Ein paar Worte zu Dietrich Grönemeyer

Dietrich Grönemeyer kennt ihr bestimmt. Dieser Arzt, dessen Auftritten im Fernsehen man ähnlich wie denen von Desiree Nick, Daniela Katzenberger und Peter Sloterdijk eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt jederzeit vorziehen würde – und das noch ohne Narkose. Gerade, wenn man denkt, man hätte diese TV-Kamarilla endlich los, schon kommen sie wieder aus irgendeiner Ecke vorgehüpft. So ist es auch mit Grönemeyer. Kaum kommt sein neues Buch heraus, schon sitzt der Herr Professor, der sich mit besonderer Akribie seine Haare von links über die kahle Platte kämmt, wieder bei den Maischbergers, Lanzens und wie sie alle heißen und schwurbelt ääääh… führt das große Wort.

Sein letztes Büchlein heißt nun „Weltmedizin“, darin fordert er, dass irgendwelche obskure Voodoo-Medizin zusammen mit der evidenzbasierten Medizin eben jene Weltmedizin bilden sollen. Natürlich sind die einzelnen Heilmethoden umso besser, je exotischer sie sind.

Aber der Radiologe Grönemeyer ist auch gut darin, sich selbst Therapien auszudenken. Sein Lieblingskind ist die so genannte „Mikrotherapie“, die auch in seiner Weltmedizin einen breiten Raum einnimmt. Diese Mikrotherapie ist so wissenschaftlich anerkannt, dass sie noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag hat. Sogar Sauerkraut hat einen Wikipedia-Eintrag.

Aber schauen wir mal, was die Fachwelt über die Mikrotherapie sagt. Bemühen wir hierzu ein Spiegel-Interview:
SPIEGEL: Ein anderes Verfahren, das die Runde macht, heißt Mikrotherapie.
Gradinger: So ein Verfahren kenne ich nicht.
SPIEGEL: Aber der Arzt Dietrich Grönemeyer, Bruder des Deutschrockers Herbert Grönemeyer, bezeichnet sich als Begründer der Mikrotherapie.
Gradinger: Sie meinen den Radiologen. Der praktiziert, wie viele andere auch, minimalinvasive Katheterverfahren. Den Ausdruck Mikrotherapie aber kenne ich aus der medizinischen Literatur nicht.
SPIEGEL: Kann man mit solchen Verfahren Schäden anrichten?
Gradinger: Es gibt kein invasives Verfahren, auch wenn es sich minimal nennt, das nicht auch schaden könnte. Auch die Spritze ins Gesäß ist ein Eingriff, auch dabei kann es Schäden geben – wie zum Beispiel schlimme Abszesse. Man kann einen Menschen nicht steril behandeln, selbst, wenn wir ihn zehnmal waschen. (1)

Dieser Herr Gradinger, der ein so vernichtendes Urteil fällt, ist nicht irgendwer. Es handelt sich um Prof. Dr. Reiner Gradinger, damals ärztlicher Direktor des Münchner Uni-Klinikums „Rechts der Isar“. Orthopäde und Sportmediziner, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie.

Aber auch sonst sieht die Fachwelt Grönemeyers Aussagen kritisch. ‚Grönemeyer hat seine Behauptung, er würde mit seinen Behandlungen Operationen ersparen, bis heute nicht bewiesen‘, kritisiert zudem Christoph Goetz, Chefarzt an der Endo-Klinik Hamburg. (2)

Besonders die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ärgert die Fachwelt. So sieht sich Grönemeyer selbst seit Jahren ‚an der Spitze der internationalen Forschung und Entwicklung‘ sowie als Motor einer revolutionären Umgestaltung der Medizin‘.
Mediziner bemängeln aber, dass er die Ergebnisse seiner Arbeit – anders als im Medizinbetrieb üblich – nicht detailliert und umfassend veröffentlicht. Professoren seines Alters bringen es für gewöhnlich auf Dutzende oder gar Hunderte wissenschaftlicher Aufsätze in renommierten Fachzeitschriften.
Statt sich auf diese langweilige Art mit Wissenschaftskollegen inhaltlich auszutauschen, besinnt sich Grönemeyer lieber auf seine wahre Stärke: das Marketing.
(2)

