Das AYUSH-Ministerium in Indien

In meinem letzten Artikel habe ich euch ja erzählt, dass die vollmundige Ankündigung des „AYUSH“-Ministeriums, dass homöopathische Zuckerkugerln gegen das Corona-Virus helfen würden in typischer Homöopathen-Manier nur heiße Luft war. Kurz nach dieser Veröffentlichung hat das indische Gesundheitsministerium auch eine recht harsche Verlautbarung herausgegeben, dass das Blödsinn ist.

Moment, sagt ihr jetzt bestimmt. Von deutschen Medien wurde doch der Eindruck erweckt, dass dieses AYUSH-Ministerium das Gesundheitsministerium sei. Tja und da liegt der Hase im Pfeffer. Ist es nämlich nicht.

Die Republik Indien unterhält einmal das Ministry of Health and Family Welfare. Also das ganz klassische Gesundheitsministerium. Zu diesem Ministerium gehörte bis zu 9. November 2014 auch das Department of Ayurveda, Yoga and Naturopathy, Unani, Siddha and Homeopathy. Hier wurde das dem Gesundheitsministerium untergeordnete Department zu einem eigenen Ministerium.

Dieses Ministry of Ayurveda, Yoga & Naturopathy, Unani, Siddha, Sowa Rigpa and Homoeopathy soll diese alternativmedizinischen Konzepte erforschen, verbreiten und Ausbildungen hierzu erarbeiten. Ich persönlich glaube ja, dass der ursprüngliche Name „Zaubereiministerium“ lauten sollte, aber den hat sich die Rowling ja schon schützen lassen…

Nun denn, wozu braucht man so ein Spökes-Ministerium? Schauen wir uns hierzu erst einmal die Situation in Indien an. Dort ist es so, dass eine staatliche Krankenversicherung nur für Menschen existiert, die unterhalb des Existenzminimums leben, jeder der mehr als diesen Betrag (aktuell sind dies 94.–€/Monat) verdient, muss sich selbst versichern. Diese Privatversicherungen sind sehr teuer und erstatten relativ wenig Leistungen. So kommt es, dass es in Indien ziemlich viele Menschen gibt, die nicht Krankenversichert sind.

Dazu kommt noch, dass gerade auf dem Land die Ausstattung mit medizinischen Einrichtungen doch eher prekär ist. Zwar gibt es mehr als 23.000 sogenannter „Staatlicher Gesundheitszentren“, doch handelt es sich hier lediglich um Ein-Mann-Kliniken. Bezirkskrankenhäuser oder Spezialkliniken findet man nur in Städten. In urbanen Regionen existieren sogenannte „Gemeindegesundheitszentren“ weiterhin gibt es Krankenhäuser, die vom jeweiligen Taluk (entspricht in etwa einem Landkreis) betrieben werden.

Im Endeffekt ergeht es AYUSH ähnlich wie der TCM, der Traditionellen Chinesischen Medizin. Sie wird von den jeweiligen Regierungen unter dem Motto „Besser Alternativmedizin als gar keine Medizin“ gesehen. Einige Forscher haben argumentiert, dass die Bereitstellung von AYUSH-Diensten ein Beispiel für „erzwungenen Pluralismus“ ist, der häufig zur Auszahlung inkompetenter Gesundheitsdienste durch nicht qualifizierte Ärzte führt. Es wurde festgestellt, dass Ayushman Bharat die Privatisierung staatlicher Gesundheitseinrichtungen vorantreibt und die Landbevölkerung dazu zwingt, sich bevorzugt für alternative Medizin zu entscheiden. Der Vorschlag, AYUSH in die westliche Medizin zu integrieren, wurde vielfach kritisiert, und die Indian Medical Association ist nach wie vor entschieden dagegen. (1) (Ü1)

Hinzu kommt noch eine entschieden nationalistische Note, bei der Einrichtung des Ministeriums, hatte die indische Regierungspartei Bharatiya Janata doch verlautbaren lassen, dass sie mit der Wiederbelebung des Ayurveda versuche Indiens früheren Ruhm wiederherzustellen.

Das Ministerium unterhält jeweils ein eigenes Nationales Institut für Homöpathie, für Siddha, für Unani, für Panchakarma, für Ayurveda, für Yoga und für Naturheilkunde. Weiterhin überwacht es auch den „Zentralrat für indische Medizin“ und den „Zentralrat für Homöopathie“

Jetzt fragt ihr euch sicherlich, wie zum Donnerwetter die Inder an die Homöopathie geraten sind. Indien war lange britische Kolonie. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchte Indien, speziell der Landesteil Bengalen, sich selbst neu zu erfinden, sich kulturell von den Briten loszusagen. Da wird sich auch Fremdes zu eigen gemacht, um sich abzugrenzen. Diesen Vorgang nennt man Nostrifizierung.

