Jeder blamiert sich so gut er kann…

… und unsere Freunde aus der Homöopathie übertreffen sich immer und immer wieder darin. Also im blamieren. Ihr neuestes Meisterstück ist seit gestern auf der Homepage des Landesverbandes Bayern des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte zu lesen.*

In einem „offenen Brief“ beschwert sich dort der Erste Vorsitzende vorgenannten Verbandes in für mich unerträglicher Larmoyanz darüber, dass im Rahmen des 127. Kongresses der Gesellschaft für Innere Medizin ein Hals-Nasen-Ohrenarzt einen Vortrag zur Homöopathie hält. Nun ist Dr. Christian Lübbers – das ist nämlich der Schlingel, der sich das erdreistet – nicht nur ein langjährig erfahrener und arrivierter HNO-Arzt, sondern ebenfalls seit Jahren ein anerkannter und fundierter Kritiker der Hahnemann’schen Zauberzuckerlehre und hat nicht nur alle Berechtigung, sondern auch alle Expertise dafür, an dieser Stelle zu diesem Thema zu sprechen.

Aber nicht nur Herr Dr. Lübbers, sondern gleich alle anderen Kritiker der Zuckerkugeln werden hier diskreditiert: Es ist Ihnen sicher nicht entgangen, dass in allen Medien immer wieder nur eine knappe Handvoll selbsternannter „Experten“ – alle aus dem Dunstkreis der Skeptikerbewegung! – zu Wort kommen, wenn es um Homöopathie geht. Eine einzige (!) Kämpferin gegen die Globuli ist selbst Ärztin, hat eine Homöopathie-Ausbildung absolviert und eine zeitlang eine entsprechende Praxis geführt. Alle anderen kommen z.T. auch aus nicht-medizinischen und fachfremden Berufsgruppen.

Diese Formulierung ist umso erstaunlicher, waren doch maßgebliche Persönlichkeiten in der Geschichte der Homöopathie ebenfalls keine Ärzte, und dennoch schmücken sich die Jünger des süßen Globulus noch heute gerne mit ihnen. Genannt seien an dieser Stelle nur Clemens von Bönninghausen (Jurist), Arthur Lutze (Postbeamter) oder Mélanie Hahnemann (kein Beruf). Eine Liste, die sich fortsetzen ließe.

Gut, „selbsternannten Experten – alle aus dem Dunstkreis der Skeptikerbewegung“ ist meiner Meinung nach schäbig und soll an dieser Stelle nicht weiter beachtet werden. Schauen wir uns lieber einmal an, in welchem Rahmen der werte Dr. Lübbers seinen Vortrag halten soll.

Dies ist nämlich im „Forum Junge Internisten“ unter dem schönen Titel „Der Internist im postfaktischen Zeitalter“. Ist das nicht nett? Das Wörterbuch „Neues Wort“ erklärt den Begriff „postfaktisch“ übrigens wie folgt: Das Adjektiv postfaktisch bedeutet „gefühlsmäßig“ oder „unsachlich“. Es beschreibt vor allem Aussagen, die auf Gefühlen und nicht auf Tatsachen beruhen. Das Gegenteil davon ist „faktisch“ – auf Tatsachen beruhend. Passt, oder?

Im Rahmen des Kongresses spricht übrigens auch Prof. Dr. Harald Lesch zur Klimakrise. Der ist ja nun Astrophysiker (Weltraum-Erklärbär). Ich hoffe nach dieser brisanten Information nur, dass nun seine Qualifikation für den Vortrag nicht auch noch angezweifelt wird. Und der von Hirschhausen spricht da auch noch und ist auch kein Internist. Es wird immer schlimmer.

Den Vogel schießt der Herr Vorsitzende (der sich selbst „Vorstand“ nennt) aber mit dem letzten Satz seines Briefleins ab. Nachdem er sich und seinen Verein der Gesellschaft für Innere Medizin für zukünftige Veranstaltungen angepriesen hat wie das sprichwörtliche saure Bier, schließt er mit: An einem fairen und vorurteilsfreien, fachlichen Diskurs sind wir als ärztliche Kolleg*innen sehr interessiert.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: der Erste Vorsitzende eines Vereines, in dessen Satzung es unter Punkt 2.2 zum Vereinszweck ausdrücklich heißt: Zweck ist, die Ausübung der Homöopathie als ärztliche Heilkunst zu fördern. Homöopathie ist eine ärztliche Therapieform mit Einzelarzneien, welche am gesunden Menschen geprüft sind und in der Regel in potenzierter Form nach dem Ähnlichkeitsprinzip verordnet werden. und in der es unter Punkt 3.1 (Aufgaben und Ziele) es heißt: Vorrangiges Ziel ist es, die Interessen der homöopathischen Ärzte in der Ärzteschaft, der Politik der Wirtschaft, den Hochschulen und in der Bevölkerung regional zu vertreten und zu wahren, bietet sich für einen vorurteilsfreien, fachlichen Diskurs an.

Das muss der Onkel jetzt erstmal sacken lassen. Ja denkt denn irgendjemand, dass der Vorsitzende einer lupenreinen Interessenvertretung einen vorurteilsfreien Diskurs führt? Ich kann es mir nicht vorstellen. Hui, bei so viel Unverfrorenheit steigt der Blutdruck des Onkels…

Was müssen das für wahre Teufelsweiber und Teufelskerle sein, diese „selbsternannten Experten aus dem Dunstkreis der Skeptikerbewegung“, dass die vereinigten Homöopathen zwischen Hof und Traunstein vor Angst schlottern, wenn ein Vortrag auch nur angekündigt wird. Anders kann ich mir ein Elaborat wie das vorliegende nicht erklären, hört es sich doch in meinen onkelichen Ohren doch eher an wie der kleine Michel, der greinend zur Mama läuft, weil die böse, böse Pippi ihm das Schippchen im Buddelkasten weggenommen hat.

Ich persönlich bin ja prinzipiell ein liberaler Mensch, der an das Gute im Menschen glaubt, deswegen hätte ich mir den Vortrag erstmal angehört und danach gezetert, wenn es was zu zetern gegeben hätte, aber gut, unsere Freunde von der homöopathischen Gestalt machen es erstmal andersrum. Sei’s drum. Da fällt mir nur der gute Friedrich von Schiller ein, den ich hier gerne zitiere: Dies war kein Heldenstück, Octavio!**

Dem werten Dr. Lübbers wünsche ich viel „Vortrags-Schwein“, wie man so schön sagt, weiß ich doch, dass er ein hervorragender Kenner der Materie ist und genügend Fachwissen zur Homöopathie hat. In diesem Sinne: Glück auf, lieber Christian!

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*Nein, das verlinke ich nicht. I
**Friedrich von Schiller, bedeutender deutscher Dramatiker. Zitat aus: Wallenstein, 3. Akt, 9. Szene

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