Evidenz kann nicht herbeigeredet werden!

Als unsere Vorfahren, noch in Bärenfelle gewandet und von behornten Helmen behütet, durch die hercynischen Wälder streiften (1) und knielose Elche, die sich zum schlafen an Bäume lehnten, durch das Abschlagen derselbigen jagten (2), war Krankheit und Heilung noch eine theologische, ja mystische Angelegenheit. War man krank, ging man zum Druiden und erfuhr dort, dass eben jene Krankheit eine Strafe der Götter war und man ihnen hauptsächlich mit Gebeten begegnen müsse. Überlebte man, so war dies der Wille der Götter. Starb man, war es ebenfalls so und die eigene Sündenlast war einfach zu schwer, als dass man hätte gesunden können. (3) Wir sehen also, so viel hat sich seit damals nicht geändert … jedenfalls wenn wir uns die Homöopathie anschauen.

Denn auch wenn man sich in eine homöopathische Behandlung begibt, gibt es zahlreiche Unwägbarkeiten, die dem „Heilungsprozess“ im Wege stehen. Schon die Art des Löffels kann über Wohl und Wehe entscheiden. Samuel Hahnemann hat eine ganze Litanei in seinem Organon zusammengestellt, was man nicht darf, wenn man homöopathisch behandelt wird. Schlüpfrige Gedanken zum Beispiel. Die, ja die darf man sich absolut nicht machen, sonst wirkt das ganze Gedöns nicht.

Und da denke ich so bei mir, wen die Herrschaften wohl verhohnepiepeln wollen. Ein kleines Beispiel: Wenn ich Kopfschmerzen habe, dann pfeife ich mir eine Ibuprofen rein, wenns gar nicht mehr geht. Und diese Tablette wirkt, ganz egal, was für Gedanken ich habe. Die wirkt auch bei Omma Paschulke und bei Oppa Hermannskötter, egal was die sich für Gedanken machen. Aber nein, heißt es dann, das ist der individuelle, ganzheitliche Ansatz. Pfeifendeckel… sag ich da bloß.

Aber es ist natürlich praktisch, wenn man so einen ganzen Ausschlusskatalog hat, den man den Patienten vorhalten kann, wenn die Behandlung nicht wirkt. Selbst schuld, heißt es dann, hättest du doch… Und das kann es wohl nicht sein!

Und solche Taschenspielertricks gibt es noch mehr. Beispielsweise die Mimikry einer Forschung, die die Homöopathen aufführen. Während einem richtigen Medikament Jahre, wenn nicht Jahrzehnte intensiver Forschung vorausgehen, mit Tests, Studien, Revisionen etc., hat es die Homöopathie da leichter. Man gibt willkürlich ausgesuchten Probanden die Zuckerkügelchen und die Herrschaften sollen aufschreiben, was für „Symptome“ sie an sich feststellen, also wirklich alles. Was sie geträumt haben beispielsweise. Dat is doch Kokolores, dat merkter doch selber…

Und trotzdem hält sich dieser Schnickschnack noch immer beständig. Das liegt zum größten Teil natürlich daran, dass die Homöopathen in einem wirklich gut sind: in der Lobbyarbeit. Auch wenn in letzter Zeit von homöopathischer Seite verharmlosend von einer „Homöopathie-Community“ gesprochen wird, ist es doch ganz klipp und klar nur eines: eine auf Einfluss und Umsatz bedachte, knallharte Lobby, wie es sie für so ziemlich jeden Industriezweig gibt. Diese „Community“ ist nichts weiter als ein rhetorischer Taschenspielertrick, der von der Tatsache ablenken soll, dass auch die Homöopathie-Hersteller Industriebetriebe sind, die gerne Umsätze generieren.

Schauen wir zurück in die Geschichte der Homöopathie, so waren die Homöopathen seit Hahnemanns Zeiten immer gut vernetzt bei den Mächtigen. Klassische Lobbyarbeit also, oder „antichambrieren“(4), wie es früher hieß. Eine Kunst, die Hahnemann, Schüßler, Lutze, Quin oder wie sie alle hießen, vorzüglich beherrschten. Dadurch kamen sie natürlich an ihr Ziel und konnten diese scheinmedizinische „Therapie“ etablieren. Und auch heute noch gibt es genügend einflussreiche Lobbyorganisationen, die dafür sorgen, dass es so bleibt.

