Salmei, Dalmei, Adomei! Oder: Wie uns heute noch die Alchemie verkauft werden soll

Jaaa… ihr habt den Spruch alle erkannt, oder? „Salmei, Dalmei, Adomei!“ war einer von Catweazles Zaubersprüchen, mit denen er mehr Verwirrung stiftete als irgendetwas anderes. Dann gab es noch „Schampampurasch!“, aber das funktionierte auch nicht besser.

Erinnert ihr euch noch an das Laboratorium von Catweazle? Da blubberte und köchelte es ja in den verschiedensten Tiegeln, denn der alte Zauberer war auch Alchemist. Alchemisten kennen wir ja aus den Filmen. Das sind meistens verschrobene alte Männer mit langen Bärten und lustigen Zipfelmützen, die versuchen, aus Blei Gold zu machen oder so ein Zeugs. Nun, Alchemie … das ist doch mit dem Mittelalter ausgestorben oder spätestens seit dem Dreißigjährigen Krieg.

Au contraire, meine lieben Leserinnen und Leser, da muss euch der Onkel enttäuschen. Die Alchemie, die gibt es noch heute. Und unter dem Begriff „Spagyrik“ – ihr werdet es nicht glauben – da werden diese Mittelchen heute noch in der Apotheke vertrieben.

Aber fangen wir mal ganz von vorne an. Der Teil der Alchemie, der sich mit der Herstellung von Arzneimitteln beschäftigt, heißt Spagyrik. Das kommt von den griechischen Begriffen „spao“, was auseinanderziehen oder trennen heißt und „ageiro“, was vereinigen oder zusammenbringen bedeutet.

Wie man aus diesen Begriffen schon sieht, setzt die Spagyrik auf das auseinandernehmen und wieder zusammensetzen von Stoffen, um dadurch eine Heilwirkung zu erzielen. Es gibt verschiedene Systeme, zu denen wir noch kommen, aber hauptsächlich bestehen alle diese Systeme aus den Fertigungsschritten Gärung, Destillation, Reinigung, Veraschung und Zusammenführung. Für die Durchführung dieses Herstellungsprozesses sind dann noch die „kosmozyklischen Abläufe“ von Sonne, Mond und Planeten wichtig.

Die Spagyriker selbst beschreiben diese Schritte recht. Nun ja. Speziell… Ach, ich kopiere euch den Abschnitt, damit ihr seht, was ich meine:

Gärung: Durch sie wird das Material „einem organischen Auflösungsprozeß“ unterworfen. Nur durch die Gärung können die drei Prinzipien Sal (Körper), Sulfur (Seele, Wesen) und Mercurius (Geist) gleichzeitig gewonnen werden, ohne daß dabei eines der Prinzipien an Wirkung verliert. Mit einem nur chemischen Herauslösen, wie bei der Herstellung anderer pflanzlicher Heilmittel, ist dies nach alchemistischen Vorstellungen nicht möglich.

Destillation: Mit ihr werden die „flüchtigen Stoffe“ – chemisch die ätherischen Öle und Alkohol – gewonnen. Dazu wird die schonende Wasserdampfdestiliation eingesetzt. Der Destillationsrest wird getrocknet.

Veraschung: Der getrocknete Destillatrest wird verascht. Dadurch werden enthaltene Mineralstoffe und Spurenelemente aus ihrer organischen Verbindung gelöst und durch Herausspülen aus der Asche gewonnen.

Vereinen: Destillate und gelöste Asche werden zusammengefügt. Hierdurch entsteht das spagyrische Präparat, die sogenannte Tinktur. Bekanntes Symbol für das Vereinen ist die „chymische Hochzeit“ von Sonne und Mond, Mann und Frau.

Zirkulieren: Um aus der spagyrischen Tinktur eine sogenannte Essenz herzustellen, muß die Tinktur einem mehrmaligen „Zirkulationsprozeß“ unterworfen werden, das heißt, sie muß mehrfach innerhalb von einem oder eineinhalb Jahren bei niederen Temperaturen destilliert werden. Erst durch diesen Prozeß können die Prinzipien Sulfur und Mercurius vollständig „gereinigt“ und die Materie des Sal in „Licht“ und damit der stoffliche Körper in einen Energiekörper verwandelt werden. Auch bei diesem Prozeß ist die Berücksichtigung kosmozyklischer Vorgänge wichtig. Eine solcher abgeschlossener Zirkulationsprozeß wird als „das Große Werk“ bezeichnet.

Alter Vatter… spätestens bei der chymischen Hochzeit hatte ich das Bedürfnis, meine Gefühle zu tanzen.

Bei dem ganzen Brimborium machen die Spagyriker allerdings zwei massive Denkfehler. 1. Sie gehen davon aus, dass es so etwas wie eine universelle Lebensenergie gibt, ein Chi, Prana oder was auch immer. Und 2. gehen sie davon aus, dass die gewonnenen Essenzen kein Heilmittel sind, sondern lediglich Träger einer verborgenen Heilinformation. Der aufmerksame Leser, merkt hier natürlich auf. Ja, mit diesen beiden Thematiken hat sich der Onkel schon einmal auseinandergesetzt und ja, ihr erinnert euch richtig. Weder die eine noch die andere Annahme stimmt.

