Gelesen: Lindsey Fitzharris: Der Horror der frühen Medizin

Dass ich mich für Medizingeschichte interessiere, wisst ihr ja deswegen stand das Buch von Lindsey Fitzharris „Der Horror der frühen Medizin“ ganz oben auf der Liste. Und, um es vorweg zu nehmen, ich wurde nicht enttäuscht.

Die Autorin schildert die Zustände in den Hospitälern des 19. Jahrhunderts, als die moderne Medizin noch in den Kinderschuhen steckte. In einem zweiten Strang erzählt sie die Geschichte des Mannes, der diese Zustände beheben sollte: Joseph Lister. Und ja, die Autorin erzählt diese beiden Geschichten. Wir haben also kein trockenes Sachbuch vor uns, sondern ein spannendes Buch, das sich mit so manchem Roman messen kann. Auch der Lebensweg Listers wird mit wissenschaftlicher Akribie nachgezeichnet. Aber Lindsey Fitzharris nimmt die Biographie Listers auch immer wieder zum Anlass, auch über die britische Gesellschaft der damaligen Zeit zu erzählen. Somit haben wir eine hervorragende Melange von Themen, die spannend und unterhaltsam aufbereitet wurden.

Wie waren sie denn nun, die Zustände in den Krankenhäusern der victorianischen Ära? Frau Dr. Erika Fuchs hätte es wohl so ausgedrückt: Kotz! Spei! Würg! Chirurgen waren eher Menschenmetzger als Ärzte, gab es doch erst ab 1815 eine einheitliche akademische Ausbildung für sie, vorher gab es nur eine Ausbildung.

Operationen waren aufgezogen fast wie ein Jahrmarktsspektakel, konnte man dort doch auch zusehen, nachdem man seinen Obulus entrichtet hatte. Der Operationstisch und die Instrumente wurden – wenn überhaupt – nur notdürftig gereinigt. Da erst 1864 die Äther-Narkose Einzug in die OP-Säle der damaligen Zeit hielt, mussten die Patienten die Operation bei vollem Bewusstsein über sich ergehen lassen. Fiel man vor Schmerzen in Ohnmacht, hatte man Glück gehabt. Von daher waren die Chirurgen auf Schnelligkeit getrimmt. So war Robert Liston einer der bekanntesten „Schnellen Schlitzer“ Londons. Jeder wird sich denken können, dass die Mortalitätsraten astronomisch hoch waren.

Vier große Gefahren lauerten auf die Patienten in den Spitälern der victorianischen Zeit:
die Sepsis, also die Blutvergiftung,
die Gangrän, also der Zerfall von Gewebe,
die Pyämi, das sind eiternde Organabszesse sowie
Erysipel, wobei es sich um bakterielle Infektionen der Haut handelte.

Obschon bei allen vier Infektionsarten die Kontamination der Wunde mit Keimen, Bakterien, Viren, Pilzen oder Protozoen steht, wurde dies vom Gros der Ärzte der damaligen Zeit nicht gesehen. Vielmehr ging man davon aus, dass die Infektionen durch schlechte Luft hervorgerufen werden. Zwar hatte der schottische Arzt Alexander Gordon schon 1795 die Theorie aufgestellt, dass das Kindbettfieber von Kranken auf Gesunde übertragen wird, aber erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts konnten der US-Amerikaner Oliver Wendell Holmes und der Ungar Ignaz Semmelweis durch ihre Untersuchungen nachweisen, dass Gordon recht hatte. Auch Joseph Lister arbeitete auf dem Gebiet der Antisepsis und entwickelte ein ausgeklügeltes Desinfektionssystem. So erfand er spezielle Sprüh- und Vernebelungsgeräte, mit denen er den Operationssaal sowie die chirurgischen Instrumente besprühte und so desinfizierte. Auch wies er die Benutzung von Gummihandschuhen und häufiges Händewaschen des medizinischen Personals mit einer Karbollösung an. Durch diese Maßnahmen konnte die postoperative Sterblichkeitsrate von über 50% auf gut 15% gesenkt werden. Joseph Lister war auch einer der wenigen Chirurgen, die Queen Victoria behandeln durften. Er entfernte ihr einen Abszess aus der Achselhöhle.

Allerdings war dieser Weg kein einfacher. Immer wieder musste sich Lister – wie auch Semmelweis – gegen seine eigenen Berufskollegen durchsetzen, die ihm Steine in den Weg legten. All dies erzählt Lindsay Fitzharris in unterhaltsamer und doch fundierter Weise. Man merkt quasi gar nicht, dass man ein Sachbuch liest und lernt doch viel über Medizingeschichte hierbei.

Deswegen lautet das Onkel Michael-Prädikat für gelesene Bücher: SEHR GUT! Wer’s nicht liest, ist selber schuld!

Bibliographische Daten:
Fitzharris, Lindsey: Der Horror der frühen Medizin: Joseph Listers Kampf gegen Kurpfuscher, Quacksalber & Knochenklempner / Lindsey Fitzharris; aus dem Engl. von Volker Oldenburg. – Dt. Erstausg. – Berlin: Suhrkamp, 2018. – 275 S. –
ISBN 978-3-518-46886-9
Broschur, 14,95€

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