Warum eine Theorie eine Theorie und keine These ist

Kennt ihr das auch? Wenn man mit irgendwelchen Flachpfeifen äääääh… Vertretern von abstrusen Meinungen diskutiert kommt irgendwann immer eine Aussage: „Was willst Du denn mit der Evolutionstheorie/Relativitätstheorie/Reaktanztheorie? Das ist doch nur eine Theorie und gar nicht bewiesen?“. Kennt ihr das? Sicher kennt ihr das! Das ist der Moment, wo ich meinen Kopf am liebsten auf die Tischkante knallen möchte, nur um nichts mehr lesen zu müssen.

Eine Theorie ist ein System aus wissenschaftlich begründeten Aussagen zur Erklärung bestimmter Tatsachen oder Erscheinungen und der ihnen zugrundeliegenden Gesetzlichkeiten. Die Erkenntnis der Theorie ist aus Denken gewonnen und nicht aus Erfahrung. Darüber hinaus bezeichnet der Begriff der Theorie noch die Lehre über die allgemeinen Begriffe, Gesetze und Prinzipien eines bestimmten Bereichs der Wissenschaft, der Kunst oder der Technik.

Die Theorie ist keine rein begriffliche und abstrakte Betrachtungsweise bzw. Erfassung von etwas. Das wäre eine These oder – noch niedrigschwelliger – eine Arbeitshypothese. Sie ist auch keine wirklichkeitsfremde Vorstellung oder bloße Vermutung.

Natürlich wird der Begriff der Theorie umgangssprachlich hauptsächlich in den letzten beiden Bedeutungen genutzt, aber dies darf nicht dazu führen, dass wissenschaftliche Theorien, die natürlich überprüfbar sind, abqualifiziert werden.

Eine wissenschaftliche Theorie ist komplex aufgebaut und besteht zumeist aus den Elementen der Grundannahmen, der Grundbegriffe, dem Theoriekern, den Messkonzepten und den empirischen Belegen. Denn jede Theorie ist natürlich auch überprüfbar und muss sich bis zu ihrer Anerkennung auch zahlreichen Überprüfungen stellen.

Auch muss sie Qualitätskriterien erfüllen. Minimalforderungen an theoretische Modelle sind im Allgemeinen, dass sie den Vorschriften der Logik und Grammatik entsprechen, widerspruchsfrei (intern konsistent) sowie überprüfbar sind. Voraussetzung dafür ist, dass die verwendeten Begriffe 1. explizit sind, das heißt, es muss Einigkeit bestehen über ihre Bedeutung, und 2. empirisch verankert sind, d.h., sie müssen über Operationalisierungen mit Phänomenen verknüpft sein. Ob eine Theorie aber auf die Welt ‚passt‘, muss sich empirisch erweisen. Intern richtige und auch empirisch bestätigbare Theorien sollten darüber hinaus praktischen Nutzen haben (Praktikabilität) und nicht unnötig kompliziert sein.
Eine gute Theorie soll weiterhin
verträglich sein mit bereits bewährten älteren Theorien oder sie sogar in den eigenen Erklärungsbereich miteinschließen;
Erklärungswert besitzen, also z.B. nicht rein deskriptiv sein;
Prognosen ermöglichen, die in der Praxis auch eintreffen und damit falsifizierbar sein;
extensiv sein, ihr Gegenstandsbereich soll also nicht zu speziell sein;
befruchten, also andere Wissenschaftler zu weitergehenden Forschungen inspirieren.
Weitere wichtige Forderungen an Theorien sind zum Beispiel die Möglichkeit, Axiome für eine Theorie angeben zu können, sowie die ‚Ausdruckskraft‘ einer Theorie: Ist es möglich, die Theorie durch endlich/abzählbar viele Axiome zu beschreiben, so heißt sie endlich/abzählbar axiomatisierbar. Eine Theorie heißt (negations-)vollständig, genau dann, wenn jeder Satz ihrer zugrundeliegenden Sprache oder seine Negation Elemente der Theorie sind.
Donald Davidson formuliert es knapp: Eine vernünftige Forderung, die man an eine wissenschaftliche Theorie stellen kann, ist die, daß es möglich sein sollte, eine Struktur dermaßen zu definieren, daß es möglich ist, Exemplifizierungen dieser Struktur empirisch zu ermitteln. Dazu sind Gesetze und Verallgemeinerungen nötig, die prognostizieren, was bei gegebenem beobachteten Input beobachtet werden wird.

Thesen hingegen sind kontroverse Behauptungen, die einer argumentativen Begründung bedürfen. Zu jeder These muss es möglich sein, eine Gegenthese aufzustellen. Gibt es keine sinnvolle Gegenteilsbehauptung, handelt es sich bei der Aussage eher um einen Allgemeinplatz oder eine Tatsachenbehauptung.

Bei Hypothesen wiederum handelt es sich um eine Unterform der These und stellt einen Zusammenhang zwischen mindestens zwei Faktoren her bzw. ist die Vermutung einer Ursache-Wirkungsbeziehung, die sich in Wenn-Dann oder Je-Desto-Aussagen formulieren lässt.

Dann gibt es noch das Axiom bzw. die Annahme, welche gewissermaßen den Argumentationsrahmen bilden, um Thesen und Hypothesen zu formulieren. Mit Axiomen lassen sich diese erst präzise aufstellen. Ihre Aussagen gelten in der Wissenschaft als gegeben. Das Axiom ist das Fundament jeder Überprüfung einer These bzw. Hypothese. Jede wissenschaftliche Aussage beruht auf den zugrunde gelegten Annahmen und es ist entscheidend, diese Annahmen explizit zu machen. Dies gilt umso mehr, als die meisten wissenschaftlichen Arbeiten daraus bestehen, entweder die Annahmen anderer zu kritisieren (sind die Annahme angemessen/gerechtfertigt?) und so die Schlussfolgerungen anderer zu kritisieren, oder auf den Annahmen anderer neue Schlussfolgerungen aufzubauen.

So, damit dürfte jetzt jeder den Unterschied zwischen Theorie, These, Hypothese und Axiom kennen. Und wenn euch wieder ein Flachedler, Kreationist oder Homöopath mit falschen Begrifflichkeiten auf den Senkel geht, könnt ihr ihm den Artikel um die Ohren hauen!

Ein Gedanke zu “Warum eine Theorie eine Theorie und keine These ist

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