Ferdinand Sauerbruch und die Homöopathie – Teil 3: Sauerbruch – Ein Nazi?

Teil 3
Sauerbruch – Ein Nazi?

Dies ist tatsächlich der schwierigste Abschnitt meiner Sauerbruch-Reihe, lässt mich der alte Geheimrat doch nicht recht schlau werden aus seinem Verhalten gegenüber dem Nationalsozialismus. Die Frage, ob Sauerbruch ein Nazi war oder nicht, wurde schon dutzendfach diskutiert und dutzendfach unterschiedlich bewertet. Die historische Forschung zu diesem Thema erbringt noch immer neue Erkenntnisse – in der Tendenz zunehmend solche, die Sauerbruch eher entlasten. Man muss sich vergegenwärtigen, dass nach Kriegsende eigentlich niemand in Deutschland auf die Idee kam, Sauerbruch als NS-Anhänger anzusehen. Im Entnazifizierungsverfahren sagten 70 Zeugen ausnahmslos für ihn aus. Die sowjetische Militärkommandantur betraute ihn bedenkenlos mit der Oberaufsicht über das Gesundheitswesen im damaligen sowjetischen Sektor Berlins – wie schon im ersten Teil erwähnt, ist dies kaum vorstellbar, hätten die Sowjets ihn als irgendwie belastet angesehen. Die Stimmung wendete sich erst 1951, in seinem Todesjahr, gegen ihn.

Zunächst wäre die Frage interessant, ob Sauerbruchs Herkunft und Persönlichkeit es überhaupt als wahrscheinlich erscheinen lassen, dass er mit dem NS-Regime über das Unvermeidliche und objektiv Nützliche hinaus „kollaboriert“ habe.

Sauerbruch, im protestantisch-bürgerlichen Milieu Westfalens aufgewachsen, war in seiner deutsch-nationalen, liberal-konservativen Grundhaltung stets ein Patriot. So sind auch seine Äußerungen in der frühen Weimarer Republik zu deuten. Obwohl er zu dieser Zeit mit dem Nationalsozialismus in Berührung kam, hatte er sich nicht mit ihm identifiziert, vor allen Dingen aus zwei Gründen – wegen seiner Ablehnung des Antisemitismus und wegen seines Internationalismus. (13) In der Tat sind dies zentrale Punkte, die nicht mit der NS-Ideologie in eins gehen konnten. Deutschnational war damals durchaus keine ehrenrührige Haltung, vor allem keine, die in der seiner Zeit automatisch eine Identifizierung mit den Nazis impliziert hätte. Und als „liberal konservativ“ wird man die NS-Ideologie wohl auch kaum bezeichnen können.

Aus dieser Einstellung machte der Chirurg auch nie einen Hehl, man kann dies ganz offen in seinem Buch „Das war mein Leben“ nachlesen. Nachdem er mitten in die wilhelminische Zeit hineingeboren wurde, hatte er auch dessen Werte und Ideale „Gott – Kaiser – Vaterland“ verinnerlicht. Durch sein internationales Ansehen und seine Reputation in der Fachwelt war er für die Nationalsozialisten natürlich ein perfekter „Werbeträger“ und wurde – wie viele exponierte Persönlichkeiten – entsprechend heftig umworben, auch wenn er für die amtierenden Machthaber mit seiner westfälischen Bockbeinigkeit ein „schwer verdaulicher Brocken“ war. Sauerbruch war kein organisierter Nationalsozialist und auch kein uneingeschränkter Befürworter nationalsozialistischer Ideologie und Praxis, er trat nicht der NSDAP bei und er verweigerte sich demonstrativ besonders dem Antisemitismus; aber er hat sich doch zweifellos in Dienst des NS-Staates nehmen lassen, wengleich sein prätentiös autoritärer Habitus auch der Naziclique gegenüber gelegentlich sperrig daher kam. (17)

„In Dienst nehmen lassen“ – nun ja. Welche Möglichkeiten hatte damals eine exponierte Persönlichkeit, die sich entschloss, nicht zu emigrieren?

