Warum ich Kritik an der Homöopathie wichtig finde – Heute: Der Kinderdok

Heute habe ich einen Gast in meinem Blog, den ihr sicherlich alle kennt und den ich gar nicht erst groß vorstellen muss: den ‚Kinderdok‚. Sein Blog, in dem er von seinem Alltag als Kinderarzt erzählt, gehört zu den bekanntesten deutschen Medizin-Blogs. Außerdem schreibt er alle vier Wochen im Tagesspiegel eine Kolumne. Wir haben miteinander über Kinder, Eltern und die Homöopathie gesprochen.

Schön, dass du heute hier bist, lieber Kinderdok, und wir uns ein bisschen unterhalten können. Also kommen wir gleich zum Punkt: Wer bezahlt dich dafür, dass du schlecht über die Homöopathie sprichst?

Danke erst einmal für die schmeichelhaften Einführungsworte, lieber Michael. Ist es nicht geschickt, wie wir die kassierten Gelder untereinander aufteilen? Ein gutes Standing schaffen im Netz, sich gegenseitig die Bälle zuspielen, um am Ende gemeinsam mit einer Stimme zu sprechen.

Aber Spaß beiseite. Du berichtest in deinem Blog ja öfters von Eltern, die nach homöopathischen Mitteln für ihre Kinder fragen. Ist das deiner Einschätzung nach in den letzten Jahren mehr geworden?

Da sitze ich tatsächlich in meiner Praxis in einer Filterblase, ähnlich wie bei Twitter oder auf meinem Blog, wo dir irgendwann nur noch die folgen, die ähnliche Ansichten haben wie du selbst. Ich glaube, dass ich als Kinderarzt in unserer Umgebung den Ruf habe, Globuli abzulehnen, für Impfungen zu sein und selten etwas zu verschreiben (weil ich nichts davon halte, nur um des Rezeptes willen irgendeinen Hustensaft zu verordnen). Dann kommen in der Regel auch nur die Eltern, die sich mit dieser Art der Medizin anfreunden können.

Nein, ich glaube nicht, dass die Nachfrage nach Homöopathika zugenommen hat. Zugenommen hat aber leider die Verschleierung der (Nicht-)Wirkung. Daher gibt es immer mehr Eltern, die ‚mal so‘ Globuli geben.

Was meinst du, woher dieses Interesse in der jetzigen Elterngeneration kommt?

Unser Zeitgeist verlangt die Hinwendung zum Natürlichen, zum Klaren, zum ökologisch und politisch Korrekten. Leider wird hier Homöopathie gnadenlos subsummiert. Die Nach-90er-Generation ist clean, Nichtraucher, Fahrradfahrer, oft auch vegetarisch oder gar vegan, bindungsorientiert in der Erziehung und selbstverständlich kritisch, immer kritisch. Mediziner als ‚reiche Akademiker‘ gehören ein bisschen zum Feindbild, die etablierte Medizin gilt es zu hinterfragen – als ob aber die Homöopathie hier sauberer wäre.

Dann verlangt es uns mehr nach Kryptischem, nach Unerklärlichem, nach Mystik. Was wäre da besser als ein Mittelchen, das auf nicht erklärbare Weise vorgibt, irgendwie zu wirken?

Wie reagieren die Eltern darauf, wenn du sie aufklärst?

Meist auf zweierlei Arten. Die einen sind überrascht, was Verdünnung und Potenzierung wirklich bedeuten, manche sind belustigt, wie Globuli hergestellt werden, wenn man ihnen das Verfahren schildert. Auch der Vergleich von einem Tropfen Wirkstoff zu -zigfachen Mengen an Wasser, z.B. des Meeres oder aller Meere dieser Galaxie, beeindruckt viele Eltern so, dass sie spontan “dann kann das ja gar nicht wirken” schlussfolgern. Die ärgern sich oft, so viel Geld in der Apotheke oder beim Heilpraktikanten gelassen zu haben.

Dann gibt es die Reaktion “da kann man ja auch ganz anderer Meinung zu sein” – und schon bist du mitten auf einem Spielfeld, wo Meinungen als Fakten verstanden werden – auch Teil unseres Zeitgeistes. Die medizinskeptischen Eltern sind bei Schwurbelmedizin ungleich weniger skeptisch.

Das Klischee von der überbesorgten Helikopter-Mama, die ihrem Kind auf dem Spielplatz bei jeder Bagatelle Globuli gibt, ist ja mittlerweile traurige Realität geworden. Was meinst du, was macht das mit den Kindern, wenn sie bei jeder Kleinigkeit Globuli bekommen?

Dieses Bild wird ja gerne bemüht. Ich habe es tatsächlich auch so auf dem Spielplatz erlebt, als meine Kinder noch kleiner waren.

Ich versuche den Eltern in meiner Praxis zu vermitteln, dass der kindliche Organismus ein enorm hohes Selbstheilungspotential hat, und dass man daher nicht bei jedem kleinen Wehwehchen ein ‚Medikament‘ geben muss. Viele sind allerdings erst zufrieden, wenn sie mit einem Rezept die Praxis verlassen. Viele KollegInnen, die Homöopathika verordnen, geben das auch offen zu: Ein rosa Rezept hilft. Dass da nur ein Placebo (= Globuli) verordnet wird, wird dann den Eltern natürlich nicht kommuniziert.

