Warum ich Kritik an der Homöopathie wichtig finde – Heute: Iris Hundertmark

Für das heutige Interview konnte ich eine besondere Gesprächspartnerin gewinnen, die viele von euch sicherlich schon kennen: Apothekerin Iris Hundertmark, Inhaberin der Bahnhof-Apotheke in Weilheim/Obb. Iris Hundertmark ist die erste Apothekerin, die Homöopathika aus ihrer Offizin verbannt hat und strikt evidenzbasiert berät. Da dies auch seinen Widerhall in der Presse und in den sozialen Medien gefunden hat, musste sie einiges an Kritik einstecken. Heute, ein Jahr nach diesem mutigen Schritt, erzählt sie uns, wie es ihr ergangen ist.

Liebe Iris, vielen Dank, dass du die Zeit für unser Gespräch gefunden hast. Kommen wir gleich mal auf den Punkt: wer bezahlt dich für deine Anti-Homöopathie-Kampagne?

Das werde ich absurderweise recht häufig gefragt. Meine Antwort lautet dann immer: Natürlich bezahlt mich niemand dafür, dass ich Kritik an der Homöopathie ausübe. Im Gegenteil. Ich bin als selbstständige Apothekerin mit nur einem einzigen öffentlichen Statement: ‚Homöopathika wirken nicht über den Placeboeffekt hinaus!‘ das Risiko eingegangen, meine berufliche Existenz mit Karacho gegen die Wand zu fahren und alles zu verlieren, was ich mir die letzten Jahre über wirtschaftlich aufgebaut habe.

Abgesehen davon führe ich aber auch keine wie Du es nennst ‚Anti-Homöopathie-Kampagne‘. Eigentlich übe ich nur meinen Beruf als Apothekerin aus. Ich kann durch mein pharmazeutisches Wissen am allerbesten beurteilen, welche Arzneimittel wirken und welche nicht. Pharmazeuten sind Profis im Studienlesen.

Deshalb weiß ich: Homöopathie wirkt nicht.

Ich kann mir vorstellen, dass dir der Schritt, die Homöopathika aus Deiner Offizin zu verbannen nicht leicht gefallen ist. Wie kam es dazu und wie haben deine Mitarbeiterinnen reagiert?

Dass ich die Homöopathie aus dem Sortiment meiner Apotheke nehmen würde, war für mich schon lang entschiedene Sache und wäre ja auch eigentlich kein großes Ding gewesen. Die Herausforderung aber lag darin, diesen Schritt in der Öffentlichkeit zu tun und als Apothekerin laut Kritik an der Wirksamkeit der Homöopathie zu äußern. Dies hatte es in Deutschland bis dato noch nicht gegeben. Mir war klar, dass meine Entscheidung eine Explosion verursachen würde.

Deshalb habe ich mir im Vorfeld unendlich viele Gedanken gemacht, mir alles gut überlegt, lag nachts viel wach, habe im Stillen immer wieder Pro und Contra abgewogen und mir 1000 mal meinen Worst Case vor Augen gerufen: Das Fernbleiben meiner Kunden, der Weilheimer Antichrist zu werden, mir alles zu zerstören, was ich mir doch erst aufgebaut habe.

Irgendwann war er dann da – der Moment, an dem ich ‚bereit war‘. Einen bestimmten Auslöser gab es keinen.

Es war an der Zeit, mein Team zu informiern… Vom ersten Moment an standen meine Mitarbeiterinnen geschlossen hinter mir und waren bereit, meine Entscheidungen und daraus resultierende Konsequenzen gemeinsam mit mir zu tragen.

Über deine Aktion wurde ja breit in der Presse berichtet. Welche Reaktionen hast du von deinen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Apotheken erfahren und welche von deinen Kundinnen und Kunden?

Über meine Entscheidung, Homöopathika aus dem Sortiment meiner Apotheke zu nehmen, wurde in den Medien viel berichtet. Zunächst lokal in unserem Landkreis, danach bundesweit. Nach meinem ersten Interview mit unserer Tageszeitung in Weilheim explodierte am 21.8.2018 medial eine Bombe! Meine geliebten Einwohner von Weilheim waren allesamt geschockt und reagierten mit Entsetzen auf meine Ehrlichkeit! Negative Leserbriefe von Heilpraktikern, Schamanen, Esoterikern und dem Kneippverein füllten wochenlang die Ausgaben des Weilheimer Tagblatts. Au weia! Was hatte ich getan…? Jeden Tag beschwor ich in Gedanken den Himmel: ‚Wo seid Ihr nur, Ihr Menschen, die mit beiden Beinen auf der Erde und mir zur Seite steht?‘ Und endlich kam er. Der alles rettende Artikel von Norbert Aust. Herr Aust, der sich als Einziger in die schrecklich einseitige Laien-Berichterstattung einschaltete. Er hat mir damals mental sehr geholfen, weiter zu machen und nicht klein beizugeben.

