Ferdinand Sauerbruch und die Homöopathie – Teil 1: Sauerbruch – Das war sein Leben

Sauerbruch – wer kennt den Namen nicht, Hand hoch! Na… immerhin. Wohl alle die Serie „Charité“ gesehen? Nein, im Ernst, der Name Sauerbruch ist, wenn auch nicht mit so vielen Einzelheiten, irgendwie doch im kollektiven Gedächtnis. Wollen wir den Einzelheiten mal ein wenig nachhelfen?

Ferdinand Sauerbruch war einer der bedeutendsten Chirurgen im 20. Jahrhundert. Seine Leistungen waren bahnbrechend und retteten unzähligen Menschen das Leben. Gelegentlich wird er aber auch als „Streiter für die Homöopathie“ bezeichnet – und das hat mich nun interessiert. Der Mann kann sich ja selbst gegen Vereinnahmung nicht mehr wehren. Ich bin der Frage nachgegangen, wie Sauerbruchs Verhältnis zur Homöopathie tatsächlich war und bin auf erstaunliche Fakten gestoßen. Gleichzeitig möchte ich mit diesem Artikel auch das Leben und Wirken dieses begnadeten Chirurgen etwas beleuchten.

Da dies für einen einzigen Artikel zu umfangreich wäre, habe ich mich dazu entschlossen, ihn in vier Teilen zu veröffentlichen:

Teil 1: Sauerbruch – Das war sein Leben
Teil 2: Wirken und Leistungen
Teil 3: Sauerbruch – Ein Nazi?
Teil 4: Sauerbruch und die Homöopathie

Teil 1
Sauerbruch – Das war sein Leben

1.1 Kindheit und Schulbesuch

Es war der 3. Juli 1875, als Ernst Ferdinand Sauerbruch in Barmen im Bergischen Land geboren wurde. Nachdem der Vater Ferdinand nur zwei Jahre nach seiner Geburt verstorben war, zog die Mutter mit ihm ins nahegelegene Elberfeld zum Großvater, dem Schuhmachermeister Friedrich Hammerschmidt. Sie arbeitete in der Schusterei des Vaters mit, um ihrem Sohn eine gute Schulbildung finanziell zu ermöglichen. Von 1885 bis 1895 besuchte Sauerbruch das Realgymnasium und legte am altsprachlichen Gymnasium in Mülheim an der Ruhr für die Zulassung zum Studium zusätzlich das Graecum ab.

1.2 Studium und Assistentenzeit

1895 nahm er ein Studium der Naturwissenschaften in Marburg auf, wo er sich aber nicht so richtig aufgehoben fühlte. Ein Mann von Entschlusskraft, wechselte er zum Studium der Medizin in Leipzig und Jena. Nachdem er 1901 das medizinische Staatsexamen abgelegt hatte, begann er unter dem bekannten Internisten Heinrich Curschmann mit der Arbeit an seiner Dissertation, die den Titel „Ein Beitrag zum Stoffwechsel des Kalks und der Phosphorsäure bei infantiler Osteomalacie“ trug, sich also mit Mechanismen der damals noch verbreiteten Rachitis bei Kindern beschäftigte.

In den wenigen Jahren von 1901 bis 1903 hatte er gleich mehrere Stellungen inne, zuerst als Landarzt im Thüringischen, dann als Assistent in der chirurgischen Abteilung des Diakonissenkrankenhauses in Kassel, im Städtischen Krankenhaus in Erfurt und im Pathologischen Institut in Berlin-Moabit.

Interessant ist hier vor allem der Wechsel von Kassel nach Erfurt. Seine unkonventionelle Art sowie die eigenmächtige Aufnahme von je einem Schwerkranken an zwei Sonntagen, von denen der eine sogar umgehend operiert werden mußte, brachten ihm aber schon sehr bald seitens des Konsistoriums [des Diakonissenhauses, Anm. Verf.] den öffentlichen Vorwurf der Gotteslästerung, der Nichtachtung der Heiligkeit des Sonntags und der groben gottesdienstlichen Störung ein, was für ihn Anlaß genug war, Ende Juli 1901 einer drohenden Bestrafung durch die Kündigung zuvorzukommen. Nachdem der ärztliche Direktor der Anstalt, Dr. Rockwitz, dem jungen Sauerbruch ungeachtet dessen noch eine Zeitlang in seiner eigenen Privatpraxis beschäftigt hatte, bis ein Ersatz für ihn gefunden worden war, scheint er ihm schließlich auch noch behilflich gewesen zu sein, an dem Städtischen Krankenhaus in Erfurt eine neue Anstellung zu finden. (1)

