Die Herren Koontz, King und die Pandemie

So, jetzt ist sie da, die Corona-Pandemie und zumindest hier in Bayern haben wir Ausgangsbeschränkungen. Und wenn man so zu Hause bleibt, wird ja auch gerne mal gelesen. Ab und an sogar ein Buch, was ich als Bibliothekar natürlich nur begrüßen und unterstützen kann.

Manchmal aber lesen Menschen Bücher und ziehen falsche Schlüsse draus. Und manche basteln dann auch Verschwörungsmythen davon und setzen diese in die Welt. Das sollte man nicht tun, passiert aber gerade im Moment wieder. Aber keine Bange, ihr habt ja den Onkel, der euch aufklärt.

Zuerst war es der 37. Band der Asterix Comics mit dem Titel „Asterix in Italien“, der durch die sozialen Medien geisterte. Darin gab es ein Wagenrennen und einer der Wagenlenker hieß im Original „Coronavirus“. Helle Aufregung war die Folge, war der Band doch bereits im Oktober 2017 erschienen. Hatte der Texter Jean-Yves Ferri hellseherische Fähigkeiten? Sicherlich nicht.

Die Coronaviridae (schönes Wort, nicht wahr?) sind schon seit den 1960er Jahren bekannt und die aktuelle Variante SARS-CoV-2 ist nur eine von vielen.

In der deutschen Ausgabe des Comics heißt der Wagenlenker übrigens „Caligarius“, weil Verlag und Übersetzer davon ausgingen, dass das deutsche Publikum den Namen „Coronavirus“ nicht mögen könnte, ja sogar eklig finden könnte.

Dann war es natürlich der klassische Endzeitroman, der durch die sozialen Medien getrieben wurde. Die Rede ist von „The Stand – Das letzte Gefecht“ des US-amerikanischen Horrorautors Stephen King. Ein sehr gutes Buch übrigens, das mir persönlich wirklich hervorragend gefallen hat, aber das nur am Rande.

Um was geht es darin? Ein Virus bricht aus einem Militärlabor aus. Die meisten Menschen sterben an der von ihm ausgelösten „Super-Grippe“, nur wenige überleben und teilen sich auf. Die „Guten“ treffen sich in Boulder, Colorado die „Bösen“ in Las Vegas, wo auch sonst. Zum Schluss großer Kampf Gut gegen Böse, Las Vegas wird vernichtet, in Boulder entsteht die Keimzelle eines neuen, besseren Amerikas.

In dieser Story haben nun zahlreiche Leserinnen und Leser Parallelen zu der aktuellen Pandemie gesehen. Das ging sogar so weit, dass Stephen King sich selbst bei Twitter meldete und schrieb: No, coronavirus is NOT like THE STAND. It’s not anywhere near as serious. It’s eminently survivable. Keep calm and take all reasonable precautions.

Dafür wurde er übrigens auch übel getrollt, wie die Kollegen von Mimikama hier berichten.

Und dazu kommt noch, dass es wirklich einen ganzen Haufen von ähnlichen Büchern gibt. Derartige Dystopien werden schon seit ewigen Zeiten geschrieben, veröffentlicht und von den Leserinnen und Lesern verschlungen. Lediglich in der Qualität unterscheiden sie sich. Letztendlich beschreiben sie aber den immergleichen Plot des Endes der Menschheit. Manchmal mit Zombies, manchmal ohne Zombies. Ich weiß nicht, was besser ist. Mal ehrlich, Zombies sind ja auch überbewertet, finde ich jedenfalls…

In diese Kategorie fällt auch das Buch, das aktuell kolportiert wird. Es handelt sich um den Thriller „The Eye of the Darkness“, den der amerikanische Autor Dean Koontz unter seinem Pseudonym Leigh Nichols im Jahre 1981 veröffentlichte.

Aktuell geistert ein Posting mit drei Bildern durch die Weiten des Internets. Bild 1: Das Buch selbst, Bild 2: Ein Textauszug, in dem das Virus „Wuhan-400“ auftaucht, Bild 3: Ein Textauszug, in dem eine Pandemie im Jahr 2020 vorhergesagt wird.

So. Der Koontz ist jetzt aber ein Hellseher, oder? Zumindest verfügte er doch über höchst geheimes Wissen über die ganze Corona-Sache jetzt. Äääh. Nein, nein und Moment mal!

