Sprechen wir über #nichtmeinAerztetag

Anfang Mai fand der 124. Deutsche Ärztetag statt. Erstmals als reine Online-Veranstaltungen, da ja eine Corona-Infektion auch nicht vor Ärzt*innen halt macht. Dieser Ärztetag hat eine ganze Reihe von Beschlüssen gefasst. Beispielsweise wurde das Verbot des ärztlich begleiteten Suizids aufgehoben. Damit werde ich mich aber noch in einem gesonderten Artikel beschäftigen.

Auch folgender Beschluss wurde gefasst:

Der 124. Deutsche Ärztetag 2021 fordert die Bundesregierung auf, unverzüglich eine COVID-19-Impfstrategie für Kinder und Jugendliche zu entwickeln und vor Einsetzen des Winters 2021/2022 umzusetzen. Dazu gehört es u. a., die Forschung zu Impfstoffen für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sofort und nachhaltig mit ausreichenden finanziellen und organisatorischen Maßnahmen zu fördern, hinreichend adäquate Impfstoffe zu bestellen und zeitnah auszuliefern, proaktiv mediale Kommunikation für die Impfung von Kindern und Jugendlichen vorzubereiten und umzusetzen sowie Kinder- und Jugendärzte in Praxis, Klinik und Öffentlichem Gesundheitsdienst (ÖGD) und Hausärzte als Drehscheibe für Kommunikation und bei kurzfristiger Impfdurchführung zu unterstützen.

Begründung:

Ca. 14 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 16 Jahre und können mit den derzeit verfügbaren COVID-19-Impfstoffen nicht geimpft werden. Um in unserem Land eine Herdenimmunität gegen die SARS-CoV-2-Pandemie zu erreichen, muss diese Lücke unbedingt geschlossen werden.

Auch Kinder und Jugendliche haben deutliche gesundheitliche Risiken infolge einer SARSCoV-2-Erkrankung. Deshalb muss die Immunität auch für diese Gruppe durch eine Impfung und nicht durch eine Durchseuchung erzielt werden.

Das Recht auf Bildung mit Kita- und Schulbesuch kann im Winter 2021/2022 nur mit einer rechtzeitigen COVID-19-Impfung gesichert werden. Ohne rechtzeitige Impfung, insbesondere auch für jüngere Kinder, führt ein erneuter Lockdown für diese Altersgruppe zu weiteren gravierenden negativen Folgen für die kindliche psychische Entwicklung.

Die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe erlangen Familien mit Kindern nur mit geimpften Kindern zurück.

Zu finden ist dies im Beschlussprotokoll auf den Seiten 31 und 32.

Die aktuellen Untersuchungen mit dem Impfstoff von Biontech-Pfizer haben ja gezeigt, dass dieser für Kinder ab zwölf recht gut verträglich ist. Die Nebenwirkungen entsprechen denen in der Altersgruppe der 16 bis 25-jährigen. Von daher bin ich bei Gesundheitsminister Spahn, der nur auf die Entscheidung der EMA, der Europäischen Arzneimittelbehörde, bzw. der Ständigen Impfkommission wartet, um auch Kindern und Jugendlichen ein Angebot zu machen.

Gut, die auf diese Eröffnung einsetzende Diskussion in der Ärzteschaft, ob jetzt nur in den Praxen der Kinder- und Jugendärzte geimpft werden soll, nur in den Impfzentren oder sowohl als auch, sind ja für uns Laien eher singulär.

Aber der Beschluss des Ärztetages hat nicht nur Wohlwollen gefunden. Eine Handvoll Ärzt*innen haben bei Youtube unter dem Hashtag #nichtmeinAerztetag kleine Filmchen eingestellt, in denen sie gegen die Corona-Impfung bei Kindern und Jugendlichen agitieren. Dies fand auch auf dem Kurznachrichtendienst Twitter Resonanz und zahlreiche Impfgegner teilten diese Filmchen unter dem entsprechenden Hashtag.

Diese Ärzt*innen stammen aus dem Dunstkreis des Vereins „Ärzte für eine individuelle Impfentscheidung“ und hängen unwissenschaftlichen Theorien wie der Homöopathie oder der Anthroposophie an.

