Rudolf Virchow und die Homöopathie

Leben und medizinisches Wirken

Rudolf Ludwig Carl Virchow war einer der Begründer der modernen Medizin und Forscher von Weltgeltung. Er begründete die Zellularpathologie, die gemeinsam mit der Mikrobiologie ein Fundament der wissenschaftlich begründeten Medizin bildet. Auch die moderne Sozialhygiene geht auf ihn zurück. Darüber hinaus betätigte er sich auf den Feldern der Pathologie, Anthropologie und Prähistorik. Weiters war er ein liberaler Politiker und Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung, des Preußischen Abgeordnetenhauses und des Deutschen Reichstages.

Virchow wurde am 13. Oktober 1821 im hinterpommer’schen Schivelbein geboren und verstarb am 5. September 1902 in Berlin. Er besuchte die Stadtschule Schivelbein und das Gymnasium Köslin. Nach der bestandenen Reifeprüfung studierte am „Medicinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelm-Institut“ in Berlin und fand eine Anstellung als chirurgischer Unterarzt an der Charité. Darüber hinaus führte er auch noch pathologische Forschungen durch. So entstammte auch seine im Oktober 1845 eingereichte Dissertation mit dem Titel „De rheumate praesertim cornea“ der Pathologie.

Von Ende 1845 bis Anfang 1846 schlossen sich die Staatsexamina an und im November 1847 die Habilitation mit dem Titel „De ossificatione pathologica“, in deren Anschluss er Privatdozent wurde. Durch seine Beteiligung an der Deutschen Revolution und seine harsche Kritik an der Preußischen Regierung anlässlich der Fleckfieber-Epidemie in Oberschlesien verlor er seine Stellung und auch seine Wohnung.

So wechselte er zum Wintersemester 1849 an die Universität Würzburg, wo er den Lehrstuhl für Pathologische Anatomie als ordentlicher Professor übernahm. Hier schuf er zuerst ein eigenständiges pathologisches Institut, in dem er wenige Jahre später auch seine Lehre der Zellularpathologie entwickelte.

1856 wurde er auf Antrag der medizinischen Fakultät der Universität Berlin als Professor der Pathologie und Therapie berufen und übernahm im selben Jahr das neu geschaffene Ordinariat für Pathologie auf dem Charité-Gelände sowie die Prosektoren-Stelle.

Im gleichen Jahr erschienen seine „Gesammelten Abhandlungen zur Wissenschaftlichen Medicin“, in denen er auch seine Erkenntnisse zur Thrombose und zu Bluterkrankungen darlegte. Zwei Jahre später erschien „Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre. Mit diesen beiden Werken sorgte Virchow dafür, dass die moderne Medizin ein naturwissenschaftlich begründetes Fundament aus Pathologie und Pathophysiologie erhielt und die seit der Antike bestehende Humoralpathologie obsolet wurde.

Ab 1848 arbeitete Rudolf Virchow auch intensiv auf dem Gebiet der Sozialhygiene. So geht die erste Kanalisation und Trinkwasserversorgung Berlins, die ab 1869 entstand, auf ihn und James Hobrecht zurück. Auch die Gesundheitsvorsorge lag ihm am Herzen und so setzte er sich vehement für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter ein. Eine weitere von seinen Forderungen war die berufsmäßige Krankenpflegeausbildung und die Einrichtung von Krankenpflegeschulen.

Seine Leistungen auf den Gebieten der Anthropologie, der Ethnologie und der Prähistorik seien aus Platzgründen an anderer Stelle dargestellt, ebenso wie sein Wirken als Politiker.

Sowohl in der Medizin als auch in seinen anderen Interessensgebieten war Virchow sehr gut international vernetzt. So gehörte er zahlreichen Akademien an (bspw. der Royal Society) und stand in engem Kontakt zu seinen ausländischen Kollegen.

Rudolf Virchow war seit dem 14. August 1850 mit Ferdinande Amalie Rosalie (Röschen) verheiratet, mit der er sechs Kinder hatte. Er starb am 5. September 1902 an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruches, den er sich zuzog, als er am 4. Januar 1902 von einer noch fahrenden Straßenbahn absprang.  

