Von der Neuen Deutschen Heilkunde zum Donner-Report

Vor einiger Zeit habe ich ja über die menschenverachtenden Versuche der Nazis zu den Schüßler-Salzen berichtet. Diese Versuche gehörten zu einer groß angelegten Aktion, um die „verjudete Schulmedizin“ der „Pillenjesuiten“ durch eine „Neue Deutsche Heilkunde“ zu ersetzen.

Die Neue Deutsche Heilkunde geht auf eine Debatte innerhalb der Ärzteschaft zurück, die in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre geführt wurde und sich um eine „Krise der Medizin“ drehte, die von dem Arzt und Publizisten Erwin Liek herbeigeschrieben wurde.

Kernpunkte von Lieks Kritik waren einmal eine „Entseelung der Medizin“, dann die Existenz von Krankenkassen und eine angebliche Vertrauenskrise zwischen Arzt und Patient. Weiters wollte Liek eine Annäherung zwischen der evidenzbasierten Medizin und der Alternativmedizin erreichen. Hierzu schrieb er: Es ist mein Glaube, daß das deutsche Volk berufen ist, nach und nach eine ganz neue, rein deutsche Heilkunst zu entwickeln. Diese deutsche Heilkunst der Zukunft wird dann Tatsache geworden sein, wenn das Heilwissen der Heilpraktiker und das Heilwissen der Schulmediziner eine neue Synthese eingegangen sind.(1)

Die Kritikpunkte, die Liek hier vorbringt kennen wir ja selbst heute noch, wird doch das Schlagwort der „Entseelung der Medizin“ heute unter dem Begriff „Apparatemedizin“ immer noch kritisiert. Auch die Kritik an den Krankenkassen kennen wir heute noch. Die Vorwürfe, dass sich die Kassen vom Geld der Versicherten übermäßige „Paläste“ in die Städte bauen und auch sonst deren Gelder verschwenden sind heute ja auch noch zu hören. Genauso wie das Lamento über schlechte Ärzte, die die Patienten in die Hände der Laienheiler treiben. Man sieht also: nichts neues unter der Sonne.

Diese Kritik wurde von den Nazis aufgegriffen. Sie ergänzten sie durch die Vorwürfe, dass die Schulmedizin „jüdisch-marxistisch durchsetzt“ sei, zu stark auf die Sozialmedizin fixiert und zu „therapiefreudig“ sei. Das bisherige System sollte durch die „Neue Deutsche Heilkunde“ ersetzt werden.

Diese „Heilkunde“ unterschied sich von der evidenzbasierten Medizin hauptsächlich dadurch, dass sie stark auf alternative Methoden setzte. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass die benötigten Inhaltsstoffe innerhalb Deutschlands zu beschaffen waren. Weiters sollte sich abgewandt werden von der Fürsorge für den Einzelnen und hingewandt werden zur Vorsorge für den „Volkskörper“. In diesem Sinne sollte der Arzt auch der „Gesundheitsführer des deutschen Volkes“ werden und als biologischer Soldat seines Standes um die Gesundheit seines Volkes kämpfen. (1) Auch wurden in dieser „Heilkunde“ rassenhygienische und erbbiologische Aspekte aufgenommen.

Um die gewünschte Verkopplung zwischen evidenzbasierter Medizin und alternativen Heilmethoden zu erreichen, wurde ab 1933 eine „Reichsarbeitsgemeinschaft der biologischen und Naturheilärzte“ geplant, die allerdings erst am 25. Mai 1935 in Nürnberg gegründet werden konnte. Der letztendliche Name lautete „Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“.

In ihr waren

die Deutsche Allgemeine Gesellschaft für Psychotherapie,
die Deutsche Gesellschaft für Bäder- und Klimakunde,
der Deutsche Zentralverein Homöopathischer Ärzte,
der Kneipp-Ärztebund,
der Reichsverband der Naturärzte,
der Reichsverband Deutscher Privatkrankenanstalten sowie
die Vereinigung anthroposophischer Ärzte
zusammengeschlossen. Die Führung bildeten Karl Kötschau als Leiter und Oskar Väth als Geschäftsführer. Viel Erfolg hatte diese Arbeitsgemeinschaft nicht, sie wurde 1937 wieder aufgelöst. Hauptgrund hierfür war, dass die ideologische Indoktrination unter den Ärzten nicht zu erreichen war, darüber hinaus waren die zusammengeschlossenen Gesellschaften und Verbände doch zu heterogen, um hier gemeinschaftlich zu arbeiten.

Zunächst war es jedoch zu kontroversen Diskussionen über den Stellenwert von Heilmethoden und Verfahren gekommen, die Schulmedizin geriet vorübergehend in die Defensive. So wurde vor allem in Zeitschriften wie etwa dem Organ der Reichsarbeitsgemeinschaft, dem ‚Hippokrates‘ heftig gestritten, sei es über die Serumtherapie der Diphtherie oder die Notwendigkeit, eine Appendicitis zu operieren. Diese Debatten waren jedoch geprägt vom monomanen und sektiererischen Auftreten von Naturheilkundlern und Homöopathen, denen es mehr um ihre Verfahren als um eine geänderte ideologische Einstellung ging. So trug die ‚Reichsarbeitsgemeinschaft‘ durchaus nicht zur geforderten ‚ideologischen Durchdringung‘ der Ärzteschaft bei und wurde wohl auch deswegen Anfang 1937 bereits wieder aufgelöst. Die Ärzte sollten nicht über Heilmethoden streiten, sondern als Gesundheitsführer der Nation dafür Sorge tragen, daß die nationalsozialistische Gesundheitspolitik umgesetzt werden konnte. (2)