Psiram schreibt über die Organisation: Der Verein sieht sich nach eigenem Verständnis als Befürworter einer „individuellen Impfentscheidung“ bzw. eines „alternativen Impfplanes“, letztlich also der Durchsetzung impfkritischer Positionen. Dazu betreibt er eine entsprechende Lobbyarbeit vor allem in Form von Veröffentlichungen, Vorträgen und „Impfberatungen“, die jedoch Eltern eher verunsichern als aufklären, indem Infektionskrankheiten eher verharmlost und sogenannte Impfschäden dramatisiert werden. Daneben wird bestimmten Krankheiten ein „individueller Wert“ für den Betroffenen zugesprochen, vor allem den Masern.

Ihre Kernthesen wurden im sogenannten „Wuppertaler Manifest“ dargelegt. Darin propagieren sie unter anderem negative Auswirkungen auf die Reifung des Immun- und Nervensystems vor allem junger Säuglinge, [die] zunehmende Verlust der robusten, durch Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Erreger erworbenen Immunität in der Bevölkerung und deren Ersatz durch eine kürzere und weniger kompetente Impf-Immunität, [oder] das Verschieben von Krankheiten in komplikationsträchtigere Altersgruppen und die Ausbreitung neuer Erreger oder Erregertypen als Folge großflächiger Eliminations- und Eradikationsprogramme.

Auch wird die vermeintliche Zunahme chronischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen (als Beispiele werden Asthma bronchiale oder Diabetes mellitus) den Schutzimpfungen angelastet. Ein besonderes Feindbild in diesem Manifest ist die Ständige Impfkommission, der so ziemlich jede Kompetenz auf so ziemlich allen Ebenen abgesprochen wird.

Allerdings zeigt sich bereits im ersten Absatz dieses 1,5 Seiten langen Manifestchens, dass die Verfasser weder das Prinzip noch den Sinn von Impfungen begriffen haben. Heißt es doch dort: Die wirksamsten Präventionsmaßnahmen gegen ansteckende und lebensbedrohliche Krankheiten weltweit sind menschenwürdige Lebensverhältnisse, Gesundheitserziehung und der Zugang zu Bildung, zu gesunden Nahrungsmitteln und sauberem Trinkwasser. Im Unterschied zu diesen aktiven Ansätzen der Gesundheitsförderung handelt es sich bei „Schutz“-Impfungen um Defensiv-Maßnahmen. Sie können ergänzend sinnvoll sein, um bestimmten lebensbedrohlichen Krankheiten vorzubeugen.

In sämtlichen Publikationen, die eine „individuelle Impfentscheidung“ propagieren, sind die gleiche Rabulistik und rhetorische Taschenspielertricks zu finden. So werden mögliche Nebenwirkungen von Impfungen maßlos übertrieben und eventuelle Risiken in den Vordergrund gestellt. Im Gegenzug wird Nutzen und Wirksamkeit bis fast zur Unkenntlichkeit negiert.

Psiram schreibt dazu: Ziel der Vertreter ist es, Verunsicherung und Ängste zu verbreiten und letztendlich eine Entscheidung gegen das Impfen herbeizuführen, ohne sich jedoch explizit gegen das Impfen auszusprechen und damit als Impfgegner in Erscheinung zu treten. Außerdem wird damit die Verantwortung, ob geimpft werden soll, allein den Eltern aufgebürdet. Damit dient der Terminus „individuelle Impfentscheidung“ hauptsächlich der rechtlichen Absicherung des Arztes. Dem entsprechend wird die Argumentation für eine individuelle Impfentscheidung gerne als eine „sorgfältige Aufklärung zum Impfen“ bezeichnet.

Dafür hängen diese Ärzt*innen dann esoterischen Konzepten wie der anthroposophischen Medizin an, die auf dem verqueren Weltbild des Scharlatans Rudolf Steiner basiert. Oder sie hängen anachronistischen Theorien wie der Homöopathie mit all ihren Auswüchsen an.

Somit kann man konstatieren, dass die Teilnehmer an der Kampagne #nichtmeinAerztetag dem esoterischen Impfgegner-Milieu angehören. Ich selber habe aus dieser Ecke schon seit längerem mit irgendwelchem Störfeuer gerechnet, dürfte dort die aktuelle positive Konnotation von Schutzimpfungen ein gewaltiger Dorn im Auge sein.