Bemerkenswert ist übrigens das Zeugnis, das Rockwitz ihm ausstellte. Darin heißt es: Der Approb. Arzt Herr Ernst Ferdinand Sauerbruch war von Anfang April bis Anfang August 1901 als Assistenzarzt des Hessischen Diakonissenhauses dahier angestellt. Während dieser Zeit hatte derselbe anerkennenswerten Eifer, Zuverlässigkeit und Sorgfalt bei der Behandlung der Kranken sowie ein vorzügliches wissenschaftliches Interesse bewiesen, welches, unterstützt durch tüchtige klinische und anatomisch-physiologische Kenntnisse, seine Arbeit anregend und fruchtbringend gestaltete. Besonders gewandt ist er in chemischen und bakteriologischen Untersuchungen. Auch zu selbstständigen chirurgischen Eingriffen hat er Gelegenheit gehabt und dabei Geschick und Umsicht bewiesen. Er läßt sich leiten von einer durchaus idealen Auffassung der ärztlichen Berufsarbeit und hat für die Kranken ein warmes Herz. So hat sich Herr Sauerbruch in seiner jetzigen Stellung vollkommen bewährt und sich mir persönlich als tüchtiger, schätzenswerter, liebenswürdiger Kollege erwiesen. Ich bedaure, daß er seine Stelle äußerer Umstände halber schon nach kurzer Zeit verläßt und trage keine Bedenken, ihn angelegentlich zu empfehlen. (2)

Der Sanitätsrat Dr. Ernst Adolph Brock, seit 1895 ärztlicher Leiter und Oberarzt am Erfurter Städtischen Krankenhaus, war von diesem Zeugnis und einem persönlichen Besuch Sauerbruchs so angetan, dass er gegenüber dem Erfurter Magistrat nachdrücklich dessen Einstellung befürwortete. Brock schrieb: Herr Dr. Sauerbruch hat sich ebenfalls persönlich vorgestellt, macht einen angenehmen, frischen Eindruck und ist von seinem bisherigen Oberarzt sehr gut empfohlen. Es spricht wohl für ihn, dass er freiwillig nach seinem amtlichen Ausscheiden noch in seiner Stellung geblieben ist, um den Oberarzt zu unterstützen bis Ersatz für ihn selbst gefunden war. (1)

Nachdem sowohl der Magistrat als auch die Erfurter Krankenhauskommission zugestimmt hatten, wurde Sauerbruch im Oktober 1901 Assistenzarzt im dortigen Krankenhaus. In Erfurt hatte er neben seiner regulären chirurgischen Tätigkeit auch die Möglichkeit zu eigenen Forschungen. Während dieser Zeit erschien auch seine erste wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel Klinische Beiträge zur Diagnose der eitrigen Perityphlitis (Blinddarmvereiterung) in den Correspondenz-Blättern des Allgemeinen ärztlichen Vereins von Thüringen.

Als Ferdinand Sauerbruch zum 1. Januar 1903 kündigte, erhielt er von seinem Vorgesetzten Dr. Brock wiederum ein hervorragendes Zeugnis: Neben vortrefflichen allgemeinen Kenntnissen hat er hier große Geschicklichkeit und unermüdlichen Eifer gezeigt, ist in den Grundzügen und der Technik der Asepsis völlig zu Hause und hat wiederholt auch größere Operationen (Laparotomien in meiner Vertretung und zu vollster Zufriedenheit ausgeführt. Auch dem Krankenhaus als solchem (Ausbildung der Schwestern und Wärter) hat er sich mit großem Interesse und weit über das nach Dienstordnung Notwendige hinaus gewidmet. (1) Und sogar die Lokalzeitung bezeichnete den Weggang des „tüchtigen und beliebten Arztes“ als einen „entscheidenden Verlust.“ (1)

Sauerbruch wechselte an die Prosektur des Krankenhauses in Berlin-Moabit. Dort wurde ihm dringend empfohlen, seine bisherigen wissenschaftlichen Arbeiten an den Straßburger Internisten Bernhard Naunyn und den Breslauer Chirurgen Johann von Mikulicz-Radecki zu schicken. Und obschon letzterer sich zu dieser Zeit zu einem Studienaufenthalt in den USA aufhielt, reagierte er prompt und bot Sauerbruch zum 1. Oktober 1903 eine Stelle als Volontärarzt an der chirurgischen Universitätsklinik zu Breslau an. Und so war wieder seines Bleibens in der neuen Stelle nicht lange.

