Der lange Arm des Kreml

Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst der Desinformation.

Während der Corona-Pandemie sehen wir uns einer beispiellosen Kampagne gegenüber, die zum Ziel hat, das Vertrauen in die westlichen Demokratien zu schwächen oder Verschwörungsmythen über die Entstehung bzw. Herkunft des Corona-Virus und dessen Verbreitung in die Welt zu setzen. Die Urheber sitzen in Moskau, Peking, Ankara oder Teheran. Der lange Arm des Kreml reicht bis in unsere Wohnzimmer.

Dass beispielsweise RT, das frühere Russia Today, der Lieblingssender der Verschwörungsgläubigen ist, dürfte ja mittlerweile kein Geheimnis sein. Allenthalben wird in Facebook- und Telegram-Gruppen auf diesen staatsnahen russischen TV-Sender verwiesen. Natürlich nur, weil dort so berichtet wird, wie die Aluhut-Fraktion es gerne hören möchte.

Aber auch in den genannten Gruppen gehen die Falschinformationen ab wie Schmidts Katze. Die westlichen Demokratien sind am Ende, Unruhen brechen aus und und und. Dazu kommen noch abstruseste Empfehlungen, wie man dem Corona-Virus entgehen kann. Knoblauchwasser soll helfen, natürlich auch MMS, oder man soll verdünntes Kokain trinken. Das sind nur einige der Vorschläge. Und dazu kommen noch die „üblichen“ Behauptungen, dass Covid 19 nur eine normale Grippe wäre, Gesichtsmasken nutzlos und Bill Gates uns allen durch den Impfstoff Mikrochips implantieren lassen möchte.

Natürlich gibt es auch Fantastereien, wo das Virus herstammt. Ein chinesischer Kampfstoff aus einem Labor aus Wuhan soll es sein. Der neue Mobilfunkstandard 5G soll dazu dienen, die Viren zu verbreiten. So abwegig und auch unrealistisch sich das alles anhört, es wird doch geglaubt. In Belgien, den Niederlanden, Großbritannien oder auf Zypern wurden bereits Sendemasten angegriffen und beschädigt.

Die „Infodemie“, wie Fachleute diese Vorgänge nennen, greift mittlerweile so stark um sich, dass die EU unter dem Namen „EUvsDisinfo“ eine eigene Datenbank eingerichtet hat. Hier beschäftigt man sich hauptsächlich mit den Desinformationen, die sich gegen die EU richten.

Dass besonders die US-amerikanischen Behörden gesteigertes Interesse an den Strippenziehern dieser Kampagne haben, dürfte nach den Vorgängen im Präsidentschaftswahlkampf 2016 ja nicht verwundern. So veröffentlichte die Associated Press im Juni 2020 einen Artikel, in dem US-Beamte angaben, die Spur bis zu zwei Männern, die der Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije (GRU), dem russischen Militär-Nachrichtendienst nahestehen, zurückverfolgen konnten.
Auch die New York Times berichtete entsprechend.

Von der russischen Seite wird dies anders gesehen, nämlich als Ablenkung vom eigenen Versagen der US-Administration in der Corona-Pandemie. Auch sei die Verbindung der beiden Männer zur GRU nicht nachgewiesen.

Eine Studie der University of Oxford vom Juni 2020 wertete 35.856 Artikel aus, die in drei Sprachen erschienen waren. Hier konnte eine führende Rolle staatlicher russischer Sender und Medien nachgewiesen werden.

Der Co-Autor der Studie, Christian Schwieter, sagte der Deutschen Welle: „Medien wie Russia Today (RT) berichten viel über soziale Proteste und Themen, die aufwühlen. Die emotionale Berichterstattung provoziert mehr Reaktionen in den sozialen Netzwerken.“

Nach Erkenntnissen der Forscher aus Oxford berichten russische Staatsmedien besonders ausführlich über Anti-Corona-Proteste und Verschwörungstheorien. Chinesische und türkische Staatsmedien betonten eher den angeblich vorbildlichen Umgang mit der Pandemie in ihren Ländern. HispanTV, der spanischsprachige Ableger des iranischen Staatssenders „IRIB“, nutzte die Pandemie nach Einschätzung des Forscherteams, um kritische Stimmen gegenüber den USA zu verbreiten. (Quelle)

Zu den Hintergründen der aktuellen Desinformationskampagne schreibt die Deutsche Welle weiter: Die aktuelle russische Propaganda unterscheidet sich dabei grundsätzlich von der alten sowjetischen Machart: „Statt den Glauben an einen kommunistisch geprägten Fortschritt zu propagieren, versuchen Desinformationskampagnen von heute das Vertrauen in eine rationale Problemlösung zu unterminieren“, meint der russische Medienanalytiker Andrej Archangelskij.
„Das ist nicht nur ein Versuch, Demokratien in Misskredit zu bringen“, behauptet er, sondern auch ein Wunsch des Kremls, „sich an den Demokratien für das Scheitern des sowjetischen Projekts zu rächen“. Vieles an Fake News werde verständlicher, wenn man dieses Motiv bedenke, so Archangelskij.

Wir sehen also, die Akteure auf dem Feld der Infodemie sind vielfältig, auch wenn Deutschland schon aus historischen Gründen vor allem im Visier der russischen Staatspropaganda liegt. Wie man Fake News erkennen kann, hat die Bundeszentrale für politische Bildung auf ihrer Seite erklärt. Speziell mit Verschwörungsmythen zur Corona-Pandemie haben sich die Kollegen der GWUP beschäftigt und hier zahlreiche Beispiele zusammengetragen.

Quellennachweis Beitragsbild: Von N1CKG0R – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=82336730