Man kann davon ausgehen, dass er zu Anfang des „Dritten Reiches“ wie so viele dem Regime mit einer gewissen „optimistischen Gleichgültigkeit“ gegenübergestanden hatte, dies unter der Prämisse, dass der „Spuk schnell vorbei gehe“, wie er sich öfters ausdrückte. Je länger dieser Spuk allerdings anhielt, desto weiter entfernte sich Sauerbruch von ihm. Natürlich sah er sich ständig Avancen des Regimes gegenüber, die ihm – menschlich halt – nicht ganz gleichgültig gewesen sein dürften – aber dauerhaft einwickeln ließ er sich von Hitler und seiner Entourage nicht.

Bei der Person Sauerbruch muss man ganz deutlich sagen, dass es hier kein einfaches „Ja“ oder „Nein“ gibt, kein „Schwarz“ oder „Weiß“, Sauerbruch gehört vielmehr in eine jener unzähligen Graustufen irgendwo dazwischen. Dabei ist noch einmal daran zu erinnern, dass zu seinen Lebzeiten diese Diskussion eigentlich nie geführt wurde – sie kam zu Anfang der 1950er Jahre genau dann auf, als auch zu anderen Persönlichkeiten kritische Stimmen laut wurden. Dabei wurden den einen Vorwürfe gemacht, dass sie emigriert seien, den anderen, dass sie dies eben nicht getan hätten… Aber schauen wir uns einmal einige Einzelheiten aus der Ära des „tausendjährigen Reichs“ an.

3.1 Vor der Machtergreifung

Die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg traf Ferdinand Sauerbruch als liberal-konservativen Patrioten tief. So verwundert es nicht, dass er im brodelnden München der Nachkriegszeit auch immer wieder Kontakte zu deutsch-nationalen und auch völkischen Kreisen suchte. Hier und auch vor seinen Studenten äußerte er sich hoffnungsvoll, dass es eine deutsche „Wiederentwicklung“ geben würde. Aber auch wenn er keine großen Sympathien für die „Roten“ hatte, half er dem Revolutionär Ernst Toller, als dieser nach dem Scheitern der Räterepublik auf der Flucht war. Auch als Toller dann letztendlich vor Gericht stand und Sauerbruch als Zeuge aussagte, verhielt sich dieser „sehr anständig“. Später wurde ihm zum Vorwurf gemacht, dass er 1919 Graf Arco von Valley, den Attentäter auf Kurt Eisner, den ersten Ministerpräsidenten des neu ausgerufenen Freistaats Bayern, operiert und in seiner Klinik vor dem Zugriff der Staatsgewalt eine Zeitlang geschützt hatte. Was ihm später von den Nazis als Parteinahme für die Rechten zugerechnet wurde… eine besonders unangenehme Art der Vereinnahmung, für die es wohl mit einiger Sicherheit keine Berechtigung gab. Sauerbruch handelte als verantwortlicher Arzt. Beide Vorfälle zeigen in der Gesamtschau eher die Unabhängigkeit der starken Persönlichkeit Sauerbruchs.

Bereits Anfang der 1920er Jahre lernte er Hitler kennen, wobei das Verhältnis wohl eher kühl blieb. Dennoch gab es mehrere persönliche Treffen. Sauerbruch schätzte seinen Einfluss auf Hitler jedenfalls so ein, dass er am Tag nach dem gescheiterten Marsch auf die Feldherrenhalle zu ihm fahren wollte, um ihn zur Mäßigung aufzufordern. Dies wurde durch die Verhaftung Hitlers jedoch vereitelt. Seinem Assistenten Nissen gegenüber bezeichnete er Hitler als einen „halbgebildeten Vorstadtbarbier“ und auch anderen Personen gegenüber als „Psychopathen“. Trotzdem attestierte er ihm „große Eigenschaften“ – was man immer darunter verstehen will. Noch 1937 charakterisierte Sauerbruch Hitler als „Grenzfall zwischen Genie und Wahnsinn, der der verrückteste Kriminelle der Welt“ werden könnte.