In Breslau begann Sauerbruch mit Forschungen, die später sein Ansehen mit begründeten. Neben seiner regulären chirurgischen Tätigkeit befasste er sich dort mit dem Problem der Thorax-Chirurgie, welche bis dahin noch nicht möglich war. Von Herbst 1903 bis Frühjahr 1904 führte er verschiedene Versuche durch und war erfolgreich. Er entwickelte ein Druckdifferenzverfahren, welches künftig auch Operationen im Thorax ermöglichte.

1.3 Professur und erste Stellen als Oberarzt und Dozent

1905, also gerade einmal vier Jahre nach seinem medizinischen Examen, habilitierte er sich an der Universität Breslau mit der Arbeit „Experimentelles zur Chirurgie des Brustteils der Speiseröhre“. Im gleichen Jahr verstarb Johann von Mikulicz-Radecki, und Sauerbruch ging als Assistenzarzt an die chirurgische Universitätsklinik Greifswald, wo er unter seinem früheren Leipziger Lehrer Paul Leopold Friedrich arbeitete. In Greifswald lernte er auch Adeline (Ada) Schulz, die Tochter des Geheimrates Hugo Schulz kennen, die dort als wissenschaftliche Assistentin ihres Vaters arbeitete.

Ein Wechsel nach Marburg brachte ihm 1907 nicht nur eine Stelle als Erster Oberarzt ein, sondern 1908 auch eine Berufung als außerordentlicher Professor an der Chirurgischen Poliklinik, deren Leiter er ebenfalls wurde. Am 3. Jänner 1908 heirateten er und Adeline. Mit ihr hatte er drei Söhne und eine Tochter. Der älteste Sohn Hans wurde Maler, der zweite Sohn Friedrich trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde Chirurg, Peter Sauerbruch war Berufsoffizier und Tochter Marilen heiratete Arthur Georgi jun. und damit ins Verlagsgeschäft ein.

Sauerbruch blieb noch weitere zwei Jahre in Marburg, bis er im Dezember 1910 das Angebot als ordentlicher Professor und Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik in Zürich annahm, wo er bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges blieb. In Zürich baute er auch eine Privatklinik auf, seine Frau Ada übernahm deren Organisation und Verwaltung.

Als 1914 der Krieg ausbrach, meldete er sich freiwillig und wurde beratender Chirurg des 15. Armeekorps. Außerdem warb er unter Schweizer Ärzten für den Dienst in badischen Lazaretten, was dazu führte, dass 1914 eine Delegation von fünf Schweizer Ärzten in der Heidelberger Stadthalle ein Lazarett aufbaute. 1915 war er wieder als Leiter an der Chirurgischen Klinik in Greifswald. Darüber hinaus leitete er das Reservelazarett in Singen, wo er auch die nach ihm benannte „Sauerbruch-Hand“, eine Prothese für unterarm- bzw. armamputierte Soldaten, entwickelte.

Rufe an die Universitäten Königsberg und Halle nahm er nicht an. Erst 1918 wechselte er als ordentlicher Professor an die Universität München, wo er die chirurgische Universitätsklinik zu großer Blüte führte. (3) In dieser Stellung fand er sich 1919 auch als Operateur des Eisner-Mörders Anton Graf von Arco auf Valley und des Sozialdemokraten Erhard Auer wieder. 1918 wurde Sauerbruch durch Ludwig III in München zum „Geheimen Hofrat“, kurz Geheimrat, ernannt. Ludwig erhob ihn auch zum Generalarzt der bayerischen Armee. Damit war er der jüngste Generalarzt im Deutschen Reich.