Bis 1941 blieb dagegen ein Zusammenschluss der Laienverbände bestehen, der 1935 als ‚Reichsarbeitsgemeinschaft der Verbände für naturgemäße Lebens- und Heilweisen‘ gegründet worden war. Ihr Leiter war Georg Gustav Wegener. Die Gleichschaltung erfolgte hier ohne bemerkenswerten Widerstand. Schließlich wurde auch dieser Dachverband aufgelöst und durch den ‚Deutschen Volksgesundheitsbund‘ ersetzt. (1)

Das Hauptaugenmerk dieses Verbandes lag aber darin, die medial plakativ verbreitete „Pflicht zur Volksgesundheit“ durchzusetzen, wobei man hier besonders auf die „volksheilkundliche Laienbewegung“ mit ihren zahlreichen Mitgliedern baute. Man schätze Anfang der 1930er Jahre 6-10 Millionen Mitglieder und Sympathisanten. Dieses Potential wollten sich die Nationalsozialisten nutzbar machen. So hatte Wagner erklärt, die Volksgesundheitsbewegung sei dazu berufen, das ‚Volk zu einer naturgemäßen Lebensweise und Lebensführung zu erziehen‘ und das Verständnis für die nationalsozialistische Gesundheitspolitik zu fördern. Schon frühzeitig unternahmen nationalsozialistische Politiker daher Anstrengungen, diese Bewegung gleichzuschalten. Doch erst 1935 kam es, parallel zur Gründung der ‚Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde‘, unter der Führung Wagners zur Gründung einer ‚Reichsarbeitsgemeinschaft der Verbände für naturgemäße Lebens- und Heilweisen‘, in der die bedeutendsten Laienbünde zusammengefaßt wurden. Zum deren Leiter wurde der Journalist Georg Gustav Wegener ernannt, der zu den Aufgaben des neuen Verbandes erklärte: ‚Die Reichsarbeitsgemeinschaft dient dem gesundheitlichem Gemeinwohl des deutschen Volkes mit dem Ziel, alle auf dem Gebiet der naturgemäßen Lebenspflege und Heilweise im Deutschen Reich bestehenden Laienbünde unter einheitlicher Führung zur gemeinsamen Arbeit und gleichberechtigten Vertretung zusammenzufassen. Durch die zusammengeschlossenen Bünde sollen alle persönlichen Kräfte gesundheitlicher Selbstverantwortung und des gesundheitlichen Selbstschutzes geweckt und damit das Verständnis für die biologischen Heilweisen, für die völkische Aufartung und Stählung der deutschen Volkskraft, eine naturgemäße bodenständige Lebenspflege, vertieft und erweitert werden.‘ (2)

Die Ausrichtung war klar: das deutsche Volk sollte fit gemacht werden für den geplanten Krieg. Und mit Ausbruch desselben wurde die „Pflicht zur Volksgesundheit“ zum Propagandabegriff der Laienbewegung, deren Mitglieder „Sturmmannschaften der Volksgesundheit“ oder „Soldaten der Gesundheitsführung“ wirken.

Somit wurden für die Nazis auch pseudomedizinische Ansätze wie die „Homöopathie“ oder die „Biochemie nach Schüßler“ interessant. Die benötigten Zutaten konnten ohne weiteres im eigenen Land gewonnen werden, somit brauchte man keine Angst vor wirtschaftlichen Boykotten bei Ausbruch des geplanten Krieges zu haben. Auch ideologisch war derartige Pseudomedizin unbedenklich, waren doch beispielsweise Samuel Hahnemann oder Wilhelm Heinrich Schüßler das, was man im damaligen Jargon als „arisch“ bezeichnete. Und da man gerade die Homöopathie auch mit Naturmedizin gleichsetzte, passte sie auch in die Vorstellung der Nazis, die das deutsche Volk als Ansammlung von kernigen Männern und Frauen sahen, die das einfache Leben bevorzugten und im Einklang mit der Natur leben.

Nun sollte auch überprüft werden, ob diese pseudomedizinischen Ansätze eine Wirksamkeit zeigen. Über diese Versuche zur „Biochemie nach Schüßler“ habe ich ja schon geschrieben, aber bereits einige Jahre früher, nämlich von 1936 bis 1939 wurden derartige Studien und Untersuchungen durchgeführt. Erst der beginnende Weltkrieg führte zu deren Abbruch. Der Arzt und Homöopath Fritz Donner war hieran beteiligt und begleitete diese Untersuchungen. Als er im Jahr 1961 pensioniert wurde, begann er einen Bericht über die damaligen Prüfungen, den er 1966 fertigstellte, der aber erst 1995 in der Zeitschrift „Perfusion“ erschien.

Was will ich sagen? Die damaligen Studien und Untersuchungen wurden ein Fiasko für die Homöopathie. Aber darüber erzähle ich euch im nächsten Artikel.

(1) https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Neue_Deutsche_Heilkunde&oldid=181368396
(2) http://www.internist-moabit.de/html/dissertation.html
Beitragsbild: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/innenpolitik/ns-propaganda.html


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