Das rabiate und lautstarke Auftreten der Nationalsozialisten störte Sauerbruch sehr, das vertiefte sich noch, als am 12. November 1923 nach dem Putschversuch eine Versammlung der Münchner Studenten stattfand, in der Sauerbruch und alle anderen Professoren zur Mäßigung aufriefen. Sie alle wurden „niedergepöbelt“. Die Reichswehr marschierte auf, um die Versammlung zu zerstreuen, und als Sauerbruch die Soldaten beruhigen wollte, traf ihn ein Kolbenhieb auf den Kopf.

Auch wenn Sauerbruch sich in dieser Zeit gegen die „dunklen Seiten“ Hitlers und seiner Bewegung stellte, entschied er sich doch nicht zu einer Abkehr oder gar offenen Gegnerschaft. Anscheinend sah er in Hitler doch einen Hoffnungsträger für die Zukunft Deutschlands. Aber auch hier zeigte Sauerbruch ambivalentes Verhalten. Den Wahlaufrufen für die NSDAP, die am 5. November 1932 von insgesamt 56 Professoren und Dozenten unterzeichnet wurden, folgte er nicht.

3.2 An die Ärzteschaft der Welt

Nach der Machtergreifung 1933 trug Sauerbruch sich mit Auswanderungsplänen, die er aber wieder verwarf. Als er 1936 allerdings in unangenehmer Weise erfuhr, dass einer seiner Mitarbeiter regimekritische Äußerungen weitertrug, flackerten diese wieder auf, sah er dies doch noch als persönlichen Verrat an, später nahm er derartige Denunziationen hin.

In seinen Reden zu Anfang des Dritten Reichs, sei es an der Münchner Universität, sei es an anderer Stelle, stellte er sich an die Seite der „Bewegung“. Die erhaltenen Tondokumente und Aufzeichnungen zeigen dies deutlich. Dagegen scheint die Kritik am ‚politischen Kampf‘, der sich ‚leider oft in unwürdigen, sinnlosen Formen‘ vollzogen habe, ebenso Sauerbruchs Abscheu vor der Revolution von 1918 wie sein Unbehagen über nationalsozialistische Radikalität während der Kampfzeit widerzuspiegeln. Zu letzterem paßt, daß er in den Tagen des Reichstagsbrandes SA-Leuten das Hissen der NS-Fahne auf dem Dach seiner Klinik verbot. (19)

Im September 1933 wurde Sauerbruch von der Regierung dazu aufgefordert, sich am „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“ zu beteiligen. Er tat dies mit einem Brief, überschrieben mit dem Titel „An die Ärzteschaft der Welt“. Aber auch hierin gab es einen Punkt, der konträr zur NS-Ideologie stand. Während er die ‚Ärzteschaft der Welt‘ auffordert, nicht am ‚zielbewußten, ernsten Aufbauwillen unserer Regierung‘ zu zweifeln, plädiert er für einen friedlichen Aufbau und für Internationalismus, dabei seinen ‚Glauben an ein friedliches Auskommen der Völker untereinander betonend. Er rechnet sich zwar zu den ‚national verwurzelten Ärzten‘; aber diese stehen für ihn ‚in einer allgemeinen Kulturverbundenheit mit anderen Völkern‘. (19) Sicher hätten die neuen Machthaber es lieber gesehen, wenn der international bekannte Sauerbruch sich für eine „deutsche Medizin“ im Sinne der Überlegenheitsideologie des Regimes ausgesprochen hätte… Manch ein Akademiker hatte damit weniger Probleme.

