees oder Eintreibungen. Auch ihre geliebten Drops darf sie nicht mehr lutschen. Und die Apothekerin hat ihr ausdrücklich gesagt, dass eine „offene und positive Einstellung zur Homöopathie entscheidend für den Therapieerfolg ist.“ Hoffentlich wurde die Verpackung nicht gescannt! Aber da sieht sie es – oh je! Sie hatte das Mittel neben der Mikrowelle stehen… alles umsonst.

Auszug aus der Wikipedia

Die Prozeduren des Potenzierungsverfahrens in der Homöopathie, das eine selektive Steigerung erwünschter Wirkungen behauptet, jedoch naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Grundprinzip der evidenzbasierten Medizin widersprechen, folgen einem streng festgelegten Ablauf und werden als „rituell“ bezeichnet.Demnach stellt sowohl die Herstellung als auch die tägliche Einnahme von Globuli eine alternativmedizinische Methode dar, bei der Rituale ein integraler Bestandteil sind. Heilungsrituale sind allgemein in der Naturheilkunde ein wesentlicher Faktor.

Beitragsbild: By Barcex – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24458371

Die Liturgie der römisch-katholischen Eucharistiefeier ist hier verkürzt dargestellt.

2 Gedanken zu “Das Ritual

  1. Ich kam mir an jener Stelle jedesmal verarscht vor, als der Pfarrer zwar die Passage vom Wein aus der Schrift vorlas und selbiges demonstrativ trank, wir Gläubigen derweil keine Chance erhielten, dem zweiten Teil der Aufforderung Christi folgen zu können: Brot ja, Wein irgendwie nicht. Noch merkwürdiger war, dass ich auf meine Fragen, warum es denn so sei, bestenfalls nebulös-ausweichende Antworten erhielt, sowohl von Theologen als auch von Laien.

    Nein, dies war nicht der Grund, weshalb ich mit 18 der katholischen Kirche, in die ich „hineingeboren“ wurde, höflich, aber entschlossen den Rücken zu zeigen. Nun ja. Jedenfalls nicht der einzige Grund.

    Mit agnostischen Grüßen

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