1.4 An der Charité

Bis 1928 blieb er in München. Erst als er ein Angebot mit außerordentlich guten Bedingungen aus Berlin erhielt, wechselte er an die Charité. Dort leitete er bis zu seiner Emeritierung 1949 die chirurgische Universitätsklinik in der Position eines Ordinarius für Chirurgie. Während der ersten sechs Monate pendelte er zwischen Berlin und München hin und her, fand sich doch in der bayerischen Landeshauptstadt so schnell kein Ersatz für Sauerbruch. So arbeitete und lehrte er von Montag bis Mittwoch in Berlin und von Donnerstag bis Samstag in München. Die Popularität Sauerbruchs unter seinen Studenten zeigte sich darin, dass sie für ihn zu Ehren seines 50. Geburtstages und zum Abschied einen Fackelmarsch veranstalteten. Diese Ehrenbezeugungen waren so ausufernd, dass der gesamte Verkehr zum Erliegen kam und die Tageszeitungen voll waren mit Beschwerden hierüber.

Eines seiner ersten Projekte in Berlin war der Umbau der Chirurgischen Universitätsklinik in der Schumannstraße. Zu dieser Zeit wurden er und seine Familie auch in Berlin sesshaft. Sie erwarben ein Haus in der damals sehr beliebten „Colonie Alsen“ in der Koblanckstraße. Sauerbruchs Nachbar war der Maler Max Liebermann, mit dem sich der Chirurg bald anfreundete und von dem er 1932 auch porträtiert wurde. Auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten blieb die Freundschaft bestehen, und als Liebermann 1935 starb, waren es neben wenigen anderen Sauerbruch und sein Sohn Hans, die hinter dessen Sarg hergingen.
Mit der Bildung der international bedeutenden ‚Sauerbruch-Schule‘ erreichte er in Berlin den Höhepunkt seiner Laufbahn. (3)

1.5 Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg

Die Jahre des sogenannten „Dritten Reichs“ und des Nationalsozialismus waren für Sauerbruch keine einfachen, versuchte das Regime ihn doch stark zu vereinnahmen. Nach dem Krieg wurde Sauerbruch auch dem Entnazifizierungsverfahren unterworfen – siebzig Zeugen sagten sämtlich zu seinen Gunsten aus. Er selbst sorgte für einen veritablen Eklat, als er während der Anhörung aufstand und mit der Bemerkung, er werde sich das nicht weiter anhören, einfach verschwand… Erst etwa 1951 wurden Stimmen laut, die ihn in nähere Verbindung mit der NS-Führung und ihrer Ideologie brachten. Bis heute wird Sauerbruch diesbezüglich ambivalent beurteilt – wir werden in einem späteren Teil dieses Artikels noch mehr dazu erfahren.

1935 wurde Ferdinand Sauerbruch Kurator des „Allgemeinen Instituts gegen die Geschwulstkrankheiten“, welches am Rudolf-Virchow-Krankenhaus neu gegründet worden war. 1937 erhielt er nicht nur seine Berufung als Gutachter in den Reichsforschungsrat, sondern auch gemeinsam mit August Bier den mit 100.000 Reichsmark dotierten „Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft“. Auch auf den Hintergrund dieser Ehrung werden wir noch zurückkommen.

Nachdem die Ehe mit Ada geschieden worden war, heiratete er 1939 seine Kollegin Margot Grossmann. 1942 wurde er zum Generalarzt der Wehrmacht ernannt. Während der sog. „Schlacht um Berlin“ zog Sauerbruch komplett in die Charité und operierte teilweise rund um die Uhr im Chirurgie-Keller verwundete Soldaten und Zivilisten. In dieser verzweifelten Lage schickte er einen Boten an Hitler mit dem dringenden Appell, den Kampf zu beenden.

1.6 Nach dem Kriege

Nur wenige Tage nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ 1945 wurde er von der Sowjetischen Militäradministration als Stadtrat für das Gesundheitswesen eingesetzt (was wohl kaum geschehen wäre, hätte die Militäradministraion ihn als NS-Belasteten angesehen). In der Folgezeit setzte sich Sauerbruch für eine Rückbesinnung auf Demokratie und Menschlichkeit ein. So unterzeichnete er u.a. den Gründungsaufruf der CDU.