Auch verwahrte sich Sauerbruch immer gegen die Eingriffe der Nationalsozialisten in die Wissenschaften und die Universitäten, wie sich in seinem Aufsatz „Zur Abwehr und Verständigung“ zeigt. Auf der 94. Versammlung der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte 1936 in Dresden rügte er in seiner Eröffnungsrede die NS-Wissenschaftspolitik und brach eine Lanze für Einstein und dessen Relativitätstheorie, die nazihörige Physiker als ‚jüdisches Blendwerk‘ aus der Wissenschaft verbannen wollten. (14)

In derselben Rede stellte er sich auch vehement gegen die von den Nazis propagierte „Neue Deutsche Heilkunde“. Sauerbruch, der zu dieser Zeit der Gesellschaft als Präsident vorstand, schloss seine Rede mit Der neue Weg, der jetzt empfohlen wird, ist kein Weg. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Sauerbruch nicht das geringste Verständnis dafür aufbrachte, wissenschaftliche Problemstellungen anders als aus dem wissenschaftlichen Blickwinkel zu betrachten und zu behandeln. Dies dürfte der Kern der „Beziehungen“ Sauerbruchs zum NS-Regime gewesen sein: Er widerstand einer Ideologisierung seiner Profession in hohem Maße. Besonders pikant ist Sauerbruchs Kritik unter dem Blickwinkel, dass Hitler nur zwei Wochen zuvor während des Reichsparteitages den Physiker Philipp Lenard für seine „Widerlegung der Relativitätstheorie“ gewürdigt hatte. Propagandaminister Joseph Goebbels beschreibt in seinem Tagebuch die Reaktion Hitlers: Beim Führer. Er schimpft sehr auf Sauerbruch. (16)

3.3 Der Staatsrat

Der Staatsrat, besser gesagt der Preußische Staatsrat, war ein Gremium, das bereits im Kaiserreich existierte und durch die Nationalsozialisten zu einem rein beratenden Komitee umgebaut wurde. Die Ernennungen wurden von Hermann Göring als preußischem Ministerpräsidenten vorgenommen. Der Staatsrat tagte insgesamt nur sechs Mal, zuletzt am 5. März 1935. Bis zum 31. März 1936 erhielten die Staatsräte eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 1.000 Reichsmark, danach in Höhe von 500 Reichsmark. Bereits als Ferdinand Sauerbruch 1934 seine Ernennung erhielt, handelte es sich um einen reinen Ehrentitel. So bestand der Großteil der Mitglieder auch aus Nationalsozialisten bzw. Förderern des Nationalsozialismus. Aber auch Künstler wie Gustav Gründgens oder Wilhelm Furtwängler waren darunter.

Der ‚Staatsrat‘ hat mit Hitler nichts zu tun, meinte Prof. Sauerbruch. Der Titel stamme vom ‚alten Herrn‘. Zweidreiviertel Jahre hat er den kranken Hindenburg behandelt. Acht Stunden vor dessen Tod kam Hitler ans Krankenbett. Zwei Bitten äußerte der Sterbende: im Gutsgarten neben seiner Frau begraben zu werden und die Anerkennung für seinen ‚Chef‘.
Hitler mußte sich belehren lassen, daß damit Sauerbruch gemeint war. ‚Weil er mich behandelt hat wie seinen Sohn.‘
Zwei Tage nach Hindenburgs Tod fragte Göring nach der Höhe der Behandlungskosten. Ferdinand Sauerbruch lehnte die Erstattung aus der Staatskasse ab. Herr Gritzbach, Görings rechte Hand, bemühte sich persönlich. ‚Herr Minister ist sehr beleidigt.‘
Den angebotenen Titel eines Staatsrates schlug Sauerbruch sofort aus. ‚Das mache ich unter keinen Umständen.‘
‚Jetzt können Sie es nicht mehr ändern‘, empfingen die Assistenten ihren ‚Chef‘, wie ihn seine Mitarbeiter noch heute anreden, nach der Rückkehr von einer Schweiz-Reise. Sauerbruch war Staatsrat in absentia geworden. Der Ernennungsurkunde lag ein Handschreiben
[von Göring] bei. ‚Es hat lange gedauert, bis ich ihren westfälischen Dickschädel begriffen habe: daß Sie zu allem nein sagen und nur als Soldat und Lehrer ihre Pflicht tun.‘ (12)

