Die Sache mit der Ausgewogenheit

Tja, dass ich von der Rolle, die die Medien in der Corona-Pandemie gespielt haben und spielen nicht wirklich begeistert bin, habe ich ja schon an einigen Stellen angemerkt. Es ist schon erschreckend zu sehen, dass selbst bei seriösen Medien jedweder Couleur auf der Jagd nach Klicks und Abonnenten halbgare Neuigkeiten herausgehauen werden, nur um der Erste damit zu sein. Was damit angerichtet wird, können die Herrschaften absolut nicht abschätzen.

Am schlimmsten aber, ist die Sache mit Ausgewogenheit. Gerade die täglich mehrfach ausgestrahlten Quasselstunden aka „Talk-Shows“ tappen immer wieder in diese Falle. Nun, was versteht man darunter? Der Fachbegriff dafür ist „False Balance“, also „Falsche Ausgewogenheit“. Das ist ein recht lange bekanntes Problem. Unsere Medien wollen in einer Konfliktfrage eine neutrale Position einnehmen und beiden Konfliktparteien gleiche Chancen einräumen.

Das ist ja prinzipiell erstmal gut. Sehr gut sogar. Und das funktioniert auch gut. In politischen oder gesellschaftlichen Fragen. Wo es absolut nicht funktioniert, das ist in der Wissenschaftsberichterstattung. Naturgesetze lassen sich nicht diskutieren und bspw. ein Virus oder eine Naturkatastrophe sich nicht durch Mehrheitsvoten aufhalten.

Mit dieser Karikatur illustriert die Wikipedia ihren Artikel zur Falschen Ausgewogenheit sehr treffend:

Durch die gleichberechtigte Präsentation in den Medien wird den Zuschauer*innen bzw. Leser*innen suggeriert, dass auch die abstruseste Außenseitertheorie gleichberechtigt neben fundierter Wissenschaft steht. Erinnern wir uns beispielsweise, welche große Aufmerksamkeit Sucharit Bhakdi gerade zu Beginn der Corona-Pandemie von den Medien erhielt, obschon damals bekannt war, dass es sich um eine haltlose Einzelmeinung handelte. Es steht dann immer Einer gegen Einen und wenn dann der Moderator oder die Moderatorin nicht einordnend eingreift, bleibt dem zuschauenden Volk nur, sich selbst eine Meinung zu bilden. Und wenn wir uns die ganzen Impf-, Covid- oder Klimawandelleugner anschauen, wissen wir ja, wie gut das klappt.

Wenn der bedeutendste Corona-Experte gegen einen pensionierten Lungenarzt, wenn eine renommierte Impfexpertin gegen einen Milchwirt andiskutieren muss, dann ist etwas faul und nicht nur im Staate Dänemark. Pflicht der Journalisten ist, ganz klar zwischen Meinung und Fakten zu unterscheiden.

Stefan Rahmsdorf schreibt in einem Spiegel-Gastbeitrag so treffend zu dem Thema: Immer wieder stellen einige Medien die Aussagen renommierter, unabhängiger Forscher wie gleichwertig den Aussagen von fachfremden Laien oder Interessenvertretern gegenüber. Durch diese falsche Ausgewogenheit entsteht ein verzerrtes Bild von Umstrittenheit auch bei Fragen, die in der Wissenschaft längst geklärt sind. Hand aufs Herz: Würden Sie Ihre Heizungsanlage von Ihrem Friseur installieren lassen, weil er behauptet, Heizungsprofis würden das allesamt völlig falsch machen?

Und weiter: Wem also glauben? Und warum? Christian Drosten, weil er ein international erfolgreicher Forscher ist? Oder Wolfgang Wodarg, weil seine Argumente uns sympathischer sind? Uns weniger Angst machen? Scheindebatten machen sich eine menschliche Schwäche zunutze: Wir haben eine Neigung, das zu glauben, was wir allzu gern glauben würden. Der Fachausdruck dafür heißt »motivated reasoning«. Oder schlicht Wunschdenken. Auch wir Forscher sind Menschen und stets in Versuchung, das eigene Modell für besser, die eigenen Resultate für wichtiger zu halten als die der Konkurrenz. Dagegen hilft die Kultur der Wissenschaft: die Ausbildung, die Verpflichtung, auch mögliche Schwächen und Grenzen in den eigenen Studien zu diskutieren, und der Peer Review. Alles nicht perfekt und wasserdicht, aber doch die beste Art, möglichst zuverlässige Informationen zu erhalten.

Otto Normalverbraucher und Maria Mustermann können eine solche Einordnung alleine nicht vornehmen, weil sie weder über das notwendige Fachwissen, noch über das Verständnis von wissenschaftlichen Prozessen haben. Umso wichtiger ist die Einordnung durch die Journalisten.

Und ich spreche jetzt nicht von Wissenschaftsjournalist*innen wie Natalie Grams, Lars Fischer, Mai-Thi Nguyen Kim und all die anderen, die Tag für Tag einen hervorragenden Job machen und gegen all den Irrsinn anarbeiten. Und ich spreche auch nicht von den vielen Redakteuren, die durch ihre Faktenchecks versuchen, eine solche Einordnung zu treffen. Aber was nutzt es, wenn diese Faktenchecks irgendwo zu später Stunde oder sonstwo versteckt werden und von einigen 100.000 Zuschauer*innen gesehen werden, während gleichzeitig zur besten Sendezeit etablierte Talkshow-Formate mit einem Millionen-Publikum immer und immer wieder in die gleiche Falle tappen?

Unsere Medien sind zwar auf einem guten Weg (und dabei nehme ich die Herrschaften aus einer gewissen Berliner Redaktion ausdrücklich aus, je größer die Buchstaben, desto dümmer der Inhalt!), aber so lange Klicks und Einschaltquoten noch immer das Maß aller Dinge sind, gibt es noch viel zu tun!

6 Gedanken zu “Die Sache mit der Ausgewogenheit

  1. John Oliver hosts a mathematically representative climate change debate, with the help of special guest Bill Nye the Science Guy, of course.

    😉

  2. Ein Artikel, den ich soeben meinen Eltern weitergeleitet habe. Denn deren Inhalt stimmt und ich kann diesen unterschreiben. Besonders schön und gelungen finde ich das Ende des Artikels, in dem aufgezeigt wird, dass es neben positiven Entwicklungen leider auch negative Entwicklung gibt

  3. Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der gerade bei der Darstellung im Fernsehen eine Rolle spielt: Es ist noch lange nicht gesagt, dass auch derjenige mit den besseren Argumenten überzeugt: Viel eher wird nicht die Aussage beurteilt, sondern unbewusst eher die Person, die diese Aussage macht. Wie kompetent wirkt sie? Wie souverän tritt sie auf? Wie sympathisch ist sie? Wie stark rührt mich ihre geschichte an? Somit können insbesondere Fernsehsendungen unter false balance ganz ungeahnte Ergebnisse zeigen.

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