Die Sache mit den Grünen und ihrer internen Diskussion um die Erstattung von Kosten für homöopathische Behandlungen durch die Krankenkassen ist ein schönes Beispiel hierfür. Kaum wurde öffentlich, dass eine Gruppe um die Grünen-Mitglieder Demisch und Piechotta einen entsprechenden Antrag bei der nächsten Bundeskonferenz ihrer Partei einbringen werden, lief die Lobby-Maschinerie auch an. Petitionen wurden gestartet und die Delegierten zur Bundeskonferenz mit einer Postkarten-Lawine bedrängt. Interessant wäre hier mal zu wissen, wer beispielsweise den Druck und die Verteilung dieser Postkarten bezahlt hat und welche Gelder da wohin geflossen sind. Hierzu hört man nur Schweigen im Walde.

Was die Homöopathen und ihre Lobby dabei immer wieder vergessen, ist:

Evidenz kann nicht herbeigeredet werden!

So sehr sich diese Herrschaften das auch wünschen. Was in der Wissenschaft zählt, sind Fakten, Fakten, Fakten, um es mal mit Herrn Markwort zu sagen. Da nutzen keine anekdotischen Einzelfallschilderungen. Aber so kennen wir die Homöopathen ja. Auf den Barrikaden stehen wollen, aber keinen Strafzettel dafür bekommen wollen.

Fußnoten

(1) Dem Autor ist bewusst, dass diese Darstellung unhistorisch ist und es wird gebeten, dies als satirische Überspitzung anzusehen.

(2) Caesar, Gaius Julius: De bello gallico, Liber VI, 27, 1-5.
Sunt item, quae appellantur alces. harum est consimilis capris figura et varietas pellium, sed magnitudine paulo antecedunt mutilaeque sunt cornibus et crura sine nodis articulisque habent. neque quietis causa procumbunt neque, si quo adflictae casu conciderunt, erigere sese aut sublevare possunt. his sunt arbores pro cubilibus; ad eas se adplicant atque ita paulum modo reclinatae quietem capiunt. quarum ex vestigiis cum est animadversum a venatoribus, quo se recipere consuerint, omnes eo loco aut ab radicibus subruunt aut accidunt arbores tantum, ut summa species earum stantium relinquatur. huc cum se consuetudine reclinaverunt, infirmas arbores pondere adfligunt atque una ipsae concidunt.

Übersetzung zu (2)
Ferner der Elch. Er gleicht an Gestalt und Farbenwechsel des Fells einer Wildziege, ist aber etwas größer; seine Hörner sind nur ein Stumpf, und seine Beine ohne Knöchel und Gelenke. Wenn er ausruhen will, legt er sich deshalb nicht nieder und kann sich, wenn er durch einen Zufall niederstürzt, nicht aufrichten oder aufhelfen. Bäume dienen ihm daher als Lager; an sie lehnt er sich an und so ruht er, nur etwas rückwärts gebeugt, aus. Wenn nun die Jäger an den Spuren bemerken, wo er sich hinzubegeben pflegt, so untergraben sie entweder alle Bäume in der Wurzel oder hauen sie so an, dass sie nur noch dem äußersten Schein nach stehen. Lehnt sich dann ein Elch seiner Gewohnheit nach daran, so drückt er den geschwächten Baum durch seine Last nieder und fällt selbst mit zur Erde.

(3) Man konnte aber auch Glück haben und an einen Druiden geraten, der sich mit der Pflanzenheilkunde, der Phytotherapie, auskannte, dann war die Chance zu überleben je nach Krankheit, dann doch etwas höher.

(4) Definition laut Duden: (mit dem Ziel, etwas Bestimmtes zu erreichen) sich unterwürfig, diensteifrig um jemandes Gunst bemühen.

5 Gedanken zu “Evidenz kann nicht herbeigeredet werden!

  1. Zum Glück gab es damals in Schweden keinen Verlag, der Caesars Schriften vertrieben hat. Ganze Elch-Populationen wären vor Lachen umgefallen und hätten dann nicht aufstehen können.

    1. Caesar hatte es ja leicht, dadurch dass man als Senator (an die der Bericht ja gerichtet war) nicht einfach mal rumkommen konnte, um nachzugucken. So konnte er allen möglichen Kokolores behaupten.
      Allerdings muss man auch sagen, dass er sich unter den Gegenbenheiten stark zurückgehalten hat 😉

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