Als Grönemeyer einmal bei Reinhold Beckmann saß und fröhlich zum Thema Krebs schwadronierte, erntete er mit seinen Aussagen vehemente Kritik durch das Deutsche Krebsforschungszentrum und die Deutsche Krebsgesellschaft. In einem Schreiben an den für die Sendung zuständigen Intendanten bezeichnen die Wissenschaftler Grönemeyers Auftritt als „Schlag ins Gesicht“ all jener, die sich ernsthaft um die Heilung von Patienten bemühen. Seine Thesen seien „wissenschaftlich nicht haltbar“ und weckten „unberechtigte Hoffnungen“. Es sei unerträglich, wie mit der Angst und Hilflosigkeit Betroffener finanzielle Vorteile erlangt würden, führen die Wissenschaftler weiter aus.

Mit dem Brief an Plog wurde deutlich, was viele deutsche Mediziner wirklich von der, laut Beckmann, ‚unbestrittenen Nummer eins der sanften Medizin‘ halten: Was Grönemeyer als Neuigkeit verkaufe, sei entweder medizinische Platitude oder aber Hokuspokus – und zudem teilweise gefährlich. Ärzte werfen dem Dampfplauderer schlichten Populismus und Geldschneiderei vor. (2)

Interessante Aussagen machte Grönemeyer in einem Spiegel-Interview, als es um seine Qualifikation für Themen ging, die außerhalb seines Fachbereichs, der Radiologie, liegen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Grönemeyer, Sie sind Radiologe, schreiben Bücher über Herz und Rücken – und nun über Ernährung. Was qualifiziert Sie dazu?

Grönemeyer: Ich schreibe Bücher nicht als Facharzt. Ich möchte schwierige medizinische Zusammenhänge so darstellen, dass jeder sie versteht. Ich mache keine Heilsvorschläge, sondern gebe Basisinformationen allgemeinverständlich weiter – wie wir es im Studium gelernt haben.

SPIEGEL ONLINE: Allerdings spielt im Medizinstudium das Thema Ernährung kaum eine Rolle.

Grönemeyer: Richtig, das kommt leider viel zu kurz. Die grundsätzlichen Dinge werden zwar behandelt: Was ist Eiweiß, was sind Fette, was sind Kohlenhydrate? Aber es wird selten vertieft, ob Olivenöl vielleicht besser ist als tierisches Fett. Oder welche Rolle die Psyche spielt, was Essen uns bedeutet und was es mit uns macht.

SPIEGEL ONLINE: Über all das schreiben Sie in Ihrem neuen Buch „Wir Besser-Esser“. Wo haben Sie Ihr Wissen her?

Grönemeyer: Zuallererst schreibe ich als Mensch und kritischer Bürger. Zweitens bin ich Wissenschaftler – ich recherchiere. Drittens entstehen alle meine Bücher in Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern und Ärzten – beim „Besser-Esser“ waren Ernährungswissenschaftler, Kardiologen und Internisten mit im Boot. (3)

Merkt ihr, wie verdreht das Ganze ist? Er schreibt die Bücher nicht als Facharzt, sagt er. Beworben werden sie aber unter der Marke „Prof. Dr. Grönemeyer“. Wie soll der vielbeschworene Otto Normalverbraucher diesen Unterschied realisieren? Jeder recht und billig denkende Mensch geht unter diesen Voraussetzungen davon aus, dass die in seinen Büchern verbreiteten Thesen lege artis sind.

Aber auch sonst misst der Herr Professor mit zweierlei Maß. Jedem Kassenpatienten ist es sympathisch, wenn der Professor den Trend zur Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland geißelt. Dass er in seinem Institut einen „Grönemeyer VIP-Service“ für die wichtigen Menschen im Lande unterhält, steht indes nur in einem internen „Fact Book“. Der VIP-Service, so Grönemeyer, sei gedacht „für Einzelfälle“ und für Menschen mit „Sicherheits- oder ähnlichen Bedürfnissen“. (2)

2015 berichtete der Spiegel dann darüber, dass Dietrich Grönemeyer quasi „Außendienstmitarbeiter“ durch die weitere Umgebung schickt, um niedergelassene Ärzte zu einer Kooperation mit seinem Institut zu gewinnen. Pro Patient können für „unterstützende ärztliche Tätigkeiten“ 100 € abgerechnet werden. Derartige Zuweisungsprämien sind natürlich verboten. Halt! Rufen da der Herr Professor und seine „kooperierende Ärzte“ im Chor. Halt! Das sind gar keine Zuweisungsprämien, das sind Erstattungen für „im Vorfeld der Behandlung“ erbrachte Leistungen! Nur, dass dieses Vorgehen genauso verboten ist. (4)