Ausgedacht hat sich die ganze Sache der aus Egg in der Schweiz stammende Arzt Theophrastus Bombast von Hohenheim (1493-1541), besser bekannt unter seinem Namen Spitznamen Paracelsus. Als Hohenheim lebte, war ja die sogenannte „Humoralpathologie“, also die Vier-Säfte-Lehre von Galen noch State of the Art in der Medizin und mit der war er nicht so ganz einverstanden (womit er am Rande gesagt, durchaus recht hatte, aber das ist eine andere Geschichte). Er wandte sich der Alchemie zu und entwickelte hieraus eine eigene Medizintheorie.

In dieser Vorstellung gab es fünf, als „Entia“ bezeichnete, Krankheitskategorien, die sich durchaus auch mischen konnten:

Ens Astrorum    –              Krankheit durch Gestirnseinflüsse
Ens Veneni         –              Krankheit durch aufgenommenes Gift
Ens Naturale      –              Krankheit durch Vorbestimmung
Ens Spirituale    –              Krankheit durch Einfluss der Geister
Ens Dei                –              Krankheit durch den Einfluss Gottes

Bei einer solchen Auswahl wundert es nicht, dass Hohenheim bei der Behandlung der Kranken hauptsächlich auf die Gnade Gottes vertraute. Darüber hinaus sollten laut ihm Ärzte neben der Alchemie auch die Philosophie und die Astrologie beherrschen.

Nachdem man über Hohenheim selbst mehr als einen Artikel verfassen könnte, möchte ich es an dieser Stelle damit auch bewenden lassen. Behalten wir ihn als Erfinder der Spagyrik für den weiteren Verlauf dieses Artikels im Hinterkopf.

Fast vergessen, wurde die Spagyrik im 19. Jahrhundert wieder ausgegraben, unter anderem durch den Italiener Cesare Mattei mit seiner Elektrohomöopathie. Über die habe ich ja bereits hier geschrieben. Eine der schillerndsten Figuren der Spagyrik im 19. Jahrhundert war sicherlich der Ingenieur Carl-Friedrich Zimpel, der Mattei in Italien kennenlernte und unter seinem Einfluss dann ab 1868 auch ein eigenes „Heilsystem“. Unnötig zu sagen, dass weder Mattei noch Zimpel irgendeine medizinische Ausbildung oder sonst eine Qualifikation hatten. Da Zimpel wirklich ein schräger Vogel war, werde ich über ihn nochmal einen eigenen Artikel schreiben. Stay tuned…

Dieser hanebüchene Unsinn ääääh… die Spagyrik hat es dann tatsächlich in unsere Zeit geschafft. Heute wird es allerdings nur noch von medizinischen Laien wie bspw. Heilpraktikern angewandt. Die Spagyrika werden in der Apotheke als typisches OTC-Produkt ohne Rezept verkauft. Von den gut ein Dutzend heute noch angewandten spagyrischen Verfahren wurden sechs in das „Homöopathische Arzneibuch“ aufgenommen und verfügen so über standardisierte Herstellungsvorschriften. Genauso wie Homöopathika auch, müssen Spagyrika ihre Wirksamkeit nicht nachweisen, sie werden lediglich behördlich registriert.

Bei den ins Homöopathischen Arzneibuch aufgenommene Verfahren handelt es sich um die nach Krauß, Pekana, Strathmeyer, Zimpel, Glückselig und von Bernus.

Schauen wir uns einige dieser Verfahren doch mal an:

Spagyrik nach von Bernus
(Laboratorium Soluna Heilmittel GmbH, Donauwörth): Alexander von Bernus‘ (1880-1965) Rezepturen gehen auf paracelsische Quellen zurück. Es werden ohne Zusatz von Hefe und Zucker wässrige Extraktionen von mehreren Pflanzensorten bei 37 Grad Celsius durchgeführt. Durch wiederholte Destillationen des Pflanzenrückstandes wird eine Tinktur gewonnen, in der sich auch das salische Wirkprinzip niedergeschlagen hat. Diese Zirkulationen werden, nach dem Zusammenfügen der Tinktur mit neuen Pflanzen und der Gewinnung der Extraktionen, mit dem Pflanzenrückstand erneut fortgesetzt. Das Besondere an diesen Komplexmitteln ist, daß ihnen noch metallische Wirkprinzipien beigegeben werden. Die Verfahren gehen auf Beobachtungen der alten spagyrischen Therapeuten zurück, die aus der Betrachtung der Entsprechungsgesetze der Natur bestimmte Metallfunktionen mit organspezifischen Regulationen verknüpften.

Spagyrik nach Glückselig
(Phönix Laboratorium, Bondorf): Die Herstellungsmethode wurde von Conrad Johann Glückselig (1864-1934), einem ehemaligen Hospitanten bei Alexander von Bernus, entwickelt. Statt der Gärung werden die Ausgangsstoffe hier durch „Auslaugen“ aufgeschlossen und danach destilliert.