Interessant ist auch, welche Unterstützer sich für die Aktion finden:

Gut, wir sehen also, unter diesem Hashtag findet zusammen, was sich geistig nahe ist.

Und auch die AfD solidarisiert sich mit den Impfgegnern. Schauen wir uns die Statements der beiden „Bundessprecher“ an. Tino Chrupalla: Der Ärztetag will tief in das Recht von Eltern und Kindern auf ein selbstbestimmtes Leben eingreifen. Bisher gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Kinder und Jugendliche Treiber der Pandemie sind. Auch ist bislang kein sicherer Impfstoff für Kinder- und Jugendliche entwickelt und erprobt worden. Dennoch mutet ihnen der Ärztetag die mit einer Impfung verbundenen gesundheitlichen Risiken zu. Mehr noch: Wer sich nicht fügt, soll sein Recht auf Bildung und gesellschaftliche Teilhabe verlieren. Was der Ärztetag fordert, ist also nichts anderes als die Zwangsimpfung für Kinder und Jugendliche, sprich die Impfpflicht. Das ist ungeheuerlich.

Jörg Meuthen: Schwere oder gar tödliche Corona-Verläufe bei Kindern und Jugendlichen sind extrem selten – sagt die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. Für Kinder und Jugendliche dürfte damit das Risiko einer Impfung mit nicht hinlänglich klinisch durchgetesteten Impfstoffen ohne Erfahrung hinsichtlich möglicher Langfristwirkungen größer sein, als die für sie kaum messbaren Nutzen.

Wenn der Deutsche Ärztetag trotzdem fordert, allen nicht geimpften Kindern den Schulbesuch zu verwehren, ist das in keiner Weise nachvollziehbar. Vor allem ist es inakzeptabel. Denn mit der in Deutschland geltenden gesetzlichen Schulpflicht ist untrennbar das Recht auf schulische Bildung verbunden. Ein Staat aber, der aus Gründen des Kindeswohls zum Schulbesuch verpflichtet, kann für diesen Besuch nicht gleichzeitig einen körperlichen Eingriff zur Voraussetzung machen, der die Gesundheit der betroffenen Kinder einem bislang nicht kalkulierbaren Risiko aussetzt. Eltern müssen das Recht haben und behalten, sich ohne jegliche Diskriminierung gegen eine Covid-Impfung ihrer Kinder auszusprechen. Dafür wird sich die AfD in aller Entschlossenheit einsetzen.

Ich habe das so ausführlich hier aufgenommen nicht um euch den Tag zu verderben, was ja bei einer Wortmeldung der AfD unweigerlich passiert, sondern damit ihr diese raffinierte Argumentation seht. Wie ich vorhin geschrieben habe. Mit rhetorischen Taschenspielertricks wird den Menschen die Gefährlichkeit der Impfung suggeriert, während das Risiko der Erkrankung ja banal ist. Auch bei der AfD wurde weder der Sinn noch der Nutzen einer Schutzimpfung begriffen.

Ich hoffe nur, dass im aktuellen Diskurs über das Thema bekannt wird, dass die Agitatoren dann doch intellektuell nicht satisfaktionsfähig sind, bzw. dass man immer im Hinterkopf hat, wes Geistes Kind die Herrschaften sind.

Ein Gedanke zu “Sprechen wir über #nichtmeinAerztetag

  1. Ja, diese scheinheiligen Kinderärzte um Leute wie Steffen Rabe herum haben es auch schon in die Wikipedia geschafft, nicht nur ins Psiram-Wiki. Gegründet wurde der Verein in Herdecke – da klingelt es natürlich, denn das ist der Standort der Rudi-Steiner-Gedächtnis-Fernuni.https://de.wikipedia.org/wiki/Ärzte_für_individuelle_Impfentscheidung#Impfkritische_Positionen
    Die Wortdrechseleien kennt man auch vom „Netzwerk Impfentscheid“, das das sprechende Kürzel NIE hat. Es geht ausschließlich darum, dass die Menschen ihre Kinder nie impfen lassen sollen. Vor Corona hatten diese Typen zum Angstschüren nur die Masernimpfung, und schon da waren sie, wie der Brite sagt, a pain in the ass.

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