Sprechen wir über die „Umvolkung“

Eine der am weitesten verbreiteten Verschwörungserzählungen ist die vom „Großen Austausch“ oder von der „Umvolkung“. Wobei ich mich wundern muss, dass gerade dieser Unsinn so viele Anhänger findet. Aber schauen wir uns die Geschichte einmal etwas näher an.

Unter den Begriffen „Umvolkung“ oder „Großer Austausch“ versteht man die Vorstellung, dass das eingeborene deutsche Volk durch unkontrollierte Migrationsbewegungen in Kürze von der Mehrheits- zur Minderheitsgesellschaft wird und schließlich ausstirbt. Dahinter stecken natürlich mysteriöse „Eliten“. Ganz vorne werden hier natürlich die Juden, Freimaurer, „Multikulturalisten“, Globalisten oder die Illuminaten gesehen. Hierdurch soll eine willfährige Sklavenrasse gezüchtet werden, weitere Ziele dieser „Eliten“ bleiben zumeist im Dunklen.

Was steckt dahinter? Bereits 1929 hat Friedrich Burgdörfer in seiner Publikation „Der Geburtenrückgang und seine Bekämpfung – Die Lebensfrage des deutschen Volkes“ ausgeführt, dass ausbleibende Geburten und Migration eine große Gefahr für das Überleben des deutschen Volkes darstellen. Die extreme Rechte in der Weimarer Republik und die Nationalsozialisten übernahmen diese Erzählung und implementierten sie in ihrer Ideologie.

Heute wird dieses Narrativ hauptsächlich von rechtsextremen, neurechten oder rechtspopulistischen Gruppen und Personen bedient. Hierdurch sollen die Gefahren durch Überfremdung und Migration im eigenen Land aufgezeigt werden, bspw. durch höhere Geburtenraten o.ä.

Vertreter dieser Erzählung sind Thilo Sarrazin, Akif Pirincci, Eva Herman, Renaud Camus und natürlich ganz weit vorne: die AfD, bei der sich dieser Unsinn (neben vielen, vielen, vielen anderen Unsinn) in ihrem Parteiprogramm findet. Prominente Vertreter dieser „Partei“ haben dieses Narrativ immer wieder in ihren Reden und Schriften verbreitet.

Was soll durch die Verbreitung dieser Verschwörungserzählung erreicht werden? Wie Manfred Dworschak im Spiegel schrieb, sollen durch die Verbreitung dieser „irren Mär“ die Verhältnisse als möglichst apokalyptisch dargestellt werden, es ist ein herumfackeln mit dem Ausnahmezustand, wodurch sich immer Gewalt legitimieren lassen. Es soll also auf einen völkischen Endkampf eingestimmt werden.

Und so verwundert es auch nicht, dass bspw. der rechtsradikale Attentäter aus Christchurch, Neuseeland, sein hinterlassenes „Manifest“ mit „The Great Replacement“ überschrieben hat. Und auch der Attentäter von Halle, der 2019 die Synagoge in Halle stürmen wollte, sah sich als „weißen Kämpfer“ gegen den Bevölkerungsaustausch.

Durch die Verbreitung dieses Narrativs wird auch das Bild eines völkischen Kollektives, einer Schicksalsgemeinschaft, heraufbeschworen, die es so allerdings nie gegeben hat. Die Vorstellung des deutschen Volkes als homogene Einheit, die gleich denkt, die gleichen Bedürfnisse oder die gleichen Wünsche hat, ist ja mehr als naiv und widerspricht jedweder Lebensrealität.

Aber durch das Heraufbeschwören eines solchen Bildes kann man sich natürlich wie ein beleidigtes Kind in die Schmollecke zurückziehen, mit dem Fuß aufstampfen und sich als arme unterdrückte Gruppe sehen, auf die es die bösen Männer abgesehen haben.

Wir sehen also, dass diese „irre Mär“ hoch gefährlich ist und durchaus Einzelne oder Gruppen zu Gewalttaten verleiten kann. Auch ist diese Erzählung oftmals der Einstieg in die Welt der Verschwörungsmythen.

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