Virchow und die Homöopathie

Schon während seines Studiums trat Virchow vehement für eine Abschaffung unzeitgemäßer Scheinmedizin wie dem damals noch beliebten Mesmerismus, Hydropathie und eben auch der Homöopathie ein und veröffentlichte dies auch in zahlreichen Artikeln und Vorträgen. So schrieb er 1845: Weniger groß, doch um so bedeutungsvoller durch ihren Einfluß auf leicht bewegliche Volksmassen, ist die Kohorte der Propheten des Aberglaubens. Homöopathie und Hydropathie, Magnetismus und Exorzismus – Phantome des Mittelalters – erheben ungestört ihr Haupt, und das Licht der Wissenschaft ist noch nicht klar genug, um sie ungesäumt zerstreuen zu können.

Insbesondere die hohen „Potenzen“ griff er an: Ganz widersinnig aber ist der Glaube, dass von einer bestimmten Substanz eine geringe Menge mehr wirken soll, als eine grosse Quantität derselben Substanz.

Virchow sprach in seiner Ablehnung der Homöopathie auch deutliche Worte und setzte die Homöopathie mit Quacksalberei und Kurpfuscherei gleich. Auch den Vergleich zu den Medicin-Männern der Wilden und die Schamanen der culturlosen Stämmen scheute er nicht.

Besonders als Abgeordneter zum preußischen Herrenhaus trat er 1891 vehement gegen den Abgeordneten Hans von Durant an, der Lehrstühle für Homöopathie und homöopathische Kliniken forderte.

Während dieser Diskussion trat Rudolf Virchow ans Rednerpult und stellte fest: Sie werden, wenn Sie nur ein mässiges Quantum von Urtheil mitbringen, sehen, dass nicht eine Spur von logischer Beurtheilung in den grundlegenden Sätzen der Lehre [Hahnemanns] darin enthalten ist. Sehen Sie mich nicht so erstaunt an, ich sage das aus voller Ueberzeugung. In meinem Kolleg lese ich wenigstens einmal im jedem Jahre die betreffenden Paragraphen aus dem Organon vor, und mache die Studenten darauf aufmerksam, dass das der Ausgangspunkt der langsam fortschreitenden Bewegung ist. Wenn Sie die betreffenden Paragraphen lesen, werden Sie selbst erstaunt sein, wie es möglich ist, dass eine solche Grösse des Unsinns hat aufgewendet werden können, um die Homöopathie selbst dem Wohlwollen des Herr Unterrichtsministers nahe zu legen. Man spricht immer von einer Methode. Es ist gar keine Methode, im Gegentheil, es ist die absolute Negation von Methode. Was da getrieben wird, das ist einfach der Ausdruck des Gedankens: similia similibus, der auf nichts basiert, und der, gleichwie der andere von den kleinsten Dosen, bis auf die letzten Grenzen des Unsinns fortgeführt wird. Meine Herren, ich verlange deshalb nicht, dass die Homöopathie verfolgt wird, oder dass man jemanden hindern soll, homöopathisches Präparate zu vertreiben. Das ist dieselbe Sache wie mit der Kurpfuscherei. Aber wenn man verlangt, dass der Homöopathie Anstalten errichtet, dass ihr bestimmte Krankenhäuser überlassen werden sollen, dass sie gelehrt werden soll als eine Wissenschaft, dann muss ich allerdings sagen, ich werde vielleicht auch nicht verhindern können, nachdem soviel Unsinn passirt ist, dass auch das passirt, aber ich werde wenigstens nie aufhören, bis zuletzt meine warnende Stimme zu erheben, damit nicht die schädliche Bewegung in immer weitere Kreise hineindringt.

Dem und der im „Ärztlichen Vereinsblatt für Deutschland“ erfolgte Zusammenfassung, dass Virchow die Homöopathie als missrathene Tochter der Medizin gebührend zu kennzeichnen verstanden hatte, ist nichts hinzuzufügen. Anzumerken ist, dass Virchows Worte so eindrucksvoll wirkten, dass ein Lehrstuhl für Homöopathie an der Universität Berlin erst 1929, also 27 Jahre nach seinem Tode und 38 Jahre nach dieser Diskussion ins Leben gerufen wurde.

Zitiert nach:
Lucae, Christian: Homöopathie an deutschsprachigen Universitäten. Heidelberg, 1998.

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