Diese Darstellung dürfte wohl etwas frei gewählt sein, doch der Medizinhistoriker Christian Hardinghaus schreibt: Nissen besucht 1935 noch einmal Berlin, trifft sich mit Sauerbruch und spricht mit ihm über die Verleihung des Titels. In einem beglaubigten Schreiben teilt Nissen mit, Sauerbruch habe ihm gegenüber erwähnt, wie wenig erfreut er über die Ernennung gewesen ist und dass eine Ablehnung des Preises aber nur unter erheblichen Repressalien gegen ihn und seine Familie möglich gewesen sei. Letztendlich habe er sich damit getröstet, dass die Verleihung von Hindenburg angeregt gewesen sein könnte. (15) Auch verbaten sich sowohl Ferdinand Sauerbruch selbst wie auch seine Frau stets die Anrede „Herr Staatsrat“ bzw. „Frau Staatsrat“.

3.4 Der Deutsche Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft

Als 1936 der Friedensnobelpreis an den im Konzentrationslager Esterwegen inhaftierten Carl von Ossietzky verliehen wurde, sah Hitler dies als Affront an und erregte sich sehr darüber. Als Gegenstück stiftete er 1937 den „Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft“. Während einer Rede im Reichstag am 31. Januar 1937 gab er die Stiftung bekannt: Um für alle Zukunft beschämenden Vorgängen vorzubeugen, verfüge ich mit dem heutigen Tage die Stiftung eines Deutschen Nationalpreises für Kunst und Wissenschaft. Dieser Nationalpreis wird jährlich an drei verdiente Deutsche in der Höhe von je 100.000 Reichsmark zur Verteilung gelangen. Die Annahme des Nobelpreises wird damit für alle Zukunft Deutschen untersagt. (18)

Um die Preisträger des Jahrs 1937 gab es einige Diskussionen. Waren zuerst Alfred Rosenberg, Ferdinand Sauerbruch und Wilhelm Furtwängler ausersehen, wurde Furtwängler kurz darauf durch den Asien- und Südpolarforscher Wilhelm Filchner ersetzt, und auch der bereits verstorbene Architekt Paul Ludwig Troost (so etwas wie ein „Idol“ Hitlers, der ja bekanntlich ein „verhinderter Künstler“ war) wurde posthum in die Liste aufgenommen. Am 7. September 1937 schrieb Joseph Goebbels in sein Tagebuch: Mit Führer Nationalpreisträger durchgesprochen: wir haben uns auf folgender Basis geeinigt: Troost nochmal ehrenhalber über das Grab hinaus. Dann Rosenberg, Sauerbruch und Filchner. Eine ganz ulkige Zusammenstellung. Ein scharfer Parteimann und ein Mann der freien Medizin. Dazu noch ein bedeutender Forscher. Das macht einen guten Eindruck. (16)

Aber bereits am nächsten Tag gab es deutliche Proteste gegen die Ehrung Sauerbruchs, und zwar von Seiten des Reichsärzteführers Dr. Gerhard Wagner. Goebbels schreibt hierzu am 8. September 1937: Meine Rede zur Verleihung des Deutschen Nationalpreises diktiert. Kurz und sachlich. Troost außer der Reihe, dann Rosenberg, Sauerbruch und Filchner. Sauerbruch haben wir noch mit Ach und Krach von Baden-Baden nach hier mit dem Flugzeug geholt. Er wird sich wundern. Nachmittags kommen Dr. Wagner und Genossen und protestieren stark gegen Sauerbruch. Er sei ein Judenknecht etc. Gegen seine wissenschaftlichen Verdienste können sie nichts vorbringen. Wir gehen zum Führer, aber der will nicht zurück. Schließlich einigen wir uns auf folgender Basis: ein Preis wird in 2 Raten zu je 50.000 Mark verteilt. Eine Rate Bier, eine Sauerbruch. Dann muß die ganze Rede wieder umgeworfen werden. Wagner hilft mir bei der Begründung, und dann sind wir klar. Das war eine Zangengeburt! Ich bin froh, als das alles hinter mir liegt. Mit Führer nochmal Rede durchgesprochen. Er ist ganz einverstanden. Freut sich auf seine eigene Kulturrede. In der Verteilung des Preises gibt er mir ganz recht. Sauerbruch ist doch der richtige Mann. (16)

