Warum ich Kritik an der Homöopathie wichtig finde – Heute: Fabian Link

Fabian Link ist angehender Arzt und gehört zu einer kleinen Gruppe im INH, die sich die Aufklärung in den Untiefen des Internets auf die Fahnen geschrieben haben.
Dort stellen sie falsche Behauptungen von Homöopathen, Heilpraktikern und anderen Vertretern der Schwurbelmedizin richtig und ordnen diese Behauptungen auch korrekt ein.
Ich muss ehrlich gestehen, dass ich diese „jungen Wilden“, wie ich sie gerne nenne, für ihre Geduld bewundere.

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Als ich mich an der Universität für Humanmedizin einschrieb, tat ich das in der festen Überzeugung, fortan eine Wissenschaft zu studieren. Zwar immer mit einem interdisziplinären Anstrich, mit Anleihen aus Natur- und Lebenswissenschaften, auch aus der Philosophie und anderen Disziplinen – aber doch streng dem Drängen nach wahrer Erkenntnis verpflichtet. Mich trieb das Ideal des Arztes und Forschers in Personalunion an: immer auf der Suche nach neuen Ideen, immer auf dem aktuellen Stand, um die Patientïnnen bestmöglich versorgen zu können. Leider ist diese Idealvorstellung eine naive, wie mir schnell bewusst werden sollte. Häufig geht es nicht um die Suche nach Wahrheit; Medizin als Wissenschaft zu begreifen ist eine überraschend junge und erschreckend wenig verbreitete Idee. In vielen Köpfen ist die Heilkunde aus Erfahrung auch heute noch das angestrebte Modell – diesen Anachronismus endlich zu überwinden, ist für mich der Schlüssel zu einer besseren Medizin. Aufklärung über und Kritik an Homöopathie kann hier nur ein Puzzleteil des großen Ganzen sein – doch ein besonders wichtiges. Denn diese esoterische Heilmethode steht exemplarisch für all die Denkmuster und Paradigmen, die wir für einen echten Fortschritt überwinden müssen.

Was uns nämlich wissenschaftliche Medizin lehrt – und was der Homöopathie völlig abgeht – ist die Bescheidenheit, die Fehleranfälligkeit der eigenen Wahrnehmung zu akzeptieren. Wie im Gleichnis von den Zwergen auf den Schultern von Riesen müssen wir demütig einsehen, dass unsere Erfahrung niemals den gesammelten Wissensschatz ersetzen kann, den unsere Kollegïnnen im Laufe der Zeit vermehrten. Doch diese Einsicht macht auch Hoffnung, denn wir haben eine Wahl. Lösen wir uns von der Hybris und erklimmen die Giganten – oder verweilen wir auf der klapprigen Trittleiter, die eine Erfahrungsheilkunde verspricht?

Vertreter der Homöopathie kämpfen oft energisch dagegen an, wenn ihre Methoden kritisiert werden. Das kann ich gut nachvollziehen, denn der Diskurs setzt an einem für sie empfindlichen Punkt an. Die Psychologie beschreibt drei große narzisstische Kränkungen: Entdeckungen, die das Selbstwertgefühl der Menschen erschüttert haben. So wie es eine erschreckende Einsicht gewesen sein muss, dass die Erde nicht den Mittelpunkt des Kosmos darstellt, ist es für den Heilkundigen eine ebenso unverdauliche Nachricht, nicht Motor der Genesung des anvertrauten Patienten zu sein. Entsprechend schwer fällt es den Homöopathen zu akzeptieren, dass nicht ihre ausufernde Anamnese und sorgfältige Auswahl der passenden Globuli geheilt haben, sondern Zeit und die körpereigenen Reparaturmechanismen. Getreu dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ setzen sie sich daher häufig proaktiv für die Verbreitung ihrer obskuren Krankheitsmodelle und überholten Therapieformen ein, auch in anderen Feldern der selbsternannten Alternativmedizin lässt sich das beobachten. Anthroposophische Medizin, Homöopathie, Bioresonanz … obwohl all diese Verfahren längst widerlegt wurden, scheinen sie zwar nicht ihre Patienten, aber doch sich selbst am Leben zu erhalten. Die angeblichen Heilkundigen dieser Fächer greifen die wissenschaftliche Medizin, die gerade erst beginnt aufzublühen, beständig an.

Dagegen müssen wir sie verteidigen, wenn wir in Zukunft eine gute Gesundheitsversorgung für alle Patienten wollen – unabhängig davon, wo sie wann an welcher Erkrankung leiden. Wir müssen uns mit jedem streiten, der seine Quacksalbereien und Kurpfuschereien bewirbt. Wir müssen widersprechen, wenn mit Schlangenölen therapiert wird, was in die Hände der modernen wissenschaftlichen Medizin gehört.

2 Gedanken zu “Warum ich Kritik an der Homöopathie wichtig finde – Heute: Fabian Link

  1. Schöner Artikel. Ein weiterer Aspekt, der gegen die Glaubulis spricht, ist dass bereits Kinder daran gewöhnt werden, jede noch so banale Befindlichkeitsstörung mit „Medikamenten“ bekämpfen zu müssen.

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