Die Homöopathie kam den Bengalen im 19. Jahrhundert gerade recht – sie war modern, jedoch nicht aus Großbritannien, sondern einem anderen Land, Deutschland, das damals als eines der medizinisch führenden Länder der Welt galt. Homöopathie war zudem leicht erlernbar, bot Hilfe zur Selbsthilfe, gerade für Familien. Sie war auch vergleichsweise kostengünstig. Man musste so nicht die teuren britischen Arzneien kaufen. (2)

Das AYUSH-Ministerium hat aber nicht nur Freunde in Indien, im Gegenteil. Das Ministerium wurde in erheblichem Maße kritisiert, weil Finanzierungssysteme biologisch nicht plausibel sind und entweder nicht getestet wurden oder sich als unwirksam erwiesen haben. Die Qualität der Forschung war schlecht, und Medikamente wurden ohne strenge pharmakologische Studien und aussagekräftige klinische Studien auf den Markt gebracht. Es wurden ethische Bedenken in Bezug auf verschiedene Programme geäußert, die die Landbevölkerung zunehmend dazu zwingen, eine auf AYUSH basierende Gesundheitsversorgung zu akzeptieren. Die durchschnittlichen Ausgaben für Medikamente entsprechen in etwa denen für evidenzbasierte Medizin. (1) (Ü2)

Auch die fehlende wissenschaftliche Grundlage bzw. glaubwürdige Wirksamkeit über den Placeboeffekt hinaus wird immer wieder kritisiert. Innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft gibt es einen starken Konsen darüber, dass die von dem Ministerium propagierten Methoden pseudowissenschaftliche, unethische und unplausible Behandlungsmethoden sind. Die sogenannte „Forschung“ ist auch immer wieder Gegenstand der Kritik, schlecht gemachte Studien, die einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten, sind an der Tagesordnung. Nachdem renommierte Publikationen die eingereichten Artikel nicht veröffentlichten, arbeitet das Ministerium immer enger mit sogenannten „Predator-Journalen“ zusammen.

Eine NSSO-Umfrage aus dem Jahr 2014 ergab, dass nur 6,9% der Bevölkerung AYUSH (3,5% ISM und 3,0% Homöopathie) gegenüber konventioneller Schulmedizin favorisierten und dass die städtische Bevölkerung die Suche nach AYUSH-Behandlungsformen etwas günstiger fand als ihre ländlichen Kollegen. Eine weitere Umfrage im Jahr 2016 bestätigte die gleichen Ergebnisse, etwa. Eine Studie aus dem Jahr 2014 ergab keinen signifikanten Unterschied zwischen der Nutzung von AYUSH-Diensten durch die ländliche und städtische Bevölkerung, bereinigt um sozioökonomische und demografische Variablen. Haushalte mit niedrigem Einkommen zeigten die höchste Tendenz für AYUSH, gefolgt von Haushalten mit hohem Einkommen, und insgesamt wurden AYUSH-Behandlungslinien hauptsächlich zur Behandlung chronischer Krankheiten eingesetzt. Die Behandlungen wurden häufiger bei Frauen im ländlichen Indien angewendet, in der städtischen Bevölkerung wurden jedoch keine geschlechtsspezifischen Unterschiede beobachtet. Chhattisgarh (15,4%), Kerala (13,7%) und Westbengalen (11,6%) wiesen die höchsten AYUSH-Auslastungsgrade auf.

In einem Übersichtsartikel aus dem Jahr 2018 wurde festgestellt, dass die Staaten unterschiedliche Präferenzen für bestimmte AYUSH-Systeme aufwiesen. Ayurveda und Siddha sind in Kerala und Tamil Nadu populärer. Unani wurde in der Region Hyderabad und unter Muslimen sehr gut aufgenommen, während die Homöopathie in Bengalen und Odisha sehr beliebt war. Es wurde ferner festgestellt, dass sich die Präferenz der allgemeinen Bevölkerung für die Anwendung von AYUSH auf ein als „Misstrauen oder Frustration gegenüber allopathischen Arzneimitteln, Kosteneffizienz, Zugänglichkeit, Nichtverfügbarkeit anderer Optionen und geringere Nebenwirkungen von AYUSH-Arzneimitteln“ konzentrierte. (1) (Ü3)

So sehen also die Tatsachen zum von deutschen Homöopathen hochgelobten AYUSH-Ministerium aus. Und wie immer in der Homöopathie ist nur heiße Luft und keine Substanz zu finden.

(1) Wikipedia contributors. Ministry of AYUSH [Internet]. Wikipedia, The Free Encyclopedia; 2020 Jan 22, 06:41 UTC [cited 2020 Jan 31]. Available from: https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Ministry_of_AYUSH&oldid=936986274.