Am allerschlimmsten aber empfand ich die Statements von Kollegen anderer Apotheken. Ich hab mich jedes Mal fremdgeschämt – wie sie alle in ihrer Hilflosigkeit gestrampelt haben, um Argumente bemüht, genau wissend, dass ich ihnen den Spiegel vorhalte in Ihrer Unehrlichkeit. Schrecklich. Peinlich. Unsäglich.

Gerade in den sozialen Medien konnte man ja viele, teilweise recht schlimme Anfeindungen gegen dich lesen. Was meinst Du, woher kommt dieser Hass?

Ist es nicht furchtbar, wenn man an dieser Stelle von Hass spricht? Die Diskussionen, der Streit, die Uneinigkeit gehen beim Thema Homöopathie tief. Sie gehen in die Seele, greifen die Persönlichkeit an und tun weh. Die Message ist: ‚Lebst Du richtig oder falsch? Mit meinem Statement führe ich Dich vor!‘

Warst Du eigentlich davon überrascht, welch großes Echo Deine Aktion in der Öffentlichkeit gefunden hat?

Ja. Ich war überrascht. Und erschrocken. Erschrocken vor so viel Emotionalität.

Eigentlich hatte ich mich von Anfang an in 4 Punkten klar geäußert:
1. Homöopathie ist nicht zu verwechseln mit Naturheilkunde.
2. Es gibt keine evidenten Studien, die eine Wirksamkeit der Homöopathie belegen.
3. Ich berate ehrlich und zum Wohle meiner Kunden auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse.
4. Ich nehme meinen Beruf sehr ernst und fühle mich für die Gesundheit meiner Kunden verantwortlich.

Eigentlich alles Punkte, die gefeiert werden müssten… war aber nicht so…

Würdest Du diesen Schritt wieder tun, nach all dem, was Du heute weißt?

Vom heutigen Stand aus würde ich den Schritt, Homöopathika aus dem Sortiment meiner Apotheke zu entfernen, noch 1000 x gehen. Vor einem halben Jahr hätte ich an dieser Stelle vielleicht noch etwas anderes geantwortet. Ich stand schon ganz schön mit dem Rücken an der Wand. Die Leute haben Zeit gebraucht, um zu verarbeiten, was ich da jetzt in die Welt geblasen habe… Inzwischen ernten wir viel Anerkennung, Respekt und Applaus für unseren Mut, ehrlich zu sein und Dinge zu äußern, die die Allgemeinheit vielleicht nicht immer hören will. Ich kann nur sagen: Menschen seid mutig! Manchmal lohnt es sich! 😉

Liebe Iris, hab vielen lieben Dank für das Gespräch und deine offenen Antworten! Ich wünsche dir weiterhin noch alles Gute!

5 Gedanken zu “Warum ich Kritik an der Homöopathie wichtig finde – Heute: Iris Hundertmark

  1. Ganz großartige Aktion von Frau Hundertmark. Vor allem auch einen ganz großen Dank dafür, den Schritt so öffentlich zu machen.

    Da müssen jetzt nur noch sehr viel mehr Apotheker mitmachen, sonst bleibt es leider bei einem kleinen Symbol.

  2. Ist es schon wieder ein Jahr her? Die Zeit vergeht so schnell.

    Ich finde es toll, dass Personen so fest zu ihrer Entscheidung stehen, insbesondere wenn die eigene berufliche Existenz daran gekoppelt ist.

    Zum Glück hat Frau Hundertmark einen gut vorbereiteten Boden vorgefunden (Edzard Ernst, Natalie Grams, INH uvam), in dem ihre Entscheidung ordentlich Wurzeln schlagen konnte. Der Enfluss der die Homöopathielobby schwindet ganz langsam, aber stetig, auch wegen der Entscheidung einzelner Leute wie Frau Hundertmark.

    Dafür gebührt ihr unser aller Dank.

  3. Es ist schön zu sehen, dass es noch Fachleute mit Berufsehre gibt. So etwas stärkt die Hoffnung und das Vertrauen in die ganze Zunft.

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