Die Bilder zeigen die aktuelle Ausgabe des Romans, der zur Zeit nur auf Englisch erhältlich ist. Darin wird das Virus mit „Wuhan-400“ bezeichnet, weil er angeblich in einem streng geheimen chinesischen Militärlabor in der Nähe der Stadt Wuhan entwickelt wurde. Nachdem in Wuhan ja auch die ganze Corona-Geschichte ihren Anfang genommen hat, denkt sich Otto Normalleser: AHA!

Und ich antworte: Nicht so schnell mein pelziger Freund! Schauen wir uns doch einmal die Erstausgabe an. Die erschien wie gesagt 1981 und dort – schau schau – heißt das Virus „Gorki-400“ und wurde in einem streng geheimen russischen Militärlabor in der Nähe der Stadt Gorki (seit 1990 heißt sie wieder Nischni-Nowgorod, falls ihr sie auf dem Globus suchen wollt) entwickelt wurde.

Erst in der Neuauflage wurde Gorki in Wuhan und die Sowjetunion zu China. Ist ja auch klar. Damals war die UdSSR gerade zusammengebrochen und in der Bad Guy-Hitparade ins Bodenlose gefallen. Also musste ein neuer Bösewicht her und das wurden die Chinesen. Wären es beispielsweise die Nordkoreaner geworden, hieße das Virus vielleicht „Ch’ŏngjin-400“ und kein Mensch würde sich für das Buch interessieren.

Für Wuhan sprach dann noch, dass sich dort das virologische Institut der chinesischen Akademie der Wissenschaften befindet. Oder vielleicht mochte Dean Koontz den Namen „Wuhan“ einfach oder was auch immer.

Perfide ist allerdings das zweite Bild mit der Prophezeiung in diesem Posting. Dieses soll ja suggerieren, dass Herr Koontz schon von der Erkrankungswelle 2020 gewusst hätte. Was ist daran? Nix!

Sogar der kurzsichtige Onkel Willibald erkennt noch mit 1,4 Promille im Blut, dass diese Prophezeiung aus einem anderen Buch stammt. Komplett andere Schrift und ein komplett anderer Satz. Tatsächlich stammt es aus dem Buch „End of Days: Predictions and Prophecies about the End of the World“ der Autorin Sylvia Brown aus dem Jahr 2008. War also nichts.

In Deutschland ist der Roman, der hier unter dem Titel „Die Augen der Finsternis“ im Münchner Heyne Verlag erschienen war, aktuell nicht lieferbar. Eine neue Auflage wird es auch nicht so schnell geben, denn nach Auskunft des Verlags wurden die Rechte an dem Manuskript zurückgegeben und fand noch keinen neuen deutschen Abnehmer. Wenn ich aber sehe, dass bei EBAY Exemplare teilweise für 200.–€ gehandelt werden, dann wundere ich mich aber schon über meine Mitmenschen.

Die Kollegen von Mimikama haben sich hier übrigens auch mit dem Buch von Dean Koontz (dessen Bücher der Onkel überhaupt nicht mag) beschäftigt.

Warum sich Koontz jetzt nicht persönlich wie Stephen King meldet und die ganze Geschichte klarstellt, weiß ich nicht. Ich kann nur spekulieren, dass die Aufmerksamkeit um sein Buch und die dadurch gestiegenen Verkaufszahlen ihm nicht schlecht gefallen werden. Aber vielleicht hat er im Moment auch einfach viel zu tun. Bohnen pflanzen oder das Badezimmer streichen, ich weiß es nicht…

Also ihr seht, dass hinter so mancher Internet-Aufregung bei näherer Betrachtung absolut keine Substanz verbirgt. Deswegen: erstmal durchschnaufen, drüber nachdenken und nicht gleich alles glauben, aber das macht ihr ja eh nicht. Bleibt gesund!

5 Gedanken zu “Die Herren Koontz, King und die Pandemie

  1. Vermutlich hat Koontz das Buch längst vergessen. Oder sogar vergessen, dass „Leigh Nichols“ mal ein Pseudonym von ihm war. Oder ihm sind die VTler einfach alle schnutz wie Entengrütze.

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