So, jetzt haben wir schon viel gehört vom Herrn Professor Grönemeyer. Bemerkenswert ist auch die Geschichte, wie der bis dahin weitgehend unbekannte Grönemeyer im Ruhrgebiet an seinen Professorentitel kam. 1982 hatte Konrad Schily, Gründungspräsident der Privatuniversität Witten/Herdecke und heute als Gesundheitsexperte der FDP im Bundestag, große Mühe, angesehene Wissenschaftler für die junge Hochschule zu gewinnen. Also nahm er Grönemeyer.
Normalerweise erhält ein Professor den Ruf wegen seiner wissenschaftlichen Leistungen – oder er legt eine umfangreiche Habilitationsschrift vor. Bei Grönemeyer reichte eine magere Sammlung von Publikationen. Externe Gutachter hätten seinerzeit festgestellt, so Grönemeyer heute, dass er die „notwendigen Kriterien“ erfüllt habe.
Richtig glücklich wurde die Universität mit Grönemeyers sogenanntem Lehrstuhl für Radiologie und Mikrotherapie – dergleichen gibt es nirgendwo anders – dann aber nicht. Mal warfen Kollegen ihm Mängel in der Betreuung der Studenten vor, mal bizarre Aussagen über das Gesundheitswesen.
Doch Grönemeyer klebt bis heute an seinem Lehrstuhl. Und wenn Experten seine Thesen kritisieren, verweist er darauf, dass dergleichen von der „Freiheit des Wissenschaftlers“ gedeckt sei.
(2)

Interessant ist auch die Geschichte, wie es zu Grönemeyers fast schon penetranter Medienpräsenz kam. Dafür hat er wohl den ehemaligen RTL-Mitarbeiter Olaf Sperwer angeheuert, der ihn gemäß eines Masterplanes bekannt machen sollte. Aus einem Provinz-Röntgenarzt sollte ein Medienliebling werden – der dann mit fragwürdigen Methoden Kasse machte. (5) 2006 verklagte Sperwer Grönemeyer auf die Zahlung von 150.000 € Honorare. Wie der Spiegel so schön schrieb, ging es in dem Prozess aber eher um große Egos und darum, wie weit Eitelkeit einen treiben kann. (5)

All dies ergibt ein interessantes Gesamtbild, anhand dessen der Herr Professor sich vielleicht eher zu Hause in den Keller setzen sollte, um sich ganz dolle zu schämen, anstatt groß im Fernsehen aufzusprechen.

Benutzte Literatur
(1) „Wir können nicht die Seele operieren“. In: Spiegel Wissen 4/2011. S. 20-25.
(2) Ludwig, Udo/Schmid, Barbara: Professor Hokuspokus. In: Der Spiegel 43/2006. S.86-88.
(3) „Uns fehlt der Respekt vor der Kreatur“. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/dietrich-groenemeyer-im-interview-ueber-sein-buch-wir-besseresser-a-840778.html
(4) Ludwig, Udo/Schmid, Barbara: 100 Euro, pauschal. In: Der Spiegel 3/2015, S. 49.
(5) Ludwig, Udo/Schmid, Barbara: Ein Plan für das Ego. In: Der Spiegel 51/2006, S. 42-43.

Beitragsbild Von Isabelle K. – Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65283826

2 Gedanken zu “Ein paar Worte zu Dietrich Grönemeyer

  1. Die durch den unrühmlichen Abgang von „Professor“ Hademar Bankhofer geöffnete Lücke im Schrottfernsehen füllt Grönemeyer jedenfalls bestens.

    Wie immer zeigt sich: wer mit den Anthroposophen in einem Boot sitzt (hier: der Professorentitel an der anthroposophisch gegründeten Privat“uni“ Witten/Herdecke), der kann einfach intellektuell nichts taugen.

    Es dürfte übrigens schon auch erwähnt werden, warum Grönemeyer anfangs in den populären Medien überhaupt so reüssieren konnte und dann durch stetige Wiederholung populär-populistischen Geschwätzes das Publikum weichkochen konnte: Der Bruder kann einem geradezu leid tun aufgrund der Trittbrettfahrerei.

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