Spagyrik nach Pekana
(Pekana Naturheilmittel GmbH, Kißlegg): Das Verfahren von Dr. Peter Beyersdorff verzichtet auf Destillation, um Vitamine, Enzyme und Biokatalysatoren nicht zu zerstören. Es ist damit eine nicht energetisch, sondern wirkstofforientierte Methode.

„Spagirik“ nach Krauß
(ISO Arzneimittel GmbH, Ettlingen): Theodor Krauß (1864-1924) entwickelte nach dem 1. Weltkrieg mit dem Apotheker Johannes Sonntag ein Arzneisystem, daß er „Spagirik“ nannte. Außer der Gärung bedient sich dieses Verfahren jedoch keiner der traditionellen spagyrischen Techniken. Der Extrakt wird auf D2 homöopathisch potenziert.

Spagyrik nach Strathmeyer
(Strath-Labor, Donaustauf): Die von dem Chemiker Walter Strathmeyer (1899-1969) entwickelte Methode verzichtet auf Destillation und Veraschung und weicht damit weit von den traditionellen Vorschriften ab.

Spagyrik nach Zimpel
(Staufen-Pharma, Göppingen): Ab 1870 ließ Carl-Friedrich Zimpel spagyrische Mittel herstellen. Die heute produzierten Präparate entsprechen nicht mehr exakt Zimpels Vorschriften, da die damaligen Pflanzenmischungen heute als Komplexmittel gelten und wegen arzneimittelrechtlicher Probleme weitgehend vom Markt genommen werden mußten. Die Mittel werden jedoch weiterhin nach den drei traditionellen Techniken Gärung, Destillation und Veraschung hergestellt, dabei orientiert man sich an den überlieferten Vorschriften von Johann Rudolf Glauber (1604-1668), „Erfinder“ des Glaubersalzes.

Die Spagyriker unserer Zeit wie bspw. von Bernus, grenzen sich scharf zur Homöopathie, der anthroposophischen Medizin und der Phytotherapie ab. Dies obschon durchaus einzelne Schritte in den oben beschriebenen Verfahren hier entnommen wurden. Diese scharfe Abgrenzung wird darauf zurückgeführt, dass die Spagyrik im „Geistigen“ des Menschen viel intensiver und wirkmächtiger sei, als die anderen Verfahren.

Alles natürlich schönes Wortgeklingel, aber um auf den Punkt zu kommen: Spagyrika konnten bisher keine über den Placeboeffekt hinausgehende Wirkung nachweisen, ebenso wenig, wie ein Wirkmechanismus nachgewiesen werden konnte. Das Urteil muss also lauten: ab auf den Müllhaufen der Medizingeschichte. Höchstwahrscheinlich ist dann Catweazles „Salmei, Dalmei, Adomei!“ doch wirkungsvoller.

Nachweis Beitragsbild: https://www.pinterest.de/birgit3011bw/70-er-jahre/

Zitate aus: Arndt, Ulrich: Das „Große Werk“ des spagyrischen Heilens. In: Esotera 10/1997. S. 50-56.

2 Gedanken zu “Salmei, Dalmei, Adomei! Oder: Wie uns heute noch die Alchemie verkauft werden soll

  1. So war es eben zu Zeiten des Vitalismus. Zu seinen Zeiten galt Paracelsus ja als radikaler Neuerer, das darf man nicht vergessen. Bezeichnend ist, dass die heute noch angewandten Verfahren allesamt durchaus nicht mehr konsequent auf den Kern der Sache setzen, nämlich die spirituell-geistigen Heilkräfte, die in den Substanzen verborgen schlummern, bis der Spagyriker sie herausdampft, -destilliert, -verascht oder was auch immer. Praktisch alle schielen mit auf den „stofflichen Gehalt“ der Ursprungssubstanzen, was der Grundidee der Spagyrik komplett widerspricht. Weil sie wissen, dass mit dem Weltbild des Hermes Trismegistos, dem Gründer der Esoterik, der „oben wie unten“ alles „gleich“ und „verbunden“ sah, heute kein Staat mehr zu machen ist.

    Verfolgte Hahnemann nicht die gleiche Grundidee, aus schnöden irdischen Ursubstanzen die darin „verborgen schlafend gelegnen“ (Organon) Kräfte durch Potenzierungshokuspokus freizusetzen? Ob nun Potenzierungshokuspokus oder „Großer Weg“ – so groß scheint mir der Unterschied nicht zu sein.

    Die eigentliche Gemeinsamkeit ist aber, dass sie alle, samt und sonders, schlicht auf dem Holzweg sind. Und deshalb gehört auch dieses Zeugs nicht in Apotheken und auch nicht in amtliche Herstellungsvorschriften für Pseudo-Arzneimittel, sondern meintwegen in Esoterik-Läden mit dem Verbot, das als „Medizin“ zu verhökern.

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