Während eines vielbeachteten Vortrags während der „Ersten Zonentagung der Chirurgen der Sowjetischen Besatzungszone“ führte Sauerbuch aus: Zweieinhalb Jahre nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches wird unser Volk immer noch hart, ablehnend und einseitig beurteilt. Wir verstehen Zurückhaltung, vermissen aber den Versuch, unsere Fehler, Übergriffe und Entgleisungen wenigstens zu einem angemessenen Teil als Schicksalsfolge aufzufassen. … Rücksichtsloser Zwang, der sich bis zur Vergewaltigung des Volkes steigerte, bedrohte viele, die darum ihr Vaterland verließen. Aufrechte Männer, die die Gefahr der drohenden Entwicklung erkannten, standen unter einer Diktatur, die Widerstand und Abwehr grausam unterdrückte. Was unter diesem unglücklichen Regime an Katastrophen geschah, wird Deutschland wieder gutmachen. Es ist dazu verpflichtet und bereit. […] Sehen Sie in meinen Worten nicht ablehnende Kritik oder politische Abwehr. Sie entspringt der Sorge und Hoffnung; sie sind Wegweiser der Entwicklung. Die Regierung, die unsere Sitzung großzügig bewilligt hat, wird mich in diesem Sinne verstehen. (4) Man erkennt die politische Vorsicht, mit der Sauerbruch diesen Aufruf versah – angesichts schlechter Erfahrungen, offensichtlich.

Obschon Sauerbruchs chirurgische Fähigkeiten aufgrund einer fortschreitenden Demenz nachließen, arbeitete er noch bis Ende 1949 an der Charité. Im Rahmen der allgemeinen Emeritierung von Dozenten über 70 Jahren in der DDR legte er seine Tätigkeit nieder. Seine Verabschiedung fand im Juni 1950 durch Dekan Theodor Brugsch während einer Sitzung der „Berliner Chirurgischen Gesellschaft“ im Hörsaal der Chirurgischen Klinik statt. Nachfolger wurde sein früherer Mitarbeiter Willi Felix.

Nach seiner Emeritierung lebte Sauerbruch in prekären finanziellen Verhältnissen. Ohne seine Stelle an der Charité hatte er keine Einnahmen. Seine Rücklagen waren kriegsbedingt nicht greifbar und weder der Magistrat von West- oder Ost-Berlin noch die Regierungen in Bonn oder Ost-Berlin unterstützten ihn. So nahm er auch noch in gesundheitlich schwer angeschlagenem Zustand Operationen vor, die teilweise einen dramatischen Verlauf nahmen. Erst die Veröffentlichung seiner Erinnerungen 1951 unter dem Titel „Das war mein Leben“ und die daraus resultierenden Verlags- und Vorabzahlungen von Zeitschriften sicherten ihn wirtschaftlich wieder ab.

Ferdinand Sauerbruch verstarb am 2. Juli 1951 an den Folgen einer Zerebralsklerose, nur einen Tag vor seinem 76. Geburtstag.

1.7 Prominente Patienten

Da Sauerbruch zu den bedeutendsten Ärzten seiner Zeit gehörte, blieb es nicht aus, dass er auch von den „Großen“ der Welt konsultiert wurde. Dazu gehörte beispielsweise König Alfons XIII von Spanien. Aber auch Schauspieler wie Heinrich George und Heinrich Greif oder der Dramatiker Gerhart Hauptmann und der Bankier Rothschild zählten zu seinen Patienten. General Ludendorff befreite er von dessen Struma, und auch Joseph Goebbels wurde von Sauerbruch behandelt.

Die größte öffentliche Aufmerksamkeit bekam Sauerbruch allerdings, als er den Reichspräsidenten Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, dessen Leibarzt er war, in seinem Sterben begleitete.