Kinder lernen, dass bei allem das Notfallset mit den Globuli-Phiolen gezückt wird. Gegen schlechten Schlaf, gegen den Insektenstich, gegen Sonnenbrand, gegen den blauen Fleck, zur Unterstützung bei der Impfung, aber auch zur ‚Entgiftung‘ nach einer Antibiotika-Gabe. Ich bin überzeugt, dass das zu Medikamentenabhängigkeit führt. Der Mensch lässt sich leicht konditionieren.

Oftmals werden Kinder, gerade Säuglinge und Kleinkinder, quasi als Kronzeugen für eine Wirkung der Homöopathie angeführt, denn sie könnten ja noch keinem Placebo-Effekt aufsitzen. Was sagst du dazu?

Wir sprechen hier vom Placebo-by-proxy-Effekt. Das bedeutet: Die Mutter oder der Vater geben dem Kind Globuli, vermitteln aber nonverbal, verbal, durch Gesten und viel drumherum Fürsorge, die dem Kind natürlich gut tut. Das gilt auch für Tiere. Und es geht dem Patienten auch besser, weil sich jemand kümmert.

ÄrztInnen, die Globuli verordnen, setzen im Grunde auf den ‚Placebo-by-proxy-by-doctor-Effekt‘. Die Eltern denken, sie bekommen ein potentes Mittel, geben das dem Kind (“das hat dir der Doktor verschrieben, wir haben es sogar in der Apotheke geholt”), da wird so viel ‚Schwingung‘ mitgegeben, was am Ende vielleicht positiv wirkt. Und wenn nicht? Die Homöopathen haben ja immer noch die Ausrede der ‚Erstverschlechterung‘ und die Möglichkeit, ein ‚passenderes‘ Mittel auszuprobieren. Das wird ihnen fast immer zugebilligt.

Ist die Homöopathie eigentlich die einzige „Alternativmedizin“, die deine Patienten von dir haben möchten?

Osteopathie ist leider sehr en vogue, vielfach durch Hebammen angebahnt, die jede Form der Geburt inzwischen als Trauma identifizieren, nach dem der Osteopath irgendwelche dubiosen Blockaden wegstreichen muss. Dann sind wir immer wieder konfrontiert mit Bioresonanzmessungen von Heilpraktikern, die seltsame Allergien finden. Ach ja: Darmsanierung ist auch sehr in.

Sind Eltern, die derartige Therapien o.ä. nachfragen, auch kritisch gegen das Impfen eingestellt? Gibt es da Überschneidungen?

Nicht automatisch, aber Schnittmengen gibt es. Wie ich schon sagte: Wer die moderne Medizin kritisch sieht, tendiert gerne zu Rückwärtsgewandtem, vermeintlich Natürlichem, das schließt dann auch die Abkehr vom Impfen mit ein.

Die meisten Eltern, die Globuli verwenden, wissen allerdings gar nicht, wie wenig bzw. gar keinen Wirkstoff sie da geben, weil sie sich nicht damit beschäftigen. Strenge Impfgegner sind jedoch der Meinung, extrem gut informiert, also ‚impformiert‘, zu sein – allerdings sind sie meist fehlinformiert und sitzen selbsternannten Experten aus dem Netz auf. Da treffen sich die Gruppen nicht.

Denkst du, die neue Masern-Impfpflicht bringt eine Verbesserung der Situation?

Sie wird die Quoten ändern, ja. Allerdings wird sie auch die Gräben vertiefen. Meine Angst ist, dass andere Impfungen als weniger wichtig wahrgenommen werden, wenn wir uns nur auf die Masern stürzen.

Außerdem halte ich den Beschluss zur Masern-Impfpflicht für sehr unpraktikabel – alleine, dass wir keinen Mono-Masern-Impfstoff haben, wird schon zu Diskussionen bei den Impfgegnern führen, die der Impfpflicht ja nur folgen können, wenn sie sich parallel gegen Mumps und Röteln impfen lassen. Von der Problematik des Nachweises mit allen Schlupflöchern gar nicht erst zu reden.

Ich bin mal gespannt, wievielen Kinder dann plötzlich bescheinigt wird, sie hätten eine Allergie gegen Impfstoffbestandteile oder sonst irgendwelche dubiosen Gründe, die gegen eine Impfung sprechen würden.

Eine Frage noch zu Deinem Blog: dort und in deinem Buch schilderst du Erlebnisse mit deinen Patienten und deren Eltern. Ist das alles tatsächlich so passiert oder denkst du dir das aus?

Das ist natürlich alles so passiert, und es ist nichts erfunden. In einem Blogartikel finden sich aber naturgemäß Verkürzungen der Situation, eine Dramatisierung in manchen Formulierungen, außerdem ändere ich regelhaft die Personen: Vater wird zur Mutter, aus Junge wird Mädchen, ich ändere mal das Alter, die Namen sowieso. Das alleine, um Rückschlüsse auf echte Personen zu vermeiden. Eher selten packe ich mal zwei Begebenheiten zu einer Geschichte zusammen, so bekomme ich sicher zehn Kinder pro Tag mit Ausschlag vorgestellt, da werden manche verteilten Fragen der Eltern zusammengefasst.

Lieber Kinderdok, hab vielen Dank für das nette Gespräch und deine Geduld. Schön, dass du heute hier zu Gast warst!

Ich habe zu danken: Für deinen informativen Blog und deine Aufklärungsarbeit – es ist mir eine Freude, für deine Serie von dir interviewt worden zu sein. Bis bald!

3 Gedanken zu “Warum ich Kritik an der Homöopathie wichtig finde – Heute: Der Kinderdok

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