(2) https://www.homoeopathie-entdecken.de/homoeopathie-in-indien-interview-mit-prof-dr-martin-dinges/

(Ü1) Originaltext:
Some researchers have argued that the provision of AYUSH services is an example of “forced pluralism” which often leads to disbursal of incompetent healthcare services by unqualified practitioners. Ayushman Bharat has been noted to increase privatization of state healthcare facilities and compel rural populace into preferentially choosing alternative medicine, raising concerns about ethics. The proposal of integrating AYUSH with western medicine has been widely criticized and the Indian Medical Association remains strongly opposed to it.

(Ü2) Originaltext:
The ministry has faced significant criticism for funding systems that lack biological plausibility and is either untested or conclusively proven as ineffective. Quality of research has been poor, and drugs have been launched without any rigorous pharmacological studies and meaningful clinical trial. Ethical concerns have been raised about various schemes that increasingly compel rural populace into accepting AYUSH based healthcare; average expenditure for drugs has been roughly equivalent to that in evidence-based medicine.

(Ü3) Originaltext:
A NSSO survey in 2014 found that only 6.9% of the population favored AYUSH (3.5% ISM and 3.0% homeopathy) over conventional mainstream medicine and that the urban population was slightly more conducive to seeking AYUSH forms of treatment than their rural counterparts; another survey in 2016 reiterated the same findings, approximately. A 2014 study did not report any significant difference between the usage of AYUSH services by rural and urban populace, after adjusting for socioeconomic and demographic variables. Low-income households exhibited the highest tendency for AYUSH followed by high-income households and on an overall, AYUSH lines of treatment were majorly used to treat chronic diseases. The treatments were more used among females in rural India but no gender-differential was observed in the urban populations. Chhattisgarh (15.4%), Kerala (13.7%), and West Bengal (11.6%) displayed the highest AYUSH utilization levels.

A 2018 review article noted that the states exhibited differential preference for particular AYUSH systems. Ayurveda and Siddha respectively show greater popularities in Kerala and Tamil Nadu. Unani was well-received in Hyderabad region and among Muslims whilst Homeopathy was highly popular in Bengal and Odisha. It further noted that the preference among the general population for usage of AYUSH revolved around a perceived „distrust or frustration with allopathic medicine, cost effectiveness, accessibility, non-availability of other options and less side effects of AYUSH medicines“.

2 Gedanken zu “Das AYUSH-Ministerium in Indien

  1. Die „Bedeutung“ von AYUSH schwankt immer je nach politischer Wetterlage. Derzeit bläst der Wind eher aus der nationalistischen Ecke, was AYUSH natürlich bestrebt ist auszunutzen. Insgesamt muss man aber sehen, dass der Widerstand in Indien gegen die regierungsamtliche Verbreitung von Unsinn anwächst. Man darf andererseits nicht übersehen, wie Homöopathie – ja doch immerhin eine westliche Methode – den traditionellen indischen Methoden praktisch gleichgestellt und (wenn auch regional unterschiedlich) tief verankert ist. Weder morgen noch übermorgen ist dort mit tiefergreifenden Veränderungen zu rechnen – das wird ein langer Prozess, der natürlich dadurch an Fahrt gewinnen würde, wenn das Vorbildland Deutschland sich nicht mehr so pro Homöopathie positioniert wie bislang.

    Noch heute hört man, wenn man mit Menschen aus Indien spricht, dass man die Homöopathie so hoch schätze, weil aus Deutschland doch unmöglich etwas Falsches oder Unsinniges kommen könne, dem Land der Dichter, Denker, Physiker und Mediziner… Das geht so weit, dass „German Medicine“ ein Synonym für die Homöopathie und „English Medizine“ ein Synonym für das eher abwertende „Schulmedizin“ darstellt. Die soziokulturelle Verankerung ist offensichtlich. Wenn sich also – was ständig vorkommt – „unsere“ Homöopathie-Prediger sich auf die Verhältnisse in Indien berufen, so ist das nichts als ein Zirkelschluss.

    Mir ist auch schon gesagt worden, dass das Geld, was man in AYUSH, die Vorgänger und sonstwo noch in Pseudomedizin gesteckt hat, ausgereicht hätte, nach und nach ein Basis-Gesundheitssystem auf wissenschaftlicher Basis einzurichten. Hier haben wir also sozusagen das Argument, Pseudomedizin schade durch Verhinderung und Verzögerung wirksamer Therapien, in einer makroskopischen Variante.

    Wie das so läuft mit der Forschung in Indien, in die zur Pseudomedizin auch Unsummen fließen, kann man hier erfahren:

    https://keineahnungvongarnix.de/?p=5081

    Aber seien wir mal nicht allzu überheblich. Ist der Bayerische Landtag mit seinem Beschluss, die Wirkung von Homöopathie als Antibiotika-Alternative untersuchen zu lassen, so weit weg von AYUSH und Co. ?

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