„Der Spiegel“ beschreibt dies: Einer der zahllosen berühmten Patienten Sauerbruchs wurde in Berlin Paul von Hindenburg. Als dessen Todesstunde herankam, bat er Sauerbruch zu sich nach Neudeck.
Wenige Stunden vor dem Exitus erschien Hitler auf dem Präsidentengut. Zunächst verweigerte ihm Sauerbruch, einem Wunsch Hindenburgs folgend, den Eintritt ins Krankenzimmer. Aber dann gab Hindenburg nach.
Die Szene, die sich zwischen den dreien dann abspielte, muß nach der Darstellung Sauerbruchs gespenstisch gewesen sein: Hitler, rasend vor Wut wegen des halbstündigen Wartens, stellte sich neben dem Bett in Positur. ‚Herr Feldmarschall, im Namen der Deutschen Nation habe ich die Ehre, Sie nach Ihren letzten Wünschen zu fragen.‘
Kein Sterblicher hört das gern, aber der olle Hindenburg hielt auch in seiner Schwäche Disziplin: ‚Ich habe nur zwei Wünsche: Daß ich hier im Park neben meiner Frau begraben werde.‘ Er wies mit einer schwachen Handbewegung zum Fenster, unter dem auf seinen Befehl bereits das Grab ausgeworfen war.
Hitler: ‚In dieser ernsten Stunde der Nation sollten Sie an wichtigere Dinge denken, Herr Feldmarschall, als an die Erfüllung privater Wünsche. Sie gehören dem Deutschen Volke, als dessen Repräsentant ich Ihren Wunsch nicht erfüllen kann.‘
Hindenburg schloß die Augen.
‚Und was ist ihr zweiter Wunsch?‘
‚Ich möchte, daß Sie dem Chef meine Dankbarkeit zeigen, dafür daß er in Berlin alles im Stich ließ und auf meine Bitte hierherkam.‘
‚Wer ist Ihr Chef? Sie sind Chef, und ich bin Chef, sonst niemand.‘
Hindenburg wies auf Sauerbruch, den er wenige Tage zuvor gebeten hatte, ihn ebenso wie der Assistenzarzt und die Schwestern mit ‚Chef‘ anreden zu dürfen. (‚Ich fühle mich bei Ihnen so frei von jeder Verantwortung.‘)
‚Der Arzt?‘ rief Hitler wütend. ‚Der wird für seine Arbeit bezahlt; Sie können unbesorgt sein.‘
Er verließ dröhnend das Zimmer, verfehlte in der Hast das Treppengeländer, rutschte die Treppe herunter und blieb mit epileptischen Zuckungen unten liegen.
‚Gehen Sie weg, Herr Geheimrat‘, sagte einer der Adjutanten wohlmeinend zu Sauerbruch, ‚wir bekümmern uns nie darum. Es würde uns schlecht bekommen.‘
(7)

Zwei Begegnungen müssen aber ins Reich der Legenden verwiesen werden. Die erste ist die Anekdote, dass Sauerbruch den britischen König George V operiert und hierfür eine Million Goldmark sowie einen Rolls Royce erhalten habe. Das ist nicht korrekt, stand Sauerbruch doch nur für ein Konsil zur Verfügung. Er bekam Röntgenaufnahmen und Krankenberichte zugesandt und gab seine Meinung dazu schriftlich kund. Die Presse (darunter sogar die renommierte „New York Times“) und die deutschen Finanzbehörden gingen diesem Gerücht allerdings auf dem Leim.

Die zweite Legende ist die von der Begegnung mit Hitler nach dessen Putschversuch vor der Feldherrenhalle in München. Diese hat nie stattgefunden. Angeblich hat Sauerbruch Hitler außerhalb von München am Staffelsee die Schulter operiert. Tatsächlich befand sich Sauerbruch nachweislich zu dieser Zeit in seiner Klinik in München und operierte zusammen mit seinen Kollegen diejenigen Putschisten, die nicht so schnell laufen konnten wie ihr „Führer“, aber auch verletzte Polizisten, Militärs und Passanten. Hitler war nie Sauerbruchs Patient.

1.8 Sauerbruch als Mensch

Was war Ferdinand Sauerbruch für ein Mensch? Prof. Dr. Hans Wenke, der gemeinsam mit ihm das Buch „Wesen und Bedeutung des Schmerzes“ verfasste, charakterisierte ihn 1961 in der „Zeit“: Seine geistige Beweglichkeit und Offenheit, verbunden mit einem starken und ständig regsamen Temperament, trieb ihn zu sehr ausgeprägten Auffassungen und Meinungen, die sich jedoch nie zu einem Dogma verhärteten, weil er überhaupt keine Anlage und Neigung zu dogmatischer Sinnesart besaß. Er kannte sich gut genug, um sich zur Korrektur eines Urteils bereitzufinden, und er war auch immer für neue und andere Auffassungen aufgeschlossen. […] Mochten ihm eine Ansicht oder eine Sache oder auch eine Person noch so konträr erscheinen, sein Interesse und manchmal auch seine Neugierde, in jedem Fall: sein beweglicher Geist und seine erlebnisstarke Seele überwanden voll Leichtigkeit und Elan solche Sperrungen mit Toleranz aus Souveränität.