Auch wenn Sauerbruch die übliche überschwängliche Dankesrede hielt und sich durchaus geschmeichelt fühlte (immerhin lagen zu diesem Zeitpunkt bereits über 40 erfolglose Nominierungen für den Nobelpreis hinter ihm), rief diese Verleihung doch Zwiespalt in ihm hervor. Wie er seinem Freund, dem Chirurgen Rudolf Nissen erzählte, machte er sich zwischen der Verleihung im September 1937 und der tatsächlichen Übergabe des Preises im Januar 1938 durchaus intensive Gedanken darüber, den Preis abzulehnen. Dies hätte aber größere Repressalien hervorgerufen und Sauerbruch war sich sicher, dass er dann die Charité und wohl auch Deutschland hätte verlassen müssen. Das Regime hätte eine solche Handlungsweise Sauerbruchs gar nicht anders werten können als einen offenen Affront. Sauerbruch musste realistischerweise in einem solchen Fall auch mit Repressalien gegen seine Familie rechnen.

3.5 Antisemitismus

Der nationalsozialistische Antisemitismus war immer ein Teil der NS-Ideologie, den Sauerbruch aufs Entschiedenste ablehnte. Selbst als Hitler persönlich ihn aufforderte, Mitglied der NSDAP zu werden, lehnte er dies mit der Begründung ab, kein Antisemit zu sein. Und das stimmte auch. Sauerbruch unterhielt zahllose Freundschaften zu Deutschen jüdischen Glaubens, wie zu seinem Nachbarn Max Liebermann der „seine Visage in Öl“ malte. Bei der Beerdigung Liebermanns, im Jahre 1935 auf dem Jüdischen Friedhof am Schönhauser Tor gehörten Sauerbruch und sein Sohn Hans neben u.a. Karl Scheffler, Käthe Kollwitz und Adolf Goldschmied zu den wenigen Menschen, die dem bedeutenden Maler das letzte Geleit gaben.

Sauerbruch hatte einen großen Freundeskreis, zu dem auch zahlreiche Juden gehörten. Auch nach 1933 ließ er es sich angelegen sein, den Kontakt mit ihnen aufrecht zu erhalten. Richard Willstätter, Paul Rosenstein und Robert M.W. Kempner berichten dies ausführlich. Auch, dass Sauerbruch seine Freunde und Bekannten auf zahlreichen Ebenen unterstützte. Sein Assistent Adolphe Jung, ein zwangsverpflichteter Chirurg aus dem besetzten Elsass, hält in seinem Tagebuch fest, dass Sauerbruch bis zum Ende des Regimes verfolgte Juden in der Charité behandelte, beschützte und auch versteckte.

Für den Geheimrat war es normal, unter seinen Studenten und Assistenten Menschen aus aller Herren Länder und Religionen zu haben. Sauerbruch behandelte alle gleich – gleich grob. Genauso wenig interessierte es ihn, welche Rasse, Religion oder politische Einstellung seine Patienten hatten. Sein Patriotismus stand seinem Internationalismus durchaus nicht im Wege und führte ihn wohl auch gerade deshalb nicht auf ideologische Abwege.

3.6 Aktion T4 und KZ-Versuche

Als die Nationalsozialisten 1940 planten, 1.300 Menschen mit geistiger Behinderung, die in Bethel betreut wurden, im Rahmen der Aktion T4 umzubringen, nahm Friedrich von Bodelschwingh über Karl Bonhoeffer Kontakt zu Ferdinand Sauerbruch auf und bat um dessen Unterstützung. Der Geheimrat war entsetzt über diese Pläne und unterstützte Bodelschwingh sofort. Er sorgte umgehend für einen Termin bei Justizminister Franz Gürtner und war bei diesem Treffen persönlich mit vor Ort.