Das Bild Sauerbruchs von Max Liebermann, das von tiefer Einfühlung zeugt und das der Porträtierte selbst – wenn auch mit fast scheuer Zurückhaltung – als Deutung seines Wesens gelten ließ, spiegelt nach meiner Kenntnis und Erinnerung das Zusammenspiel von genialem Tatendrang und kontemplativem, unbefangen staunendem Blick für Menschen, Dinge und Probleme. (5)

Wie viele Chirurgen war Ferdinand Sauerbruch aber auch als Choleriker bekannt. Else Knake, von 1932 bis 1943 Sauerbruchs Mitarbeiterin, schildert dies in ihrem Aufsatz „Erinnerungen an Sauerbruch“: Sauerbruchs Temperament war niemals ruhig, und die Gewitter, die er entlud, durchhallten die ganze Klinik, die Operationssäle, die Stationen, die Laboratorien, die Versuchstierställe, die Büros. Sauerbruchs Auftreten war schwungvoll, oft stürmisch, immer energiegeladen. Seine bloße Gegenwart versetzte seine ganze Umgebung in einen elektrisierten Zustand erhöhter Aufmerksamkeit und Arbeitsbereitschaft. Es donnerte und krachte häufig in der Klinik. Wie oft flog jemand mit Pauken und Trompetengeschmetter hinaus! Aber oft wurde er wieder aufgefangen, nicht selten mit einer Einladung des unerhört gastfreien Chefs. (6)

Sauerbruch hatte aber auch eine andere Seite, die Knake ebenfalls beschreibt: Das A und O der ärztlichen Kunst – so lehrte er uns mit Nachdruck und Inbrunst – ist es, das Vertrauen der Kranken zu gewinnen, sein Schamgefühl und seine Zurückhaltung zu überwinden, ohne sie zu verletzen, und seine Leiden und Beschwerden durch geschickte und verständnisvolle Fragen kennen zu lernen. Der Kranke soll immer fühlen: ‚Dem Arzt ist nichts Menschliches fremd‘! […] Der Arzt, der mit dem Kranken mitfühlt, ohne mit ihm zu leiden, weiß, wo er ansetzen muß, um sich ihm und seiner Krankheit zu nähern. Der gute Arzt, der ‚richtige Doktor‘, weiß auch seine fünf Sinne am Krankenbett zu gebrauchen und stellt die Diagnose ‚ohne pseudowissenschaftliche Gelehrsamkeit‘. (6)

Das damals noch junge Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ erläuterte 1950: Der Ausdruck ‚Chef‘ führt in das Verhältnis, das Sauerbruch stets zu seiner Umgebung gehabt hat. Er war der Chef, für Ärzte, für Schwestern und Patienten. Und er war ein Chef von plötzlich ausbrechendem Jähzorn, der mit Schimpfworten schwersten Kalibers ebenso leicht um sich warf wie mit Instrumenten bei einer unaufmerksamen Operationsschwester. Aus dieser Einstellung kommt es auch, daß Sauerbruch noch heute jeden duzt. Aber niemand würde auf die Idee kommen, ihn wieder zu duzen. Ex-König Alfons von Spanien, der einmal sein Patient gewesen war, kam in Rom im Hotel-Vestibül auf den Professor zu: ‚Kennen Sie mich nicht mehr?‘ ‚Ja, ja, ich erinnere mich. Du bist der König. Aber es war eine harmlose Appendicitis.‘ (7)

Sauerbruch war ein großer Tierfreund und beherbergte auf seinen Grundstücken in München und Berlin kleine Menagerien. Von der Katze bis zum Wildschwein war alles vertreten, in Berlin kamen noch Pferde hinzu. In seinen Erinnerungen schwärmte er von ausgedehnten Reiterausflügen bis in Schweiz, die er mit seinem ältesten Sohn unternahm.

Noch nach Jahren schuldbewusst berichtete er von einer anderen Episode: Seine Frau Ada war verreist und als sie wiederkam, fiel sie aus allen Wolken… Ihr zu dieser Zeit besonders grober und bärbeißiger Mann hatte während ihrer Abwesenheit alle Dienstboten entlassen. Natürlich wusste Sauerbruch, dass er einen Fehler gemacht hatte und stand zerknirscht wie ein Schulbub im Salon, hinter seinem Rücken sein Entschuldigungsgeschenk versteckend: einen echten Wetterfrosch im Glas mit Leiter, den sie sich schon lange gewünscht hatte.

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