Als Fachspartenleiter im Reichsforschungsrat wurden Sauerbruch auch Forschungsanträge zur Genehmigung auf den Schreibtisch gelegt. Dazu gehörten mindestens drei, die auch Menschenversuche durch Dr. Josef Mengele beinhalteten. Hierauf beruhte seit jeher ein Hauptvorwurf gegen Sauerbruch. Der Historiker Christian Hardinghaus kommt 2019 nach Sichtung der an Sauerbruch gerichteten Forschungsanträge zu einem anderen Schluss. Sämtliche an Sauerbruch gerichteten Anträge enthalten keinen Hinweis auf Versuche, durch die Menschen zu Schaden kamen. Da dies aber in drei bekannten Fällen zutraf, wie sich im Nürnberger Ärzteprozess ab 1946 herausstellte, müssen die Anträge bewusst kaschiert formuliert gewesen sein. Damit stützt Hardinghaus die Beurteilung des Historikers Notker Hammerstein, der bereits 1999 schreibt, dass alle Anträge, die Sauerbruch als Fachspartenleiter Medizin im Reichsforschungsrat zugingen, klassischen und seriösen Themen der Anthropologie zuzurechnen seien, die keinerlei Hinweise auf Experimente an oder Schädigungen von Menschen zulassen würden. Der Beirat von Hannover kritisiert Sauerbruch dafür, nicht gegen einen Menschenversuch protestiert zu haben, der bei der Fachtagung Ost im Mai 1943 vorgestellt wurde. Dort hatte Karl Gebhardt vor Militär und SS-Ärzten von Sulfonamid-Versuchen an verurteilten Partisanen gesprochen. Hardinghaus ist der Ansicht, dass Protest nicht möglich gewesen wäre ohne die eigene Hinrichtung und Repressalien gegen Familienangehörige in Kauf zu nehmen. Wer in dieser Zeit der SS dahingehend widersprach, dass Sulfonamide bei der Behandlung von Gasbrand notwendig seien, so wie Gebhardt es verlauten ließ, nachdem Reinhard Heydrich ungefähr ein Jahr zuvor mutmaßlich an Gasbrand verstorben war, der hätte kaum eine Überlebenschance gehabt. (9)

3.7 Die Mittwochsgesellschaft

Die 1863 in Berlin gegründete „Freie Gesellschaft zur wissenschaftlichen Unterhaltung“, kurz „Mittwochsgesellschaft“ genannte Vereinigung, umfasste jeweils 16 Mitglieder aus 16 verschiedenen Fachgebieten. Die Bezeichnung kommt daher, dass sich die Gesellschaft jeden zweiten Mittwoch im Haus eines der Mitglieder traf. Auch wenn die politischen Ansichten der Mitglieder zu Anfang des Dritten Reichs noch ambivalent waren, wechselte diese beim Großteil zu „eindeutiger Gegnerschaft“. Ferdinand Sauerbruch zählte seit Anfang der 1930er Jahre zu dieser Gesellschaft.

Ein Teil der Mitglieder gehörte auch zum Widerstand gegen Hitler. Ulrich von Hassell, Jens Jessen, Johann Popitz und Ludwig Beck wurden nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 ermordet. Über Generaloberst Beck lernte Sauerbruch auch den Hitler-Attentäter Claus von Stauffenberg kennen, dem er medizinische Behandlung (u.a. die Anpassung eines Sauerbruch-Arms) anbot, was von Stauffenberg aber in Hinblick auf das Attentat abgelehnt wurde. Stauffenberg war auch ein Regimentskamerad (17. Bayerisches Reiter-Regiment, Bamberg) von Sauerbruchs Sohn Peter, bevor dieser in den Generalstab wechselte. Sauerbruch jun. und Stauffenberg blieben aber in intensivem Briefwechsel.

Ferdinand Sauerbruch stellte mehrfach sein Haus als Treffpunkt für die Attentäter bereit und unterstützte am Rande deren Bemühungen durch ähnliche Gefälligkeiten. Allerdings wurde er nie in die konkreten Pläne der Gruppe eingeweiht. Er wusste zwar, dass „etwas“ geplant sei, nicht aber was.

Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Peter Sauerbruch für mehrere Wochen von der Geheimen Staatspolizei inhaftiert und intensiv verhört. Auch Ferdinand Sauerbruch wurde zweimal festgenommen und von Gestapo-Chef Ernst Kaltenbrunner persönlich verhört. Erst die Intervention von Dr. Karl Gebhardt, ehemaliger Assistent bei Sauerbruch und nun hoher SS-Arzt (unter anderem SS-Gruppenführer, Leibarzt von Heinrich Himmler; er führte in Konzentrationslagern Menschenversuche durch und wurde während des Nürnberger Ärzteprozesses zum Tode verurteilt und gehängt), schützte Sauerbruch vor weiteren Repressalien. Gebhardt bemühte sich auch um Peter Sauerbruch, hatte hier aber weniger Erfolg. Erst das Einschreiten von Generaloberst Alfred Jodl führte dazu, dass Sauerbruch jun. entlassen wurde. Die Mittwochsgesellschaft wurde nach dem Attentat von der Gestapo aufgelöst.

3.8 Entnazifizierung

Das gegen Ferdinand Sauerbruch eingeleitete Entnazifizierungsverfahren erregte den Unwillen des alten Geheimrates. Ihm wurde vorgeworfen, während des Dritten Reiches „prosperiert“ und den Titel des „Staatsrates“ angenommen zu haben.

Sauerbruch lehnte u.a. die Richter ab, da es sich um Juristen und nicht um Ärzte handelte, die deshalb sein Tun nicht wirklich beurteilen könnten. Dies ging so weit, dass er sogar eine der Anhörungen aufgebracht verließ. Die Wortduelle zwischen Richtern und Sauerbruch sorgten immer für Erheiterung des Publikums.

Letztendlich stellte die Kommission fest, dass Ferdinand Sauerbruch „selbstverständlich vom Nationalsozialismus stark umworben“ worden sei, „seine Einstellung aber zurückhaltend war und blieb“.

Was mag man als Fazit ziehen? Prognosen sind schwer, vor allem, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Dieser augenzwinkernde Spruch mag in unserem Falle die umgekehrte Bedeutung haben: Rückblicke sind schwer, vor allem, wenn sie sich auf die Vergangenheit beziehen.

Alles in allem verfestigt sich aber das Bild eines charakterstarken Mannes, der sich bewusst entschieden hatte, seine Profession unter den Bedingungen des NS-Regimes nach bestem Können und Wissen unabhängig weiter auszuüben. Es bleibt das Bild, dass er – zwangsläufig – ständig der „Vereinnahmung“ durch das Regime ausgesetzt war, deren er sich in den ihm später zum Vorwurf gemachten herausragenden Fällen (Ernennung zum Staatsrat und Verleihung des Nationalpreises) ohne Gefahr für sich und seine Familie in der Tat wohl kaum hätte entziehen können. Göring und Goebbels haben ihn offenbar regelrecht „eingefangen“ für die Zwecke des Regimes – Goebbels rühmt sich dessen regelrecht in seinen Tagebüchern.

Nach dem, was heute an Dokumenten vorliegt, wird man als gesichert ansehen dürfen, dass Sauerbruch niemals ein Anhänger oder gar aktiver Unterstützer der menschenverachtenden NS-Ideologie war und am Ende des Dritten Reiches dem Regime in Gegnerschaft gegenüberstand. Seine Kontakte zum Kreis der Verschwörer des 20. Juni wären einem anderen wohl zum Verhängnis geworden. Und so wird man im Ergebnis geneigt sein, sich dem Spruch der Entnazifizierungskammer anzuschließen.

Anmerkung:
Das Beitragsbild ist eine der seltenen Aufnahmen, die Geheimrat Sauerbruch in der Uniform eines Generalarztes der Wehrmacht zeigt. Es entstand bei einem Lazarettbesuch in Brüssel. Sauerbruch nahm die Ernennung an, um seinen Beitrag für die Verwundeten zu leisten.

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